Unternehmung passieren kann. Wir befragten die Mannschaft der Kljasma, ich flog auf deinen Planeten und uberprufte die Umstande… des Todes deiner Eltern. Es war Zufall, Tikkirej. Inna Snow wusste nichts von deiner Existenz. Es war nicht moglich, das Schicksal aller Klone zu verfolgen. Du kamst vollig zufallig auf Neu-Kuweit. Deine Eltern haben sich wirklich fur dich aufgeopfert. Die Mannschaft der Kljasma hatte wirklich Mitleid mit dir und erlaubte dir deshalb, von Bord zu gehen. Dubistnichtdurchdiestandardma?ige Einwanderungskontrolle bei Verlassen des Raumschiffes gegangen, die Agenten des Inej haben zu spat von dir erfahren.«
»Wenn ich also das Raumschiff wie ublich verlassen hatte…«
»Hatte dich sofort der Resident des Inej aufgespurt und mit allen Ehren an einen sicheren Ort gebracht. Ich denke, dass du dich nicht auf die Ubernahme eines fremden Bewusstseins eingelassen hattest. Aber man hatte dich uberredet, auf der Seite des Inej zu stehen! Bestimmt!«
»Das ist nicht wahr!«, rief Natascha erbost aus. Aber ich wusste, dass Stasj Recht hatte. Als ob ich, gerade dem Raumschiff entflohen, frohlich, naiv und lebensfroh wie ein Welpe, auf Hilfe von irgendeiner Seite verzichtet hatte! Als ob ich mich nicht uber Tausende »Bruder« und »Schwestern« gefreut hatte!
Vielleicht ware ich sogar mit dem fremden Bewusstsein einverstanden gewesen.
»Warum haben uns die Phagen nach Neu-Kuweit geschickt?«, fragte ich.
»Um die Reaktion der Gegenspionage des Inej zu beobachten. Und die Matrize zu finden.«
»Und du hast mir nichts gesagt…«, flusterte ich.
Stasj rieb sich die Stirn. Zerstreut schaute er nach oben — vielleicht suchte er die Uberwachungsapparaturen an der Decke, vielleicht die passenden Worte.
»Ich wei? nicht, ob du mich verstehen wirst, Tikkirej.«
»Versuch es!«, erwiderte ich. »Ich bin sehr verstandnisvoll.«
»Wei?t du Tikkirej, es gibt verschiedene Arten der Zuneigung. Ein Vater schickt seinen Sohn in den Krieg und wunscht ihm Sieg und Ehre. Ein anderer nimmt ihn am Schlafittchen, versteckt ihn im Untergrund und ist bereit, in den Tod zu gehen, um seinen Sohn vor dem kleinsten Ubel zu bewahren. Es steht mir nicht an, zu urteilen, wer von den beiden Recht hat. Und du bist mir kein Sohn. Und fur den Krieg bist du noch zu jung. Aus alldem folgt, dass ich dich einfach benutzt habe. Hintergangen. Aber dem ist nicht so. Ich konnte nicht gegen dein Schicksal handeln.«
»Welches Schicksal?«, fragte ich fordernd.
»Wenn ich das wusste! Aber eines ist es gewiss nicht — auf dem Avalon in die Schule gehen und Schneeballschlachten machen. Indem du nach Neu-Kuweit gegangen bist, konntest du in einem gro?en Krieg helfen. Tausende, Millionen von Leben retten. Und das hast du gemacht.«
»Gemacht? Wie?« Ich lachte auf. »Ich konnte nicht einmal die Matrize toten, obwohl ich mit aller Kraft auf sie geschossen habe! Ich habe nichts erreicht. Ich kann gar nichts anderes, au?er auf dem Avalon zur Schule zu gehen und mit Schneeballen zu schmei?en! Du hast doch Alex, ihr hattet ihn maskieren konnen, damit er aussieht wie ich, und ihn herschicken konnen! Es ist das Schicksal eines Phagen, gegen Schurken zu kampfen! Warum mischt ihr euch dann in mein Leben ein?«
Ich verstummte, weil ich mir in diesem Augenblick die Antwort vorstellte:
»Also hatte man dich auf Neu-Kuweit zurucklassen sollen?«
Aber das sprach Stasj nicht aus.
Alex, der sich immer noch im Bett herumwalzte, mischte sich ein. »Du muhst dich umsonst, Stasj. Er wird nichts verstehen! Au?erdem hat er Recht: Er sollte in die Schule gehen, Fu?ball spielen und im Fluss baden.«
»Und warum habt ihr Lion hierhergeschickt?«, fuhr ich, angeregt von der unerwarteten Unterstutzung, fort. »Warum habt ihr ihn betrogen?«
»Ich hab es selbst gewollt«, sagte Lion unerwartet. »Ich wollte zu meinen Eltern. Auch wenn sie hirnamputiert sind, sie sind meine Eltern.«
»Natascha?« Ich schaute sie an. »Sag, hab ich Recht?«
Sie zuckte mit den Schultern.
