von Mike Graff haften, des Finanzchefs, der den Raum gerade betreten hatte. Graff blieb vor Skiba stehen. Er wirkte eigenartig fein-gliedrig und war von Kopf bis Fu? in makelloses Kamm-garn, in Seide und Baumwolle gekleidet. Graff war Skibas aufstrebender junger Protege gewesen. Man hatte ihn in Forbes portratiert. Analysten und Investment-Banker hatten ihn hofiert. Bon Appetit hatte uber seinen Weinkeller geschrieben; sein Haus hatte man im Architectural Digest vorgestellt. Nun strebte sein Protektionskind nicht mehr nach oben: Er hielt mit Skiba Handchen; sie machten gemeinsam einen Kopfsprung in die Tiefen des Grand Canyon.

»Was ist, Mike?«, fragte Skiba freundlich. »Was ist so wichtig, dass es nicht bis zur Nachmittagskonferenz Zeit hat?«

»Drau?en wartet ein Bursche, den du kennen lernen musst. Er hat uns einen interessanten Vorschlag zu unter-breiten.«

Skiba schloss die Augen. Er fuhlte sich plotzlich todmude.

Das gute Gefuhl war wie weggeblasen. »Findest du nicht, dass du uns schon genug Vorschlage gemacht hast, Mike?«

»Der hier ist anders. Vertrau mir.«

Vertrau mir. Skiba schwenkte in einer sinnlosen Geste die Hand. Er horte, dass die Tur aufging, und hob den Kopf.

Der Mann, der gleich darauf vor ihm stand, war ein billiger kleiner Gauner in einem Anzug mit breiten Aufschlagen, ein Typ, der eindeutig zu viel Gold mit sich herumschlepp-te. Es gehorte zu jenen Mannern, die ihre funf Haare uber einen kahlen Kontinent kammten und glaubten, damit sei das Problem gelost.

»Herrgott, Mike ...«

»Lewis«, sagte Graff nassforsch, »das ist Mr. Marcus Hauser, ein Privatdetektiv. Er war fruher furs Amt fur Alkohol, Tabak und Schusswaffen tatig und mochte uns etwas zeigen.« Graff nahm Hauser ein Blatt Papier aus den Handen und reichte es Skiba.

Skiba stierte es an. Es war mit seltsamen Symbolen bedeckt, die Rander mit Schlangellianen und Blattern bekrit-zelt. Das war Irrsinn. Graff hatte den Verstand verloren.

»Eine Seite aus einem Maya-Manuskript des neunten Jahrhunderts«, fuhr Graff fort. »Man nennt das einen Codex. Es ist ein zweitausend Seiten starker Katalog uber Regenwald-

arzneien, ihre Zubereitung und ihren Einsatz.«

Als Skiba begriff, spurte er, wie die Oberflache seiner Haut sich erhitzte. Es konnte einfach nicht wahr sein.

»Es stimmt. Es geht um viele tausend einheimische pharmazeutische Rezepturen. Sie identifizieren medizinisch aktive Substanzen, die man in Pflanzen, Tieren, Insekten, Spinnen, in Humus und in Schimmel findet. Was immer du willst. Die medizinische Weisheit der Mayas in einem einzigen Band.«

Skiba schaute auf. Zuerst musterte er Graff, dann Hauser.

»Wo haben Sie das her?«

Hauser stand vor ihm, die plumpen Hande gefaltet. Skiba war sich sicher, dass er irgendein Rasierwasser roch. Billig.

»Es hat einem alten Freund von mir gehort«, erwiderte Hauser. Seine Stimme war hoch und nervend. Er sprach mit einem Akzent, der nach Brooklyn klang. Ein fruhreifer Al Pacino.

»Mr. Hauser«, sagte Skiba, »es wird zehn Jahre und eine halbe Milliarde fur Forschung und Entwicklung kosten, bis eines dieser Medikamente auf den Markt kommt.«

»Stimmt. Aber uberlegen Sie mal, was es jetzt fur den Preis Ihrer Aktien bedeutet. Soweit ich wei?, schwimmt auf dem Fluss da unten eine Riesenladung Schei?e auf Sie zu.« Hausers feiste Hand deutete durch den Raum.

Skiba schaute ihn an. Was fur ein unverschamter Dreck-sack. Er hatte ihn am liebsten sofort hinausgeworfen.

»Ihre Aktie hat heute Morgen mit vierzehn drei Achtel er-

offnet«, fuhr Hauser fort. »Im letzten Dezember wurde sie um die funfzig gehandelt. Sie personlich haben zwei Millionen Optionen zum Schleuderpreis von drei?ig bis funfunddrei?ig, die Sie im Lauf der nachsten zwei Jahre loswerden mussen. Sie sind alle wertlos, wenn es Ihnen nicht gelingt, den Kurs wieder in die Hohe zu treiben. Und zu allem Ubel hat sich Ihr grandioses neues Krebsmedikament Phloxatan als Blindganger erwiesen und wird von der Federal Drug Administration aus dem Verkehr gezogen ...«

Skiba erhob sich mit rotem Gesicht aus seinem Sessel.

