sein, und sie konnte ein neues Leben beginnen. Sie glitt in einen wundervollen, traumhaften Zustand hinein... ein paar Leute traten in ihr Zimmer und hoben sie auf einen Operationswagen... durch das dunne Krankenhemd an ihrem Rucken spurte sie die Kalte des Metalls. Sie wurde den Flur entlanggerollt und zahlte die Lampen an der Decke. Es schien ihr wichtig, da? sie sich nicht verzahlte, aber sie wu?te nicht genau warum. Sie wurde in den wei?en, antiseptischen Operationssaal gefahren und dachte: Hier wird mein Baby sterben. Keine Angst, kleiner Adam. Ich lasse nicht zu, da? sie dir weh tun. Und ohne es zu wollen, begann sie zu weinen. Dr. Linden beruhrte ihren Arm. »Keine Sorge. Es wird nicht weh tun.«
Tod ohne Schmerzen, dachte Jennifer. Das ist schon. Sie hatte ihr Baby lieb. Sie wollte nicht, da? man ihm weh tat.
Jemand legte ihr eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht, und eine Stimme sagte: »Tief einatmen.«
Jennifer fuhlte, wie Hande ihr Klinikhemd hochschoben und ihre Beine spreizten.
Gleich passiert es. Es passiert hier und jetzt. Mein kleiner Adam, mein kleiner Adam, mein kleiner Adam. »Entspannen Sie sich«, sagte Dr. Linden. Jennifer nickte. Lebe wohl, mein Baby. Sie spurte, wie sich ein Stahlinstrument zwischen ihren Schenkeln zu bewegen begann und langsam in sie hineinschlupfte. Es war der Finger des Todes, der ihr Baby ermorden wurde, wenn er es beruhrte. Sie horte eine fremde Stimme schreien. »Aufhoren! Aufhoren! Aufhoren!«
Und Jennifer blickte auf zu den uberraschten Gesichtern uber ihr und merkte, da? es ihre eigene Stimme war. Die Maske wurde fester gegen ihr Gesicht gepre?t. Sie wollte sich aufsetzen, aber die Lederriemen hielten sie unten. Sie wurde in einen Strudel gezogen, tiefer und immer tiefer. Sie ertrank. Das letzte, an das sie sich erinnerte, war das gro?e, wei?e Licht an der Decke, das um seine eigene Achse wirbelte, sich dann herabsenkte und in ihren Schadel eindrang.
Jennifer erwachte in ihrem Zimmer im Krankenhausbett. Durch das Fenster konnte sie sehen, da? es drau?en dunkel war. Ihr Korper fuhlte sich zerschlagen an, und sie fragte sich, wie lange sie bewu?tlos gewesen war. Sie war am Leben, aber ihr Baby... Sie tastete nach dem Klingelknopf an ihrem Bett und druckte ihn. Von Panik erfullt, fuhr sie fort, den Knopf zu drucken. Sie konnte nicht aufhoren.
Eine Schwester erschien im Turrahmen, dann verschwand sie schnell wieder. Einige Sekunden spater eilte Dr. Linden herein. Er trat an das Bett und zog Jennifers Finger sanft von dem Klingelknopf.
Jennifer griff wild nach seinem Arm und keuchte: »Mein Baby... es ist tot...!«
Dr. Linden sagte: »Nein, Mrs. Parker. Es lebt. Ich hoffe, es wird ein Junge werden. Sie haben immer wieder seinen Namen gerufen: Adam!«
28
Weihnachten nahte und ging voruber, und das neue Jahr, 1973, brach an. Der Februarschnee wurde von den Marzsturmen davongeweht, und Jennifer merkte, da? es an der Zeit war, mit der Arbeit aufzuhoren. Sie berief eine Konferenz der Mitarbeiter im Buro ein. »Ich nehme Urlaub«, verkundete sie. »Wahrend der nachsten funf Monate werde ich nicht dasein.« Uberraschtes Gemurmel erhob sich. Dan Martin fragte: »Aber wir konnen dich erreichen, nicht wahr?«
»Nein, Dan. Ich werde nicht zu erreichen sein.« Ted Harris blickte sie durch seine dicken Brillenglaser an. »Jennifer, du kannst doch nicht einfach...«
»Ich fahre Ende der Woche.« Ihr Ton war so bestimmt, da? keine weiteren Fragen kamen. Der Rest der Konferenz war den noch anhangigen Fallen gewidmet. Als alle anderen gegangen waren, fragte Ken Bailey: »Hast du dir das wirklich genau uberlegt?«
»Ich habe keine Wahl, Ken.«
»Ich wei? nicht, wer der Hurensohn ist, aber ich hasse ihn.« Jennifer legte ihm die Hand auf den Arm. »Dank' dir. Ich werde es schaffen.«
»Es wird verdammt hart werden, wei?t du das? Kinder werden erwachsen. Sie stellen Fragen. Er wird wissen wollen, wer sein Vater ist.«
»Damit werde ich fertig.«
»Okay.« Seine Stimme wurde sanft. »Wenn ich irgend etwas fur dich tun kann, egal was - ich bin immer fur dich da.« Sie umarmte ihn. »Danke, Ken. Ich - ich danke dir.«
Jennifer sa? noch lange, nachdem alle anderen gegangen waren, allein im Dunkel des Buros und dachte nach. Sie wu?te, da? sie Adam immer lieben wurde. Nichts konnte das jemals andern. Und sie war sicher, da? auch er sie noch liebte. Irgendwie, dachte sie, ware es einfacher, wenn er mich nicht mehr liebte. Es war eine unfa?bare Ironie des Schicksals, da? sie einander liebten und nicht zusammen sein konnten, da? ihrer beider Leben sich weiter und weiter voneinander entfernen wurden. Adams Leben wurde von nun an in Washington mit Mary Beth und ihrem Kind weitergehen. Vielleicht wurde er eines Tages ins Wei?e Haus ziehen. Jennifer dachte an ihren eigenen Sohn, der heranwuchs und dann wissen wollte, wer sein Vater war. Sie wurde es ihm nie sagen konnen, so wie Adam nie erfahren durfte, da? sie ihm ein Kind geboren hatte, denn das wurde ihn zerstoren.
