Kunstlern selten ist, die der Dankbarkeit ohne Nebengedanken: auch diese Tugend weist immer hinter sich.

158

Eine Mutter der Kunste. — In unserem skeptischen Zeitalter gehort zur eigentlichen Devotion fast ein brutaler Heroismus des Ehrgeizes; das fanatische Augenschlie?en und Kniebeugen genugt nicht mehr. Ware es nicht moglich, da? der Ehrgeiz, in der Devotion der Letzte fur alle Zeiten zu sein, der Vater einer letzten katholischen Kirchenmusik wurde, wie er schon der Vater des letzten kirchlichen Baustils gewesen ist? (Man nennt ihn Jesuitenstil.)

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Freiheit in Fesseln — eine furstliche Freiheit. — Der letzte der neueren Musiker, der die Schonheit geschaut und angebetet hat gleich Leopardi, der Pole Chopin, der Unnachahmliche — alle vor und nach ihm Gekommenen haben auf dies Beiwort kein Anrecht — Chopin hatte dieselbe furstliche Vornehmheit der Konvention, welche Raffael im Gebrauche der herkommlichsten einfachsten Farben zeigt, — aber nicht in bezug auf Farben, sondern auf die melodischen und rhythmischen Herkommlichkeiten. Diese lie? er gelten, als geboren in der Etiquette, aber wie der freieste und anmutigste Geist in diesen Fesseln spielend und tanzend — und zwar ohne sie zu verhohnen.

160

Chopins Barcarole. — Fast alle Zustande und Lebensweisen haben einen seligen Moment. Den wissen die guten Kunstler herauszufischen. So hat einen solchen selbst das Leben am Strande, das so langweilige, schmutzige, ungesunde, in der Nahe des larmendsten und habgierigsten Gesindels sich abspinnende; — diesen seligen Moment hat Chopin in der Barcarole so zum Ertonen gebracht, da? selbst Gotter dabei gelusten konnte, lange Sommerabende in einem Kahne zu liegen.

161

Robert Schumann. — Der» Jungling«, wie ihn die romantischen Liederdichter Deutschlands und Frankreichs um das erste Drittel dieses Jahrhunderts traumten, — dieser Jungling ist vollstandig in Sang und Ton ubersetzt worden — durch Robert Schumann, den ewigen Jungling, so lange er sich in voller eigner Kraft fuhlte: es gibt freilich Momente, in denen seine Musik an die ewige» alte Jungfer «erinnert.

162

Die dramatischen Sanger. — »Warum singt dieser Bettler?«— Er versteht wahrscheinlich nicht zu jammern. — »Dann tut er Recht: aber unsere dramatischen Sanger, welche jammern, weil sie nicht zu singen verstehen — tun sie auch das Rechte?»

163

Dramatische Musik. — Fur den, welcher nicht sieht, was auf der Buhne vorgeht, ist die dramatische Musik ein Unding; so gut der fortlaufende Kommentar zu einem verloren gegangenen Texte ein Unding ist. Sie verlangt ganz eigentlich, da? man auch die Ohren dort habe, wo die Augen stehen; damit ist aber an Euterpe Gewalt geubt: diese arme Muse will, da? man ihre Augen und Ohren dort stehen lasse, wo alle anderen Musen sie auch haben.

164

Sieg und Vernunftigkeit. — Leider entscheidet auch bei den asthetischen Kriegen, welche Kunstler mit ihren Werken und deren Schutzreden erregen, zuletzt die Kraft und nicht die Vernunft. Jetzt nimmt alle Welt als historische Tatsache an, da? Gluck im Kampfe mit Piccini Recht gehabt habe: jedenfalls hat er gesiegt; die Kraft stand auf seiner Seite.

165

Vom Prinzipe des Vortrags in der Musik. — Glauben denn wirklich die jetzigen Kunstler des musikalischen Vortrags, das hochste Gebot ihrer Kunst sei, jedem Stuck so viel Hochrelief zu geben, als nur moglich ist, und es um jeden Preis eine dramatische Sprache reden zu lassen? Ist dies, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht ganz eigentlich eine Sunde wider den Geist, den heiteren, sonnigen, zartlichen, leichtsinnigen Geist Mozarts, dessen Ernst ein gutiger und nicht ein furchtbarer Ernst ist, dessen Bilder nicht aus der Wand herausspringen wollen, um die Anschauenden in Entsetzen und Flucht zu jagen. Oder meint ihr, Mozartische Musik sei gleichbedeutend mit» Musik des steinernen Gastes«? Und nicht nur Mozartische, sondern alle Musik? — Aber ihr entgegnet, die gro?ere Wirkung spreche zugunsten eures Prinzips — und ihr hattet recht, wofern nicht die Gegenfrage ubrig bliebe, auf wen da gewirkt worden sei, und auf wen ein vornehmer Kunstler uberhaupt nur wirken wollen durfe! Niemals auf das Volk! Niemals auf die Unreifen! Niemals auf die Empfindsamen! Niemals auf die Krankhaften! Vor allem aber: niemals auf die Abgestumpften!

