ein hohes Alter erreichen und in seiner Hangematte sterben kann, ohne seiner Familie weiterhin Ehrlosigkeit und Hunger zu bescheren. Dann werden seine Schwestern Ehemanner finden und seine Neffen und Nichten sich um seine
Die Dorfbewohner waren von seiner Rede wie vom Donner geruhrt. Tom fand, dass Don Alfonso in der Tat ein be-gnadeter Redner war.
»Vor langer Zeit, meine Freunde, hatte ich den Traum, dass ich euch auf diese Weise verlasse, dass ich eine gro?e Reise ans Ende der Welt mache. Ich bin jetzt hunderteinundzwanzig Jahre alt, und endlich ist mein Traum wahr geworden. Nicht viele Menschen konnen in meinem Alter eine solche Reise unternehmen. In meinen Adern ist noch viel Blut, und wurde meine Rosita noch leben, hatte sie jeden Tag Grund zum Lacheln.
Auf Wiedersehen, meine Freunde, euer geliebter Don Alfonso Boswas verlasst das Dorf mit Tranen der Trauer in den Augen. Vergesst mich nicht und erzahlt meine Geschichte euren Kindern, die sie auch den ihren erzahlen sollen, bis zum Ende aller Zeiten.«
Lauter Jubel erklang. Feuerwerkskorper knallten, und samtliche Hunde fingen an zu bellen. Einige alte Manner schlugen in einem verzwickten Rhythmus Stocke aneinander. Das Boot wurde in die Stromung hinausgeschoben.
Der Bug schnitt durchs Wasser. Don Alfonso blieb stehen.
Er winkte der wild jubelnden Menge und warf ihr Kuss-handchen zu, bis das Boot die nachste Flussbiegung uber-wunden hatte.
»Ich hab das Gefuhl, als waren wir gerade mit dem Zauberer von Oz mit einem Ballon gestartet«, sagte Sally.
Don Alfonso nahm endlich Platz. Er wischte sich die Tranen aus den Augen. »Da seht ihr mal, wie sie ihren Don Alfonso Boswas lieben.« Er machte es sich auf dem Vorrats-stapel bequem, zuckte seine Maiskolbenpfeife, stopfte sie mit Tabak und fing mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck an zu paffen.
»Sind Sie wirklich hunderteinundzwanzig Jahre alt?«, fragte Tom.
Don Alfonso zuckte die Achseln. »Niemand wei?, wie alt er wirklich ist.«
»Ich aber schon.«
»Haben Sie jedes Jahr seit Ihrer Geburt gezahlt?«
»Nein, das haben andere fur mich getan.«
»Dann wissen Sie es also auch nicht genau.«
»Sicher wei? ich es. Es steht auf meiner Geburtsurkunde.
Der Arzt, der mich zur Welt gebracht hat, hat sie unterschrieben.«
»Wer ist dieser Arzt? Und wo ist er jetzt?«
»Keine Ahnung.«
»Glauben Sie
Tom schaute den Greis an. Diese irre Logik machte ihn fertig. »In Amerika gibt es einen Beruf fur Menschen wie Sie«, sagte er. »Wir nennen sie
Don Alfonso lachte laut und schlug sich aufs Knie. »Das ist ein guter Witz. Sie sind wie Ihr Vater, Tomasito, er ist auch ein sehr komischer Mensch.« Er kicherte eine Weile vor sich hin und paffte. Tom packte die Landkarte von Honduras aus und nahm sie in Augenschein.
Don Alfonso musterte sie mit kritischen Blicken, dann riss er sie Tom aus der Hand. Er untersuchte sie zuerst von der einen, dann von der anderen Seite. »Was ist das? Nordamerika?«
»Nein, der Sudosten von Honduras. Das da ist der Rio Patuca, und dort liegt Brus. Das Dorf Pito Solo musste sich hier befinden, aber es ist nicht eingezeichnet. Der Meambar-Sumpf scheint auch nicht drauf zu sein.«
»Dann existieren wir und der Meambar-Sumpf laut dieser Karte also gar nicht. Passen Sie blo? auf, dass diese uberaus wichtige Landkarte trocken bleibt. Vielleicht konnen wir sie eines Tages verwenden, um ein Feuer anzuzunden.« Don Alfonso lachte uber seinen Scherz und deutete auf Chori und Pingo, die den Hinweis verstanden und ihrer Erheite-rung ebenfalls Ausdruck gaben, obwohl sie keines seiner Worte verstanden hatten. Don Alfonso lachte sich schief und schlug sich auf den Schenkel, bis ihm die Tranen kamen.
