versuchte, da? er bei allem, was au?erhalb seines medizinischen Fachgebiets lag, wie ein volliger Anfanger behandelt wurde. „Gibt es vielleicht nahe gelegene Planetensysteme, deren Bewohner Kenntnisse von der Physiologie der moglichen Uberlebenden haben?“
„Bei so einem Einsatz hatte ich eigentlich nicht erwartet, da? uns fur die Suche nach Freunden der Uberlebenden uberhaupt noch Zeit bleibt“, antwortete Fletcher.
Conway schuttelte den Kopf. „Dann lassen Sie sich eines Besseren belehren, Captain“, entgegnete er. „Nach den Erfahrungen des Hospitals mit Rettungsaktionen konnen die Sicherheitsvorrichtungen eines Schiffs die Uberlebenden mehrere Stunden oder sogar Tage am Leben erhalten, falls die Besatzung nicht schon innerhalb der ersten paar Minuten nach Eintreten der Katastrophe umgekommen ist. Au?erdem ist es besser und sicherer, bei einer vollkommen fremden Lebensform eine Behandlung mit schmerzlindernden Mitteln einzuleiten, wenn nicht gerade ein chirurgischer Notfall vorliegt und falls man ihn finden kann, einen Arzt der Spezies des Verletzten zu rufen. Im Fall der dwerlanischen Patientin hatten wir das auch getan, wenn die Verletzungen nicht so schlimm gewesen waren. Manchmal kann es sogar noch besser sein, uberhaupt nichts fur den Patienten zu tun und dem naturlichen Heilungsproze? ungestort freien Lauf zu lassen.“
Fletcher begann zu lachen, besann sich aber eines Besseren, als er Conways Ernst bemerkte, und tippte verlegen auf den Knopfen des Steuerpults herum. Im riesigen Astronavigationswurfel in der Mitte des Kontrollraums erschien eine dreidimensionale Sternkarte mit einem verschwommenen roten Punkt im Zentrum. In dem durch die Projektion dargestellten Rauminhalt befanden sich ungefahr zwanzig Sterne, von denen drei in bewegungslosen Spiralen und Kringeln aus leuchtender Materie lagen.
„Dieser verschwommene Fleck sollte eigentlich ein scharfer Lichtpunkt sein, der die Position des in Not geratenen Schiffs genau bezeichnet“, erklarte der Captain entschuldigend. „Bisher kennen wir alle Positionen nur im Umkreis der nachsten einhundertsechzig Millionen Kilometer. Diese Gegend ist bis jetzt von den Foderationsschiffen noch nicht vermessen, ja noch nicht einmal angeflogen worden, weil niemand erwarten wurde, in einem Sternhaufen, der sich noch in einer solch fruhen Entstehungsphase befindet, bewohnte Planeten vorzufinden. Jedenfalls deutet die gegenwartige Position des in Not geratenen Schiffs nicht automatisch darauf hin, da? es aus diesem Gebiet stammt, es sei denn, da? bereits kurz nach dem Sprung in den Hyperraum eine Funktionsstorung aufgetreten ist. Doch bei eingehenderer Untersuchung der wahrscheinlichen…“
„Was mir Kopfzerbrechen bereitet, ist, warum verungluckte Aliens nicht haufiger von den Angehorigen ihrer eigenen Spezies gerettet werden“, fragte Murchison schnell, als sie spurte, wie ein erneuter hochspezialisierter Vortrag uber sie hereinzubrechen drohte. „Das kommt doch sehr selten vor, oder?“
„Das stimmt“, antwortete Fletcher. „Es gibt aber Aufzeichnungen uber ein paar Falle, wo wir auf technisch interessante Wracks gesto?en sind, auf denen wir zwar noch ein paar Gegenstande wie extraterrestrische Pin-up- Fotos, Zeitschriften und solche Sachen gefunden haben, aber keine toten Aliens mehr an Bord waren. Die Leichname und auch eventuell uberlebende Schiffbruchige hatte man bereits geborgen und abtransportiert.
Es ist schon merkwurdig, aber bislang sind wir noch nie auf eine Spezies gesto?en, die keine Achtung vor ihren Toten gehabt hatte. Sie durfen auch nicht vergessen, da? ein Ungluck im All fur eine einzelne raumreisende Spezies ein ziemlich seltenes Ereignis darstellt und jeder von ihr organisierte Rettungseinsatz wahrscheinlich nicht umfangreich genug sein wurde und womoglich zu spat kame. Fur die Foderation hingegen, die sich uber die gesamte Galaxis erstreckt und viele Spezies umfa?t, sind Raumunfalle alles andere als selten. Im Gegenteil. Man rechnet sogar mit ihnen, und unsere Reaktionszeit auf jedes beliebige Ungluck ist deshalb au?erst gering, weil sich Schiffe wie dieses standig in Bereitschaft halten und wir es uns zum Ziel gesetzt haben, als erste am Unglucksort einzutreffen.
Aber wir haben vorhin uber die Schwierigkeiten bei der Ermittlung der ursprunglichen Kurskonstanten des zerstorten Schiffs gesprochen“, fuhr Fletcher fort, ohne sich von seinem eigentlichen Vortragsthema ablenken zu lassen. „Zunachst ist da einmal die Tatsache, da? zum Erreichen des Zielsystems haufig ein Umweg erforderlich ist. Diesen Umweg mu? ein Schiff in Gegenden mit ungewohnlicher Sternendichte, Schwarzen Lochern und ahnlichen Hindernissen im Normalraum nehmen, die au?erdem stellenweise gefahrliche Storungen im Hyperraum verursachen. Aus diesem Grund ist kaum ein Schiff in der Lage, sein Ziel in weniger als funf Sprungen zu erreichen. Au?erdem gibt es dabei noch die mit der Gro?e des Unglucksschiffs und der Anzahl seiner Hyperantriebsgeneratoren zusammenhangenden Faktoren zu bedenken. Am wenigsten Schwierigkeiten wirft ein kleines Schiff mit einem Generator auf. Aber wenn ein Schiff die gleiche Masse wie die Rhabwar hat und zwei gekoppelte Generatoren besitzt oder wegen seiner ungeheuren Gro?e vier oder gar sechs Antriebsgeneratoren benotigt… also, dann hangt alles davon ab, ob die Generatoren gleichzeitig oder nacheinander ausgefallen sind.
