werden wollen. Deshalb mu? jetzt ein jeder, der gut europaisch gesinnt ist, gut und immer besser schreiben lernen: es hilft nichts, und wenn er selbst in Deutschland geboren ist, wo man das Schlecht-schreiben als nationales Vorrecht behandelt. Besser schreiben aber hei?t zugleich auch besser denken; immer Mitteilenswerteres erfinden und es wirklich mitteilen konnen; ubersetzbar werden fur die Sprachen der Nachbarn; zuganglich sich dem Verstandnisse jener Auslander machen, welche unsere Sprache lernen; dahin wirken, da? alles Gute Gemeingut werde und den Freien alles frei stehe; endlich, jenen jetzt noch so fernen Zustand der Dinge vorbereiten, wo den guten Europaern ihre gro?e Aufgabe in die Hande fallt: die Leitung und Uberwachung der gesamten Erdkultur. — Wer das Gegenteil predigt, sich nicht um das Gutschreiben und Gutlesen zu kummern — beide Tugenden wachsen miteinander und nehmen miteinander ab — , der zeigt in der Tat den Volkern einen Weg, wie sie immer noch mehr national werden konnen: er vermehrt die Krankheit dieses Jahrhunderts und ist ein Feind der guten Europaer, ein Feind der freien Geister.

88

Die Lehre vom besten Stile. — Die Lehre vom Stil kann einmal die Lehre sein, den Ausdruck zu finden, vermoge dessen man jede Stimmung auf den Leser und Horer ubertragt; sodann die Lehre, den Ausdruck fur die wunschenswerteste Stimmung eines Menschen zu finden, deren Mitteilung und Ubertragung also auch am meisten zu wunschen ist: fur die Stimmung des von Herzensgrund bewegten, geistig freudigen, hellen und aufrichtigen Menschen, der die Leidenschaften uberwunden hat. Dies wird die Lehre vom besten Stile sein: er entspricht dem guten Menschen.

89

Auf den Gang acht geben. — Der Gang der Satze zeigt, ob der Autor ermudet ist; der einzelne Ausdruck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut sein, weil er fur sich und fruher gefunden wurde: damals als der Gedanke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es haufig bei Goethe, der zu oft diktierte, wenn er mude war.

90

Schon und noch. —

A: Die deutsche Prosa ist noch sehr jung: Goethe meint, da? Wieland ihr Vater sei.

B: So jung und schon so ha?lich!

C: Aber — soviel mir bekannt, schrieb schon der Bischof Ulfilas deutsche Prosa; sie ist also gegen 1500 Jahre alt.

B: So alt und noch so ha?lich!

91

Original-deutsch. — Die deutsche Prosa, welche in der Tat nicht nach einem Muster gebildet ist und wohl als originales Erzeugnis des deutschen Geschmacks zu gelten hat, durfte den eifrigen Anwalten einer zukunftigen, originalen, deutschen Kultur einen Fingerzeig geben, wie etwa, ohne Nachahmung von Mustern, eine wirklich deutsche Tracht, eine deutsche Geselligkeit, eine deutsche Zimmereinrichtung, ein deutsches Mittagsessen aussehen werde. — Jemand, der langere Zeit uber diese Aussichten nachgedacht hatte, rief endlich in vollem Schrecken aus:»Aber, um des Himmels willen, vielleicht haben wir schon diese originale Kultur — man spricht nur nicht gerne davon!»

92

Verbotene Bucher. — Nie etwas lesen, was jene arroganten Vielwisser und Wirrkopfe schreiben, welche die abscheulichste Unart, die der logischen Paradoxie haben: sie wenden die logischen Formen gerade dort an, wo alles im Grunde frech improvisiert und in die Luft gebaut ist. (»Also «soll bei ihnen hei?en» du Esel von Leser, fur dich gib es dies `also' nicht — wohl aber fur mich«— worauf die Antwort lautet:»du Esel von Schreiber, wozu schreibst du denn?«)

93

Geist zeigen. — Jeder, der seinen Geist zeigen will, la?t merken, da? er auch reichlich vom Gegenteil hat. Jene Unart geistreicher Franzosen, ihren besten Einfallen einen Zug von dedain beizugeben, hat ihren Ursprung in der Absicht, fur reicher zu gelten, als sie sind: sie wollen lassig schenken, gleichsam ermudet vom bestandigen Spenden aus ubervollen Schatzhausern.

