Freude, insofern er die kleine einstmalige Demutigung, sich aushelfen lassen zu mussen, durch ein kleines Ubergewicht, als Schenkender, zuruckkauft.
257 Feiner als notig. — Unser Beobachtungssinn dafur, ob andere unsere Schwachen wahrnehmen, ist viel feiner, als unser Beobachtungssinn fur die Schwachen anderer: woraus sich also ergibt, da? er feiner ist, als notig ware.
258 Eine lichte Art von Schatten. — Dicht neben den ganz machtigen Menschen befindet sich fast regelma?ig, wie an sie angebunden eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.
259 Sich nicht rachen? — Es gibt so viele feine Arten der Rache, da? einer der Anla? hatte sich zu rachen, im Grunde tun oder lassen kann, was er will: alle Welt wird doch nach einiger Zeit ubereingekommen sein, da? er sich geracht habe. Sich nicht zu rachen steht also kaum im Belieben eines Menschen: da? er es nicht wolle, darf er nicht einmal aussprechen, weil die Verachtung der Rache als eine sublime, sehr ernpfindliche Rache gedeutet und empfunden wird — Woraus sich ergibt, da? man nichts Uberflussiges tun soll –
260 Irrtum der Ehrenden. — Jeder glaubt einem Denker etwas Ehrendes und Angenehmes Zu sagen wenn er ihm zeigt, wie er von selber genau auf denselben Gedanken und selbst auf den gleichen Ausdruck geraten sei; und doch wird bei solchen Mitteilungen der Denker nur selten ergotzt, aber haufig gegen seinen Gedanken und dessen Ausdruck mi?trauisch: er beschlie?t im Stillen, beide einmal zu revidieren. — Man mu?, wenn man jemanden ehren will, sich vor dem Ausdruck: der Ubereinstimmung huten: sie stellt auf ein gleiches Niveau. — In vielen Fallen ist es die Sache der gesellschaftlichen Schicklichkeit, eine Meinung so anzuhoren, als sei sie nicht die unsrige, ja als ginge sie uber unsern Horizont hinaus: zum Beispiel wenn der Alte, Alterfahrene einmal ausnahmsweise den Schrein seiner Erkenntnisse aufschlie?t.
261 Brief. — Der Brief ist ein unangemeldeter Besuch, der Briefbote der Vermittler unhoflicher Uberfalle. Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben und darnach ein Bad nehmen.
262 Der Voreingenommene. — Jemand sagte: ich bin gegen mich voreingenommen, von Kindesbeinen an: deshalb finde ich in jedem Tadel etwas Wahrheit und in jedem Lobe etwas Dummheit. Das Lob wird von mir gewohnlich zu gering und der Tadel zu hoch geschatzt.
263 Weg zur Gleichheit. — Einige Stunden Bergsteigens machen aus einem Schuft und einem Heiligen zwei ziemlich gleiche Geschopfe. Die Ermudung ist der kurzeste Weg zur Gleichheit und Bruderlichkeit — und die Freiheit wird endlich durch den Schlaf hinzugegeben.
264 Verleumdung. — Kommt man einer eigentlich infamen Verdachtigung auf die Spur, so suche man ihren Ursprung nie bei seinen ehrlichen und einfachen Fein- den; denn diese wurden, wenn sie so etwas uber uns erfanden, als Feinde keinen Glauben finden. Aber jene, denen wir eine Zeitlang am meisten genutzt haben, welche aber, aus irgend einem Grunde, im Geheimen sicher daruber sein durfen, nichts mehr von uns zu erlangen, — solche sind imstande, die Infamie ins Rollen zu bringen: sie finden Glauben, einmal weil man annimmt, da? sie nichts erfinden wurden, was ihnen selber Schaden bringen konnte; sodann weil sie uns naher kennengelernt haben. — Zum Troste mag sich der so schlimm verleumdete sagen: Verleumdungen sind Krankheiten anderer, die an deinem Leibe ausbrechen; sie beweisen, da? die Gesellschaft ein (moralischer) Korper ist, so da? du an dir die Kur vornehmen kannst, die den Anderen nutzen soll.
265 Das Kinder-Himmelreich. — Das Gluck des Kindes ist ebenso sehr ein Mythus wie das Gluck der Hyperboreer, von dem die Griechen erzahlten. Wenn das Gluck uberhaupt auf Erden wohnt, meinten diese, dann gewi? moglichst weit von uns, etwa dort am Rande der Erde. Ebenso denken die alteren Menschen: wenn der Mensch uberhaupt glucklich sein kann, dann gewi? moglichst fern von unserem Alter, an den Grenzen und Anfangen des Lebens. Fur manchen Menschen ist der Anblick der Kinder, durch den Schleier dieses Mythus hindurch, das gro?te Gluck, dessen er teilhaftig werden kann; er geht selber bis in den Vorhof des Himmelreichs, wenn er sagt» lasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich«. — Der Mythus vom Kinder-Himmelreich ist uberall irgendwie tatig, wo es in der modernen Welt etwas von Sentimentalitat gibt.
266 Die Ungeduldigen. — Gerade der Werdende will das Werdende nicht: er ist zu ungeduldig dafur. Der Jungling will nicht warten, bis, nach langen Studien, Leiden und Entbehrungen, sein Gemalde von Menschen und Dingen voll werde: so nimmt er ein anderes, das fertig dasteht und ihm angeboten wird, auf Treu und Glauben an, als musse es ihm die Linien und Farben seines Gemaldes vorweg geben, er wirft sich einem Philosophen, einem Dichter ans Herz und mu? nun eine lange Zeit Frondienste tun und sich selber verleugnen. Vieles lernt er dabei: aber haufig vergi?t ein Jungling das Lernens- und Erkenntniswerteste daruber — sich selber; er bleibt zeitlebens ein Parteiganger. Ach, es ist viel Langeweile zu uberwinden, viel Schwei? notig, bis man seine Farben, seinen Pinsel, seine Leinwand gefunden hat! — Und dann ist man noch lange nicht Meister seiner Lebenskunst — aber wenigstens Herr in der eigenen Werkstatt.
267 Es gibt keine Erzieher. — Nur von Selbst-Erziehung solle man als Denker reden. Die Jugend-Erziehung durch andere ist entweder ein Experiment, an einem noch Unerkannten, Unerkennbaren vollzogen, oder eine grundsatzliche Nivellierung, um das neue Wesen, welches es auch sei, den Gewohnheiten und Sitten, welche herrschen, gema? zu machen: in beiden Fallen also etwas, das des Denkers unwurdig ist, das Werk der Eltern und Lehrer, welche einer der verwegenen Ehrlichen nos ennemis naturels genannt hat. — Eines Tages, wenn man langst, nach der Meinung der Welt, erzogen ist, ent- deckt man sich selber: da beginnt die Aufgabe des Denkers; jetzt ist es Zeit, ihn zu Hilfe zu rufen — nicht als einen Erzieher, sondern als einen Selbst-Erzogenen, der Erfahrung hat.
268 Mitleiden mit der Jugend. — Es jammert uns, wenn wir horen, da? einem Junglinge schon die Zahne ausbrechen, einem andern die Augen erblinden. Wu?ten wir alles Unwiderrufliche und Hoffnungslose, das in seinem ganzen Wesen steckt, wie gro? wurde erst der Jammer sein! — Weshalb leiden wir hierbei eigentlich? Weil die Jugend fortfuhren soll, was wir unternommen haben, und jeder Ab- und Anbruch ihrer Kraft unserem Werke, das in ihre Hande fallt, zum Schaden gereichen will. Es ist der Jammer uber die schlechte Garantie unserer Unsterblichkeit: oder wenn wir uns nur als Vollstrecker der Menschheits-Mission fuhlen, der Jammer daruber, da? diese Mission in schwachere Hande, als die unsrigen sind, ubergehen mu?.
269 Die Lebensalter. — Die Vergleichung der vier Jahreszeiten mit den vier Lebensaltern ist eine ehrwurdige Albernheit. Weder die ersten 20, noch die letzten 20 Jahre des Lebens entsprechen einer Jahreszeit: vorausgesetzt, da? man sich bei der Vergleichung nicht mit dem Wei? des Haares und Schnees und mit ahnlichen Farbenspielen begnugt. Jene ersten zwanzig Jahre sind eine Vorbereitung auf das Leben uberhaupt, auf das ganze Lebensjahr, als eine Art langen Neujahrstages; und die letzten zwanzig uberschauen, verinnerlichen, bringen in Fug und Zusammenklang, was nur alles vorher erlebt wurde: so wie man es, in kleinem Ma?e, an jedem Silvestertage mit dem ganzen verflossenen Jahre tut. Zwischen inne liegt aber in der Tat ein