Gehirn aus dem Schadel! Soll ich es dir noch buchstabieren?«
»Nein«, stammelte Nick Vito. »Es ist nur, ich - ich - ich dachte - Sal und Joe sind deine besten Leute!« Michael Moretti stand auf. Seine Augen blickten gefahrlich. »Willst du mir erzahlen, wie ich meine Geschafte zu fuhren habe, Nick?«
»Nein, Mike. Ich - klar! Ich kummere mich um sie. Wann...?«
»Jetzt. Jetzt gleich. Sie erleben den Mondaufgang heute abend nicht mehr. Hast du kapiert?«
»Ja. Kapiert, Bo?.«
Michaels Hande ballten sich zu Fausten. »Wenn ich die Zeit dazu hatte, wurde ich es selber erledigen. Ich mochte, da? es ihnen weh tut. Mach es langsam, Nick. Suppilu, suppilu.«
»Klar. Okay.«
Die Tur flog auf, und Tony sturzte herein, aschgrau im Gesicht. »Da drau?en sind zwei FBI-Beamte mit einem Haftbefehl gegen dich. Ich schwore bei Gott, da? ich keine Ahnung habe, woher sie wissen, da? du hier bist.« Michael Moretti wandte sich an Nick Vito und schnappte: »Los, hinten heraus. Beweg dich schon!« Er blickte Tony an. »Sag ihnen, ich bin auf der Toilette. Ich komme gleich.« Michael hob den Horer ab und wahlte eine Nummer. Eine Minute spater sprach er mit einem Richter des Obersten Gerichtshofs von New York.
»Drau?en sind zwei FBI-Leute mit einem Haftbefehl gegen mich.«
»Wessen werden Sie beschuldigt, Mike?«
»Das wei? ich nicht, und es ist mir auch schei?egal. Ich rufe Sie an, damit Sie sich darum kummern, da? ich auf Kaution freigelassen werde. Ich habe keine Lust, hinter Schlo? und Riegel zu kommen. Ich habe einiges zu tun.« Ein kurzes
Schweigen folgte, und dann sagte der Richter vorsichtig: »Ich furchte, dieses Mal werde ich Ihnen nicht helfen konnen, Mike. Uberall ist die Holle los, und wenn ich mich einmische...«
Als Michael antwortete, hatte seine Stimme einen unheilvollen Klang. »Horen Sie zu, Sie Arschloch, und horen Sie gut zu. Wenn ich auch nur eine einzige Stunde im Gefangnis verbringen mu?, sorge ich dafur, da? Sie fur den Rest Ihres Lebens hinter Gitter gebracht werden. Ich habe mich Ihrer sehr lange angenommen. Wollen Sie, da? ich dem Staatsanwalt erzahle, wie viele Falle Sie fur mich in Ordnung gebracht haben? Wollen Sie, da? ich dem Finanzamt die Nummer Ihres Schweizer Bankkontos gebe? Wollen Sie...«
»Um Himmels willen, Michael!« »Dann setzen Sie Ihren Arsch in Bewegung.« »Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte Richter Lawrence Waldman. »Ich werde versuchen...«
»Versuchen, Schei?e! Tun Sie es! Horen Sie mich, Larry? Tun Sie es!« Er schmetterte de n Horer auf den Apparat. Sein Verstand arbeitete glatt und kuhl. Er bereitete sich wegen der beiden FBI-Beamten keine Sorgen mehr. Er wu?te, da? Richter Waldman tun wurde, was er ihm befohlen hatte, und er konnte sicher sein, da? Nick Vito sich Fiores und Colellas annahm. Ohne ihre Aussagen konnte die Regierung ihm nichts, aber auch gar nichts nachweisen. Michael blickte in den kleinen Wandspiegel, kammte sich das Haar zuruck, korrigierte den Sitz seines Krawattenknotens und ging dann zu den beiden FBIBeamten hinaus.
Richter Lawrence Waldman hatte Erfolg, wie Michael es vorhergesehen hatte. Bei der Voruntersuchung verlangte ein von Richter Waldman ausgesuchter Anwalt, Moretti auf Kaution freizulassen, und die Hohe der Summe wurde auf funfhunderttausend Dollar festgesetzt.
Wutend und enttauscht sah Robert Di Silva Michael Moretti aus dem Gerichtssaal wandern.
58
Nick Vito war ein Mann von begrenzter Intelligenz. Sein Wert fur die Organisation bestand darin, da? er Befehle ausfuhrte, ohne Fragen zu stellen, und da? er effektiv arbeitete. Hundertmal schon hatte er in Revolvermundungen gestarrt oder einen Lichtstrahl uber eine Messerklinge huschen sehen, aber Furcht war ihm immer ein Fremdwort geblieben. Jetzt kannte er es. Jenseits seines Begriffsvermogens ging etwas vor, und er hatte das Gefuhl, da? er irgendwie dafur verantwortlich war.
