»Nicht toten!«, horte ich hinter mir die Stimme Oma Adas. »Nicht toten!«

Eine harte, kalte Welle traf mich in den Rucken.

Fuhlt es sich etwa so an, wenn man stirbt?

Die Beine knickten ein, die Arme wurden kraftlos, sogar das Atmen fiel schwer. Aber ich lief weiter, die Schlange zog meinen Korper, zwang die Beine weiterzuschreiten — unter immer neuen Schlagen der Paralysatoren.

Ich lief, bis die lahmenden Strahlen meine Nerven derma?en blockierten, dass auch die Schlange nicht mehr in der Lage war, meine Muskeln zu zwingen, sich zu bewegen. Der Boden kam auf mein Gesicht zu, vor meinen Augen sah ich Blut, das aus meiner zerschlagenen Nase lief, aber ich spurte keinen Schmerz. Fremde starke Hande drehten mich um, durchsuchten mich, rissen mir die Kleidung vom Leib, und einige Gestalten mit Schutzfeldpanzerung rissen mir das Schwert weg, als ob sie eine giftige Schlange gefangen hatten.

Von weit her, wie durch eine dicke Decke, vernahm ich die Stimme Oma Adas: »Bringt den Jungen ins Lazarett! Ihr haftet mit eurem Kopf fur ihn!«

Aber nach kurzer Zeit, als sie selbst ins Lazarett gebracht wurde, schlugen sie auf mich ein.

Gut, dass es uberhaupt nicht wehtat. An das Lazarett konnte ich mich so gut wie nicht erinnern. Ich hatte den Eindruck, dass es weder die Krankenstation auf dem Kosmodrom noch ein stadtisches Krankenhaus war, sondern ein Kriegslazarett auf einem Raumschiff, das im Hafen stationiert war. Dort hatte man entschieden mehr Erfahrung bei der Behandlung Gelahmter — bei Manovern wurden an Stelle echter Blaster stets Paralysatoren verwendet wie auch beim Entern im Kosmos, um die Schutzschicht nicht zu beschadigen.

Als erste neblige Erinnerung spurte ich, wie es in meinem ganzen Korper kribbelte.

Als ob ich in kaltes Wasser gesprungen ware. Nicht schmerzhaft, eher angenehm.

Danach konnte ich die Augen offnen. Ich erblickte einige Personen in hellgrunen Kitteln. An meinem Arm war ein Tropf angelegt, uber den Korper strichen irgendwelche summenden Gerate. An den Stellen, uber die sie gefuhrt wurden, verschwand das Taubheitsgefuhl.

»Lieg ruhig«, befahl man mir. Nicht gerade grob, aber ohne jegliches Mitgefuhl.

Ich schloss die Augen und lag ruhig.

Ich hatte es nicht geschafft. Ich konnte Ada Schnee nicht toten. Stasj war verhaftet oder gefallen. Inej wurde weiter gegen das Imperium kampfen und wahrscheinlich gewinnen.

Vielleicht sollte es so sein?

Vielleicht hatte Ada Schnee Recht und die Foderation des Inej wurde besser als das alte Imperium?

Ich bemuhte mich, nicht daran zu denken.

Dann musste ich aufstehen, ich konnte mich wieder selbstandig bewegen. Ich bekam Kleidung, einen etwas zu gro?en Schlafanzug und Hausschuhe und wurde durch Korridore gefuhrt. Danach fehlte ein Stuck Gedachtnis, vielleicht wurde ich unter dem Einfluss von Wahrheitsdrogen verhort, vielleicht war ich auch einfach nur in Ohnmacht gefallen.

Die neue Erinnerung kam unerwartet, ahnelte eher einem Traum als der Wirklichkeit: ein kleines Zimmerchen mit Doppelstockbetten, Stasj, Lion und Natascha. Ich wurde ins Bett gelegt und war eingeschlafen, kaum dass mein Gesicht das Kopfkissen beruhrte.

Ich erwachte durch eine gedampfte Unterhaltung.

Stasj sprach, und zwar mit seiner normalen Stimme: »Realistisch gesehen hatte ich keine Chance. Die Gegenspionage war daran interessiert, die Handlungen zu beobachten, aber ihnen war klar, dass es zu riskant war, uns in den Kosmos fliegen zu lassen. Ehrlich gesagt, hatte ich lediglich darauf gesetzt, dass das Raumschiff startbereit war.«

»Und man konnte es nicht von Hand starten?«, fragte Lion.

»Es lag nicht am blockierten Computer. Wenn ich es richtig verstehe, wurde der Reaktor abgeschaltet. Daher fehlten dem Raumschiff augenblicklich Geschwindigkeit, Feuerkraft und die Moglichkeit der Selbstvernichtung.«

»Aber das hast du doch nicht vorab gewusst?«, fragte Lion.

