Verhalten gegen die Tiere noch beobachten. Wo nutzen und Schaden nicht in Betracht kommen, haben wir ein Gefuhl der volligen Unverantwortlichkeit; wir toten und verwunden zum Beispiel Insekten oder lassen sie leben und denken fur gewohnlich gar nichts dabei. Wir sind so plump, da? schon unsere Artigkeiten gegen Blumen und kleine Tiere fast immer morderisch sind: was unser Vergungen an ihnen gar nicht beeintrachtigt. — Es ist heute das Fest der kleinen Tiere, der schwulste Tage des Jahres: es wimmelt und krabbelt um uns, und wir zerdrucken, ohne es zu wollen, aber auch ohne acht zu geben, bald hier, bald dort ein Wurmchen und gefiedertes Kaferchen. — Bringen die Tiere uns Schaden, so erstreben wir auf jede Weise ihre Vernichtung, die Mittel sind oft grausam genug, ohne da? wir dies eigentlich wollen: es ist die Grausamkeit der Gedankenlosigkeit. Nutzen sie, so beuten wir sie aus: bis eine feinere Klugheit uns lehrt, da? gewisse Tiere fur eine andere Behandlung, namlich fur die der Pflege und Zucht, reichlich lohnen. Da erst entsteht Verantwortlichkeit. Gegen das Haustier wird die Qualerei gemieden; der eine Mensch emport sich, wenn ein anderer unbarmherzig gegen seine Kuh ist, ganz in Gema?heit der primitiven Gemeinde-Moral, welche den gemeinsamen Nutzen in Gefahr sieht, so oft ein einzelner sich vergeht. Wer in der Gemeinde ein Vergehen wahrnimmt, furchtet den indirekten Schaden fur sich: und wir furchten fur die Gute des Fleisches, des Landbaues und der Verkehrsmittel, wenn wir die Haustiere nicht gut behandelt sehen. Zudem erweckt der, welcher roh gegen Tiere ist, den Argwohn, auch roh gegen schwache, ungleiche, der Rache unfahige Menschen zu sein; er gilt als unedel, des feineren Stolzes ermangelnd. So entsteht ein Ansatz von moralischem Urteilen und Empfinden: das beste tut nun der Aberglaube hinzu. Manche Tiere reizen durch Blicke, Tone und Gebarden den Menschen an, sich in sie hineinzudichten, und manche Religionen lehren im Tiere unter Umstanden den Wohnsitz von Menschen- und Gotterseelen sehen: weshalb sie uberhaupt edlere Vorsicht, ja ehrfurchtige Scheu im Umgange mit den Tieren anempfehlen. Auch nach dem Verschwinden dieses Aberglaubens wirken die von ihm erweckten Empfindungen fort und reifen und bluhen aus. — Das Christentum hat sich bekanntlich in diesem Punkte als arme und zuruckbildende Religion bewahrt.

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Neue Schauspieler. — Es gibt unter den Menschen keine gro?ere Banalitat als den Tod; zu zweit im Range steht die Geburt, weil nicht alle geboren werden, welche doch sterben; dann folgt die Heirat. Aber diese kleinen abgespielten Tragikomodien werden bei jeder ihrer ungezahlten und unzahlbaren Auffuhrungen immer wieder von neuen Schauspielern dargestellt und horen deshalb nicht auf, interessierte Zuschauer zu haben: wahrend man glauben sollte, da? die gesamte Zuschauerschaft des Erdentheaters sich langst aus Uberdru? daran an allen Baumen aufgehangt hatte. Soviel liegt an neuen Schauspielern, sowenig am Stuck.

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Was ist» obstinat«? — Der kurzeste Weg ist nicht der moglichst gerade, sondern der, bei welchem die gunstigsten Winde unsere Segel schwellen: so sagt die Lehre der Schiffahrer. Ihr nicht zu folgen, das hei?t obstinat sein: die Festigkeit des Charakters ist da durch Dummheit verunreinigt.

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Das Wort» Eitelkeit«. — Es ist lastig, da? einzelne Worte, deren wir Moralisten schlechterdings nicht entraten konnen, schon eine Art Sittenzensur in sich tragen aus jenen Zeiten her, in denen die nachsten und naturlichsten Regungen des Menschen verketzert wurden. So wird jene Grunduberzeugung, da? wir auf den Wellen der Gesellschaft viel mehr durch das, was wir gelten, als durch das, was wir sind, gutes Fahrwasser haben oder Schiffbruch leiden — eine Uberzeugung, die fur alles Handeln in bezug auf die Gesellschaft das Steuerruder sein mu? — mit dem allgemeinsten Worte» Eitelkeit«,»vanitas «gebrandmarkt: eines der vollsten und inhaltreichsten Dinge mit einem Ausdruck, welcher dasselbe als das eigentlich Leere und Nichtige bezeichnet, etwas Gro?es mit einem Diminutivum, ja mit den Federstrichen der Karikatur. Es hilft nichts, wir mussen solche Worte gebrauchen, aber dabei unser Ohr den Einflusterungen alter Gewohnheit verschlie?en.

