sie erregt noch keine» Sentimentalitat«, welche, wie gesagt, das wesentlichste Glucks-Element der Musik fur jeden ist, der nicht rein als Artist sich an dieser Kunst zu freuen vermag.
169 Als Freunde der Musik. — Zuletzt sind und bleiben wir der Musik gut, wie wir dem Mondlicht gut bleiben. Beide wollen ja nicht die Sonne verdrangen, — sie wollen nur, so gut sie es konnen, unsere Nachte erhellen. Aber nicht wahr? scherzen und lachen durfen wir trotzdem uber sie? Ein wenig wenigstens? Und von Zeit zu Zeit! Uber den Mann im Monde! Uber das Weib in der Musik!
170 Die Kunst in der Zeit der Arbeit. — Wir haben das Gewissen eines arbeitsamen Zeitalters: dies erlaubt uns nicht, die besten Stunden und Vormittage der Kunst zu geben, und wenn diese Kunst selber die gro?te und wurdigste ware. Sie gilt uns als Sache der Mu?e, der Erholung: wir weihen ihr die Reste unserer Zeit, unserer Krafte. — Dies ist die allgemeinste Tatsache, durch welche die Stellung der Kunst zum Leben verandert ist: sie hat, wenn sie ihre gro?en Zeit- und Kraft-Anspruche an die Kunst-Empfangenden macht, das Gewissen der Arbeitsamen und Tuchtigen gegen sich, sie ist auf die Gewissenlosen und Lassigen angewiesen, welche aber, ihrer Natur nach, gerade der gro?en Kunst nicht zugetan sind und ihre Anspruche als Anma?ungen empfinden. Es durfte deshalb mit ihr zu Ende sein, weil ihr die Luft und der freie Atem fehlt: oder — die gro?e Kunst versucht, in einer Art Vergroberung und Verkleidung, in jener anderen Luft heimisch zu werden (mindestens es in ihr auszuhalten), die eigentlich nur fur die kleine Kunst, fur die Kunst der Erholung, der ergotzlichen Zerstreuung das naturliche Element ist. Dies geschieht jetzt allerwarts; auch die Kunstler der gro?en Kunst versprechen Erholung und Zerstreuung, auch sie wenden sich an den Ermudeten, auch sie bitten ihn um die Abendstunden seines Arbeitstages, — ganz wie die unterhaltenden Kunstler, welche zufrieden sind, gegen den schweren Ernst der Stirnen, das Versunkene der Augen einen Sieg errungen zu haben. Welches ist nun der Kunstgriff ihrer gro?eren Genossen? Diese haben in ihren Buchsen die gewaltsamsten Erregungsmittel, bei denen selbst der Halbtote noch zusammenschrecken mu?; sie haben Betaubungen, Berauschungen, Erschutterungen, Tranenkrampfe: mit diesen uberwaltigen sie den Ermudeten und bringen ihn in eine ubernachtige Uberlebendigkeit, in ein Au?er-sich-sein des Entzuckens und des Schreckens. Durfte man, wegen der Gefahrlichkeit ihrer Mittel, der gro?en Kunst, wie sie jetzt, als Oper, Tragodie und Musik, lebt, — durfte man ihr als einer arglistigen Sunderin zurnen? Gewi? nicht, sie lebte ja selber hundertmal lieber in dem reinen Element der morgendlichen Stille und wendete sich an die erwartenden, unverbrauchten, kraftgefullten Morgen-Seelen der Zuschauer und Zuhorer. Danken wir ihr, da? sie es vorzieht, so zu leben, als davonzufliehen: aber gestehen wir uns auch ein, da? fur ein Zeitalter, welches einmal wieder freie, volle Fest- und Freudentage in das Leben einfuhrt, unsere gro?e Kunst unbrauchbar sein wird.
