geschlagen hatte, hatte er die Auseinandersetzung verloren.
»Okay«, sagte Sally. »Genug uber Maxwell Broadbent geredet. Wir konnen uns in Zeiten wie diesen keinen Streit leisten. Das ist euch doch wohl allen klar.«
Ihr Blick fiel auf Borabay. »Sieht so aus, als ware das Essen verbrannt.«
Borabay nahm schweigend die angekohlten Fleischspie?e vom Feuer und legte sie auf Blattern aus.
Philips schroffe Bemerkung hallte in Toms Bewusstsein nach:
55
Mike Graff lie? sich in dem Armsessel am Feuer nieder und schlug die Beine ordentlich ubereinander. Seine Miene war aufmerksam und wirkte liebenswurdig. Es erstaunte Skiba, wie es ihm trotz der Lage gelang, diese nassforsche, selbstbewusste Ausstrahlung zu bewahren. Eigentlich musste auch Graff in Charons Boot uber den Styx dem Hollentor entgegenpaddeln, doch er stellte noch immer das frische Gesicht zur Schau, das seinen Mitreisenden weismachte, der Himmel kame gleich um die nachste Ecke.
»Was kann ich fur dich tun, Mike?«, fragte Skiba freundlich.
»Was ist seit den letzten beiden Tagen mit unserer Aktie los? Sie ist um zehn Prozent gestiegen.«
Skiba schuttelte den Kopf. Das Haus stand in Flammen, aber Graff lummelte sich in der Kuche und norgelte uber kalten Kaffee. »Freu dich doch, dass wir den Artikel uber das Phloxatan im
»Umso mehr Grund, sich Gedanken zu machen, warum der Preis raufgeht.«
»Hor mal, Mike ...«
»Du hast Fenner doch letzte Woche nichts uber den Codex erzahlt, Lewis?«
»Doch, schon.«
»Gutiger Gott! Du wei?t doch, was dieser Typ fur ein Schleimbeutel ist. Wir haben schon genug Probleme. Wir konnen es uns nicht leisten, uns auch noch Insidergeschafte anhangen zu lassen.«
Skiba schaute ihn an. Er hatte ihn langst rauswerfen sollen. Aber er hatte sie beide so kompromittiert, dass eine Entlassung nun nicht mehr in Frage kam. Was spielte es auch fur eine Rolle? Es war aus - fur Graff, die Firma und besonders fur ihn. Am liebsten hatte er uber die Irrelevanz der Sache aufgeschrien. Eine bodenlose Kluft hatte sich unter ihm aufgetan - sie befanden sich im freien Fall -, doch Graff hatte es noch immer nicht gespannt.
»Er wollte Lampe in die Pfanne hauen. Ich musste es tun, Mike. Fenner ist kein Blodmann. Er wird kein Wort daruber verlauten lassen. Glaubst du etwa, er riskiert es, sein Leben fur ein paar nebenbei verdiente Hunderttausend wegzuwerfen?«
»Soll das ein Witz sein? Der wurde doch seine eigene Gro?mutter uber den Tisch ziehen, um ein paar Kroten au-
?er der Reihe zu verdienen.«
»Fenner steckt nicht dahinter. Jetzt sind die Leerverkaufer am Zug.«
»Das erklart aber nicht mehr als drei?ig Prozent des An-stiegs.«
»Im
Lampe ist fertig.
Graff schaute ihn verdutzt an. »Was redest du denn da?
Wir uberstehen das schon. Wenn wir erst mal den Codex haben, lauft der Laden wieder wie geschmiert, Lewis.«
Skiba merkte, wie sein Blut bei der Erwahnung des Codex kalt und dickflussig wurde. »Glaubst du wirklich, der Codex lost unsere Probleme?«, fragte er ruhig.
»Wieso denn nicht? Ist mir irgendwas entgangen? Hat sich irgendwas verandert?«
Skiba schuttelte den Kopf. Spielte es eine Rolle? Spielte uberhaupt noch irgendetwas eine Rolle?