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Turkenfatalismus. — Der Turkenfatalismus hat den Grundfehler, da? er den Menschen und das Fatum als zwei geschiedene Dinge einander gegenuberstellt: der Mensch, sagt er, konne dem Fatum widerstreben, es zu vereiteln suchen, aber schlie?lich behalte es immer den Sieg, weshalb das vernunftigste sei, zu resignieren oder nach Belieben zu leben. In Wahrheit ist jeder Mensch selber ein Stuck Fatum; wenn er in der angegebenen Weise dem Fatum zu widerstreben meint, so vollzieht sich eben darin auch das Fatum; der Kampf ist eine Einbildung, aber ebenso jene Resignation in das Fatum; alle diese Einbildungen sind im Fatum eingeschlossen. — Die Angst, welche die meisten vor der Lehre der Unfreiheit des Willens haben, ist die Angst vor dem Turkenfatalismus: sie meinen, der Mensch werde schwachlich resigniert und mit gefalteten Handen vor der Zukunft stehen, weil er an ihr nichts zu andern vermoge: oder aber, er werde seiner vollen Launenhaftigkeit die Zugel schie?en lassen, weil auch durch diese das einmal Bestimmte nicht schlimmer werden konne. Die Torheiten des Menschen sind ebenso ein Stuck Fatum wie seine Klugheiten: auch jene Angst vor dem Glauben an das Fatum ist Fatum. Du selber, armer Angstlicher, bist die unbezwingliche Moira, welche noch uber den Gottern thront, fur alles, was da kommt; du bist Segen oder Fluch und jedenfalls die Fessel, in welcher der Starkste gebunden liegt; in dir ist alle Zukunft der Menschen-Welt vorherbestimmt, es hilft dir nichts, wenn dir vor dir selber graut.

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Advokat des Teufels. — »Nur durch eigenen Schaden wird man klug, nur durch fremden Schaden wird man gut«so lautet jene seltsame Philosophie, welche alle Moralitat aus dem Mitleiden und alle Intellektualitat aus der Isolation des Menschen ableitet: damit ist sie unbewu?t die Sachwalterin aller irdischen Schadhaftigkeit. Denn das Mitleiden hat das Leiden notig und die Isolation die Verachtung der anderen.

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Die moralischen Charaktermasken. — In den Zeiten, da die Charaktermasken der Stande fur endgultig fest, gleich den Standen selber gelten, werden die Moralisten verfuhrt sein, auch die moralischen Charaktermasken fur absolut zu halten und sie so zu zeichnen. So ist Moliere als Zeitgenosse der Gesellschaft Ludwigs XIV. verstandlich; in unserer Gesellschaft der Ubergange und Mittelstufen wurde er als ein genialer Pedant erscheinen.

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Die vornehmste Tugend. — In der ersten Ara des hoheren Menschentums gilt die Tapferkeit als die vornehmste der Tugenden, in der zweiten die Gerechtigkeit, in der dritten die Ma?igung, in der vierten die Weisheit. In welcher Ara leben wir? In welcher lebst du?

65

Was vorher notig ist. — Ein Mensch, der uber seinen Jahzorn, seine Gall- und Rachsucht, seine Wollust nicht Meister werden will und es versucht, irgendworin sonst Meister zu werden, ist so dumm wie der Ackermann, der neben einem Wildbach seine Acker anlegt, ohne sich gegen ihn zu schutzen.

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Was ist Wahrheit? — Schwarzert (Melanchthon):»Man predigt oft seinen Glauben, wenn man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, — und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten!«—

Luther: Du redest heut' wahr wie ein Engel, Bruder!

Schwarzert:»Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die Nutzanwendung.«—

Luther: So war's eine Luge aus des Teufels Hinterm.

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Gewohnheit der Gegensatze. — Die allgemeine ungenaue Beobachtung sieht in der Natur uberall Gegensatze (wie z. B.»warm und kalt«), wo keine Gegensatze, sondern nur Gradverschiedenheiten sind. Diese schlechte Gewohnheit hat uns verleitet, nun auch noch die innere Natur, die geistig-sittliche Welt, nach solchen Gegensatzen verstehen und zerlegen zu wollen. Unsaglich viel Schmerzhaftigkeit, Anma?ung, Harte, Entfremdung, Erkaltung ist so in die menschliche Empfindung hineingekommen dadurch, da? man Gegensatze an Stelle der Ubergange zu sehen meinte.

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