Vernon, dem die unterschwellige Spannung nicht auffiel, langte kraftig zu. »Lecker«, sagte er mit vollem Mund. »Wir sollten jeden Tag zweimal zu Mittag essen.«
»Sehr gut!«, sagte Borabay. »Zweimal zu Mittag essen.«
Er lachte brullend.
Und dann geschah es. Ohne irgendwelche Gerausche zu vernehmen oder Bewegungen wahrzunehmen, begriff Tom plotzlich, dass sie an allen Seiten von Mannern mit straff gespannten Bogen umzingelt waren: Hundert steinerne Pfeilspitzen waren auf sie gerichtet. Ihm war, als hatte der Urwald sich unmerklich zuruckgezogen und sie wie Kiesel bei Ebbe enthullt.
Vernon stie? einen Schrei aus und sank zu Boden. Er wurde sofort von aufgebrachten und nervosen Mannern umzingelt. Funfzig Pfeile zielten aus einer Entfernung von wenigen Zentimetern auf seine Kehle und seinen Brustkorb.
»Nicht bewegen!«, rief Borabay. Er drehte sich um und sprach schnell auf die Fremden ein, die ihre Bogen darauf-hin langsam sinken lie?en und zuruckwichen. Borabay redete, nun langsamer und weniger schrill, auf sie ein. Er klang aufgeregt. Schlie?lich wichen die Manner einen weiteren Schritt zuruck und senkten die Waffen ganzlich.
»Ihr jetzt bewegen«, befahl Borabay. »Aufstehen. Nicht lacheln. Nicht Hand schutteln. Schauen in Augen von Krieger. Nicht
Sie richteten sich auf und taten, was er gesagt hatte.
»Holt jetzt Gepack, Waffen und Messer. Keine Angst zeigen. Wutendes Gesicht machen, aber nichts sagen. Wenn ihr lacheln, ihr sterben.«
Alle befolgten Borabays Befehle. Als Tom seine Machete an sich nahm, zuckten die Bogen schnell hoch, doch als er sie in seinen Gurtel schob, wurden sie wieder gesenkt. Er hielt sich genau an Borabays Anweisungen: Er bedachte die Krieger in seiner Nahe mit zornigen Blicken, woraufhin sie ihn ebenso anschauten und ihm die Knie weich wurden.
Borabay sprach nun leiser auf die Krieger ein. Auch er klang jetzt aufgebracht. Seine Worte galten einem Mann, der gro?er war als die anderen. Seine Oberarme zierte glanzender, an Ringen befestigter Federschmuck. Um seinen Hals schlang sich eine Schnur, an der jedoch kein Edelstein baumelte, sondern der Mull der westlichen Zivilisation: eine sechs Monate freien AOL-Zugang anbietende CD-ROM, ein durchbohrter Taschenrechner und eine alte Telefon-Wahlscheibe.
Der Krieger blickte Tom an und trat vor. Er blieb stehen.
»Bruder, du gehen ein Schritt auf Krieger zu und sagen wutend, er sich entschuldigen mussen.«
Tom hoffte blo?, dass Borabay die Psychologie der Lage richtig einschatzte. Er trat dem Krieger entgegen. »Wie konnt ihr es wagen, mit euren Bogen auf uns zu zielen?«, sagte er.
Borabay ubersetzte. Der Krieger antwortete ihm aufgebracht und deutete mit seinem Speer auf Toms Gesicht.
Borabay ubersetzte erneut. »Er sagen: >Wer ihr sein? Warum ihr kommen in Tara-Land ohne Einladung?< - Du sagen wutend, wir gekommen, um zu retten Vater. Du ihn anschreien.«
Tom gehorchte. Er wurde laut, machte einen Schritt in Richtung Krieger und brullte ihn an. Die Antwort des Kriegers klang noch wutender; au?erdem schwenkte er seinen Speer genau vor Toms Nase. Gleichzeitig hoben zahlreiche andere Krieger wieder ihre Bogen.
»Er sagen, Vater machen viel Arger fur Tara; er deshalb sehr wutend. Bruder, du mussen nun sein noch mehr wutend! Du sagen, sie Bogen runternehmen. Du sagen, du erst reden, wenn Bogen weg. Mach gro?e Beleidigung.«
Tom, inzwischen gehorig ins Schwitzen geraten, gab sich alle Muhe, das Entsetzen zu verdrangen, das er empfand, und Zorn vorzutauschen. »Wie konnt ihr es wagen, uns zu bedrohen?«, brullte er. »Wir sind in Frieden in euer Land gekommen - und ihr droht uns mit Krieg? Behandeln die Tara so ihre Gaste? Seid ihr Tiere oder Menschen?«
Tom bemerkte, dass Borabay sehr zufrieden wirkte, als er seine Worte ubersetzte. Zweifellos fugte er seiner Rede noch einige passende Nuancen hinzu.