»Lewis, der Defatismus, den du ausstrahlst, ist vollig un-typisch fur dich. Wo ist deine beruhmte Kampfkraft?«
Skiba war mude, unendlich mude. Die Auseinandersetzung fuhrte zu nichts. Die Sache war aus. Fertig. Reden brachte nichts mehr. Sie konnten jetzt nur noch warten.
Warten auf das Ende. Sie waren machtlos.
»Wenn wir bekannt geben, dass wir den Codex haben«, fuhr Graff fort, »geht der Preis unserer Aktie durch die Decke. Nichts macht erfolgreicher als der Erfolg. Die Aktionare werden uns verzeihen. Und diesem Mr- Saubermann-Vorsitzenden von der SEC wird es den Wind aus den Segeln nehmen. Deswegen sorge ich mich uber Insidergeschafte. Wenn einer jemandem was von dem Codex erzahlt, der es seiner Schwiegermutter mitteilt, die dann ihren Neffen in Dubuque anruft ... Es wurde an uns hangen bleiben.
Es ist wie Steuerflucht. Das schieben sie dann uns in die Schuhe. Schau mal, was Martha passiert ist ...«
»Mike?«
»Ja?«
»Verpiss dich.«
Skiba schaltete das Licht ab, stopselte die Telefone aus und wartete auf die Dunkelheit. Auf seinem Schreibtisch befanden sich nur drei Dinge: das Pillenflaschchen aus Kunststoff, der sechzig Jahre alte Macallan und ein sauberes Schnapsglas. Es war Zeit, den Abflug zu machen.
56
Am nachsten Tag verlie?en sie die aufgegebene Tara-Siedlung und stie?en ins Vorgebirge der Sierra Azul vor.
Der durch Walder und uber Wiesen fuhrende Pfad stieg langsam an, und sie kamen an mehreren brachliegenden Feldern vorbei, auf denen das Unkraut wucherte. Hier und da erhaschte Tom einen Blick auf im Regenwald verborgene, verlassene Schilfhutten, die allmahlich in sich zusam-menfielen.
Dann drangen sie in einen dichten, kuhlen Wald vor. Borabay beharrte plotzlich darauf, allen voraus zu gehen. Im Gegensatz zu seinen sonst leichtfu?igen Bewegungen machte er diesmal allerdings Larm: Er sang vor sich hin, drosch, obwohl es gar nicht notig war, mit der Machete auf die Vegetation ein und legte in regelma?igen Abstanden eine »Rast« ein. Tom hatte den Eindruck, dass er in Wirklichkeit die Lage peilte. Irgendetwas machte ihn nervos.
Als sie eine kleine Lichtung erreichten, hielt Borabay an.
Er rief: »Mittagessen!«, fing laut an zu singen und packte die in Palmwedel eingeschlagenen Bundel aus.
»Wir haben doch erst vor zwei Stunden gegessen«, sagte Vernon.
»Wir noch mal Mittag essen!« Borabay nahm Pfeil und Bogen von der Schulter, und Tom registrierte, dass er beides in einer gewissen Entfernung von sich ablegte.
Sally nahm neben Tom Platz. »Irgendwas wird gleich passieren.«
Borabay half beim Ablegen der Rucksacke und deponierte sie neben den Bogen und Pfeilen auf der anderen Seite der Lichtung. Dann ging er zu Sally, legte einen Arm um sie und zog sie an sich. »Gib mir Gewehr, Sally«, sagte er leise.
Sally lie? das Gewehr von der Schulter gleiten. Anschlie?end nahm Borabay allen die Macheten weg.
»Was lauft hier ab?«, fragte Vernon.
»Nichts, nichts, wir hier rasten.« Borabay verteilte einige getrocknete Bananen. »Ihr hungrig, Bruder? Sehr gute Bananen!«
»Das gefallt mir nicht«, meinte Philip.
