moralischen und religiosen Dingen hat das Au?erlichste, das Anschauliche, also der Brauch, die Gebarde, die Zeremonie, am meisten Dauer: sie ist der Leib, zu dem immer eine neue Seele hinzukommt. Der Kultus wird wie ein fester Wort-Text immer neu ausgedeutet; die Begriffe und Empfindungen sind das Flussige, die Sitten das Harte.

78

Der Glaube an die Krankheit, als Krankheit. — Erst das Christentum hat den Teufel an die Wand der Welt gemalt; erst das Christentum hat die Sunde in die Welt gebracht. Der Glaube an die Heilmittel, welche es dagegen anbot, ist nun allmahlich bis in die tiefsten Wurzeln hinein erschuttert: aber immer noch besteht der Glaube an die Krankheit, welchen es gelehrt und verbreitet hat.

79

Rede und Schrift der Religiosen. — Wenn der Stil und Gesamtausdruck des Priesters, des redenden und schreibenden, nicht schon den religiosen Menschen ankundigt, so braucht man seine Meinungen uber Religion und zugunsten derselben nicht mehr ernst zu nehmen. Sie sind fur ihren Besitzer selber kraftlos gewesen, wenn er, wie sein Stil verrat, Ironie, Anma?ung, Bosheit, Ha? und alle Wirbel und Wechsel der Stimmungen besitzt, ganz wie der unreligioseste Mensch; — um wieviel kraftloser werden sie erst fur seine Horer und Leser sein! Kurz, er wird dienen, dieselben unreligioser zu machen.

80

Gefahr in der Person. — Je mehr Gott als Person fur sich galt, um so weniger ist man ihm treu gewesen. Die Menschen sind ihren Gedankenbildern viel anhanglicher als ihren geliebtesten Geliebten: deshalb opfern sie sich fur den Staat, die Kirche und auch fur Gott — sofern er eben ihr Erzeugnis, ihr Gedanke bleibt und nicht gar zu personlich genommen wird. Im letzteren Falle hadern sie fast immer mit ihm: selbst dem Frommsten entfuhr ja die bittere Rede» mein Gott, warum hast du mich verlassen!»

81

Die weltliche Gerechtigkeit. — Es ist moglich, die weltliche Gerechtigkeit aus den Angeln zu heben — mit der Lehre von der volligen Unverantwortlichkeit und Unschuld jedermanns: und es ist schon ein Versuch in gleicher Richtung gemacht worden, gerade auf Grund der entgegengesetzten Lehre von der volligen Verantwortlichkeit und Verschuldung jedermanns. Der Stifter des Christentums war es, der die weltliche Gerechtigkeit aufheben und das Richten und Strafen aus der Welt schaffen wollte. Denn er verstand alle Schuld als» Sunde«, das hei?t als Frevel an Gott und nicht als Frevel an der Welt; andererseits hielt er jedermann im gro?ten Ma?stabe und fast in jeder Hinsicht fur einen Sunder. Die Schuldigen sollen aber nicht die Richter ihresgleichen sein: so urteilte seine Billigkeit. Alle Richter der weltlichen Gerechtigkeit waren also in seinen Augen so schuldig wie die von ihnen Verurteilten, und ihre Miene der Schuldlosigkeit schien ihm heuchlerisch und pharisaerhaft. Uberdies sah er auf die Motive der Handlungen und nicht auf den Erfolg, und hielt fur die Beurteilung der Motive nur einen einzigen fur scharfsichtig genug: sich selber (oder wie er sich ausdruckte: Gott).

82

Eine Affektation beim Abschiede. — Wer sich von einer Partei oder Religion trennen will, meint, es sei nun fur ihn notig, sie zu widerlegen. Aber dies ist sehr hochmutig gedacht. Notig ist nur, da? er klar einsieht, welche Klammern ihn bisher an diese Partei oder Religion anhielten und da? sie es nicht mehr tun, was fur Absichten ihn dahin getrieben haben und da? sie jetzt anderswohin treiben. Wir sind nicht aus strengen Erkenntnisgrunden auf die Seite jener Partei oder Religion getreten: wir sollen dies, wenn wir von ihr scheiden, auch nicht affektieren.

83

Heiland und Arzt. — Der Stifter des Christentums war, wie es sich von selber versteht, als Kenner der menschlichen Seele nicht ohne die gro?ten Mangel und Voreingenommenheiten und als Arzt der Seele dem so anruchigen und laienhaften Glauben an eine Universalmedizin ergeben. Er gleicht in seiner Methode mitunter jenem Zahnarzte, der jeden Schmerz durch Ausrei?en des Zahnes heilen will; so zum Beispiel, indem er gegen die Sinnlichkeit mit dem Ratschlage ankampft:»Wenn dich dein Auge argert, so rei?e es aus.«— Aber es bleibt doch noch der Unterschied, da? jener Zahnarzt wenigstens sein Ziel erreicht, die Schmerzlosigkeit des Patienten; freilich auf so plumpe Art, da? er lacherlich wird: wahrend der Christ, der jenem Ratschlage folgt und seine Sinnlichkeit ertotet zu haben glaubt, sich tauscht: sie lebt auf eine unheimliche, vampyrische Art fort und qualt ihn in widerlichen Vermummungen.

84

Die Gefangenen. — Eines Morgens traten die Gefangenen in den Arbeitshof: der Warter fehlte. Die einen von ihnen gingen, wie es ihre Art war, sofort an die Arbeit, andere standen mu?ig und blickten trotzig umher. Da trat einer vor und sagte laut:»Arbeitet so viel ihr wollt oder tut nichts: es ist alles gleich. Eure geheimen Anschlage sind ans Licht gekommen, der Gefangniswarter hat euch neulich belauscht und will in den nachsten Tagen ein furchterliches Gericht uber euch ergehen lassen. Ihr kennt ihn, er ist hart und nachtragerischen Sinnes. Nun aber merkt auf: ihr habt mich bisher verkannt: ich bin nicht, was ich scheine, sondern viel mehr: ich bin der Sohn des Gefangniswarters und gelte alles bei ihm. Ich kann euch retten, ich will euch retten; aber, wohlgemerkt, nur diejenigen von euch, welche mir glauben, da? ich der Sohn des Gefangniswarters bin; die ubrigen mogen die Fruchte ihres Unglaubens ernten.«»Nun«, sagte nach einigem Schweigen ein alterer Gefangener,»was kann dir daran gelegen sein, ob wir es dir glauben oder nicht glauben? Bist du wirklich der Sohn und vermagst du das, was du sagst, so lege ein gutes Wort fur uns alle ein: es ware wirklich recht gutmutig von dir. Das Gerede von Glauben und Unglauben aber la? beiseite!«»Und«, rief ein jungerer Mann dazwischen,»ich glaub' es ihm auch nicht: er hat sich nur etwas in den Kopf gesetzt. Ich wette, in acht Tagen befinden wir uns gerade noch so hier wie heute, und der Gefangniswarter wei? nichts.«»Und wenn er etwas gewu?t hat, so wei? er's nicht mehr«, sagte der letzte der Gefangenen, der jetzt erst in den Hof hinabkam,»der Gefangniswarter ist eben plotzlich gestorben.«—»Holla«, schrien mehrere durcheinander,»holla! Herr Sohn, Herr Sohn, wie steht es mit der Erbschaft? Sind wir vielleicht jetzt deine Gefangenen?«—»Ich habe es euch gesagt«, entgegnete der Angeredete mild,»ich werde jeden freilassen, der an mich glaubt, so gewi? als mein Vater noch lebt.«— Die Gefangenen lachten nicht, zuckten aber mit den Achseln und lie?en ihn stehen.

85

Der Verfolger Gottes. — Paulus hat den Gedanken ausgedacht, Calvin ihn nachgedacht, da? Unzahligen seit Ewigkeiten die Verdammnis zuerkannt ist und da? dieser schone Weltenplan so eingerichtet wurde, damit die Herrlichkeit Gottes sich daran offenbare: Himmel und Holle und Menschheit sollen also da sein, — um die Eitelkeit Gottes zu befriedigen! Welche grausame und unersattliche Eitelkeit mu? in der Seele dessen geflackert haben, der so etwas sich zuerst oder zu zweit ausdachte! — Paulus ist also doch Saulus geblieben — der Verfolger Gottes.

86

Sokrates. — Wenn alles gut geht, wird die Zeit kommen, da man, um sich sittlich- vernunftig zu fordern, lieber die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt als die Bibel, und wo Montaigne und Horaz als Vorlaufer und Wegweiser zum Verstandnis des einfachsten und unverganglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, benutzt werden. Zu ihm fuhren die Stra?en der verschiedensten philosophischen Lebensweisen zuruck, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und allesamt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eignen Selbst gerichtet; woraus man schlie?en mochte, da? das Eigentumlichste an Sokrates ein Anteilhaben an allen Temperamenten gewesen ist. — Vor dem Stifter des Christentums hat Sokrates die frohliche Art des Ernstes und jene Weisheit voller Schelmenstreiche voraus, welche den besten Seelenzustand des Menschen ausmacht. Uberdies hatte er den gro?eren Verstand.

87

Gut schreiben lernen. — Die Zeit des Gutredens ist vorbei, weil die Zeit der Stadt- Kulturen vorbei ist. Die letzte Grenze, welche Aristoteles der gro?en Stadt erlaubte — es musse der Herold noch imstande sein, sich der ganzen versammelten Gemeinde vernehmbar zu machen — , diese Grenze kummert uns so wenig, als uns uberhaupt noch Stadtgemeinden kummern, uns, die wir selbst uber die Volker hinweg verstanden

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