Die Bogen der Krieger senkten sich. Diesmal nahmen sie die Pfeile an sich und schoben sie in ihre Kocher.
»Du jetzt lacheln.
Tom lachelte knapp, dann wurde seine Miene wieder ernst.
Borabay hielt eine langere Rede, dann wandte er sich wieder Tom zu. »Du den Krieger jetzt auf Tara-Art umarmen und kussen.«
Tom umarmte den Krieger verlegen und kusste ihn so, wie er es von Borabay kannte, mehrmals seitlich am Hals.
Mit dem Ergebnis, dass anschlie?end rote und gelbe Farbe auf seinem Gesicht und an seinen Lippen klebte. Der Krieger revanchierte sich fur seine Hoflichkeit und bekleckste ihn noch mehr.
»Gut«, sagte Borabay. Er war vor Erleichterung fast hysterisch. »Jetzt alles ist gut! Wir gehen jetzt in Tara- Dorf.«
Das Dorf bestand aus einem freien Platz mit festgetretenem Boden. Er war von zwei unregelma?ig geformten Kreisen mit der Art Schilfhutten umgeben, in denen sie die vergangene Nacht verbracht hatten. Sie wiesen keine Fenster auf.
In der Decke waren Locher. Vor vielen Hutten brannten Kochfeuer, die von Frauen beaufsichtigt wurden. Wie Tom auffiel, verwendeten sie die franzosischen Kochtopfe, Kup-ferpfannen und die rostfreien Solinger Bestecke, die sein Vater damals er-
standen hatte. Als sie den Kriegern auf den Dorfplatz folgten, gingen uberall Schilfturen auf und Unmengen Menschen drangten ins Freie, um sie zu begaffen. Die kleineren Kinder waren splitternackt; die alteren trugen schmutzige Shorts oder einen Lendenschurz. Die Frauen waren mit Stofffetzen bekleidet, die sie sich um die Taille schlangen.
Sie waren barbusig; ihre Bruste waren mit roter Farbe bemalt. Viele hatten kleine Metallscheiben an den Lippen und Ohren. Nur die Manner trugen Federschmuck.
Es gab keine formelle Begru?ungszeremonie. Die Krieger, die sie mitgebracht hatten, verteilten sich und gingen vollig uninteressiert ihren Geschaften nach. Nur die Frauen und Kinder starrten sie neugierig an.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Tom, als sie auf dem Platz standen und sich umschauten.
»Warten«, erwiderte Borabay.
Kurz darauf kam eine zahnlose Greisin aus einer Hutte.
Sie war so alt, dass sie gebuckt auf einen Stock gestutzt ging. Ihr kurzes wei?es Haar verlieh ihr etwas Hexenhaftes.
Sie kam den Neuankommlingen qualend langsam entgegen. Ohne den Blick ihrer kugelrunden Augen von ihnen abzuwenden, schnalzte sie mit der Zunge und murmelte etwas vor sich hin. Schlie?lich blieb sie vor Tom stehen und schaute zu ihm auf.
»Nichts tun«, sagte Borabay leise.
Die Greisin hob eine faltige Hand und versetzte Tom einen Schlag uber die Kniescheiben. Dann drosch sie - fur eine Frau ihres Alters erstaunlich schmerzhaft - dreimal auf seine Oberschenkel ein, wobei sie weiter etwas vor sich hin murmelte. Schlie?lich hob sie ihren Knuppel und schlug auf Toms Schienbeine sowie auf seinen Hintern ein. Am Ende lie? sie den Knuppel sinken und griff ihm in den Schritt. Tom schluckte und versuchte nicht zusammenzu-zucken, als sie seine Mannlichkeit einer eingehenden Prufung unterzog. Dann deutete sie auf seinen Kopf und bewegte die Finger. Als Tom sich ein wenig vorbeugte, griff sie in sein Haar und zog so heftig daran, dass ihm die Tranen kamen.
Die Greisin wich zuruck. Die Untersuchung schien abgeschlossen zu sein. Nun schenkte sie Tom ein zahnloses Lacheln und setzte zu einer langeren Rede an.
Borabay ubersetzte: »Sie sagen, du eindeutig Mann, obwohl anders aussehen. Sie dich und deine Bruder einladen, als Gaste in Tara-Dorf zu bleiben. Sie annehmen eure Hilfe, um zu kampfen gegen bose Manner in Wei?e Stadt. Sie sagen, du jetzt Boss.«
»Wer ist sie?« Tom musterte die Greisin kurz. Sie begaffte ihn noch immer vom Scheitel bis zur Sohle.
»Sie sein Frau von Cah. Pass auf, du ihr gefallen. Sie vielleicht kommt heute Nacht in deine Hutte.«