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Musik von heute. — Diese modernste Musik, mit ihren starken Lungen und schwachen Nerven, erschrickt immer zuerst vor sich selber.

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Wo die Musik heimisch ist. — Die Musik erlangt ihre gro?e Macht nur unter Menschen, welche nicht diskutieren konnen oder durfen. Ihre Forderer ersten Ranges sind deshalb Fursten, welche wollen, da? in ihrer Nahe nicht viel kritisiert, ja nicht einmal viel gedacht werde; sodann Gesellschaften, welche unter irgend einem Drucke (einem furstlichen oder religiosen) sich an das Schweigen gewohnen mussen, aber um so starkere Zaubermittel gegen die Langeweile des Gefuhls suchen (gewohnlich die ewige Verliebtheit und die ewige Musik); drittens ganze Volker, in denen es keine» Gesellschaft «gibt, aber um so mehr einzelne mit einem Hang zur Einsamkeit, zu halbdunklen Gedanken und zur Verehrung alles Unaussprechlichen: es sind die eigentlichen Musikseelen. — Die Griechen, als ein red- und streitlustiges Volk, haben deshalb die Musik nur als Zukost zu Kunsten vertragen, uber welche sich wirklich streiten und reden la?t: wahrend uber die Musik sich kaum reinlich denken la?t. Die Pythagoreer, jene Ausnahme-Griechen in vielen Stucken, waren, wie verlautet, auch gro?e Musiker: dieselben, welche das funfjahrige Schweigen, aber nicht die Dialektik erfunden haben.

168

Sentimentalitat in der Musik. — Man sei der ernsten und reichen Musik noch so gewogen, um so mehr vielleicht wird man in einzelnen Stunden von dem Gegenstuck derselben uberwunden, bezaubert und fast hinweggeschmolzen; ich meine: von jenen allereinfachsten italienischen Opern-Melismen, welche, trotz aller rhythmischen Einformigkeit und harmonischen Kinderei, uns mitunter wie die Seele der Musik selber anzusingen scheinen. Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisaer des guten Geschmacks: es ist so, und mir liegt jetzt daran, dieses Ratsel, da? es so ist, zum Raten aufzugeben und selber ein wenig daran herumzuraten. — Als wir noch Kinder waren, haben wir den Honigseim vieler Dinge zum erstenmal gekostet, niemals wieder war der Honig so gut wie damals, er verfuhrte zum Leben, zum langsten Leben, in der Gestalt des ersten Fruhlings, der ersten Blumen, der ersten Schmetterlinge, der ersten Freundschaft. Damals — es war vielleicht um das neunte Jahr unseres Lebens — horten wir die erste Musik, und das war die, welche wir zuerst verstanden, die einfachste und kindlichste also, welche nicht viel mehr als ein Weiterspinnen des Ammenliedes und der Spielmannsweise war. (Man mu? namlich auch fur die geringsten» Offenbarungen «der Kunst erst vorbereitet und eingelernt werden: es gibt durchaus keine» unmittelbare «Wirkung der Kunst, so schon auch die Philosophen davon gefabelt haben.) An jene ersten musikalischen Entzuckungen — die starksten unseres Lebens — knupft unsere Empfindung an, wenn wir jene italienischen Melismen horen: die Kindes-Seligkeit und der Verlust der Kindheit, das Gefuhl des Unwiederbringlichsten als des kostlichsten Besitzes — das ruhrt dabei die Saiten unsrer Seele an, so stark wie es die reichste und ernsteste Gegenwart der Kunst allein nicht vermag. — Diese Mischung asthetischer Freude mit einem moralischen Kummer, welche man gemeinhin jetzt» Sentimentalitat «zu nennen pflegt, etwas gar zu hoffartig, wie mir scheint — es ist die Stimmung Faustens am Schlusse der ersten Szene — diese» Sentimentalitat «der Horenden kommt der italienischen Musik zugute, welche sonst die erfahrenen Feinschmecker der Kunst, die reinen»Asthetiker«, zu ignorieren lieben. — Ubrigens wirkt fast jede Musik erst von da an zauberhaft, wo wir aus ihr die Sprache der eigenen Vergangenheit reden horen: und insofern scheint dem Laien alle alte Musik immer besser zu werden, und alle eben geborene nur wenig wert zu sein: denn

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