Er uberlegte einen Augenblick, ob er die Wettscheine aus Colellas Tasche nehmen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Schlie?lich konnte das Pferd ja auch verlieren. Er drehte sich um und ging ohne Eile zum Ausgang, ein Mann ohne Gesicht unter tausend anderen.
Michael Morettis Privatapparat klingelte. »Mr. Moretti?« »Wer will mit ihm reden?« »Hier spricht Captain Tanner.«
Michael brauchte eine Sekunde, um den Namen unterzubringen. Ein Captain. Revier in Queens. Auf der Gehaltsliste. »Moretti am Apparat.«
»Ich habe gerade etwas erfahren, das Sie interessieren durfte.«
»Von wo rufen Sie an?«
»Aus einer offentlichen Telefonzelle.«
»Weiter.«
»Ich habe herausgefunden, von wem der ganze Arger ausgeht.«
»Sie sind zu spat dran. Man hat sich ihrer bereits angenommen.« »Ihrer? Oh. Ich habe nur von Thomas Colfax gehort.« »Sie wissen ja gar nicht, was Sie reden. Colfax ist tot.«
Jetzt war Captain Tanner verwirrt. »Wovon reden Sie denn da? Thomas Colfax sitzt gerade jetzt im Marinestutzpunkt Quantico und singt sich die Kehle aus dem Leib, sobald jemand nur den Taktstock hebt.«
»Sie mussen den Verstand verloren haben«, schnappte Michael. »Zufallig wei? ich...« Er hielt inne. Was wu?te er eigentlich? Er hatte Nick Vito aufgetragen, Thomas Colfax umzulegen, und Vito hatte behauptet, er habe den Auftrag erledigt. Michael dachte nach. »Wie sicher sind Sie sich Ihrer Sache, Tanner?«
»Mr. Moretti, wurde ich Sie anrufen, wenn ich nicht sicher ware?«
»Ich prufe das nach. Wenn Sie recht haben, schulde ich Ihnen einen Gefallen.«
»Danke, Mr. Moretti.«
Zufrieden mit sich selber legte Captain Tanner den Horer auf. Bisher war Michael Moretti immer ein au?erst gro?zugiger Mensch gewesen. Diesmal konnte er den gro?en Schnitt machen, der es ihm ermoglichen wurde, sich zuruckzuziehen. Er trat aus der Telefonzelle in die kalte Oktoberluft. Vor der Zelle standen zwei Manner, und als der Captain um sie herumgehen wollte, verstellte ihm einer von ihnen den Weg. Er hielt einen Ausweis hoch.
»Captain Tanner? Ich bin Lieutenant West, Abteilung fur Innere Sicherheit. Der Polizeicommissioner mochte sich gern einmal mit Ihnen unterhalten.«
Michael Moretti legte langsam den Horer auf. Mit geradezu animalischem Instinkt wu?te er plotzlich, da? Nick Vito ihn belogen hatte. Thomas Colfax lebte noch. Das erklarte die ganzen Vorkommnisse. Er war der Verrater. Und Michael hatte Nick Vito losgeschickt, um Fiore und Colella umzulegen. Mein Gott, war er blode gewesen. Geleimt von einem stumpfsinnigen, bezahlten Revolvermann, der ihn dazu gebracht hatte, seine beiden besten Manner fur nichts und wieder nichts zu verschwenden. Eisiger Zorn stieg in ihm auf.
Er wahlte eine Nummer und sprach kurz in den Horer. Danach erledigte er einen weiteren Anruf, ehe er sich zurucklehnte und wartete.
Als Nick Vito anrief, mu?te Michael sich dazu zwingen, seine Stimme frei von der Wut zu halten, die in ihm tobte. »Wie ist es gelaufen, Nick?«
»Gut, Bo?. Wie du es haben wolltest. Die beiden haben ganz schon gelitten.«
»Ich kann mich immer auf dich verlassen, Nick, nicht wahr?«
»Das wei?t du doch, Mike.«
»Nick, ich mochte dich noch um einen letzten Gefallen bitten. Einer der Jungs hat einen Wagen an der Ecke York 95. Stra?e stehenlassen. Es ist ein brauner Camaro. Die Schlussel liegen hinter der Sonnenblende. Wir brauchen den Wagen fur einen Job heute abend. Wurdest du ihn herfahren?«
»Klar, Bo?. Wie schnell brauchst du ihn? Ich wollte eigentlich...«
»Ich brauche ihn jetzt. Sofort, Nick.«
»Ich bin unterwegs.«
»Goodbye, Nick.«
Michael legte den Horer wieder auf. Er wunschte sich, dabei sein und zusehen zu konnen, wie Nick sich selber in die Holle sprengte, aber er hatte noch eine eilige Sache zu erledigen. Jennifer Parker wurde bald auf dem Ruckweg sein, und er wollte alles fur sie vorbereitet haben.
