moglich! Er hat ja nichts getan, als keine Tinte im Tintenfa? gehabt! Mit Blut schreiben ist freilich eine Sunde, aber deshalb soll ein so schoner Mann doch nicht brennen?»

43

Problem der Pflicht zur Wahrheit. — Pflicht ist ein zwingendes, zur Tat drangendes Gefuhl, das wir gut nennen und fur undiskutierbar halten (- uber Ursprung, Grenze und Berechtigung desselben wollen wir nicht reden und nicht geredet haben). Der Denker halt aber alles fur geworden und alles Gewordene fur diskutierbar, ist also der Mann ohne Pflicht, — solange er eben nur Denker ist. Als solcher wurde er also auch die Pflicht, die Wahrheit zu sehen und zu sagen, nicht anerkennen und dies Gefuhl nicht fuhlen, er fragt: woher kommt sie? wohin will sie? aber dies Fragen selber wird von ihm als fragwurdig angesehen. Hatte dies aber nicht zur Folge, da? die Maschine des Denkers nicht mehr recht arbeitet, wenn er sich beim Akte des Erkennens wirklich unverpflichtet fuhlen konnte? Insofern scheint hier zur Heizung dasselbe Element notig zu sein, das vermittelst der Maschine untersucht werden soll. — Die Formel wurde vielleicht sein: angenommen es gabe eine Pflicht, die Wahrheit zu erkennen, wie lautet die Wahrheit dann in bezug auf jede andere Art von Pflicht? — Aber ist ein hypothetisches Pflichtgefuhl nicht ein Widersinn?

44

Stufen der Moral. — Moral ist zunachst ein Mittel, die Gemeinde uberhaupt zu erhalten und den Untergang von ihr abzuwehren; sodann ist sie ein Mittel, die Gemeinde auf einer gewissen Hohe und in einer gewissen Gute zu erhalten. Ihre Motive sind Furcht und Hoffnung: und zwar um so derbere, machtigere, grobere, als der Hang zum Verkehrten, Einseitigen, Personlichen noch sehr stark ist. Die entsetzlichsten Angstmittel mussen hier Dienste tun, solange noch keine milderen wirken wollen und jene doppelte Art der Erhaltung sich nicht anders erreichen la?t (zu ihren allerstarksten gehort die Erfindung eines Jenseits mit einer ewigen Holle). Weitere Stufen der Moral und also Mittel zum bezeichneten Zwecke sind die Befehle eines Gottes (wie das mosaische Gesetz); noch weitere und hohere die Befehle eines absoluten Pflichtbegriffs mit dem» du sollst«, — alles noch ziemlich grob zugehauene, aber breite Stufen, weil die Menschen auf die feineren, schmaleren ihren Fu? noch nicht zu setzen wissen. Dann kommt eine Moral der Neigung, des Geschmacks, endlich die der Einsicht — welche uber alle illusionaren Motive der Moral hinaus ist, aber sich klar gemacht hat, wie die Menschheit lange Zeiten hindurch keine anderen haben durfte.

45

Moral des Mitleidens im Munde der Unma?igen. — Alle die, welche sich selber nicht genug in der Gewalt haben und die Moralitat nicht als fortwahrende im gro?en und kleinsten geubte Selbstbeherrschung und Selbstuberwindung kennen, werden unwillkurlich zu Verherrlichern der guten, mitleidigen, wohlwollenden Regungen, jener instinktiven Moralitat, welche keinen Kopf hat, sondern nur aus Herz und hilfreichen Handen zu bestehen scheint. Ja es ist in ihrem Interesse, eine Moralitat der Vernunft zu verdachtigen und jene andere zur alleinigen zu machen.

46

Kloaken der Seele. — Auch die Seele mu? ihre bestimmten Kloaken haben, wohin sie ihren Unrat abflie?en la?t: dazu dienen Personen, Verhaltnisse, Stande oder das Vaterland oder die Welt oder endlich — fur die ganz Hoffartigen (ich meine unsere lieben modernen» Pessimisten«) — der liebe Gott.

47

Eine Art von Ruhe und Beschaulichkeit. — Hute dich, da? deine Ruhe und Beschaulichkeit nicht der des Hundes vor einem Fleischerladen gleicht, den die Furcht nicht vorwarts und die Begierde nicht ruckwarts gehen la?t: und der die Augen aufsperrt, als ob sie Munder waren.

