mit Blicken den Kai abgesucht. Ihr Ruderboot hatte noch vertaut dagelegen, aber kein Jago war zu sehen gewesen. Ware das Boot weg gewesen, hatte er davon ausgehen konnen, dass Jago jetzt auf dem Weg zu Richter Read war. Aber so war es wahrscheinlicher, dass Jago seine Anweisung nicht befolgt hatte und jetzt im Lagerhaus nach ihm suchte.

Naturlich, dachte Hawkwood, Ritter Jago eilt mal wieder zu meiner Rettung herbei. Aber dieses Mal kommt er zu spat.

»Master Woodburn hat mir erzahlt, das Boot sei beschadigt worden«, sagte Hawkwood, um Lee zum Reden zu bringen und auf diese Weise vielleicht das Unvermeidbare hinauszuzogern. Was er zwar nicht glaubte, aber in seiner Situation musste er nach jedem Strohhalm greifen.

Lee zog trage an seinem Stumpen und schnippte die Asche uber Bord. »Der Schaden konnte repariert werden.« Er warf Hawkwood einen amusierten Blick zu. »Es geschah bei einem Sturm im Armelkanal. Dabei ist auch ein Mann uber Bord gegangen. Deshalb musste ich Sparrow anheuern. Scully hat ihn angeschleppt.« Lee nahm den Stumpen aus dem Mund und stie? damit nach Hawkwoods Gesicht. »Und jetzt habe ich auch Scully verloren. Sir, Sie haben allerhand auf dem Kerbholz.«

»Warum wollen Sie Ihren Sabotageakt ausgerechnet hier ausfuhren?«, stellte Hawkwood die Frage, die ihn qualte, seit er mit Jago das Amtszimmer des Richters verlassen hatte. »Das ist doch heller Wahnsinn. In der Flussmundung hatten Sie viel mehr Platz zum Manovrieren, und der Fluchtweg in die Ostsee stunde Ihnen offen. Herrgott noch mal, die Werft in Deptford ist doch eine Todesfalle.«

Lee antwortete mit weit ausholender Geste: »Sie wissen doch, warum die Docks hier gebaut wurden, nicht wahr, Officer Hawkwood. Weil sie mitten in London liegen und vor feindlichen Invasionstruppen geschutzt werden konnen. Deptford ist weder das gro?te noch das strategisch wichtigste Dock – nicht wie die Hafen von Chatham oder Portsmouth –, aber ein derartiger Angriff wird die ganze Nation aufrutteln und weltweit Aufsehen erregen. Konnen Sie sich ausmalen, welche Auswirkungen es haben wird, wenn ich euer neuestes Kriegsschiff mit dem Prinzen von Wales an Bord mitten in eurer verdammten Hauptstadt versenke? Eure Jungs von der Admiralitat werden sich einen Monat lang in die Hosen pissen! Ich werde den britischen Streitkraften einen Schlag verpassen, von dem sich das Land so schnell nicht wieder erholen wird. Dann konnt ihr mit eurer ganzen verdammten Marine den Ruckzug antreten. Deswegen sind wir hier, Officer Hawkwood.«

Die Tur zu dem kleinen zellenartigen Raum stand halb offen. Jago stie? sie mit seinem Knuppel ganz auf. Der Geruch des Todes schlug ihm entgegen. Die Leiche lag rucklings auf der Pritsche. Aus der durchtrennten Halsschlagader sickerte noch immer Blut.

Jago war kein religioser Mann, trotzdem bekreuzigte er sich. Und wahrend er auf die Leiche hinunterstarrte, wurde er von zwei Gefuhlen gleichzeitig uberwaltigt: einem ma?losen Zorn uber diesen sinnlosen Tod und der unertraglichen Gewissheit, dass er Hawkwood wahrscheinlich nie wieder lebend sehen wurde.

Lee stand am Bug und starrte uber den Fluss. Backbord konnte er die Isle of Dogs sehen, eine flache, dunn besiedelte Insel, die aus Wiesen und sumpfigem Gelande bestand. Nur zwei Stra?en fuhrten von der Insel zum Festland: die Deptford und Greenwich Road am ostlichen Ufer verbanden isoliert liegende Werften und Betriebe mit dem Hinterland. Die Chapel House Road verlief mitten durch die Insel und verband das Fahrhaus an der sudlichen Biegung des Flusses mit dem Blackwall-Zugang zu den West India Docks. Lees Blick schweifte zum gegenuberliegenden Ufer. Dort lagen reihenweise Handelsschiffe vor Anker und warteten darauf, ihre Frachten in den gro?en Docks loschen zu konnen. An Steuerbord konnte er die Zufahrt zum No. 1 Commercial Dock sehen und daneben das kleinere East Country Dock an der Grenze zwischen den Grafschaften Surrey und Kent. Sudlich dieser Grenze lag der Dudman’s Yard, von dem aus Schiffe, die Gefangene ans andere Ende der Welt transportierten, mit allem Notigen versorgt wurden. Und etwa einen Kilometer flussabwarts lag die konigliche Marinewerft – sein Ziel.

Auf ein Zeichen des Amerikaners hin gab Sparrow dem Druck der Ruderpinne nach, sodass sich das Boot aus dem Wind drehte. Der Bug senkte sich. Und ohne die Brise hingen die Segel schlaff herunter.

