wohl.

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Die gro?e Gefahr der Gelehrten. — Gerade die tuchtigsten und grundlichsten Gelehrten sind in der Gefahr, ihr Lebensziel immer niedriger gesteckt zu sehen und, im Gefuhl davon, in der zweiten Halfte ihres Lebens immer mi?mutiger und unvertraglicher zu werden. Zuerst schwimmen sie mit breiten Hoffnungen in ihre Wissenschaft hinein und messen sich kuhnere Aufgaben zu, deren Ziele mitunter durch ihre Phantasie schon vorweggenommen werden: dann gibt es Augenblicke wie im Leben der gro?en entdeckenden Schiffahrer, — Wissen, Ahnung und Kraft heben einander immer hoher, bis eine ferne neue Kuste zum ersten Male dem Auge aufdammert. Nun erkennt aber der strenge Mensch von Jahr zu Jahr mehr, wie viel daran gelegen ist, da? die Einzelaufgabe des Forschers so beschrankt wie moglich genommen werde, damit sie ohne Rest gelost werden konne und jene unertragliche Vergeudung von Kraft vermieden werde, an welcher fruhere Perioden der Wissenschaft litten: alle Arbeiten wurden zehnmal gemacht, und dann hatte immer noch der elfte das letzte und beste Wort zu sagen. Je mehr aber der Gelehrte dieses Ratsel-Losen ohne Rest kennen lernt und ubt, um so gro?er wird auch seine Lust daran: aber ebenso wachst auch die Strenge seiner Anspruche in bezug auf das, was hier» ohne Rest «genannt ist. Er legt alles beiseite, was in diesem Sinne unvollstandig bleiben mu?, er gewinnt einen Widerwillen und eine Witterung gegen das Halb-Losbare, — gegen alles, was nur im Ganzen und Unbestimmteren eine Art Sicherheit ergeben kann. Seine Jugendplane zerfallen vor seinem Blicke: kaum bleiben einige Knoten und Knotchen daraus ubrig, an deren Entknupfung jetzt der Meister seine Lust hat, seine Kraft zeigt. Und nun, mitten in dieser so nutzlichen, so rastlosen Tatigkeit uberfallt ihn, den Altergewordenen, plotzlich und dann ofter wieder ein tiefer Mi?mut, eine Art Gewissens-Qual: er sieht auf sich hin, wie auf einen Verwandelten, als ob er verkleinert, erniedrigt, zum kunstfertigen Zwergen umgeschaffen ware, er beunruhigt sich daruber, ob nicht das meisterliche Walten im kleinen eine Bequemlichkeit sei, eine Ausflucht vor der Mahnung zur Gro?e des Lebens und Gestaltens. Aber er kann nicht mehr hinuber, — die Zeit ist um.

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Die Lehrer im Zeitalter der Bucher. — Dadurch, da? die Selbst-Erziehung und Verbruderungs- Erziehung allgemeiner wird, mu? der Lehrer in seiner jetzt gewohnlichen Form fast entbehrlich werden. Lernbegierige Freunde, die sich zusammen ein Wissen aneignen wollen, finden in unserer Zeit der Bucher einen kurzeren und naturlicheren Weg, als» Schule «und» Lehrer «sind.

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Die Eitelkeit als die gro?e Nutzlichkeit. — Ursprunglich behandelt der starke Einzelne nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft und die schwacheren Einzelnen als Gegenstand des Raub- Baues: er nutzt sie aus, so viel er kann, und geht dann weiter. Weil er sehr unsicher lebt, wechselnd zwischen Hunger und Uberflu?, so totet er mehr Tiere, als er verzehren kann, und plundert und mi?handelt die Menschen mehr, als notig ware. Seine Machtau?erung ist eine Racheau?erung zugleich gegen seinen pein- und angstvollen Zustand: sodann will er fur machtiger gelten, als er ist, und mi?braucht deshalb die Gelegenheiten: der Furchtzuwachs, den er erzeugt, ist sein Machtzuwachs. Er merkt zeitig, da? nicht das, was er ist, sondern das, was er gilt, ihn tragt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der Eitelkeit. Der Machtige sucht mit allen Mitteln Vermehrung des Glaubens an seine Macht. — Die Unterworfenen, die vor ihm zittern und ihm dienen, wissen wiederum, da? sie genau so viel wert sind, als sie ihm gelten: weshalb sie auf diese Geltung hinarbeiten und nicht auf ihre eigene Befriedigung an sich. Wir kennen die Eitelkeit nur in den abgeschwachtesten Formen, in ihren Sublimierungen und kleinen Dosen, weil wir in einem spaten und sehr gemilderten Zustande der Gesellschaft leben: ursprunglich ist sie die gro?e Nutzlichkeit, das starkste Mittel der Erhaltung. Und zwar wird die Eitelkeit um so gro?er sein, je kluger der einzelne ist: weil die Vermehrung des Glaubens an Macht leichter ist, als die Vermehrung der Macht selber, aber nur fur den, der Geist hat — oder, wie es fur Urzustande hei?en mu?, der listig und hinterhaltig ist.

