Er begab sich wieder an das andere Ende des Zimmers.
»Als Sie mit den Zigaretten ins Zimmer kamen, waren die Mobel da irgendwie anders arrangiert? Der Tisch, die Stuhle oder dergleichen?«
»Es ist merkwurdig, da? Sie das sagen, Sir ... Jetzt, wo Sie es erwahnen, fallt es mir wieder ein. Der Schirm dort, der den Zug von der Schlafzimmertur her auffangt, war ein wenig mehr nach links verschoben.«
»Etwa so?« Poirot stand plotzlich am Schirm und ruckte ihn.
»Noch ein wenig mehr ... Ja, so ist's richtig.«
Der Schirm, der bis dahin die Truhe schon halb verdeckt hatte, verbarg sie nun fast vollstandig. »Haben Sie sich Gedanken daruber gemacht, warum er verschoben wurde?«
»Ich habe mir nichts dabei gedacht, Sir.« Burgess fugte unsicher hinzu: »Vielleicht war der Weg ins Schlafzimmer dann nicht so behindert - falls die Damen ihre Mantel dort ablegen wollten.«
»Vielleicht. Aber es konnte noch einen anderen Grund geben. Der Schirm verdeckt jetzt die Truhe und den Teppich bei der Truhe. Wenn Major Rich Mr. Clayton erstochen hatte, mu?te das Blut durch die Ritzen der Truhe sickern. Das hatte jemand bemerken konnen - wie Sie am nachsten Morgen. Also wurde der Schirm verschoben.«
»Auf den Gedanken ware ich nie gekommen, Sir.«
»Wie ist die Beleuchtung in diesem Zimmer, kraftig oder schwach?«
»Das will ich Ihnen gleich zeigen, Sir.«
Rasch zog der Diener die Vorhange vor und knipste ein paar Lampen an, die ein weiches, mildes Licht gaben, kaum stark genug, um dabei zu lesen. Poirot warf einen Blick auf die Deckenbeleuchtung.
»Die Lampe an der Decke brannte nicht, Sir. Sie wird wenig benutzt.«
Poirot hielt in der gedampften Beleuchtung Umschau.
Der Diener sagte:
»Ich glaube nicht, da? der Blutfleck zu sehen gewesen ware, Sir, es ist zu trube.«
»Ich denke, Sie haben recht. Warum ist dann nur der Schirm verschoben worden?«
Burgess erschauerte.
»Ein schrecklicher Gedanke - da? ein so netter Mann wie Major Rich eine solche Tat vollbringen konnte.«
»Sie zweifeln also nicht daran, da? er es getan hat? Warum hat er diese Tat begangen, Burgess?«
»Nun, er hat naturlich den Krieg mitgemacht. Vielleicht hatte er eine Kopfverletzung, nicht wahr? Es hei?t ja, da? solche Verletzungen sich oft nach Jahren wieder bemerkbar machen. Die Menschen werden plotzlich wunderlich und wissen nicht, was sie tun. Und man sagt ja, da? sie oft auf die losgehen, die ihnen am nachsten und teuersten sind. Glauben Sie, da? es so gewesen sein konnte?«
Poirot blickte ihn an und wandte sich seufzend ab.
»Nein«, entgegnete er, »so war es nicht.«
Eine knisternde Banknote wurde mit dem Geschick eines Taschenspielers Burgess in die Hand geschoben. »Oh, vielen Dank, Sir, aber das kann ich doch nicht annehmen.«
»Sie haben mir geholfen«, erklarte Poirot, »indem Sie mir dieses Zimmer zeigten und alles, was in dem Zimmer ist. Indem Sie mir zeigten, was an jenem Abend vor sich ging. Das Unmogliche ist nie unmoglich! Denken Sie daran. Ich sprach nur von zwei Moglichkeiten - das war falsch. Es gibt eine dritte Moglichkeit.« Er blickte er noch einmal im Zimmer umher und schauderte ein wenig.
»Ziehen Sie die Vorhange wieder auf, und lassen Sie Licht und Luft herein. Der Raum braucht das. Er bedarf einer grundlichen Reinigung. Es wird, glaube ich, noch lange dauern, bis er von dem gelautert ist, das ihn jetzt durchzieht - von dem anhaltenden Hauch des Hasses.«
Mit offenem Munde half der Diener Poirot in den Mantel und schien ganz verwirrt zu sein. Poirot, der mit Vorliebe unverstandliche Au?erungen machte, ging flotten Schrittes die Treppe hinunter auf die Stra?e.
