das der anderen: aber es ist ein uberflussiges Erwerben, welches wenig Freude macht, und dein Bewahren alles Erworbenen ist jedenfalls jetzt ein muhseligeres Ding als irgend ein muhseliges Erwerben. Du leidest fort — wahrend, denn du verlierst fortwahrend. Was nutzt es dir, da? man dir immer neues kunstliches Blut zufuhrt: deshalb tun doch die Schropfkopfe nicht weniger weh, die auf deinem Nacken sitzen, bestandig sitzen! — Aber, um nicht unbillig zu werden, es ist schwer, vielleicht unmoglich fur dich, nicht reich zu sein: du mu?t bewahren, mu?t neu erwerben, der vererbte Hang deiner Natur ist das Joch uber dir — aber deshalb tausche uns nicht und schame dich ehrlich und sichtlich des Joches, das du tragst: da du ja im Grunde deiner Seele mude und unwillig bist, es zu tragen. Diese Scham schandet nicht.»
210 Ausschweifung in der Anma?ung. — Es gibt so anma?ende Menschen, da? sie eine Gro?e, welche sie offentlich bewundern, nicht anders zu loben wissen, als indem sie dieselbe als Vorstufe und Brucke, die zu ihnen fuhrt, darstellen.
211 Auf dem Boden der Schmach. — Wer den Menschen eine Vorstellung nehmen will, tut sich gewohnlich nicht genug damit, sie zu widerlegen und den unlogischen Wurm, der in ihr sitzt, herauszuziehen: vielmehr wirft er, nachdem der Wurm getotet ist, die ganze Frucht auch noch in den Kot, um sie den Menschen unansehnlich zu machen und Ekel vor ihr einzuflo?en. So glaubt er das Mittel gefunden zu haben, die bei widerlegten Vorstellungen so gewohnliche» Wiederauferstehung am dritten Tage «unmoglich zu machen. — Er irrt sich, denn gerade auf dem Boden der Schmach, inmitten des Unflates, treibt der Fruchtkern der Vorstellung schnell neue Keime. — Also: ja nicht verhohnen, beschmutzen, was man endgultig beseitigen will, sondern es achtungsvoll auf Eis legen, immer und immer wieder, in Anbetracht, da? Vorstellungen ein sehr zahes Leben haben. Hier mu? man nach der Maxime handeln:»Eine Widerlegung ist keine Widerlegung.»
212 Los der Moralitat. — Da die Gebundenheit der Geister abnimmt, ist sicherlich die Moralitat (die vererbte, uberlieferte, instinkthafte Handlungsweise nach moralischen Gefuhlen) ebenfalls in Abnahme: nicht aber die einzelnen Tugenden, Ma?igkeit, Gerechtigkeit, Seelenruhe, — denn die gro?te Freiheit des bewu?ten Geistes fuhrt einmal schon unwillkurlich zu ihnen hin und rat sie sodann auch als nutzlich an.
213 Der Fanatiker des Mi?trauens und seine Burgschaft. — Der Alte: Du willst das Ungeheure wagen und die Menschen im Gro?en belehren? Wo ist deine Burgschaft? — Pyrrhon: Hier ist sie: ich will die Menschen vor mir selber warnen, ich will alle Fehler meiner Natur offentlich bekennen und meine Ubereilungen, Widerspruche und Dummheiten vor aller Augen blo?stellen. Hort nicht auf mich, will ich ihnen sagen, bis ich nicht eurem Geringsten gleich geworden bin, und noch geringer bin, als er; straubt euch gegen die Wahrheit, so lange ihr nur konnt, aus Ekel vor dem, der ihr Fursprecher ist. Ich werde euer Verfuhrer und Betruger sein, wenn ihr noch den mindesten Glanz von Achtbarkeit und Wurde an mir wahrnehmt. — Der Alte: Du versprichst zuviel, du kannst diese Last nicht tragen — Pyrrhon — So will ich auch dies den Menschen sagen, da? ich zu schwach bin und nicht halten kann, was ich verspreche. Je gro?er meine Unwurdigkeit, um so mehr werden sie der Wahrheit mi?trauen, wenn sie durch meinen Mund geht. — Der Alte: Willst du denn der Lehrer des Mi?trauens gegen die Wahrheit sein? — Pyrrhon: Des Mi?trauens, wie es noch nie in der Welt war, des Mi?trauens gegen Alles und Jedes. Es ist der einzige Weg zur Wahrheit. Das rechte Auge darf dem linken nicht trauen, und Licht wird eine Zeitlang Finsternis hei?en mussen: dies ist der Weg, den ihr gehen mu?t. Glaubt nicht, da? er euch zu Fruchtbaumen und schonen Weiden fuhre. Kleine harte Korner werdet ihr auf ihm finden, — das sind die Wahrheiten: Jahrzehntelang werdet ihr die Lugen handevoll verschlingen mussen, um nicht Hungers zu sterben, ob ihr schon wisset, da? es Lugen sind. Jene Korner aber werden gesaet und eingegraben, und vielleicht, vielleicht gibt es einmal einen Tag der Ernte: niemand darf ihn versprechen, er sei denn ein Fanatiker. — Der Alte: Freund, Freund! Auch deine Worte sind die des Fanatikers! — Pyrrhon: Du hast recht! ich will gegen