94

Deutsche und franzosische Literatur. — Das Ungluck der deutschen und franzosischen Literatur der letzten hundert Jahre liegt darin, da? die Deutschen zu zeitig aus der Schule der Franzosen gelaufen sind — und die Franzosen, spaterhin, zu zeitig in die Schule der Deutschen.

95

Unsere Prosa. — Keines der jetzigen Kulturvolker hat eine so schlechte Prosa wie das deutsche; und wenn geistreiche und verwohnte Franzosen sagen: es gibt keine deutsche Prosa — so durfte man eigentlich nicht bose werden, da es artiger gemeint ist, als wir's verdienen. Sucht man nach den Grunden, so kommt man zuletzt zu dem seltsamen Ergebnis, da? der Deutsche nur die improvisierte Prosa kennt und von einer anderen gar keinen Begriff hat. Es klingt ihm schier unbegreiflich, wenn ein Italiener sagt, da? Prosa gerade um so viel schwerer sei als Poesie, um wie viel die Darstellung der nackten Schonheit fur den Bildhauer schwerer sei als die der bekleideten Schonheit. Um Vers, Bild, Rhythmus und Reim hat man sich redlich zu bemuhen — das begreift auch der Deutsche und ist nicht geneigt, der Stegreif-Dichtung einen besonders hohen Wert zuzumessen. Aber an einer Seite Prosa wie an einer Bildsaule arbeiten? — es ist ihm, also ob man ihm etwas aus dem Fabelland vorerzahlte.

96

Der gro?e Stil. — Der gro?e Stil entsteht, wenn das Schone den Sieg uber das Ungeheure davontragt.

97

Ausweichen. — Man wei? nicht eher, worin bei ausgezeichneten Geistern das Feine ihres Ausdrucks, ihrer Wendung liegt, wenn man nicht sagen kann, auf welches Wort jeder mittelma?ige Schriftsteller beim Ausdrucken derselben Sache unvermeidlich geraten sein wurde. Alle gro?en Artisten zeigen sich beim Lenken ihres Fuhrwerks zum Ausweichen, zum Entgleisen geneigt — doch nicht zum Umfallen.

98

Etwas wie Brot. — Brot neutralisiert den Geschmack anderer Speisen, wischt ihn weg; deshalb gehort es zu jeder langeren Mahlzeit. In allen Kunstwerken mu? es etwas wie Brot geben, damit es verschiedene Wirkungen in ihnen geben konne: welche, unmittelbar und ohne ein solches zeitweiliges Ausruhen und Pausieren aufeinanderfolgend, schnell erschopfen und Widerwillen machen wurden, so da? eine langere Mahlzeit der Kunst unmoglich ware.

99

Jean Paul. — Jean Paul wu?te sehr viel, aber hatte keine Wissenschaft, verstand sich auf allerlei Kunstgriffe in den Kunsten, aber hatte keine Kunst, fand beinahe nichts ungenie?bar, aber hatte keinen Geschmack, besa? Gefuhl und Ernst, go? aber, wenn er davon zu kosten gab, eine widerliche Tranenbruhe daruber, ja er hatte Witz, — aber leider fur seinen Hei?hunger danach viel zu wenig: weshalb er den Leser gerade durch seine Witzlosigkeit zur Verzweiflung treibt. Im ganzen war er das bunte, starkriechende Unkraut, welches uber Nacht auf den zarten Fruchtfeldern Schillers und Goethes aufscho?; er war ein bequemer, guter Mensch, und doch ein Verhangnis, — ein Verhangnis im Schlafrock.

100

Auch den Gegensatz zu schmecken wissen. — Um ein Werk der Vergangenheit so zu genie?en, wie es seine Zeitgenossen empfanden, mu? man den damals herrschenden Geschmack, gegen den es sich abhob, auf der Zunge haben.

101

Weingeist-Autoren. — Manche Schriftsteller sind weder Geist noch Wein, aber Weingeist: sie konnen in Flammen geraten und geben dann Warme.

102

Der Mittler-Sinn. — Der Sinn des Geschmacks, als der wahre Mittler-Sinn, hat die anderen Sinne oft zu seinen Ansichten der Dinge uberredet und ihnen seine Gesetze und Gewohnheiten eingegeben. Man kann bei Tische uber die feinsten Geheimnisse der Kunste Aufschlusse erhalten: man beachte, was schmeckt, wann es schmeckt, wonach und wie lange es schmeckt.

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