Sobald Poirot nach Hause kam, rief er Inspektor Miller an.
»Was ist eigentlich mit Claytons Koffer geschehen? Seine Frau sagte mir, er habe einen gepackt.«
»Er hatte ihn im Klub beim Portier abgegeben und dann wohl vergessen.«
»Was enthielt er?«
»Na, das Ubliche, ein Hemd zum Wechseln und Toilettensachen.«
»Sehr grundlich.«
»Was haben Sie denn vermutet?«
Poirot ging nicht auf die Frage ein, sondern sagte:
»Was den Dolch angeht, so mochte ich Ihnen den Vorschlag machen, der Putzfrau habhaft zu werden, die Mrs. Spences Haus reinigt, und ausfindig zu machen, ob sie jemals einen solchen Gegenstand dort herumliegen sah.«
»Mrs. Spence?« Miller pfiff vor sich hin. »Wandern Ihre Gedanken etwa auch nach dieser Richtung? Den Spences ist der Dolch gezeigt worden. Sie kannten ihn nicht.«
»Fragen Sie sie noch einmal.«
»Meinen Sie etwa -«
»Und dann lassen Sie mich wissen, was sie sagen.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, was Sie entdeckt zu haben
130 glauben.«
»Lesen Sie den
Er legte den Horer auf. Dann wahlte er Lady Chattertons Nummer, aber die Leitung war besetzt.
Ein wenig spater versuchte er es noch einmal. Abermals ohne Erfolg. Er lie? seinen Diener George kommen und gab ihm den Auftrag, die Nummer so lange anzurufen, bis er eine Antwort bekame.
Er setzte sich in einen Sessel, streifte sorgfaltig seine Lackschuhe ab, streckte seine Zehen und lehnte sich zuruck.
»Ich bin alt«, sagte er vor sich hin. »Ich werde leicht mude.« Sein Gesicht erhellte sich. »Aber die Gehirnzellen funktionieren noch. Zwar langsam - aber sie funktionieren. Ja,
George meldete, da? Lady Chatterton am Apparat sei.
»Hier ist Hercule Poirot, Madame. Kann ich wohl mit Ihrem Gast sprechen?«
»Aber naturlich! Oh, Monsieur Poirot, haben Sie etwas Wundervolles geleistet?«
»Noch nicht«, erwiderte Poirot. »Aber vielleicht kommt es noch.«
Kurz darauf lie? sich Margharitas ruhige, sanfte Stimme vernehmen.
»Madame, als ich Sie fragte, ob an jenem Abend alles im Raum an seinem Platz gewesen sei, runzelten Sie die Stirn, als ob Sie sich an etwas erinnerten. Dann entfiel es Ihnen wieder. Hatte es die Stellung des Wandschirms sein konnen?«
»Der Wandschirm? Aber ja, naturlich. Er stand nicht an seinem gewohnten Platz.«
»Haben Sie an dem Abend getanzt?«
»Ja, eine Zeitlang.«
»Mit wem am meisten getanzt?«
»Mit Jeremy Spence. Er ist ein wundervoller Tanzer. Charles tanzt auch gut, aber nicht glanzend. Er tanzte mit Linda, und hin und wieder wechselten wir. Jock McLaren tanzt nicht. Er holte die Platten hervor, sortierte sie und legte die auf, die wir uns wunschten.«
»Und spater horten Sie ernste Musik?«
»Ja.«
Es entstand eine Pause. Dann sagte Margharita:
»Monsieur, was bedeutet dies alles? Haben Sie ... besteht irgendwelche Hoffnung?«
»Ist es Ihnen eigentlich jemals bewu?t, Madame, was die Menschen Ihrer Umgebung fuhlen?«
Aus ihrer Stimme klang leichte Uberraschung, als sie sagte:
»Ich - glaube wohl.«
»Ich glaube nicht. Ich glaube, Sie haben nicht die leiseste Ahnung. Das ist die Tragodie Ihres Lebens. Aber die Tragodie ist fur die anderen - nicht fur Sie.