Und wenn es irgend jemand sonst erfuhr, wurde es Adam ebenfalls zerstoren, nur auf eine andere Weise.
Jennifer hatte beschlossen, ein Haus auf dem Land zu kaufen -irgendwo au?erhalb von Manhattan, wo sie und ihr Sohn zusammen in ihrer eigenen kleinen Welt leben konnten. Sie fand das Haus durch reinen Zufall. Sie war auf dem Weg zu einem Mandanten in Long Island gewesen und hatte den Long Island Expressway bei der Abfahrt 36 verlassen, war dann falsch abgebogen und hatte sich in Sands Point wiedergefunden. Die Stra?en waren ruhig und von schlanken, anmutigen Baumen uberschattet, die Hauser standen nicht direkt an der Stra?e, sondern lagen alle inmitten eines eigenen kleinen Gartens. An einem dieser wei?en, im Kolonialstil erbauten Hauser in der Sands Point Road hing ein Schild mit der Aufschrift Zu verkaufen. Das Grundstuck war eingezaunt, und ein schones, schmiedeeisernes Tor versperrte den Zugang zu einer von Lampenpfosten gesaumten Auffahrt. Zu beiden Seiten der Auffahrt erstreckte sich Rasen, und Eiben verbargen das Haus. Von der Stra?e aus sah es hinrei?end aus. Jennifer notierte den Namen des Maklers und machte fur den nachsten Nachmittag einen Besichtigungstermin aus.
Der Makler war einer jener kernigen, standig unter Hochdruck stehenden Geschaftsleute, die Jennifer verabscheute. Aber sie kaufte ja nicht sein Wesen, sondern ein Haus. Er sagte: »Es ist eine Perle. Jawoll, eine richtige Perle. Mindestens hundert Jahre alt, und dazu noch in Tipptopp-Verfassung. Absolut Tipptopp.« Tipptopp war in jedem Fall eine Ubertreibung. Die Zimmer waren luftig und geraumig, aber sie bedurften dringend einiger Reparaturen. Es ware schon, dieses Haus wiederherzustellen und einzurichten, dachte Jennifer. Im ersten Stock, gegenuber vom gro?en Schlafzimmer lag ein Raum, der gut in ein Kinderzimmer verwandelt werden konnte. Sie wurde ihn in Blau und... »Wollen Sie mal durch den Garten gehen?« Das Baumhaus gab den Ausschlag. Es erhob sich auf einer Plattform hoch oben in einer stammigen Eiche. Das Baumhaus ihres Sohnes. Das ganze Grundstuck umfa?te etwa drei Morgen, und der Rasen hinter dem Haus fiel sacht ab bis zum Sund, in den ein Anlegeplatz ragte. Es war eine wundervolle Umgebung fur ein heranwachsendes Kind, mit viel Platz zum Herumtollen. Spater wurde er ein kleines Boot bekommen. Hier hatten sie alle Abgeschlossenheit, die sie brauchten, denn Jennifer war entschlossen, da? dies eine Welt ausschlie?lich fur sie und ihr Kind bleiben sollte. Am nachsten Tag kaufte sie das Haus.
Jennifer hatte keine Vorstellung gehabt, wie schmerzlich es sein wurde, die Wohnung in Manhattan zu verlassen, die sie mit Adam geteilt hatte. Sein Bademantel und die Pyjamas waren noch da, ebenso seine Slipper und der Rasierpinsel. Jeder Raum war bewohnt von hundert Erinnerungen an Adam, Erinnerungen an eine schone, tote Vergangenheit. Jennifer packte so schnell wie moglich und verlie? die Wohnung.
Im neuen Haus beschaftigte sie sich vom fruhen Morgen bis spat in den Abend, damit sie keine Zeit hatte, an Adam zu denken. Sie besuchte Geschafte in Sands Point und Port Washington, um Mobel und Vorhange zu bestellen. Sie lie? ortsansassige Handwerker kommen, die die defekten Installationen, das undichte Dach und die altersschwachen elektrischen Leitungen reparierten. Von der Morgenrote bis zur Dammerung wimmelte es im Haus von Malern, Teppichlegern, Elektrikern und Tapezierern. Jennifer war uberall zugleich und uberwachte den Fortschritt der Arbeiten. Sie trieb sich selbst tagsuber bis zur Erschopfung an, in der Hoffnung, nachts schlafen zu konnen, aber die Damonen waren wieder da und folterten sie mit unaussprechlichen Alptraumen. Sie suchte Antiquitatengeschafte heim, kaufte Lampen, Tische und Kunstwerke. Sie kaufte einen Springbrunnen und Statuen
