Spanisch?«

»Barca.«

»Barca! Donde barca?«

Der Junge deutete verangstigt mit einem schmutzigen Finger auf ein Klinkerhaus, das der Pier gegenuber lag.

Der Lehrer lie? ihn los und eilte am staubigen Kai entlang.

Vernon, von Kindern und Hunden verfolgt, blieb ihm auf den Fersen. Die Tur zum Buro stand offen, und sie gingen hinein. Ein Mann hinter einem Schreibtisch erhob sich, trat mit einer Fliegenklatsche in der Hand an die Tur und knallte sie ins Schloss. Nachdem er seinen Sitzplatz wieder eingenommen hatte, lachelte er ubers ganze Gesicht. Sein Korper war so gepflegt wie sein kleiner Kopf. Er wies helle, arische Zuge auf, doch als er sprach, hatte der Mann einen spanischen Akzent.

»Bitte, machen Sie es sich bequem.«

Sie setzten sich in zwei Korbsessel, die neben einem Tisch voller Taucherzeitschriften standen.

»Was kann ich fur Sie tun, meine Herren?«

»Wir mochten ein paar Boote mit Fuhrern mieten«, sagte der Lehrer.

Der Mann lachelte. »Wollen Sie tauchen oder Tarpons fischen?«

»Weder noch. Wir mochten den Fluss hinauf.«

Das Lacheln auf dem Gesicht des Mannes schien zu gerin-nen. »Den Rio Patuca?«

»Ja.«

»Aha. Machen Sie eine Abenteuerreise?«

Der Lehrer schaute Vernon an. »Ja.«

»Wie weit wollen Sie fahren?«

»Das wissen wir noch nicht. Eine ziemliche Strecke. Vielleicht bis zu den Bergen.«

»Dann mussen Sie motorisierte Einbaumkanus nehmen.

Der Fluss ist fur normale Boote namlich zu seicht. Manuel!«

Kurz darauf kam ein junger Mann aus dem hinteren Teil des Ladens. Er blinzelte ob der Helligkeit und hatte Fisch-

blut und Schuppen an den Handen.

»Das ist Manuel. Er und sein Vetter Ramon werden Sie fuhren. Sie kennen den Fluss gut.«

»Wie lange werden wir den Fluss hinauf brauchen?«

»Sie konnen bis Pito Solo fahren. Eine Woche. Dahinter liegt der Meambar-Sumpf.«

»Und dahinter?«

Der Mann winkte ab. »Sie werden den Meambar-Sumpf ja wohl nicht durchqueren wollen ...«

»Ganz im Gegenteil«, sagte der Lehrer. »Es ist sogar sehr gut moglich, dass wir das tun.«

Der Mann neigte den Kopf, als sei es eine seiner leichte-sten Ubungen, sich mit verruckten Amerikanern abzugeben. »Wie Sie wollen. Hinter den Sumpfen sind nur noch Berge. Dann brauchen Sie Nahrung und Ausrustung fur mindestens einen Monat.«

In dem getunchten Raum summte eine Wespe. Sie flog gegen die gesplitterte Fensterscheibe, prallte ab und machte einen neuen Versuch, ins Freie zu gelangen. Der Mann schwang die Fliegenklatsche und erledigte sie mit einer ge-schickten Bewegung. Die Wespe fiel zuckend zu Boden und stach sich in ihrem Schmerz selbst. Ein polierter Schuh kam unter dem Schreibtisch hervor und zermalmte sie zu Mus.

»Manuel, hol Ramon.« Der Mann wandte sich dem Lehrer zu. »Wir konnen Sie mit allem ausrusten, was Sie brauchen, Senor. Zelte, Schlafsacke, Moskitonetze, Benzin, Nahrung, GPS, Jagdausrustung - alles, was Sie benotigen. Sie konnen mit Ihrer Kreditkarte zahlen.« Er legte seine Hand ehrfurch-

tig auf einen nagelneuen Kreditkartenautomaten, der mit einem winzigen Wandstecker verbunden war. »Sie brauchen sich um nichts Sorgen zu machen. Wir kummern uns um alles. Wir sind ein modernes Unternehmen.« Er lachelte. »Wir sorgen dafur, dass Sie Ihr Abenteuer kriegen - aber nicht zu viel davon.«