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Wetterzeichen der Kultur. — Es gibt so wenig entscheidende Wetterzeichen der Kultur, da? man froh sein mu?, fur seinen Haus- und Gartengebrauch wenigstens ein untrugliches in den Handen zu haben. Um zu prufen, ob jemand zu uns gehort oder nicht — ich meine zu den freien Geistern — , so prufe man seine Empfindung fur das Christentum. Steht er irgendwie anders zu ihm als kritisch, so kehren wir ihm den Rucken: er bringt uns unreine Luft und schlechtes Wetter. — Unsere Aufgabe ist es nicht mehr, solche Menschen zu lehren, was ein Skirokko-Wind ist; sie haben Mosen und die Propheten des Wetters und der Aufklarung: wollen sie diese nicht horen, so —

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Zurnen und strafen hat seine Zeit. — Zurnen und strafen ist unser Angebinde von der Tierheit her. Der Mensch wird erst mundig, wenn er dies Wiegengeschenk den Tieren zuruckgibt. — Hier liegt einer der gro?ten Gedanken vergraben, welche Menschen haben konnen, der Gedanke an einen Fortschritt aller Fortschritte. — Gehen wir einige Jahrtausende miteinander vorwarts, meine Freunde! Es ist sehr viel Freude noch den Menschen vorbehalten, wovon den Gegenwartigen noch kein Geruch zugeweht ist! Und zwar durfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Notwendiges verhei?en und beschworen, im Fall nur die Entwicklung der menschlichen Vernunft nicht stille steht! Einstmals wird man die logische Sunde, welche im Zurnen und Strafen, einzeln oder gesellschaftsweise geubt, verborgen liegt, nicht mehr ubers Herz bringen: einstmals, wenn Herz und Kopf so nah beieinander zu wohnen gelernt haben, wie sie jetzt noch einander ferne stehen. Da? sie sich nicht mehr so ferne stehen wie ursprunglich, ist beim Blick auf den ganzen Gang der Menschheit ziemlich ersichtlich; und der einzelne, der ein Leben innerer Arbeit zu uberschauen hat, wird mit stolzer Freude sich der uberwundenen Entfernung, der erreichten Annaherung bewu?t werden, um daraufhin noch gro?ere Hoffnungen wagen zu durfen.

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Abkunft der» Pessimisten«. — Ein Bissen guter Nahrung entscheidet oft, ob wir mit hohlem Auge oder hoffnungsreich in die Zukunft schauen: dies reicht ins Hochste und Geistigste hinauf. Die Unzufriedenheit und Welt-Schwarzerei ist dem gegenwartigen Geschlechte von den ehemaligen Hungerleidern her vererbt. Auch unsern Kunstlern und Dichtern merkt man haufig an, wenn sie selber auch noch so uppig leben, da? sie von keiner guten Herkunft sind, da? sie von unterdruckt lebenden und schlecht genahrten Vorfahren mancherlei ins Blut und Gehirn mitbekommen haben, was als Gegenstand und gewahlte Farbe in ihrem Werke wieder sichtbar wird. Die Kultur der Griechen ist die der Vermogenden, und zwar der Altvermogenden: sie lebten ein paar Jahrhunderte hindurch besser als wir (in jedem Sinne besser, namentlich viel einfacher in Speise und Trank): da wurden endlich die Gehirne so voll und fein zugleich, da flo? das Blut so rasch hindurch, einem freudigen, hellen Weine gleich, da? das Gute und Beste bei ihnen nicht mehr duster, verzuckt und gewaltsam, sondern schon und sonnenhaft heraustrat.

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Vom vernunftigen Tode. — Was ist vernunftiger, die Maschine stillzustellen, wenn das Werk, das man von ihr verlangte, ausgefuhrt ist, — oder sie laufen zu lassen, bis sie von selber stille steht, das hei?t bis sie verdorben ist? Ist letzteres nicht eine Vergeudung der Unterhaltungskosten, ein Mi?brauch mit der Kraft und Aufmerksamkeit der Bedienenden? Wird hier nicht weggeworfen, was anderswo sehr not tate? Wird nicht selbst eine Art Mi?achtung gegen die Maschinen uberhaupt verbreitet dadurch, da? viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? — Ich spreche vom unfreiwilligen (naturlichen) und vom freiwilligen (vernunftigen) Tode. Der naturliche Tod ist der von aller Vernunft unabhangige, der eigentlich unvernunftige Tod, bei dem die erbarmliche Substanz der Schale daruber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkummernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefangniswarter der Herr ist, der den Punkt bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der naturliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das hei?t die Vernichtung des vernunftigen Wesens durch das unvernunftige, welches an das erstere gebunden ist. Nur unter der religiosen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die hohere Vernunft (Gottes) ihren Befehl gibt, dem die niedere Vernunft sich zu fugen hat. Au?erhalb der religiosen Denkungsart ist der naturliche Tod keiner Verherrlichung wert. — Die weisheitsvolle Anordnung und Verfugung des Todes gehort in jene jetzt ganz unfa?bar und unmoralisch klingende Moral der

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