»Nein, das wusste ich nicht. Sonst hatte ich den Navigationsraum gar nicht erst erobert. Niemand braucht uberflussige Opfer.«

»Aber du hast ihnen Feuer unter dem Hintern gemacht«, wurde Stasj von Lion gelobt. »Sie wissen jetzt, was ein Phag ist.«

Stasj lachte: »Das wissen sie auch so. Aber es gibt immer Grenzen, hinter denen Widerstand dumm und unnotig wird. Sieh lieber nach, wie es Tikkirej geht. Sein Atemrhythmus hat sich verandert.«

»Ich schlafe nicht«, sagte ich und setzte mich im Bett auf.

Es war doch eine Gefangniszelle. Sehr sauber, akkurat, fast gemutlich. Aber eine Zelle. Mit drei Doppelstockbetten, einem am Fu?boden angeschraubten Tisch und einer Toilette in der Ecke hinter einer niedrigen Abtrennung.

Und hier fanden sich alle wieder: Stasj, immer noch mit einem gewaltigen Bauch, aber Gesicht und Hande waren seine eigenen; Lion, der auf dem Bett neben ihm sa?; Alex — er lag oben und schien zu schlafen, und au?erdem Natascha und… der alte Semetzki! Sie unterhielten sich leise uber personliche Dinge, Natascha nickte mir lediglich zu und wandte sich ab, um ihre verweinten Augen zu verbergen. Der alte Semetzki lachelte ermutigend. Der Invalide hatte keinen Rollstuhl, seine Beine waren in eine dunne rote Decke mit einer Inventarnummer auf einem wei?en Pad gewickelt.

»Wie geht es dir, Tikkirej?«, erkundigte sich Stasj.

»Gut.« Ich wedelte mit den Armen. Der Korper bewegte sich normal, als ob ich niemals ein unbeweglicher Holzklotz gewesen ware. »Habe ich lange geschlafen?«

»Ungefahr zwei Stunden. Es scheint ganz so, als ob du eine gehorige Portion von den Paralysatoren abbekommen hattest.«

»Ja.« Ich schaute Stasj in die Augen. »Ich habe versucht, Ada Schnee zu toten.«

»Wer ist Ada Schnee?«

War ihm dieser Name vielleicht wirklich unbekannt?

»Die Matrize«, antwortete ich kurz.

Stasj reagierte sofort. »Die Matrize von Inna Snow?«

»Ja. Stasj, hast du gewusst, dass Frau Prasidentin Snow nur eine der Klone ist?«

»Wir gingen davon aus«, sagte Stasj und nickte. Ich wandte meinen Blick nicht von ihm, und er fuhr unwillig fort: »Ja, ich wusste es, ich wusste es. Einer der von uns gefangenen Klone war nur funf Jahre junger als Inna Snow. Es ist kaum moglich, dass sich ein funfjahriges Madchen selbst klonen kann.«

»Ada Schnee ist die Matrize von Inna Snow«, erklarte ich. »Sie hat zweitausend Klone. Sie regieren gemeinsam. Viele teilen ein gemeinsames Bewusstsein, aber einige haben es abgelehnt.«

Stasj nickte. Ich berichtete ihm nichts Neues.

»Stasj, wusstest du, dass ich auch ein Klon bin?«, fragte ich ohne Umschweife.

Lion entgleiste das Gesicht. Natascha schrie erstaunt auf und drangte sich an den Urgro?vater. Alex walzte sich herum, beugte sich vom oberen Bett herab und schaute mich aufmerksam an, dann lachte er auf und legte sich wieder hin. Sein ganzes Gesicht war zerschrammt und voller blauer Flecken, als ob er geschlagen wurde, aber nicht vor kurzem, sondern schon vor ein paar Tagen. Einem Madchen ahnelte der junge Phag mittlerweile kein bisschen mehr.

»Ich wusste es«, antwortete Stasj.

»Von Anfang an?«, wollte ich wissen. Wenn er »Ja« sagte, dann ware das die letzte Frage, die ich ihm je gestellt hatte.

»Nein. Ich habe es erst auf dem Avalon erfahren. Und auch das nicht sofort… Ich wurde selbst grundlich wegen eines moglichen Seitenwechsels uberpruft.« Er schwieg, dann meinte er: »Jetzt ist auch klar, warum wir alle zusammengesteckt wurden. Inna Snow lechzt nach der Fortsetzung der Show… Frag, Tikkirej. Ich werde auf alle deine Fragen antworten.«

»Ehrlich antworten?«, hakte ich nach.

»Ja. Wenn ich keine ehrliche Antwort geben kann, werde ich schweigen.«

»Wie ist es dazu gekommen, dass ich nach Neu-Kuweit kam und dich getroffen habe? War es die Einmischung der Phagen oder des Geheimdienstes des Inej?«

»Soweit ich wei?, war es Zufall«, antwortete Stasj bestimmt. »Ein Zufall, wie er bei jeder komplizierten

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