Den ganzen Tag hatte er von nichts anderem gehort als von Razzien und einer Welle von Verhaftungen. Den Geruchten nach lief ein Verrater frei herum, jemand ganz hoch oben in der Organisation. Sogar mit seiner begrenzten Auffassungsgabe konnte Nick Vito die Tatsachen, da? er Thomas Colfax lebengelassen und da? kurz darauf jemand angefangen hatte, die Familie an die Behorden zu verraten, miteinander in Verbindung bringen. Vito wu?te, da? es weder Fiore noch Colella sein konnten. Die beiden Manner waren wie Bruder fur ihn, und Michael Moretti genauso loyal ergeben wie er. Aber es gab keine Moglichkeit, Michael das zu erklaren, zumindest keine, die nicht bedeutete, da? er als Hackfleisch enden wurde; denn der einzige, der noch als Verrater in Frage kam, war Thomas Colfax, und der war angeblich tot. Nick Vito steckte in der Zwickmuhle. Er liebte den Riesen und die Pusteblume. Fiore und Colella hatten ihm in der Vergangenheit Dutzende von Gefallen erwiesen, genauso wie Thomas Colfax; aber er hatte Colfax aus der Klemme geholfen, und das hatte er jetzt davon. Also beschlo? Nick Vito, nicht noch einmal auf sein weiches Herz zu horen. Es ging um sein Leben, und jeder war sich selbst der nachste. Wenn er Fiore und Colella erst getotet hatte, war er aus den roten Zahlen. Aber weil er fur sie wie fur Bruder fuhlte, wurde er sie schnell sterben lassen.
Es war einfach fur Nick Vito, herauszufinden, wo sie sich aufhielten, denn sie mu?ten immer erreichbar sein, fur den Fall, da? Michael sie brauchte. Der kleine Salvatore Fiore war zu Besuch in der Wohnung seiner Geliebten an der 83. Stra?e in der Nahe des Naturkundemuseums. Nick wu?te, da? er von dort regelma?ig um funf zu seiner Frau nach Hause ging. Es war jetzt drei. Nick uberlegte hin und her. Er konnte vor dem Eingang des Appartementhauses warten oder nach oben gehen und Salvatore innerhalb der Wohnung erledigen. Aber eigentlich war er zu nervos, um zu warten. Und die Tatsache, da? er nervos war, lie? ihn noch nervoser werden. Die ganze Sache begann, ihm an die Nieren zu gehen. Wenn alles vorbei ist, dachte er, werde ich Mike um einen Urlaub bitten. Vielleicht schnappe ich mir ein paar junge Madchen und fahre auf die Bahamas. Der Gedanke allein besserte seine Stimmung schon erheblich. Nick Vito parkte seinen Wagen um die Ecke und ging dann zu dem Appartementhaus. Er offnete die Eingangstur mit einem Zelluloidstreifen, lie? den Fahrstuhl links liegen und ging die Treppe zum dritten Stock hinauf. Er naherte sich der Tur am Ende des Korridors und hammerte mit der Faust dagegen. »Aufmachen! Polizei!«
Er horte hastige Gerausche hinter der Tur, und einige Momente spater wurde sie geoffnet, soweit die schwere Sicherheitskette es zulie?. Vito sah das Gesicht und Teile des nackten Korpers von Marina, Salvatore Fiores Geliebter. »Nick!« sagte sie. »Du verruckter Idiot. Du hast mir eine Heidenangst eingejagt!«
Sie nahm die Kette von der Tur und offnete sie. »Sal, es ist Nick!«
Salvatore Fiore kam nackt aus dem Schlafzimmer. »He, Nick, Junge! Was, zum Teufel, machst du hier?«
»Sal, ich habe eine Nachricht von Mike fur dich.« Nick Vito hob eine 22er Automatic mit Schalldampfer und druckte ab. Der Hammer traf die Patrone Kaliber 22 und schleuderte sie mit einer Geschwindigkeit von tausend Fu? in der Sekunde aus der Mundung. Die erste Kugel zerschmetterte Salvatore Fiores Nasenrucken. Die zweite Kugel lie? sein linkes Auge zerplatzen. Als Marina den Mund aufri? und schrie, wandte sich Nick Vito um und jagte ihr die dritte Kugel direkt in den Rachen. Sie sturzte zu Boden, und er scho? noch einmal auf ihre Brust, nur um sicherzugehen. Eine Verschwendung, so ein tolles Weib umzulegen, dachte Nick, aber Mike wurde es gar nicht gefallen, wenn ich irgendwelche Zeugen zurucklasse.
Joseph Colellas Pferd startete im achten Rennen im Belmont Park auf Long Island. Die Distanz in Belmont betrug anderthalb Meilen, die ideale Lange fur eine junge Stute wie seine. Er hatte Nick geraten, auf sie zu setzen. In der Vergangenheit hatte Nick mit seinen Tips eine Menge Geld gewonnen, Colella setzte immer ein paar Dollar fur Nick, wenn seine Pferde an den Start gingen. Als Nick Vito auf Colellas Box zuging, bedauerte er die Tatsache, da? er in Zukunft auf die Tips wurde verzichten mussen. Das achte Rennen hatte gerade begonnen. Die Borse war hoch, und die Zuschauer schrien und johlten, als die Pferde zum erstenmal um die Bahn waren. Nick Vito trat hinter Colella in die Box und fragte: »Wie stehen die Aktien, Kumpel?«
»He, Nick! Du bist gerade rechtzeitig gekommen. Beauty Queen gewinnt, sage ich dir. Ich habe etwas Geld fur dich gesetzt.«
»Prima, Joe.«
Nick Vito pre?te die automatische Pistole gegen Joseph Colellas Wirbelsaule und feuerte dreimal durch den Mantelstoff. Die erstickten Gerausche gingen im Larm der Menge unter. Nick sah Joseph Colella zu Boden sinken.
