192 Der Philosoph der Uppigkeit. — Ein Gartchen, Feigen, kleine Kase und dazu drei oder vier gute Freunde, — das war die Uppigkeit Epikurs.
193 Die Epochen des Lebens. — Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurze Zeiten des Stillstandes, mitten inne zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefuhls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger — oder Uberdru?.
194 Der Traum. — Unsere Traume sind, wenn sie einmal ausnahmsweise gelingen und vollkommen werden — fur gewohnlich ist, der Traum eine Pfuscher-Arbeit — , symbolische Szenen- und Bilder- Ketten an Stelle einer erzahlenden Dichter-Sprache; sie umschreiben unsere Erlebnisse oder Erwartungen oder Verhaltnisse mit dichterischer Kuhnheit und Bestimmtheit, da? wir dann morgens immer uber uns erstaunt sind, wenn wir uns unserer Traume erinnern. Wir verbrauchen im Traume zu viel Kunstlerisches — und sind deshalb am Tage oft zu arm daran.
195 Natur und Wissenschaft. — Ganz wie in der Natur werden auch in der Wissenschaft die schlechteren unfruchtbareren Gegenden zuerst gut angebaut — weil hierfur eben die Mittel der angehenden Wissenschaft ungefahr ausreichen. Die Bearbeitung der fruchtbarsten Gegenden setzt eine sorgsam entwickelte, ungeheure Kraft von Methoden, gewonnene Einzel-Resultate und eine organisierte Schar von Arbeitern, gut geschulten Arbeitern, voraus;- dies alles findet sich erst spat zusammen. — Die Ungeduld und der Ehrgeiz greifen oft zu fruh nach diesen fruchtbarsten Gegenden; aber die Ergebnisse sind dann gleich Null. In der Natur wurden sich solche Versuche dadurch rachen, da? die Ansiedler verhungerten.
196 Einfachleben. — Eine einfache Lebensweise ist jetzt schwer: dazu tut viel mehr Nachdenken und Erfindungsgabe not, als selbst sehr gescheite Leute haben. Der Ehrlichste von ihnen wird vielleicht noch sagen:»Ich habe nicht die Zeit, daruber so lange nachzudenken. Die einfache Lebensweise ist fur mich ein zu vornehmes Ziel; ich will warten, bis Weisere, als ich bin, sie gefunden haben.»
197 Spitzen und Spitzchen. — Die geringe Fruchtbarkeit, die haufige Ehelosigkeit und uberhaupt die geschlechtliche Kuhle der hochsten und kultiviertesten Geister, sowie der zu ihnen gehorenden Klassen, ist wesentlich in der Okonomie der Menschheit: die Vernunft erkennt und macht Gebrauch davon, da? bei einem au?ersten Punkte der geistigen Entwicklung die Gefahr einer nervosen Nachkommenschaft sehr gro? ist: solche Menschen sind Spitzen der Menschheit — sie durfen nicht weiter in Spitzchen auslaufen.
198 Keine Natur macht Sprunge. — Wenn der Mensch sich noch so stark fortentwickelt und aus einem Gegensatz in den andern uberzuspringen scheint: bei genaueren Beobachtungen wird man doch die Verzahnungen auffinden, wo das neue Gebaude aus dem alteren herauswachst. Dies ist die Aufgabe des Biographen: er mu? nach dem Grundsatze uber das Leben denken, da? keine Natur Sprunge macht.
199 Zwar reinlich. — Wer sich mit reingewaschenen Lumpen kleidet, kleidet sich zwar reinlich, aber doch lumpenhaft.
200 Der Einsame spricht. — Man erntet als Lohn fur vielen Uberdru?, Mi?mut, Langeweile — wie dies alles eine Einsamkeit ohne Freunde, Bucher, Pflichten, Leidenschaften mit sich bringen mu? — jene Viertelstunden tiefster Einkehr in sich und die Natur. Wer sich vollig gegen die Langeweile verschanzt, verschanzt sich auch gegen sich selber: den kraftigsten Labetrunk aus dem eigenen innersten Born wird er nie zu trinken bekommen.
