Wieder herrschte Schweigen.
Ein Tritt in die Nieren zwang ihn, diese Haltung aufzugeben.
»Was hast du vor?«, schrie Joan, wahrend ihn der Schmerz ubermannte.
Niemand antwortete, bis sein Schmerz nachlie?. Dann zog der Knecht ihn hoch und stellte ihn wieder vor Mar.
Joan musste sich anstrengen, um sich auf den Beinen zu halten.
»Was hast du vor?«
»Ich wei?, dass du gesundigt hast.«
Wozu war sie fahig? Wie weit wurde sie gehen? Ihn erschlagen? War sie fahig, ihn zu toten? Ja, er hatte gesundigt, doch was berechtigte Mar dazu, uber ihn zu richten? Ein Zittern durchlief seinen Korper, und er war kurz davor, erneut zu Boden zu sinken.
»Du hast mich bereits verurteilt«, gelang es Joan schlie?lich zu sagen. »Wozu willst du noch uber mich richten?«
Schweigen. Dunkelheit.
»Sag! Wozu willst du uber mich richten?«
»Du hast recht«, horte Joan schlie?lich. »Ich habe dich bereits verurteilt, aber denk daran, dass du deine Schuld eingestanden hast. Genau hier, wo du dich nun befindest, hat er mir meine Jungfraulichkeit geraubt. Genau hier hat er mir wieder und wieder Gewalt angetan. Hang ihn auf und lass dann seine Leiche verschwinden«, sagte Mar, an Esteve gewandt.
Mars Schritte entfernten sich auf der Treppe nach unten. Joan spurte, wie Esteve ihm die Hande auf dem Rucken fesselte. Er konnte sich nicht bewegen, sein Korper gehorchte ihm nicht. Der Knecht packte ihn und stellte ihn auf den Hocker, auf dem zuvor Mar gesessen hatte. Dann horte er, wie ein Seil uber die Deckenbalken des Turms geworfen wurde. Esteve traf nicht und das Seil klatschte auf den Boden. Joan machte sich erneut in die Hose. Er hatte das Seil um den Hals liegen.
»Ich habe gesundigt!«, schrie Joan mit letzter Kraft.
Mar horte den Schrei am Fu? der Treppe.
Endlich.
Gefolgt von dem Jungen, stieg Mar wieder in den Turm hinauf.
»Jetzt hore ich dir zu«, sagte sie zu Joan.
Im Morgengrauen brach Mar nach Barcelona auf. Angetan mit ihren besten Kleidern und dem wenigen Schmuck, den sie besa?, das offene Haar frisch gewaschen, lie? sie sich von Esteve auf ein Maultier heben und stie? dem Tier die Hacken in die Weichen.
»Gib gut auf das Haus acht«, sagte sie zu dem Knecht, bevor das Maultier lostrabte. »Und du hilf deinem Vater.«
Esteve stie? Joan hinter dem Maultier her.
»Los, Monch«, sagte er.
Mit gesenktem Kopf trottete Joan hinter Mar her. Was wurde nun geschehen? In der Nacht, als man ihm die Augenbinde abnahm, hatte im flackernden Licht der Fackeln, die an den halbrunden Wanden des Turms hingen, Mar vor ihm gestanden.
Sie hatte ihm ins Gesicht gespuckt.
»Du verdienst keine Gnade, aber moglicherweise wird Arnau dich brauchen«, sagte sie dann. »Nur das rettet dich davor, dass ich dich auf der Stelle mit meinen eigenen Handen tote.«
Die kleinen spitzen Hufe des Maultiers hallten dumpf auf dem Erdboden wider. Joan folgte dem gleichma?igen Klang, den Blick auf seine eigenen Fu?e geheftet. Er ging mit sich selbst ins Gericht, von seinen Gesprachen mit Elionor bis zu dem Hass, mit dem er sich in die Inquisition gesturzt hatte. Dann nahm Mar ihm die Augenbinde ab und spuckte ihn an.
Das Maultier trottete fugsam in Richtung Barcelona. Joan roch das Meer, das ihn linker Hand auf seinem Bu?weg begleitete.
51
Die Sonne warmte schon, als Aledis den Gasthof verlie? und sich unter die Leute auf der Plaza de la Llana mischte. Barcelona war bereits erwacht. Frauen standen mit Eimern, Topfen und Wasserschlauchen vor dem Cadena-Brunnen gleich neben dem Gasthof an, andere warteten vor der Metzgerei am anderen Ende des Platzes. Alle schwatzten und lachten. Sie ware gerne schon fruher losgegangen, doch zuerst hatte sie sich wieder als Witwe verkleiden mussen. Dabei wurde sie mehr schlecht als recht unterstutzt von den beiden Madchen, die unablassig fragten, wie es nun weitergehe, was aus Francesca werde und ob man sie auf dem Scheiterhaufen verbrenne, wie es die beiden Adligen vorhatten. So war es spater geworden. Wenigstens achtete niemand auf sie, als sie durch die Calle de la Boria zur Plaza del Blat ging. Es war eine seltsame Erfahrung fur Aledis. Sie hatte immer die bewundernden Blicke der Manner und die verachtlichen Blicke der Frauen auf sich gezogen, doch nun begegnete ihr nicht einmal ein fluchtiger Blick, wahrend die Sonne auf ihr schwarzes Kleid brannte.
Das Larmen von der nahen Plaza del Blat verhie? noch mehr Menschen, Sonne und Hitze. Sie schwitzte, und ihre Bruste begannen unter der engen Leibbinde zu drucken. Auf der Suche nach Schatten bog Aledis kurz vor dem gro?en Markt von Barcelona nach rechts in die Calle de los Semolers. Auf der Plaza del Oli waren zahlreiche Passanten auf der Suche nach dem besten Ol oder kauften Brot in der angrenzenden Backerei. Nachdem sie den Platz uberquert hatte, kam sie am Brunnen Sant Joan vorbei, und auch dort achteten die Frauen nicht auf die schwitzende Witwe, die an ihnen voruberging.
Von Sant Joan wandte sich Aledis nach links zur Kathedrale und dem Bischofspalast, wo man sie tags zuvor hinausgeworfen und als Hexe beschimpft hatte. Ob man sie wiedererkennen wurde? Der Junge aus dem Gasthof … Aledis lachelte, wahrend sie sich nach einem Seiteneingang umsah. Der Junge hatte mehr Gelegenheit gehabt, sie zu betrachten, als die Soldaten der Inquisition.