59
Hier geht es zu wie bei den Dreharbeiten zu einem gottverdammten Hollywoodfilm, dachte Generalmajor Roy Wallace, und mein Gefangener ist der Star.
Der gro?e Konferenzraum der Marinebasis war mit Technikern der Nachrichtentruppe uberflutet, die Kameras, Scheinwerfer und Mikrofone aufstellten und sich dabei einer unverstandlichen Geheimsprache bedienten. Sie bereiteten alles vor, um Thomas Colfax' Zeugenaussage aufzunehmen. »Eine zusatzliche Sicherheitsvorkehrung«, hatte Staatsanwalt Di Silva argumentiert. »Wir wissen, da? niemand an ihn herankommen kann, aber es ist in jedem Fall gut, wenn wir ihn noch auf Film haben.« Die anderen hatten ihm zugestimmt. Der einzige, der nicht anwesend war, war Thomas Colfax. Er wurde erst in letzter Minute hereingebracht werden, wenn alles fur ihn bereit war. Wie ein gottverdammter Filmstar.
In seiner Zelle hatte Thomas Colfax ein Gesprach mit David Terry vom Justizministerium, dem Mann, der fur Zeugen, die unterzutauchen wunschten, neue Identitaten schuf. »Lassen Sie mich Ihnen das Sicherheitsprogramm des Bundes fur seine Zeugen erlautern«, sagte Terry. »Wenn die Verhandlung vorbei ist, schicken wir Sie in jedes Land, das Ihnen gefallt. Ihre Wohnungseinrichtung und Ihr restlicher Besitz wird, mit einer Codenummer versehen, in ein Lagerhaus in Washington geschafft. Wir stellen sie Ihnen dann spater zu. Es gibt keine Moglichkeit, fur niemanden, Ihnen auf der Spur zu bleiben. Wir versorgen Sie mit einer neuen Identitat, einer neuen Vergangenheit und, wenn Sie wollen, sogar mit einem neuen Au?eren.«
»Darum kummere ich mich selber.« Colfax traute keinem. Er allein wurde wissen, wie seine neue Erscheinung ausfallen wurde.
»Normalerweise kummern wir uns auch darum, fur die Leute, denen wir eine neue Identitat gegeben haben, Jobs zu finden, und wir versorgen sie mit etwas Geld. In Ihrem Fall durfte das Geld kein Problem sein.«
Thomas Colfax fragte sich, was David Terry sagen wurde, wenn er gewu?t hatte, wieviel Geld der consigliere tatsachlich auf Konten in Deutschland, der Schweiz und Hongkong gehortet hatte. Sogar Colfax selber war nicht fahig gewesen, immer den Uberblick zu behalten, aber eine vorsichtige Schatzung wurde sich auf neun oder zehn Millionen Dollar belaufen. »Nein«, sagte er. »Ich glaube nicht, da? Geld ein Problem sein wird.«
»Um so besser. Zuerst mussen wir uns uberlegen, wohin Sie wollen. Haben Sie eine bestimmte Gegend im Auge?« Es war eine au?erst einfache Frage, und doch stand soviel dahinter. In Wirklichkeit fragte der Mann: Wo wollen Sie den Rest Ihres Lebens verbringen? Denn Colfax wu?te, da?, wohin auch immer er ging, er nie wieder zuruckkehren konnte. Es wurde seine neue Heimat, sein Schutzschild werden, und nirgendwo sonst in der Welt wurde er noch sicher sein.
»Brasilien.«
Es war eine logische Wahl. Er besa? dort bereits eine im Namen einer panamesischen Firma erworbene Zweihunderttausend-Morgen-Plantage, die nicht zu ihm zuruckverfolgt werden konnte. Die Plantage selber war eine Festung. Er konnte es sich au?erdem leisten, sich soviel Schutz zu kaufen, da? sogar Michael Moretti, sollte er jemals erfahren, wo er sich aufhielt, ihm nichts anzuhaben vermochte. Er konnte sich alles kaufen, inklusive jeder Frau, die er haben wollte. Er liebte lateinamerikanische Frauen. Die meisten Leute dachten, da? ein Mann sexuell am Ende war, wenn er die Sechzig erreicht hatte, da? Frauen ihn nicht mehr interessierten, aber Colfax hatte festgestellt, da? sein Appetit mit dem Alter noch gestiegen war. Sein Lieblingssport waren zwei oder drei schone Frauen mit ihm im gleichen Bett, die ihm eine richtige Kopf-bis-Fu?-Behandlung gaben. Je junger, desto besser. »Brasilien wird sich leicht arrangieren lassen«, sagte David Terry. »Die Regierung wird Ihnen dort ein kleines Haus kaufen, und...«
»Das wird nicht notig sein.« Colfax hatte beinahe laut gelacht uber den Gedanken, in einem kleinen Haus leben zu mussen. »Alles, was ich von Ihnen will, ist eine neue Identitat und sicherer Transport. Um alles andere kummere ich mich selber.«