201 Falsche Beruhmtheit. — Ich hasse jene angeblichen Naturschonheiten, welche im Grunde nur durch das Wissen, namentlich das geographische, etwas bedeuten, an sich aber dem schonheitsdurstigen Sinne durftig bleiben: zum Beispiel die Ansicht des Mont blanc von Genf aus — etwas Unbedeutendes ohne die zu Hilfe eilende Gehirnfreude des Wissens; die naheren Berge dort sind alle schoner und ausdrucksvoller — aber» lange nicht so hoch«, wie jenes absurde Wissen, zur Abschwachung, hinzufugt. Das Auge widerspricht dabei dem Wissen: wie soll es sich im Widersprechen wahrhaft freuen konnen!
202 Vergnugungs-Reisende. — Sie steigen wie Tiere den Berg hinauf, dumm und schwitzend; man hatte ihnen zu sagen vergessen, da? es unterwegs schone Aussichten gebe.
203 Zu viel und zu wenig. — Die Menschen durchleben jetzt alle zu viel und durchdenken zu wenig: sie haben Hei?hunger und Kolik zugleich und werden deshalb immer magerer, so viel sie auch essen. — Wer jetzt sagt:»ich habe nichts erlebt«— ist ein Dummkopf.
204 Ende und Ziel. — Nicht jedes Ende ist das Ziel. Das Ende der Melodie ist nicht deren Ziel; aber trotzdem: hat die Melodie ihr Ende nicht erreicht, so hat sie auch ihr Ziel nicht erreicht. Ein Gleichnis.
205 Neutralitat der gro?en Natur. — Die Neutralitat der gro?en Natur (in Berg, Meer, Wald und Wuste) gefallt, aber nur eine kurze Zeit: nachher werden wir ungeduldig.»Wollen denn diese Dinge gar nichts zu uns sagen? Sind wir fur sie nicht da?«Es entsteht das Gefuhl eines crimen laesae majestatis humanae.
206 Die Absichten vergessen. — Man vergi?t uber der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zwecke gewahlt und begonnen, aber als letzter Zweck fortgefuhrt. Das Vergessen der Absichten ist die haufigste Dummheit, die gemacht wird.
207 Sonnenbahn der Idee. — Wenn eine Idee am Horizonte eben aufgeht, ist gewohnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. Erst allmahlich entwickelt die Idee ihre Warme, und am hei?esten ist diese (das hei?t sie tut ihre gro?ten Wirkungen), wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.
208 Wodurch man alle wider sich hatte. — Wenn jetzt jemand zu sagen wagte:»wer nicht fur mich ist, der ist wider mich«, so hatte er sofort alle wider sich. — Diese Empfindung macht unserm Zeitalter Ehre.
209 Sich des Reichtums schamen. — Unsere Zeit vertragt nur eine einzige Gattung von Reichen, solche, welche sich ihres Reichtums schamen. Hort man von jemandem» er ist sehr reich«, so hat man dabei sofort eine ahnliche Empfindung wie beim Anblick einer widerlich anschwellenden Krankheit, einer Fett- oder Wassersucht: man mu? sich gewaltsam seiner Humanitat erinnern, um mit einem solchen Reichen so verkehren zu konnen, da? er von unserm Ekelgefuhle nichts merkt. Sobald er aber gar sich etwas auf seinen Reichtum zugute tut, so mischt sich zu unserm Gefuhle die fast mitleidige Verwunderung uber einen so hohen Grad der menschlichen Unvernunft: so da? man die Hande gen Himmel erheben und rufen mochte» armer Entstellter, Uberburdeter, hundertfach Gefesselter, dem jede Stunde etwas Unangenehmes bringt oder bringen kann, in dessen Gliedern jedes Ereignis von zwanzig Volkern nachzuckt, wie magst du uns glauben machen, da? du dich in deinem Zustande wohlfuhlst! Wenn du irgendwo offentlich erscheinst, so wissen wir, da? es eine Art Spie?rutenlaufens ist, unter lauter Blicken, welche fur dich nur kalten Ha? oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott haben. Dein Erwerben mag leichter sein als