weniger, weshalb die Schwankungen bei ihnen viel gro?er sind: sie wollen auch das Nationale nicht und hassen es, als Deutsche, Franzosen, Russen an der Kleidung erkannt zu werden, aber als einzelne wollen sie sehr gern auffallen; ebenso soll niemand schon durch ihre Bekleidung im Zweifel gelassen werden, da? sie zu einer angeseheneren Klasse der Gesellschaft (zur» guten «oder» hohen «oder» gro?en «Welt) gehoren, und zwar wunschen sie nach dieser Seite hin gerade um so mehr voreinzunehmen, als sie nicht oder kaum zu jener Klasse gehoren. Vor allem aber will die junge Frau nichts tragen, was die etwas altere tragt, weil sie durch den Verdacht eines hoheren Lebensalters im Preise zu fallen glaubt: die altere wiederum mochte durch jugendlichere Tracht so lange tauschen, als es irgend angeht, — aus welchem Wettbewerb sich zeitweilig immer Moden ergeben mussen, bei denen das eigentlich Jugendliche ganz unzweideutig und unnachahmlich sichtbar wird. Hat der Erfindungsgeist der jungen Kunstlerinnen in solchen Blo?stellungen der Jugend eine Zeitlang geschwelgt, oder um die ganze Wahrheit zu sagen — hat man wieder einmal den Erfindungsgeist alterer hofischer Kulturen, sowie den der noch bestehenden Nationen, und uberhaupt den ganzen kostumierten Erdkreis zu Rate gezogen und etwa die Spanier, die Turken und Altgriechen zur Inszenierung des schonen Fleisches zusammengekoppelt: so entdeckt man endlich immer wieder, da? man sich doch nicht zum Besten auf seinen Vorteil verstanden habe; da?, um auf die Manner Wirkung zu machen, das Versteckspielen mit dem schonen Leibe glucklicher sei, als die nackte und halbnackte Ehrlichkeit; und nun dreht sich das Rad des Geschmackes und der Eitelkeit einmal wieder in entgegengesetzter Richtung: die etwas alteren jungen Frauen finden, da? ihr Reich gekommen sei, und der Wettkampf der lieblichsten und absurdesten Geschopfe tobt wieder von neuem. Je mehr aber die Frauen innerlich zunehmen und nicht mehr unter sich, wie bisher, den unreifen Altersklassen den Vorrang zugestehen, um so geringer werden diese Schwankungen ihrer Tracht, um so einfacher ihr Putz: uber welchen man billigerweise nicht nach antiken Mustern das Urteil sprechen darf, also nicht nach dem Ma?stabe der Gewandung sudlandischer See-Anwohnerinnen, sondern in Berucksichtigung der klimatischen Bedingungen der mittleren und nordlichen Gegenden Europas, derer namlich, in welchen jetzt der geist- und formerfindende Genius Europas seine liebste Heimat hat. — Im ganzen wird also gerade nicht das Wechselnde das charakteristische Zeichen der Mode und des Modernen sein, denn gerade der Wechsel ist etwas Ruckstandiges und bezeichnet die noch ungereiften mannlichen und weiblichen Europaer: sondern die Ablehnung der nationalen, standischen und individuellen Eitelkeit. Dementsprechend ist es zu loben, weil es kraft- und zeitersparend ist, wenn einzelne Stadte und Gegenden Europas fur alle ubrigen in Sachen der Kleidung denken und erfinden, in Anbetracht dessen, da? der Formensinn nicht jedermann geschenkt zu sein pflegt; auch ist es wirklich kein allzu hochfliegender Ehrgeiz, wenn zum Beispiel Paris, so lange jene Schwankungen noch bestehen, es in Anspruch nimmt, der alleinige Erfinder und Neuerer in diesem Reiche zu sein. Will ein Deutscher, aus Ha? gegen diese Anspruche einer franzosischen Stadt, sich anders kleiden, zum Beispiel so wie Albrecht Durer sich trug, so moge er erwagen, da? er dann ein Kostum hat, welches ehemalige Deutsche trugen, welches aber die Deutschen ebensowenig erfunden haben, — es hat nie eine Tracht gegeben, welche den Deutschen als Deutschen bezeichnete; ubrigens mag er zusehen, wie er aus dieser Tracht herausschaut und ob etwa der ganz moderne Kopf nicht mit all seiner Linien- und Faltchenschrift, welche das neunzehnte Jahrhundert hineingrub, gegen eine Durerische Bekleidung Einsprache tut. — Hier, wo die Begriffe» modern «und» europaisch «fast gleich gesetzt sind, wird unter Europa viel mehr an Landerstrecken verstanden, als das geographische Europa, die kleine Halbinsel Asiens, umfa?t: namentlich gehort Amerika hinzu, soweit es eben das Tochterland unserer Kultur ist. Andererseits fallt nicht einmal ganz Europa unter den Kultur-Begriff,»Europa«; sondern nur alle jene Volker und Volkerteile, welche im Griechen-, Romer-, Juden- und Christentum ihre gemeinsame Vergangenheit haben.
216 Die» deutsche Tugend«. — Es ist nicht zu leugnen, da? vom Ausgange des vorigen Jahrhunderts an ein Strom moralischer Erweckung durch Europa flo?. Damals erst wurde die Tugend wieder beredt; sie lernte es, die ungezwungenen Gebarden der Erhebung, der Ruhrung finden, sie schamte sich ihrer selber nicht mehr und ersann Philosophien und Gedichte zur eigenen Verherrlichung. Sucht man nach den Quellen dieses Stromes: so findet man einmal Rousseau, aber den mythischen Rousseau, den man sich nach dem Eindrucke seiner Schriften — fast konnte man wieder sagen: seiner mythisch ausgelegten Schriften — und nach den Fingerzeigen, die er selber gab, erdichtet hatte (— er und sein Publikum arbeiteten bestandig an dieser Idealfigur). Der andere Ursprung liegt in jener Wiederauferstehung des stoisch-gro?en Romertums, durch welche die Franzosen die Aufgabe der Renaissance auf das wurdigste weitergefuhrt haben. Sie gingen von der Nachschopfung antiker Formen mit herrlichstem Gelingen zur Nachschopfung antiker Charaktere uber: so da? sie ein Anrecht auf die allerhochsten Ehren immerdar behalten werden, als das Volk, welches der neueren Menschheit bisher die besten Bucher und die besten Menschen gegeben hat. Wie diese doppelte Vorbildlichkeit, die des mythischen Rousseau und die jenes wiedererweckten Romergeistes, auf die schwacheren Nachbarn wirkte, sieht man namentlich an Deutschland: welches infolge seines neuen und ganz ungewohnten Aufschwunges zu Ernst und Gro?e des Wollens und Sich — Beherrschens zuletzt vor seiner eigenen neuen Tugend in Staunen geriet und den Begriff» deutsche Tugend «in die Welt warf, wie als ob es nichts Ursprunglicheres, Erbeigneres geben konnte als diese. Die ersten gro?en Manner, welche jene franzosische Anregung zur Gro?e und Bewu?theit des sittlichen Wollens auf sich uberleiteten, waren ehrlicher und verga?en die Dankbarkeit nicht. Der Moralismus Kants — woher kommt er? Er gibt es wieder und wieder zu verstehen: von Rousseau und dem wiedererweckten stoischen Rom. Der Moralismus Schillers: gleiche Quelle, gleiche Verherrlichung der Quelle. Der Moralismus Beethovens in Tonen: er ist das ewige Loblied Rousseaus, der antiken Franzosen und Schillers. Erst» der deutsche Jungling «verga? die Dankbarkeit, inzwischen hatte man ja das Ohr nach den Predigern des Franzosenhasses hingewendet: jener deutsche Jungling, der eine Zeitlang mit mehr Bewu?theit als man bei andern Junglingen fur erlaubt halt, in den Vordergrund trat. Wenn er nach seiner Vaterschaft spurte, so mochte er mit Recht an die Nahe Schillers, Fichtes und Schleiermachers denken: aber seine Gro?vater hatte er in Paris, in Genf suchen mussen, und es war sehr kurzsichtig zu glauben, was er glaubte: da? die Tugend nicht alter als drei?ig Jahre sei. Damals gewohnte man sich daran, zu verlangen, da? beim Worte» deutsch «auch noch so nebenbei die Tugend mitverstanden werde: und bis auf den heutigen Tag hat man es noch nicht vollig verlernt. — Nebenbei bemerkt, jene genannte moralische Erweckung hat fur die Erkenntnis der moralischen Erscheinungen, wie sich fast erraten la?t, nur Nachteile und ruckschreitende Bewegungen zur Folge gehabt. Was ist die ganze deutsche Moralphilosophie, von Kant an gerechnet, mit allen ihren franzosischen, englischen und italienischen Auslaufern und Nebenzuglern? Ein halbtheologisches Attentat gegen Helvetius, ein Abweisen der lange und muhsam erkampften Freiblicke oder Fingerzeige des rechten Weges, welche er zuletzt gut ausgesprochen und zusammengebracht hat. Bis auf den heutigen Tag ist Helvetius in Deutschland der bestbeschimpfte aller guten Moralisten und guten Menschen.
217 Klassisch und romantisch. — Sowohl die klassisch als die romantisch gesinnten Geister- wie es diese beiden Gattungen immer gibt — tragen sich mit einer Vision der Zukunft: aber die ersteren aus einer Starke ihrer Zeit heraus, die letzteren aus deren Schwache.
218 Die Maschine als Lehrerin. — Die Maschine lehrt durch sich selber das Ineinandergreifen von Menschenhaufen, bei Aktionen, wo jeder nur eins zu tun hat: sie gibt das Muster der Partei — Organisation und der Kriegsfuhrung. Sie lehrt dagegen nicht die individuelle Selbstherrlichkeit: sie macht aus Vielen Eine Maschine, und aus jedem einzelnen ein Werkzeug zu Einem Zwecke. Ihre allgemeinste Wirkung ist: den Nutzen der Zentralisation zu lehren.
219 Nicht se?haft. — Man wohnt gerne in der kleinen Stadt; aber von Zeit zu Zeit treibt gerade sie uns in die einsamste unenthullteste Natur: dann namlich, wenn jene uns einmal wieder zu durchsichtig geworden ist. Endlich gehen wir, um uns wieder von dieser Natur zu erholen, in die gro?e Stadt. Einige Zuge aus derselben — und wir erraten den Bodensatz ihres Bechers, — der Kreislauf, mit der kleinen Stadt am Anfange, beginnt von neuem. — So leben die Modernen: welche in allem etwas zu grundlich sind, um se?haft zu sein gleich den Menschen anderer Zeiten.
220 Reaktion gegen die Maschinen-Kultur — Die Maschine, selber ein Erzeugnis der