An ihrer Stelle fing der alte Semetzki an zu reden: »Tikkirej, ein Rennpferd spannt man nicht vor den Pflug. Nimm einmal an, du warst jetzt auf dem Avalon. Wir anderen alle waren hier. Und du auf dem Avalon. Du hast Schule. Danach gehst du nach Hause, isst etwas und siehst fern. Wurde dir das gefallen?«
»Das ist doch egal! Ich bin hier!«
»Stell es dir trotzdem vor!«, wiederholte Semetzki hartnackig, »Das ist eine Art Spiel. Wenn dir irgendetwas nicht gefallt, stell dir vor, wie es anders sein konnte.«
»Das ist nicht fair.«
»Warum nicht fair? Nein, sag mir, mochtest du auf dem Avalon sein?«
»Ja!«, erwiderte ich boshaft.
Uberraschend mischte sich Stasj ein: »Frag die Matrize. Sie schicken dich zum Avalon zuruck.« Ich konnte daruber nur lachen. Aber Stasj fuhr hartnackig fort: »Du hast keine Ahnung, welche Gefuhle die Klone fureinander empfinden. Besonders die Matrize zu ihren Klonen. Du kannst auf die Matrize schie?en, das mindert ihre Sympathie zu dir nicht. Du bist fur sie nur ein verirrtes, betrogenes Kind. Sie loschen in deinem Gedachtnis alles, was du von dem wei?t, was auf Neu- Kuweit passiert ist, und schicken dich zum Avalon. Glaub mir! Du musst sie lediglich darum bitten.«
»Das ist kein Ausweg!«, rief ich. »Und du wei?t selbst, dass ich das nicht will! Das ware fast wie Selbstmord, das Gedachtnis zu loschen!«
»Dann bitte darum, dass sie dich hier in Ruhe lassen, auf einem Planeten des Inej«, schlug Stasj vor. »Du wirst in die Schule gehen, Fu?ball spielen und angeln. Worin besteht da der Unterschied fur dich?«
Ich glaubte bei mir, dass Stasj wahrscheinlich Recht hatte. Ich erinnerte mich lebhaft daran, welche Sorge in der Stimme von Ada Schnee mitgeklungen hatte: »Ihr haftet fur ihn mit eurem Kopf!«
»Worin besteht der Unterschied? Und wenn der Krieg ausbricht? Was wird dann?«
»Es wird keinen Krieg geben«, meinte Stasj mude. »Das Imperium hat Verhandlungen mit Inej begonnen. Der Status quo wird vereinbart: die Existenz von zwei menschlichen Zivilisationen in der Galaxis. Sollen sie sich ruhig ihrer Herrschaft freuen. Sollen sie die Gesellschaft aufbauen, die ihnen gefallt. Die Zeit wird zeigen, wer Recht hat.«
»Schnee wird sich niemals darauf einlassen! Sie fordert alles und das sofort!«
»Alles, aber nicht sofort. Ihnen ist klar, dass sie gegenwartig nicht im Vorteil sind. Inej kann das Imperium zerstoren, aber nicht besiegen. Snow und alle anderen Klone brauchen keine in Asche gelegten Planeten. Der Imperator braucht sie auch nicht. Es wird einen schalen Frieden geben.«
Er verstummte. Ich sah Lion an, Semetzki und Natascha. Sie schienen nicht erstaunt. Sie wussten das bereits.
Und sie glaubten Stasj.
»Ich mochte nicht auf Neu-Kuweit leben«, flusterte ich. »Ich mochte kein Klon von Schnee sein. Ich bin Tikkirej. Tikkirej vom Planeten Karijer! Ich gehore mir selbst!«
Niemand sagte ein Wort.
»Du hast mich doch dazu gemacht«, wandte ich mich an Stasj. »Du hast mir doch beigebracht, dass man selbst seinen Weg wahlen muss, dass es schlecht ist, Menschen zu zwingen, dass Versklavung schlimmer ist als der Tod, dass man Freunde nicht verrat, dass der Mensch immer eine Wahlmoglichkeit haben muss. Wie soll ich jetzt leben? Ich werde es nicht konnen. Es wird mir nicht gelingen!«
Ich schaute zu Lion — und der senkte die Augen. Welche Wahl blieb ihm denn, er hatte doch hier seine hirnamputierte Familie… Obwohl, wieso glaubte ich, dass man ihm uberhaupt eine Wahl lie??
»Dann ist es schon besser, dass mein Gedachtnis geloscht wird und ich auf den Avalon zuruckkehre«, meinte ich. »Dann vergesse ich wenigstens, dass ich der Klon eines Diktators bin. Und dass du mich verraten hast, werde ich auch vergessen. Und du, wenn du auf den Avalon zuruckkommst, sprich mich ja nicht darauf an.«
»Tikkirej, ich habe dich nicht verraten«, antwortete Stasj ruhig. »Und auf den Avalon werde ich nicht zuruckkommen. Man wird mich hinrichten. Und Juri Michailowitsch ebenfalls. Was Alex, Lion und Natascha betrifft, bin ich mir nicht sicher, aber nach den Gesetzen des Inej werden auch Minderjahrige wegen Staatsverbrechen verurteilt. Nur du hast eine Chance, dich zu retten.«
Ich schuttelte den Kopf.
»Versuche, zu verstehen, dass das unabwendbar ist«, fuhr Stasj fort. »Ich bin ein Terrorist. Ich stehe nicht einmal im offiziellen Dienst des Imperators, ich falle nicht unter das Gesetz uber Kriegsgefangene. Und Semetzki
