Ob man vergeben konne? — Wie kann man ihnen uberhaupt vergeben, wenn sie nicht wissen, was sie tun! Man hat gar nichts zu vergeben. -Aber wei? ein Mensch jemals vollig, was er tut? Und wenn dies immer mindestens fraglich bleibt, so haben also die Menschen einander nie etwas zu vergeben, und Gnadeuben ist fur den Vernunftigsten ein unmogliches Ding. Zu allerletzt: wenn die Ubeltater wirklich gewu?t hatten, was sie taten — so wurden wir doch nur dann ein Recht zur Vergebung haben, wenn wir ein Recht zur Beschuldigung und zur Strafe hatten. Dies aber haben wir nicht.
69 Habituelle Scham. — Warum empfinden wir Scham, wenn uns etwas Gutes und Auszeichnendes erwiesen wird, das wir, wie man sagt,»nicht verdient haben«? Es scheint uns dabei, da? wir uns in ein Gebiet eingedrangt haben, wo wir nicht hingehoren, wo wir ausgeschlossen sein sollten, gleichsam in ein Heiliges oder Allerheiligstes, welches fur unsern Fu? unbetretbar ist. Durch den Irrtum anderer sind wir doch hineingelangt: und nun uberwaltigt uns teils Furcht, teils Ehrfurcht, teils Uberraschung, wir wissen nicht, ob wir fliehen, ob wir des gesegneten Augenblickes und seiner Gnaden-Vorteile genie?en sollen. Bei aller Scham ist ein Mysterium, welches durch uns entweiht oder in der Gefahr der Entweihung zu sein scheint; alle Gnade erzeugt Scham. — Erwagt man aber, da? wir uberhaupt niemals etwas» verdient haben«, so wird, im Fall man dieser Ansicht innerhalb einer christlichen Gesamt- Betrachtung der Dinge sich hingibt, das Gefuhl der Scham habituell: weil einem Solchen Gott fortwahrend zu segnen und Gnade zu uben scheint. Abgesehen von dieser christlichen Auslegung ware aber auch fur den vollig gottlosen Weisen, der an der grundlichen Unverantwortlichkeit und Unverdienstlichkeit alles Wirkens und Wesens festhalt, jener Zustand der habituellen Scham moglich: wenn man ihn behandelt, als ob er dies und jenes verdient habe, so scheint er sich in eine hohere Ordnung von Wesen eingedrangt zu haben, welche uberhaupt etwas verdienen, welche frei sind und ihres eigenen Wollens und Konnens Verantwortung wirklich zu tragen vermogen. Wer zu ihm sagt» du hast es verdient«, scheint ihm zuzurufen» du bist kein Mensch, sondern ein Gott«.
70 Der ungeschickteste Erzieher. — Bei diesem sind auf dem Boden seines Widerspruchsgeistes alle seine wirklichen Tugenden angepflanzt, bei jenem auf seiner Unfahigkeit, nein zu sagen, also auf seinem Zustimmungsgeiste; ein dritter hat alle seine Moralitat aus seinem einsamen Stolze, ein vierter die seine aus seinem starken Geselligkeitstriebe aufwachsen lassen. Gesetzt nun, durch ungeschickte Erzieher und Zufalle waren bei diesen vieren die Samenkorner der Tugenden nicht auf den Boden ihrer Natur ausgesaet worden, welcher bei ihnen die meiste und fetteste Erdkrume hat: so waren sie ohne Moralitat und schwache unerfreuliche Menschen. Und wer wurde gerade der ungeschickteste aller Erzieher und das bose Verhangnis dieser vier Menschen gewesen sein? Der moralische Fanatiker, welcher meint, da? das Gute nur aus dem Guten, auf dem Guten wachsen konne.
71 Schreibart der Vorsicht. —
A: Aber, wenn alle dies wu?ten, so wurde es den meisten schadlich sein! Du selber nennst diese Meinungen gefahrlich fur die Gefahrdeten, und doch teilst du sie offentlich mit?
B: Ich schreibe so, da? weder der Pobel, noch die populi, noch die Parteien aller Art mich lesen mogen. Folglich werden diese Meinungen nie offentliche sein. A.: Aber wie schreibst du denn?
B.: Weder nutzlich noch angenehm — fur die genannten drei.
72 Gottliche Missionare. — Auch Sokrates fuhlt sich als gottlicher Missionar: aber ich wei? nicht, was fur ein Anflug von attischer Ironie und Lust am Spa?en auch selbst hierbei noch zu spuren ist, wodurch jener fatale und anma?ende Begriff gemildert wird. Er redet ohne Salbung davon: seine Bilder, von der Bremse und dem Pferd, sind schlicht und unpriesterlich, und die eigentlich religiose Aufgabe, wie er sie sich gestellt fuhlt, den Gott auf hunderterlei Weise auf die Probe zu stellen, ob er die Wahrheit geredet habe, la?t auf eine kuhne und freimutige Gebarde schlie?en, mit der hier der Missionar seinem Gotte an die Seite tritt. Jenes Auf-die-Probe-Stellen des Gottes ist einer der feinsten Kompromisse zwischen Frommigkeit und Freiheit des Geistes, welche je erdacht worden sind. — Jetzt haben wir auch diesen Kompromi? nicht mehr notig.