Lee kniff die Augen zusammen und schnippte seinen Stumpen uber Bord. »Jetzt ist unsere Stunde gekommen, Sparrow.«

Sparrow befestigte das Ruder und ging zum Mast. Er brauchte nur ein paar Minuten, um die Segel zu raffen, den Mast am Scharnier umzulegen und auf Deck zu sichern.

Der Amerikaner tippte sich wie zum Salut an die Stirn und deutete auf die offene Luke. »Hier entlang, Captain Hawkwood.«

Hawkwood stand nur widerstrebend auf. Sparrow bohrte ihm wieder die Pistole ins Genick und drangte ihn vorwarts. Lee zwangte sich durch die schmale Offnung und Hawkwood blieb nichts anderes ubrig, als ihm zu folgen. Mit zwei Mannern gleichzeitig konnte er nicht kampfen. So bleib ihm nur die Hoffnung auf eine Revanche. Inzwischen war es am besten, Lees Anordnungen zu folgen.

Am unteren Ende der Leiter angekommen, trat Lee beiseite.

»Officer Hawkwood, willkommen auf der Narwal.«

Jago sturzte aus dem Lagerhaus und spuckte auf das Kopfsteinpflaster. Es war keine gute Idee gewesen, Hawkwood hierher zu folgen. Er hatte das Lagerhaus grundlich durchsucht und weder den Captain noch dieses mysteriose Unterseeboot entdeckt. Nur einen Toten, und nach dem, was Hawkwood ihm erzahlt hatte, konnte es sich nur um den Uhrmacher handeln. Was bedeutete, dass die Verschworer das Lagerhaus tatsachlich als Versteck benutzt hatten. Und Josiah Woodburn hatte sterben mussen, weil die Attentater ihn nicht mehr brauchten. William Lee verwischte seine Spuren.

Jetzt hie? es nur noch, schnellstmoglich James Read zu benachrichtigen.

Aber, wo zum Teufel, steckte Hawkwood?

Jago lief zum Ruderboot zuruck. Doch dann blieb er abrupt am Kai daruber stehen und starrte ins Wasser. Irgendetwas irritierte ihn. Plotzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Als er das Lagerhaus durchsuchte, hatte das zuvor geschlossene Tor des Ladekais zur Fahrrinne offen gestanden.

Anstatt das Lagerhaus und die Kais im Auge zu behalten, hatte ich lieber auf dem Fluss Ausschau halten sollen, dachte er. Und da ist noch etwas …

Das Blut unter der Leiche des alten Mannes war noch nicht geronnen.

Jago sah sich schnell um, blickte dann nach oben und lief los.

Die Balkone, die aus den obersten Stockwerken der Speicher und Lagerhauser am Fluss ragten, wurden Witwenstege genannt. Denn von dort aus pflegten die Frauen der Matrosen Ausschau nach den Schiffen zu halten, die ihre Manner nach Hause brachten. Vor Jahren noch hatte man an einem schonen Tag mit dem Fernrohr flussabwarts bis zur Isle of Dogs mit den East India Docks und daruber hinaus sehen konnen. An einigen alteren Gebauden gab es noch heute auf Sockeln montierte Fernrohre, damit Kaufleute und Schiffseigentumer so schnell wie moglich ihre heimkehrenden Handelsschiffe ausmachen konnten. Im Volksmund hei?t es, der fruhe Vogel fangt den Wurm. Das galt auch fur den Handel. Denn die Neuigkeit, dass ein Schiff heimkehrte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Ob Tee, Tabak, Gewurze oder Seidenstoffe – die zuerst eintreffende Fracht bestimmte die Preise. Ein Fernrohr bedeutete also Gewinn oder Verlust.

Auf dem Balkon des Wollwarenhandlers Maggot & Sons hielt Jago ein geliehenes Fernrohr vor sein rechtes Auge und suchte den Fluss ab. Ein Teil seines Gehirns sagte ihm zwar, dass es vergeblich sei, auf dem Wasser nach einem Schiff Ausschau zu halten, das unter Wasser schwimmen konnte, aber er musste einfach etwas tun. Und etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

Jago erinnerte sich an die Worte des Obersten Richters: Wir mussen logisch vorgehen.

Wenn das offene Tor ein Hinweis darauf war, dass das Unterseeboot im Lagerhaus versteckt gewesen und ausgelaufen war, so befand sich Hawkwood vielleicht an Bord. Welche Strecke konnte das Boot zuruckgelegt haben? Jago richtete das Fernrohr auf die stromabwarts segelnden Boote. Wie lang war das Boot? Sechs Meter? Sieben Meter? Also konzentrierte er sich auf die kleineren Wasserfahrzeuge.

Jago hatte nie an Wunder geglaubt, bis vor seiner Linse ein kleines dreieckiges graubraunes Segel auftauchte, das sich langsam am linken Themseufer flussabwarts bewegte. Er wischte sich den Schwei? aus den Augen und spahte wieder durch das Fernrohr. Er konnte den Mast erkennen. Zuerst glaubte er, es handele sich um einen Frachtsegler mit zwei vertauten Fassern, eins am Heck und das andere vor dem Mast. Ein Mann stand

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