Unser eigenes und vermutlich auch das Schiff, nach dem wir im Moment suchen, ist mit Sicherheitsschaltungen ausgestattet, die alle Generatoren deaktivieren, sobald einer ausfallt“, fuhr Fletcher fort. „Aber auch diese Sicherheitsvorrichtungen sind nicht immer narrensicher, weil bei der Abschaltung des Generators schon eine Verzogerung um den Bruchteil einer Sekunde ausreicht, da? der mit ihm uber die Konstruktion verbundene Schiffsabschnitt in den Normalraum schie?t und sich losrei?t.
Durch die dabei auftretende unkontrollierte Bremsbewegung gerat das Wrackteil ins Trudeln und kommt vom ursprunglichen Kurs ab. Die ungeheure Erschutterung der Schiffskonstruktion fuhrt zumeist auch bei dem oder den restlichen Generatoren zum Ausfall, und durch die Wiederholung dieses Vorgangs kann solch eine Ereignisfolge, die sich innerhalb von Sekunden im Hyperraum abgespielt hat, zu einer Verteilung der Schiffswrackteile uber eine Distanz von mehreren Lichtjahren fuhren. Das ist auch der Grund, warum wir…“
Er unterbrach seinen belehrenden Vortrag, weil auf dem Steuerpult ein Lampchen aufleuchtete und Lieutenant Dodds in forschem Ton meldete: „Hier Astronavigation, Sir. Noch funf Minuten bis zum Sprung.“
„Entschuldigen Sie, Murchison“, sagte Fletcher. „Wir setzen die Besprechung ein andermal fort. Maschinenraum, bitte den Lagebericht.“
„Beide Hyperantriebsgeneratoren in optimalem Zustand, Sir.
Leistungsanpassung innerhalb des Sicherheitslimits“, entgegnete die Stimme von Chen.
„Lebenserhaltungssysteme?“
„Ebenfalls optimal“, erwiderte Chen. „Kunstliche Schwerkraft auf allen Deckebenen auf ein Ge eingestellt. Im Hauptverbindungsschacht, den Generatorgehausen und der Unterkunft des cinrusskischen Arztes auf null Ge.“
„Kommunikationsraum?“
„Immer noch nichts vom Hospital, Sir“, meldete Haslam.
„Na gut“, entgegnete Fletcher. „Maschinenraum, schalten Sie die Triebwerke ab, und halten Sie sich fur den Abbruch des Sprungs bis minus eine Minute bereit.“ Zur Seite gewandt, erklarte er Murchison und Conway: „Sobald namlich die letzte Minute lauft, konnen wir den Sprung nicht mehr abbrechen, ob nun ein Funkspruch vom Hospital kommt oder nicht.“
„Triebwerke abgeschaltet“, meldete Chen. „Beschleunigung null, alles in Bereitschaft.“
Als die Schiffsbeschleunigung zuruckging und die kunstlichen Schwerkraftgitter des Decks die Aufrechterhaltung der Gravitation von einem Ge ubernahmen, war ein kaum merkliches Schaukeln zu spuren. Ein Display auf dem Steuerpult des Captains zeigte die verbleibenden Minuten und Sekunden an. Die Stille wurde nur durch einen leisen Seufzer von Captain Fletcher unterbrochen, wahrend die Zahlen auf dem Display zur letzten Minute vorruckten. Und dann brachen die letzten drei?ig Sekunden an… „Hier Kommunikationsraum, Sir!“, meldete sich Haslam schnell.
„Funkspruch vom Orbit Hospital mit den korrigierten Koordinaten der Notsignalbake. Keine weiteren Mitteilungen.“
„Fur einen liebevollen Abschied hatten die wohl keine Zeit mehr“, bemerkte Fletcher mit einem nervosem Lachen. Bevor er jedoch weitersprechen konnte, erklang bereits der Gongton, der den Sprung ankundigte, und das Ambulanzschiff tauchte mitsamt der Besatzung in ein selbst erschaffenes Universum ein, in dem Wirkung und Gegenwirkung ungleich und die Geschwindigkeiten nicht durch die des Lichts begrenzt waren.
Instinktiv wanderten Conways Augen zum Sichtfenster und betrachteten durch die Scheibe hindurch die Innenflache der das Schiff umgebenden, flimmernden grauen Kugel. Zuerst erschien ihm die Oberflache als ein spiegelglattes, graues Hindernis ohne besondere Merkmale, aber nach und nach bekam er deutlich den Eindruck von Tiefe — viel zu gro?er Tiefe. Als er der sich verdrehenden und standig wechselnden grauen Perspektive mit den Pupillen zu folgen versuchte, wurden die Schmerzen in den Augenhohlen immer gro?er.
Ein Wartungsingenieur vom Hospital hatte ihm einmal erklart, da? Materie unabhangig von der durch die Zusammensetzung atomarer oder molekularer Bausteine entstehenden Form belebter oder unbelebter Korper im Hyperraum physikalisch uberhaupt nicht existierte. Den Physikern ware immer noch nicht ganz klar, warum sich das