12

Der Wagen schnurrte durch die im San-Juan-Becken liegende Wuste nach Norden, der Grenze Utahs entgegen, uber einen gewaltigen, einsamen Highway, der sich zwischen endlosen Prarien aus Salbeigestrupp und Chamisa dahinzog. In der Ferne turmte sich Felsgestein und ragte finster in den blauen Himmel. Tom, der am Steuer sa?, empfand gro?e Erleichterung, weil es vorbei war. Er hatte sein Versprechen gehalten und Sally geholfen, in Erfahrung zu bringen, wohin sein Vater verschwunden war. Was sie jetzt tat, war allein ihre Sache. Sie konnte entweder warten, bis seine Bruder mit dem Codex aus dem Dschungel zuruckkehrten - vorausgesetzt, sie fanden die Grabkammer uberhaupt -, oder den Versuch machen, sie einzuholen. Er jedenfalls war jetzt aus dem Spiel. Er konnte sein friedliches, einfaches Leben in der Wuste wieder aufnehmen.

Tom warf einen verstohlenen Blick auf den Beifahrersitz, den Sally eingenommen hatte. In der letzten Stunde hatte sie kein Wort von sich gegeben. Sie hatte auch nicht gesagt, welche Plane sie hatte, und Tom wollte es eigentlich auch gar nicht wissen. Er wollte nur zu seinen Pferden zuruckkehren, in die Routine seiner Praxis, in sein kuhles Adobehaus im Schatten der Pappeln. Er hatte sich abgerackert, um das anspruchslose Leben fuhren zu konnen, das er hatte fuhren wollen, und er war entschlossener denn je, es sich von seinem Vater und seinen verruckten Intrigen nicht zerstoren zu lassen.

Sollten seine Bruder ihr Abenteuer doch erleben, wenn sie wollten. Seinetwegen konnten sie das Erbe sogar behalten.

Er musste niemandem etwas beweisen. Nach Sarah wollte er nicht mehr ins kalte Wasser springen.

»Er ist also nach Honduras gereist«, bemerkte Sally. »Sagt Ihnen das nicht, wo er sich aufhalten konnte?«

»Ich habe alles erzahlt, was ich wei?, Sally. Er hat vor vierzig Jahren mit seinem alten Partner Marcus Hauser einige Zeit in Honduras verbracht. Sie haben Graber gesucht und Bananen gepfluckt, um Geld zu verdienen. Wie ich gehort habe, hat man sie reingelegt und ihnen irgendeine gefalsch-te Schatzkarte angedreht. Sie sind Monate durch den Dschungel marschiert und fast draufgegangen. Dann haben sie sich wegen irgendwas verkracht, und damit war die Sache zu Ende.«

»Aber Sie wissen genau, dass er nichts gefunden hat?«

»Das hat er jedenfalls immer behauptet. Die Berge im Suden von Honduras waren unbewohnt.«

Sally nickte. Ihr Blick richtete sich nach vorn, in die leere Wuste hinein.

»Was also werden Sie tun?«, fragte Tom schlie?lich.

»Ich reise nach Honduras.«

»Ganz allein?«

»Warum nicht?«

Tom sagte nichts. Es war ihre Sache.

»Hatte Ihr Vater je Arger wegen seiner Grabrauberei?«

»Ab und an hatte das FBI ein Auge auf ihn. Man konnte ihm aber nichts anhangen. Mein Vater war einfach zu geris-

sen. Ich wei? noch, wie das FBI unser Haus mal auf den Kopf gestellt und ein paar Jadefigurchen beschlagnahmt hat. Er hatte sie gerade aus Mexiko mitgebracht. Ich war damals zehn, und es hat mich schrecklich geangstigt, als sie vor Morgengrauen an unsere Tur klopften. Aber sie konnten nichts beweisen und mussten den ganzen Krempel zuruckgeben.«

Sally schuttelte den Kopf. »Menschen wie Ihr Vater sind fur die Archaologie die reinste Pest.«

»Ich wei? nicht so recht, ob ich einen gro?en Unterschied zwischen dem erkennen kann, was mein Vater getan hat, und was die Archaologen tun.«

»Da besteht ein Riesenunterschied«, erwiderte Sally.

»Plunderer verwusten Grabstatten. Sie rei?en die Dinge aus ihrem Zusammenhang. Ein guter Freund von Professor Clyve wurde einmal in Mexiko verprugelt, als er einige Einheimische daran hindern wollte, einen Tempel zu plundern.«

»Tut mir Leid, das zu horen, aber hungernden Menschen kann man es kaum verubeln, wenn sie versuchen,

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