171 Die Angestellten der Wissenschaft und die anderen. — Die eigentlich tuchtigen und erfolgreichen Gelehrten konnte man insgesamt als» Angestellte «bezeichnen. Wenn, in jungen Jahren, ihr Scharfsinn hinreichend geubt, ihr Gedachtnis gefullt ist, wenn Hand und Auge Sicherheit gewonnen haben, so werden sie von einem alteren Gelehrten auf eine Stelle der Wissenschaft angewiesen, wo ihre Eigenschaften Nutzen bringen konnen: spaterhin, nachdem sie selber den Blick fur die luckenhaften und schadhaften Stellen ihrer Wissenschaft erlangt haben, stellen sie sich von selber dorthin, wo sie not tun. Diese Naturen allesamt sind um der Wissenschaft willen da: aber es gibt seltnere, selten gelingende und vollig ausreifende Naturen,»um derentwillen die Wissenschaft da ist«— wenigstens scheint es ihnen selber so — : oft unangenehme, oft eingebildete, oft querkopfige, fast immer aber bis zu einem Grade zauberhafte Menschen. Sie sind nicht Angestellte und auch nicht Ansteller, sie bedienen sich dessen, was von jenen erarbeitet und sichergestellt worden ist, in einer gewissen furstenhaften Gelassenheit und mit geringem und seltenem Lobe: gleichsam als ob jene einer niedrigeren Gattung von Wesen angehorten. Und doch haben sie eben nur die gleichen Eigenschaften, wodurch diese anderen sich auszeichnen, und diese mitunter sogar ungenugender entwickelt: obendrein ist ihnen eine Beschranktheit eigentumlich, die jenen fehlt, um derentwegen es unmoglich ist, sie an einen Posten zu stellen und in ihnen nutzliche Werkzeuge zu sehen, — sie konnen nur in ihrer eigenen Luft, auf eigenem Boden leben. Diese Beschranktheit gibt ihnen ein, was alles von einer Wissenschaft» zu ihnen gehore«, das hei?t, was sie in ihre Luft und Wohnung heimtragen konnen; sie wahnen immer ihr zerstreutes» Eigentum «zu sammeln. Verhindert man sie, an ihrem eigenen Neste zu bauen, so gehen sie wie obdachlose Vogel zugrunde; Unfreiheit ist fur sie Schwindsucht. Pflegen sie einzelne Gegenden der Wissenschaft in der Art jener anderen, so sind es doch immer nur solche, wo gerade die ihnen notigen Fruchte und Samen gedeihen; was geht es sie an, ob die Wissenschaft, im ganzen gesehen, unangebaute oder schlecht gepflegte Gegenden hat? Es fehlt ihnen jede unpersonliche Teilnahme an einem Problem der Erkenntnis; wie sie selber durch und durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Einsichten und Kenntnisse wieder zu einer Person zusammen, zu einem lebendigen Vielfachen, dessen einzelne Teile voneinander abhangen, ineinander greifen, gemeinsam ernahrt werden, das als Ganzes eine eigne Luft und einen eignen Geruch hat. — Solche Naturen bringen, mit diesen ihren personenhaften Erkenntnis-Gebilden, jene Tauschung hervor, da? eine Wissenschaft (oder gar die ganze Philosophie) fertig sei und am Ziele stehe; das Leben in ihrem Gebilde ubt diesen Zauber aus: als welcher zuzeiten sehr verhangnisvoll fur die Wissenschaft und irrefuhrend fur jene vorhin beschriebenen, eigentlich tuchtigen Arbeiter des Geistes gewesen ist, zu andern Zeiten wiederum, als die Durre und die Ermattung herrschten, wie ein Labsal und gleich dem Anhauche einer kuhlen, erquicklichen Raststatte gewirkt hat. — Gewohnlich nennt man solche Menschen Philosophen.
172 Anerkennung des Talents. — Als ich durch das Dorf S. ging, fing ein Knabe aus Leibeskraften an, mit der Peitsche zu knallen, — er hatte es schon weit in dieser Kunst gebracht und wu?te es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu, — im Grunde tat mir's bitter wehe. — So machen wir es bei der Anerkennung vieler Talente. Wir tun ihnen wohl, wenn sie uns wehe tun.
173 Lachen und Lacheln. — Je freudiger und sicherer der Geist wird, um so mehr verlernt der Mensch das laute Gelachter; dagegen quillt ihm ein geistiges Lacheln fortwahrend auf, ein Zeichen seines Verwunderns uber die zahllosen versteckten Annehmlichkeiten des guten Daseins.
174 Unterhaltung der Kranken. — Wie man bei seelischem Kummer sich die Haare rauft, sich vor die Stirn schlagt, die Wange zerfleischt oder gar wie Odipus die Augen ausbohrt: so ruft man gegen heftige korperliche Schmerzen mitunter eine heftige bittere Empfindung zu Hilfe, durch Erinnerung an Verleumder und Verdachtiger, durch Verdusterung unserer Zukunft, durch Bosheiten und Dolchstiche, welche man im Geiste gegen Abwesende schleudert. Und es ist bisweilen dabei wahr: da? ein Teufel den andern austreibt, — aber man hat dann den andern. — Darum sei den Kranken jene andere Unterhaltung anempfohlen, bei der sich die Schmerzen zu mildern scheinen: uber Wohltaten und Artigkeiten nachzudenken, welche man Freund und Feind erweisen kann.
175 Mediokritat als Maske. — Die Mediokritat ist die glucklichste Maske, die der uberlegene Geist tragen kann, weil sie die gro?e Menge, das hei?t die Mediokren, nicht an Maskierung denken la?t — : und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor, — um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Gute.
176 Die Geduldigen. — Die Pinie scheint zu horchen, die Tanne zu warten: und beide ohne Ungeduld: — sie denken nicht an den kleinen Menschen unter sich, den seine Ungeduld und seine Neugierde auffressen.
177 Die besten Scherze. — Der Scherz ist mir am willkommensten, der an Stelle eines schweren, nicht unbedenklichen Gedankens steht, zugleich als Wink mit dem Finger und Blinzeln des Auges.
178 Zubehor aller Verehrung. — Uberall, wo die Vergangenheit verehrt wird, soll man die Sauberlichen und Saubernden nicht einlassen. Der Pietat wird ohne ein wenig Staub, Unrat und Unflat nicht