»Wie konnen Sie es wagen, in meinem Beisein solche Lugen zu verbreiten? Wo haben Sie diese Fehlinformationen her?«

»Mr. Skiba«, sagte Hauser gelassen, »lassen wir dieses Af-fentheater. Ich bin Privatdetektiv. Das besagte Manuskript wird in vier bis sechs Wochen in meinem Besitz sein. Ich mochte es Ihnen verkaufen. Ich wei?, dass Sie es brauchen.

Ich konnte es ebenso gut GeneDyne oder Cambridge Pharmaceuticals anbieten.«

Skiba schluckte schwer. Erstaunlich, wie schnell sein Kopf wieder klar wurde. »Woher soll ich wissen, dass dies kein ausgemachter Schwindel ist?«

»Ich hab's nachgepruft«, warf Graff ein. »Es ist so gut wie Gold, Lewis.«

Skiba stierte den Hausierer in dem geschmacklosen Anzug an. »Machen Sie Ihren Vorschlag, Mr. Hauser.«

»Der Codex ist in Honduras«, sagte Hauser.

»Dann verkaufen Sie also 'ne Katze im Sack.«

»Um es zu kriegen, brauche ich Geld, Waffen und Ausrustung. Ich gehe ein gro?es personliches Risiko ein. Ich habe schon eine Menge Investitionen getatigt. Diese Sache wird keinesfalls billig.«

»Schwatzen Sie mir nichts auf, Mr. Hauser.«

»Wer schwatzt hier wem was auf? Wie die Dinge liegen, stecken Sie bis zum Hals in Unregelma?igkeiten, was Ihre Buchhaltung angeht. Wenn die SEC wusste, was Sie und unser Mr. Graff in den letzten eineinviertel Jahren an Marketingkosten als langfristig abschreibbare Forschungs- und Entwicklungskosten verbucht haben, wurden Sie dieses Gebaude in Handschellen verlassen.«

Skiba schaute Hauser an, dann Graff. Der Finanzchef war blass geworden. Wahrend des langen Schweigens barst im Kamin ein Stuck Holz mit einem Knall. Skiba spurte, wie hinter seiner linken Kniescheibe ein Muskel zuckte.

»Wenn ich Ihnen den Codex liefere«, fuhr Hauser fort,

»und Sie seine Echtheit gepruft haben - darauf werden Sie naturlich bestehen -, werden Sie funfzig Millionen Dollar auf ein auslandisches Konto meiner Wahl uberweisen. Das ist das Geschaft, das ich Ihnen anbiete. Sonst gibt es keine Verhandlungen. Mir genugt ein Ja oder ein Nein.«

»Funfzig Millionen? Sie sind vollkommen verruckt. Vergessen Sie's.«

Hauser stand auf und begab sich zur Tur.

»Warten Sie, Mr. Hauser«, rief Graff und sprang auf. »Das ist alles noch nicht in Stein gemei?elt.« Schwei? tropfelte von seinem gepflegten Skalp, als er hinter dem Mann in dem billigen Anzug herhechtete.

Hauser lie? sich nicht aufhalten.

»Wir sind immer offen fur ... Mr. Hauser!«

Die Tur fiel vor Graffs Gesicht ins Schloss. Hauser war weg.

Graff wandte sich zu Skiba um. Ihm zitterten die Hande.

»Wir mussen ihn aufhalten.«

Skiba schwieg eine Weile. Hauser hatte die Wahrheit gesagt. Wenn sie das Manuskript in die Hande bekamen, wurde schon die Verbreitung der Nachricht den Preis ihrer Aktien in die Hohe schie?en lassen. Aber funfzig Millionen waren Erpressung. Au?erdem war es Skiba nicht geheuer, mit einem solchen Mann Geschafte zu machen. Aber manche Dinge waren eben unvermeidlich. »Es gibt nur eine Moglichkeit, seine Schulden zu begleichen, aber es gibt Millionen Moglichkeiten, es nicht zu tun. Das musstest du eigentlich wissen, Mike.«

Es gelang Graff nicht ganz, ein Lacheln auf sein schwei?-glanzendes Gesicht zu zaubern.

Skiba betatigte die Gegensprechanlage. »Der Mann, der gerade hier war ... Er darf das Haus nicht verlassen. Sagen Sie ihm, wir sind mit seinen Bedingungen einverstanden.

Begleiten Sie ihn wieder nach oben.«

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