»Wir haben unsere Reise gut begonnen«, sagte er, als er wieder zu Atem gekommen war. »Wir werden bei unserem Ausflug sehr viel lachen und Spa? haben. Das ist auch gut so, denn sonst macht der Sumpf uns irre und wir sterben.«
23
Sie hatten das Lager mit der ublichen militarischen Prazision auf einer hohen, vom Sumpf umgebenen Insel aufgeschlagen. Philip sa? am Feuer, rauchte seine Pfeife und lauschte den abendlichen Klangen des Regenwaldes. Es uberraschte ihn, wie kompetent Hauser im Dschungel war.
Er hatte das Lager gestaltet und organisiert und leitete die Soldaten bei ihren verschiedenen Aufgaben an. Bisher hatte er von Philip rein gar nichts verlangt und jedes seiner Hilfsangebote abgelehnt. Naturlich war Philip nicht wild darauf, durch den Dreck zu waten und furs Abendessen Riesenratten zu jagen. Genau das schienen die anderen nun gerade zu tun. Doch andererseits konnte er das Gefuhl, nutzlos zu sein, auch nicht ausstehen. Am Feuer zu sitzen und Pfeife zu rauchen, wahrend die anderen die ganze Arbeit erledigten, war nicht die Prufung, die sein Vater im Sinn gehabt hatte.
Philip trat ein Stuck Holz in die Glut zuruck. Zum Teufel mit der
Ocotal, der Fuhrer, den sie in dem jammerlichen Kaff am Fluss aufgelesen hatten, sa? fur sich allein, hegte das Feuer und kochte Reis. Er war ein eigenartiger Bursche - klein, schweigsam und voller Wurde. Irgendetwas hatte er an sich, das Philip anziehend fand. Er gehorte offenbar zu jenen Menschen, die unerschutterlich von ihrem eigenen Wert uberzeugt waren. Ocotal kannte sich eindeutig auf seinem Gebiet aus und fuhrte sie Tag fur Tag und ohne das geringste Zogern durch einen unglaublichen Irrgarten von Seitenarmen des Flusses, wobei er Hausers Ermahnungen, Kommentaren und Fragen keine Beachtung schenkte.
Wenn Philip oder Hauser versuchten, ihn in ein Gesprach zu verwickeln, gab er sich unzuganglich.
Philip schlug den Pfeifenkopf aus, freute sich, dass er einen Vorrat an Dunhill Early Morning mitgenommen hatte, und nahm die nachste Fullung in Angriff. Er sollte wirklich weniger rauchen, besonders angesichts der Krankheit seines Vaters. Nach der Reise. Im Moment war der Qualm die einzige Moglichkeit, die Moskitos zu vertreiben.
Rufe wurden laut. Als Philip sich umwandte, sah er, dass Hauser von der Jagd zuruckkehrte. Vier Soldaten schleppten einen an einen langen Ast gebundenen Tapir. Sie hangten das Tier mit einem Flaschenzug an den Ast eines Baumes. Dann lie? Hauser die Manner allein und nahm neben Philip Platz. Als er eine Zigarre hervorzog, abknipste und anzundete, verstromte er einen leichten Geruch von Rasierwasser, Tabakrauch und Blut. Er inhalierte den Rauch und stie? ihn dann wie ein Drache durch die Nasenlocher aus.
»Wir kommen ganz gut voran, Philip, finden Sie nicht auch?«
»Bewundernswert gut.« Philip schlug nach einem Moskito. Es war ihm schleierhaft, wieso Hauser nie gestochen wurde, obwohl er allem Anschein nach zu seinem Schutz keine Chemikalien verwendete. Vielleicht enthielt sein Blutkreislauf ja eine todliche Dosis Nikotin. Philip fiel auf, dass Hauser den Rauch der dicken Churchill-Zigarre inhalierte wie den einer Zigarette. Eigenartig, dass manche Menschen an etwas starben, von dem die anderen lebten.
»Ist Ihnen Dschingis Khans Dilemma vertraut?«, fragte Hauser.
»Kann ich nicht behaupten.«
»Als Dschingis Khan sich auf den Tod vorbereitete, wollte er so bestattet werden, wie es einem gro?en Fuhrer gebuhrte - mit einem Haufen seiner Schatze, mit Konkubinen und Pferden, damit er auch im Jenseits seinem Vergnugen nachgehen konnte. Aber er wusste, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass man seine Grabkammer ausrauben und ihm alle Freuden nehmen wurde, die ihm im Jenseits zustanden. Er hat lange daruber nachgedacht, wie sich dieses Problem wohl losen lie?e, doch fiel ihm keine Antwort ein. Schlie?lich rief er den