48

Das Verbot ohne Grunde. — Ein Verbot, dessen Grunde wir nicht verstehen oder zugeben, ist nicht nur fur den Trotzkopf, sondern auch fur den Erkenntnisdurstigen fast ein Gehei?: man la?t es auf den Versuch ankommen, um so zu erfahren, weshalb das Verbot gegeben ist. Moralische Verbote, wie die des Dekalogs, passen nur fur Zeitalter der unterworfenen Vernunft: jetzt wurde ein Verbot» du sollst nicht toten«,»du sollst nicht ehebrechen«, ohne Grunde hingestellt, eher eine schadliche als eine nutzliche Wirkung haben.

49

Charakterbild. — Was ist das fur ein Mensch, der von sich sagen kann:»ich verachte sehr leicht, aber hasse nie. An jedem Menschen finde ich sofort etwas heraus, das zu ehren ist und dessentwegen ich ihn ehre; die sogenannten liebenswurdigen Eigenschaften ziehen mich wenig an«.

50

Mitleiden und Verachtung. — Mitleiden au?ern wird als ein Zeichen der Verachtung empfunden, weil man ersichtlich aufgehort hat, ein Gegenstand der Furcht zu sein, sobald einem Mitleiden erwiesen wird. Man ist unter das Niveau des Gleichgewichts hinabgesunken, wahrend schon jenes der menschlichen Eitelkeit nicht genugtut, sondern erst das Hervorragen und Furchteinflo?en der Seele das erwunschteste aller Gefuhle gibt. Deshalb ist es ein Problem, wie die Schatzung des Mitleids aufgekommen ist, ebenso wie erklart werden mu?, warum jetzt der Uneigennutzige gelobt wird: ursprunglich wird er verachtet oder als tuckisch gefurchtet.

51

Klein sein konnen. — Man mu? den Blumen, Grasern und Schmetterlingen auch noch so nah sein wie ein Kind, das nicht viel uber sie hinweg reicht. Wir Alteren dagegen sind uber sie hinausgewachsen und mussen uns zu ihnen herablassen; ich meine, die Graser hassen uns, wenn wir unsere Liebe fur sie bekennen. — Wer an allem Guten teilhaben will, mu? auch zu Stunden klein zu sein verstehen.

52

Inhalt des Gewissens. — Der Inhalt unseres Gewissens ist alles, was in den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelma?ig gefordert wurde durch Personen, die wir verehrten oder furchteten. Vom Gewissen aus wird also jenes Gefuhl des Mussens erregt (»dieses mu? ich tun, dieses lassen«), welches nicht fragt: warum mu? ich? — In allen Fallen, wo eine Sache mit» weil «und» warum «getan wird, handelt der Mensch ohne Gewissen; deshalb aber noch nicht wider dasselbe. — Der Glaube an Autoritaten ist die Quelle des Gewissens: es ist also nicht die Stimme Gottes in der Brust des Menschen, sondern die Stimme einiger Menschen im Menschen.

53

Uberwindung der Leidenschaften. — Der Mensch, der seine Leidenschaften uberwunden hat, ist in den Besitz des fruchtbarsten Erdreiches getreten: wie der Kolonist, der uber die Walder und Sumpfe Herr geworden ist. Auf dem Boden der bezwungenen Leidenschaften den Samen der guten geistigen Werke saen, ist dann die dringende nachste Aufgabe. Die Uberwindung selber ist nur ein Mittel, kein Ziel; wenn sie nicht so angesehen wird, so wachst schnell allerlei Unkraut und Teufelszeug auf dem leer gewordenen fetten Boden auf, und bald geht es auf ihm voller und toller zu als je vorher.

54

Geschick zum Dienen. — Alle sogenannten praktischen Menschen haben ein Geschick zum Dienen: das eben macht sie praktisch, sei es fur andere oder fur sich selber. Robinson besa? noch einen besseren Diener, als Freitag war: das war Crusoe.

55

Gefahr der Sprache fur die geistige Freiheit. — Jedes Wort ist ein Vorurteil.

56

Geist und Langeweile. — Das Sprichwort:»Der Magyar ist viel zu faul, um sich zu langweilen «gibt zu denken. Die feinsten und tatigsten Tiere erst sind der Langeweile fahig. — Ein Vorwurf fur einen gro?en Dichter ware die Langeweile Gottes am siebenten Tage der Schopfung.

57

Im Verkehr mit den Tieren. — Man kann das Entstehen der Moral in unserem

Вы читаете Der Wanderer und sein Schatten
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату