Zeitraum, welcher die Vergleichung mit den Jahreszeiten nahelegt der Zeitraum vom zwanzigsten bis zum funfzigsten Jahre (um hier einmal in Bausch und Bogen nach Jahrzehnten zu rechnen, wahrend es sich von selber versteht, da? jeder nach seiner Erfahrung diese groben Ansatze fur sich verfeinern mu?). Jene dreimal zehn Jahre entsprechen dreien Jahreszeiten: dem Sommer, dem Fruhling und dem Herbste, — einen Winter hat das menschliche Leben nicht, es sei denn, da? man die leider nicht selten eingeflochtenen harten, kalten, einsamen, hoffnungsarmen, unfruchtbaren Krankheitszeiten die Winterzeiten der Menschen nennen will. Die zwanziger Jahre: hei?, lastig, gewitterhaft, uppig treibend, mude machend, Jahre, in denen man den Tag am Abend, wenn er zu Ende ist, preist und sich dabei die Stirn abwischt: Jahre, in denen die Arbeit uns hart, aber notwendig dunkt, — diese zwanziger Jahre sind der Sommer des Lebens. Die drei?iger dagegen sind sein Fruhling: die Luft bald zu warm, bald zu kalt, immer unruhig und anreizend: quellender Saft, Blatterfulle, Blutenduft uberall: viele bezaubernde Morgen und Nachte: die Arbeit, zu der der Vogelgesang uns weckt, eine rechte Herzens-Arbeit, eine Art Genu? der eigenen Rustigkeit, verstarkt durch vorgenie?ende Hoffnungen. Endlich die vierziger Jahre: geheimnisvoll, wie alles Stillestehende; einer hohen weiten Berg-Ebene gleichend, an der ein frischer Wind hinlauft; mit einem klaren, wolkenlosen Himmel daruber, welcher den Tag uber und in die Nachte hinein immer mit der gleichen Sanftmut blickt: die Zeit der Ernte und der herzlichsten Heiterkeit — es ist der Herbst des Lebens.

270

Der Geist der Frauen in der jetzigen Gesellschaft. — Wie die Frauen jetzt uber den Geist der Manner denken, errat man daraus, da? sie bei ihrer Kunst des Schmuckens an alles eher denken, als den Geist ihrer Zuge oder die geistreichen Einzelheiten ihres Gesichts noch besonders zu unterstreichen: sie verbergen Derartiges vielmehr und wissen sich dagegen, zum Beispiel durch eine Anordnung des Haars uber der Stirn, den Ausdruck einer lebendig begehrenden Sinnlichkeit und Ungeistigkeit zu geben, gerade wenn sie diese Eigenschaften nur wenig besitzen. Ihre Uberzeugung, da? der Geist bei Weibern die Manner erschrecke, geht so weit, da? sie selbst die Scharfe des geistigsten Sinnes gern verleugnen und den Ruf der Kurzsichtigkeit absichtlich auf sich laden; dadurch glauben sie wohl die Manner zutraulicher zu machen: es ist, als ob sich eine einladende sanfte Dammerung um sie verbreite.

271

Gro? und verganglich. — Was den Betrachtenden zu Tranen ruhrt, das ist der schwarmerische Gluckes- Blick, mit dem eine schone junge Frau ihren Gatten ansieht. Man empfindet alle Herbst- Wehmut dabei, uber die Gro?e sowohl, als uber die Verganglichkeit des menschlichen Gluckes.

272

Opfer-Sinn. — Manche Frau hat den intelletto del sacrifizio und wird ihres Lebens nicht mehr froh, wenn der Gatte sie nicht opfern will: sie wei? dann mit ihrem Verstande nicht mehr wohin? und wird unversehens aus dem Opfertier der Opferpriester selber.

273

Das Unweibliche. — »Dumm wie ein Mann «sagen die Frauen:»feige wie ein Weib «sagen die Manner. Die Dummheit ist am Weibe das Unweibliche.

274

Mannliches und weibliches Temperament und die Sterblichkeit. — Da? das mannliche Geschlecht ein schlechteres Temperament hat, als das weibliche, ergibt sich auch daraus, da? die mannlichen Kinder der Sterblichkeit mehr ausgesetzt sind, als die weiblichen, offenbar weil sie leichter» aus der Haut fahren«: ihre Wildheit und Unvertraglichkeit verschlimmert alle Ubel leicht bis ins Todliche.

275

Die Zeit der Zyklopen-Bauten. — Die Demokratisierung Europas ist unaufhaltsam: wer sich dagegen stemmt, gebraucht doch eben die Mittel dazu, welche erst der demokratische Gedanke jedermann in die Hand gab, und macht diese Mittel selber handlicher und wirksamer: und die grundsatzlichsten Gegner der Demokratie (ich meine die Umsturzgeister) scheinen nur deshalb da zu sein, um durch die Angst, welche sie erregen, die verschiedenen Parteien immer schneller auf der demokratischen Bahn vorwarts zu treiben. Nun kann es einem angesichts derer, welche jetzt bewu?t und ehrlich fur diese Zukunft arbeiten, in der Tat bange werden: es liegt etwas Odes und Einformiges in ihren Gesichtern, und der graue Staub scheint auch bis in ihre Gehirne hinein geweht zu sein. Trotzdem: es ist moglich, da? die Nachwelt uber dieses unser Bangen einmal lacht und an die demokratische Arbeit einer Reihe von Geschlechtern etwa so denkt, wie wir an den Bau von Steindammen und Schutzmauern — als an eine Tatigkeit, die notwendig viel Staub auf Kleider und Gesichter breitet und unvermeidlich wohl auch die Arbeiter ein wenig blodsinnig macht; aber wer wurde deswegen solches Tun ungetan wunschen! Es scheint, da? die Demokratisierung Europas ein Glied in der Kette jener ungeheuren prophylak- tischen Ma?regeln ist, welche der Gedanke der neuen Zeit sind und mit denen wir uns gegen das Mittelalter abheben. Jetzt erst ist das Zeitalter der Zyklopenbauten! Endliche Sicherheit der Fundamente, damit alle Zukunft auf ihnen ohne Gefahr bauen kann! Unmoglichkeit furderhin, da? die Fruchtfelder der Kultur wieder uber Nacht von wilden und sinnlosen Bergwassern zerstort werden! Steindamme und Schutzmauern gegen Barbaren, gegen Seuchen, gegen leibliche und geistige Verknechtung! Und dies alles zunachst wortlich und groblich, aber allmahlich immer hoher und geistiger verstanden, so da? alle hier angedeuteten Ma?regeln die geistreiche Gesamtvorbereitung des hochsten Kunstlers der Gartenkunst zu sein scheinen, der sich dann erst zu seiner eigentlichen Aufgabe wenden kann, wenn jene vollkommen ausgefuhrt ist! — Freilich: bei den weiten Zeitstrecken, welche hier zwischen Mittel und Zweck liegen, bei der gro?en, ubergro?en, Kraft und Geist von Jahrhunderten anspannenden Muhsal, die schon not tut, um nur jedes einzelne Mittel zu schaffen oder herbeizuschaffen, darf man es den Arbeitern an der Gegenwart nicht zu hart anrechnen, wenn sie laut dekretieren, die Mauer und das Spalier sei schon der Zweck und das letzte Ziel; da ja noch niemand den Gartner und die Fruchtpflanzen sieht, um derentwillen das Spalier da ist.

276

Das Recht des allgemeinen Stimmrechts. — Das Volk hat sich das allgemeine Stimmrecht nicht gegeben, es hat dasselbe, uberall, wo es jetzt in Geltung ist, empfangen und vorlaufig angenommen: jedenfalls hat es aber das Recht, es wieder zuruckzugeben, wenn es seinen Hoffnungen nicht genug tut. Dies scheint jetzt allerorten der Fall zu sein: denn wenn bei irgend einer Gelegenheit, wo es gebraucht wird, kaum Zweidrittel, ja vielleicht nicht einmal die Majoritat aller Stimmberechtigten an die Stimm-Urne kommt, so ist dies ein Votum gegen das ganze Stimmsystem uberhaupt. — Man mu? hier sogar noch viel strenger urteilen. Ein Gesetz, welches bestimmt, da? die Majoritat uber das Wohl aller die letzte Entscheidung habe, kann nicht auf derselben Grundlage, welche durch dasselbe erst gegeben wird, aufgebaut werden; es bedarf notwendig einer noch breiteren: und dies ist die Einstimmigkeit aller. Das allgemeine Stimmrecht darf nicht nur der Ausdruck eines Majoritaten-Willens sein: das ganze Land mu? es wollen. Deshalb genugt schon der Widerspruch einer sehr kleinen Minoritat, dasselbe als untunlich wieder beiseite zu stellen: und die Nichtbeteiligung an einer Abstimmung ist eben ein solcher Widerspruch, der das ganze Stimmsystem zum Falle bringt. Das» absolute Veto «des einzelnen oder, um nicht ins Kleinliche zu verfallen, das Veto weniger Tausende hangt uber diesem System, als die Konsequenz der Gerechtigkeit: bei jedem Gebrauche, den man von ihm macht, mu? es, laut der Art von Beteiligung, erst beweisen, da? es noch zu Recht besteht.

277

Das schlechte Schlie?en. — Wie schlecht schlie?t man, auf Gebieten, wo man nicht zu Hause ist, selbst wenn man als Mann der Wissenschaft noch so sehr an das gute Schlie?en gewohnt ist! Es ist beschamend! Und nun ist klar, da? im gro?en Welttreiben, in Sachen der Politik, bei allem Plotzlichen und Drangenden, wie es fast jeder Tag herauffuhrt, eben dieses schlechte Schlie?en entscheidet: denn niemand ist vollig in dem zu Hause, was uber Nacht neu gewachsen ist; alles Politisieren, auch bei den gro?ten Staatsmannern, ist Improvisieren auf gut Gluck.

278

Pramissen des Maschinen-Zeitalters. — Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Pramissen, deren tausendjahrige Konklusion noch niemand zu ziehen gewagt hat.

279

Ein Hemmschuh der Kultur. — Wenn wir horen: dort haben die Manner nicht Zeit zu den produktiven Geschaften; Waffenubungen und Umzuge nehmen ihnen den Tag weg, und die ubrige Bevolkerung mu? sie ernahren und kleiden, ihre Tracht aber ist auffallend, oftmals bunt und voll Narrheiten; dort sind nur wenige

Вы читаете Der Wanderer und sein Schatten
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату