»Ich suche den Kerkermeister. Ich habe eine Nachricht fur ihn«, antwortete sie auf die Fragen des Wachsoldaten am Eingang.

Er trat zur Seite und zeigte ihr den Weg zum Verlies.

Je weiter sie auf der Treppe nach unten ging, desto schwacher wurden das Licht und die Farben. Unten angekommen, stand Aledis in einem kahlen, rechteckigen Raum, dessen Lehmboden von Fackeln erleuchtet wurde. Auf der einen Seite des Raumes sa? auf einem Schemel der fette Kerkermeister, den Rucken gegen die Wand gelehnt. Am anderen Ende befand sich ein dusterer Gang.

Der Mann musterte sie schweigend, wahrend sie auf ihn zuging.

Aledis atmete tief durch.

»Ich wurde gerne zu der alten Frau gehen, die gestern eingesperrt wurde.«

Aledis lie? einen Beutel mit Munzen klingeln.

Der Kerkermeister ruhrte sich nicht von der Stelle. Ohne ihr eine Antwort zu geben, spuckte er ihr vor die Fu?e und machte eine verachtliche Handbewegung. Aledis trat einen Schritt zuruck.

»Nein«, sagte er schlie?lich.

Aledis offnete die Borse. Die Augen des Mannes folgten begierig den glanzenden Munzen, die in Aledis' Handflache fielen. Nicolau hatte strikte Anweisung gegeben, dass niemand ohne seine ausdruckliche Erlaubnis den Kerker betreten durfe, und der Kerkermeister wollte sich nicht mit dem Generalinquisitor anlegen. Er kannte seine Wutausbruche, und er wusste, was mit jenen geschah, die seine Anordnungen missachteten. Aber das Geld, das ihm diese Frau anbot … Und hatte der Beamte nicht gesagt, der Inquisitor wolle nicht, dass jemand mit dem Geldwechsler sprach? Diese Frau wollte nicht zu dem Geldwechsler, sondern zu der Hexe.

»Einverstanden«, sagte er.

Nicolau schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Wofur halt sich dieser Kerl?«

Der junge Monch, der ihm die Nachricht uberbracht hatte, wich einen Schritt zuruck. Sein Bruder, ein Weinhandler, hatte ihm am gestrigen Abend davon erzahlt, als sie bei ihm zu Hause zu Abend a?en. Er hatte es lachend erzahlt, wahrend um sie herum seine funf Kinder tobten.

»Es ist das beste Geschaft seit Jahren«, erzahlte er. »Offensichtlich hat Arnaus Bruder, der Monch, Anweisung gegeben, Warenlieferungen unter Preis zu verkaufen, um an Bargeld zu kommen, und wenn er so weitermacht, wird ihm das auch gelingen. Arnaus Angestellter verkauft fur den halben Preis.« Dann hatte er sein Weinglas erhoben und immer noch grinsend auf Arnau getrunken.

Als Nicolau davon horte, verstummte er zunachst. Dann lief er rot an und explodierte. Der junge Monch horte, wie der Inquisitor mit sich uberschlagender Stimme einem Beamten Befehle erteilte: »Bringt mir Bruder Joan her! Sagt den Wachen Bescheid!«

Als der Bruder des Weinhandlers das Arbeitszimmer verlassen hatte, schuttelte Nicolau unglaubig den Kopf. Was hatte sich dieser Monch dabei gedacht? Wollte er die Inquisition hintergehen, indem er die Schatullen seines Bruders leerte? Dieses Vermogen gehorte dem Sanctum Officium, und zwar alles! Eimeric ballte die Fauste, bis die Knochel wei? hervortraten.

»Und wenn ich ihn auf den Scheiterhaufen bringen muss«, murmelte er.

»Francesca …« Aledis kniete neben der alten Frau nieder, die das Gesicht zu einer Grimasse verzog, die ein Lacheln sein sollte. »Was haben sie mit dir gemacht? Wie geht es dir?« Die Alte antwortete nicht. In der Stille war das Stohnen der anderen Gefangenen zu horen. »Francesca, sie haben Arnau. Deshalb hat man dich hergebracht.«

»Ich wei?.« Aledis sah sich um, doch bevor sie fragen konnte, fuhr Francesca fort: »Dort druben ist er.«

Aledis sah zum anderen Ende des Raumes hinuber und erkannte eine stehende Gestalt, die sie aufmerksam beobachtete.

»Woher …?«

»Hort mich an«, klang es durch das Verlies. »Ja, Ihr dort druben bei der alten Frau.« Aledis sah erneut zu der Gestalt hinuber. »Ich mochte mit Euch sprechen. Mein Name ist Arnau Estanyol.«

»Was ist los, Francesca?«

»Seit ich hergebracht wurde, fragt er mich, warum der Kerkermeister behauptet hat, ich sei seine Mutter. Er hei?e Arnau Estanyol und sei ein Gefangener der Inquisition … Es war schlimmer als jede Folter.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Nichts.«

»Hort mich an!«

Diesmal drehte Aledis sich nicht um.

»Die Inquisition will beweisen, dass Arnau der Sohn einer Hexe ist«, sagte Francesca.

»Bitte, hort mich an!«

Aledis merkte, wie Francesca ihre Arme umklammerte, wahrend Arnaus flehentliche Bitten durch den Raum hallten.

»Willst du nicht …« Aledis rausperte sich. »Willst du ihm nichts sagen?«

»Niemand braucht zu wissen, dass Arnau mein Sohn ist, horst du, Aledis? Wenn ich es bis jetzt fur mich behalten habe, warum sollte ich dann jetzt, da die Inquisition … Nur du wei?t davon, Aledis.« Die Stimme der alten Frau wurde klarer.

»Jaume de Bellera …«

»Bitte!«, klang es erneut durch den Raum.

Aledis drehte sich zu Arnau um. Durch die Tranen in ihren Augen konnte sie ihn nicht sehen, aber sie riss sich

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