alle Worte mi?trauisch sein. — Der Alte: Dann wirst du schweigen mussen. — Pyrrhon: Ich werde den Menschen sagen, da? ich schweigen mu? und da? sie meinem Schweigen mi?trauen sollen. — Der Alte: Du trittst also von deinem Unternehmen zuruck? — Pyrrhon: Vielmehr- du hast mir eben das Tor gezeigt, durch welches ich gehen mu?. — Der Alte: Ich wei? nicht — : verstehen wir uns jetzt noch vollig? — Pyrrhon: Wahrscheinlich nicht. — Der Alte: Wenn du dich nur selber vollig verstehst! — Pyrrhon dreht sich um und lacht. — Der Alte: Ach Freund! Schweigen und Lachen — ist das jetzt deine ganze Philosophie? — Pyrrhon: Es ware nicht die schlechteste.-
214 Europaische Bucher. — Man ist beim Lesen von Montaigne, La Rochefoucauld, La Bruyere, Fontenelle (namentlich der dialogues des morts), Vauvenargues, Chamfort dem Altertum naher als bei irgend welcher Gruppe von sechs Autoren anderer Volker. Durch jene Sechs ist der Geist der letzten Jahrhunderte der alten Zeitrechnung wieder erstanden — sie zusammen bilden ein wichtiges Glied in der gro?en noch fortlaufenden Kette der Renaissance. Ihre Bucher erheben sich uber den Wechsel des nationalen Geschmacks und der philosophischen Farbungen, in denen fur gewohnlich jetzt jedes Buch schillert und schillern mu?, um beruhmt zu werden: sie enthalten mehr wirkliche Gedanken als alle Bucher deutscher Philosophen zusammengenommen: Gedanken von der Art, welche Gedanken macht, und die — ich bin in Verlegenheit zu Ende zu definieren; genug, da? es mir Autoren zu sein scheinen, welche weder fur Kinder noch fur Schwarmer geschrieben haben, weder fur Jungfrauen noch fur Christen, weder fur Deutsche noch fur — ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schlie?en. — Um aber ein deutliches Lob zu sagen: sie waren, griechisch geschrieben, auch von Griechen verstanden worden. Wieviel hatte dagegen selbst ein Plato von den Schriften unserer besten deutschen Denker, zum Beispiel Goethes und Schopenhauers, uberhaupt verstehen konnen, von dem Widerwillen zu schweigen, welchen ihre Schreibart ihm erregt haben wurde, namlich das Dunkle, Ubertriebene und gelegentlich wieder Klapperdurre, — Fehler, an denen die Genannten noch am wenigsten von den deutschen Denkern und doch noch allzuviel leiden (Goethe, als Denker, hat die Wolke lieber umarmt, als billig ist, und Schopenhauer wandelt nicht ungestraft fast fortwahrend unter Gleichnissen der Dinge statt unter den Dingen selber). — Dagegen, welche Helligkeit und zierliche Bestimmtheit bei jenen Franzosen! Diese Kunst hatten auch die feinohrigsten Griechen guthei?en mussen, und eines wurden sie sogar bewundert und angebetet haben, den franzosischen Witz des Ausdrucks: so etwas liebten sie sehr, ohne gerade darin besonders stark zu sein.
215 Mode und modern. — Uberall, wo noch die Unwissenheit, die Unreinlichkeit, der Aberglaube im Schwange sind, wo der Verkehr lahm, die Landwirtschaft armselig, die Priesterschaft machtig ist, da finden sich auch noch die NationaItrachten. Dagegen herrscht die Mode, wo die Anzeichen des Entgegengesetzten sich finden. Die Mode ist also neben den Tugenden des jetzigen Europa zu finden: sollte sie wirklich deren Schattenseite sein? — Zunachst sagt die mannliche Bekleidung, welche modisch und nicht mehr national ist, von dem, der sie tragt, aus, da? der Europaer nicht als Einzelner noch als Standes- und Volksgenosse auffallen will, da? er sich eine absichtliche Dampfung dieser Arten von Eitelkeit zum Gesetz gemacht hat: dann, da? er arbeitsam ist und nicht viel Zeit zum Ankleiden und Sich-putzen hat, auch alles Kostbare und Uppige in Stoff und Faltenwurf im Widerspruch mit seiner Arbeit findet; endlich, da? er durch seine Tracht auf die gelehrteren und geistigeren Berufe als die hinweist, welchen er als europaischer Mensch am nachsten steht oder stehen mochte: wahrend durch die noch vorhandenen Nationaltrachten der Rauber, der Hirt oder der Soldat als die wunschbarsten und tonangebenden Lebensstellungen hindurchschimmern. Innerhalb dieses Gesamt-Charakters der mannlichen Mode gibt es dann jene kleinen Schwankungen, welche die Eitelkeit der jungen Manner, der Stutzer und Nichtstuer der gro?en Stadte hervorbringt, also derer, welche als europaische Menschen noch nicht reif geworden sind. — Die europaischen Frauen sind dies noch viel