73 Ehrliches Malertum. — Raffael, dem viel an der Kirche (sofern sie zahlungsfahig war), aber wenig, gleich den Besten seiner Zeit, an den Gegenstanden des kirchlichen Glaubens gelegen war, ist der anspruchsvollen ekstatischen Frommigkeit mancher seiner Besteller nicht einen Schritt weit nachgegangen: er hat seine Ehrlichkeit bewahrt, selbst in jenem Ausnahme-Bild, das ursprunglich fur eine Prozessions-Fahne bestimmt war, in der Sixtinischen Madonna. Hier wollte er einmal eine Vision malen: aber eine solche, wie sie edle junge Manner ohne» Glauben «auch haben durfen und haben werden, die Vision der zukunftigen Gattin, eines klugen, seelisch-vornehmen, schweigsamen und sehr schonen Weibes, das ihren Erstgeborenen im Arme tragt. Mogen die Alten, die an das Beten und Anbeten gewohnt sind, hier, gleich dem ehrwurdigen Greise zur Linken, etwas Ubermenschliches verehren: wir Jungeren wollen es, so scheint Raffael uns zuzurufen, mit dem schonen Madchen zur Rechten halten, welche mit ihrem auffordernden, durchaus nicht devoten Blicke den Betrachtern des Bildes sagt:»Nicht wahr? Diese Mutter und ihr Kind — das ist ein angenehmer einladender Anblick?«Dies Gesicht und dieser Blick strahlt von der Freude in den Gesichtern der Betrachter wieder; der Kunstler, der dies alles erfand, genie?t sich auf diese Weise selber und gibt seine eigene Freude zur Freude der Kunst-Empfangenden hinzu. — In betreff des» heilandhaften «Ausdrucks im Kopfe eines Kindes hat Raffael, der Ehrliche, der keinen Seelenzustand malen wollte, an dessen Existenz er nicht glaubte, seine glaubigen Betrachter auf eine artige Weise uberlistet; er malte jenes Naturspiel, das nicht selten vorkommt, das Mannerauge im Kindskopfe, und zwar das Auge des wackeren, hilfereichen Mannes, der einen Notstand sieht. Zu diesem Auge gehort ein Bart; da? dieser fehlt und da? zwei verschiedene Lebensalter hier aus einem Gesichte sprechen, dies ist die angenehme Paradoxie, welche die Glaubigen sich im Sinne ihres Wunderglaubens gedeutet haben: so wie es der Kunstler von ihrer Kunst des Deutens und Hineinlegens auch erwarten durfte.
74 Das Gebet. — Nur unter zwei Voraussetzungen hatte alles Beten — jene noch nicht vollig erloschene Sitte alterer Zeiten — einen Sinn: es mu?te moglich sein, die Gottheit zu bestimmen oder umzustimmen, und der Betende mu?te selber am besten wissen, was ihm not tue, was fur ihn wahrhaft wunschenswert sei. Beide Voraussetzungen, in allen anderen Religionen angenommen und hergebracht, wurden aber gerade vom Christentum geleugnet; wenn es trotzdem das Gebet beibehielt, bei seinem Glauben an eine allweise und allvorsorgliche Vernunft in Gott, durch welche eben dies Gebet im Grunde sinnlos, ja gotteslasterlich wird, — so zeigte es auch darin wieder seine bewunderungswurdige Schlangen-Klugheit; denn ein klares Gebot» du sollst nicht beten «hatte die Christen durch die Langeweile zum Unchristentum gefuhrt. Im christlichen ora et labora vertritt namlich das ora die Stelle des Vergnugens: und was hatten ohne das ora jene Unglucklichen beginnen sollen, die sich das labora versagten, die Heiligen! — aber mit Gott sich unterhalten, ihm allerlei angenehme Dinge abverlangen, sich selber ein wenig daruber lustig machen, wie man so toricht sein konne, noch Wunsche zu haben, trotz einem so vortrefflichen Vater, — das war fur Heilige eine sehr gute Erfindung.
75 Eine heilige Luge. — Die Luge, mit der auf den Lippen Arria starb (Paete, non dolet), verdunkelt alle Wahrheiten, die je von Sterbenden gesprochen wurden. Es ist die einzige heilige Luge, die beruhmt geworden ist; wahrend der Geruch der Heiligkeit sonst nur an Irrtumern haften blieb.
76 Der notigste Apostel. — Unter zwolf Aposteln mu? immer einer hart wie Stein sein, damit auf ihm die neue Kirche gebaut werden konne.
77 Was ist das Verganglichere, der Geist oder der Korper? — In den rechtlichen,