Heute erwahnte jemand mir gegenuber Othello. Ich fragte Sie, ob Ihr Gatte eifersuchtig sei, und Sie erwiderten, das musse er wohl sein. Aber Sie sagten es ganz sorglos. Sie sagten es, wie Desdemona es gesagt haben wurde, ohne eine Gefahr zu wittern. Desdemona erkannte ebenfalls Eifersucht, aber sie verstand sie nicht, weil sie selbst nie Eifersucht empfunden hatte oder empfinden konnte. Sie ahnte, glaubte ich, nichts von der Gewalt einer heftigen physischen Leidenschaft. Sie liebte ihren Gatten mit der romantischen Glut einer Heldenverehrung, sie liebte ihren Freund Cassio als einen nahen Gefahrten . Ich glaube, sie machte die Manner verruckt, wie sie selbst einer tiefen Leidenschaft nicht fahig war . Mache ich mich Ihnen verstandlich, Madame?«

Es trat eine Pause ein, und dann ertonte Margharitas Stimme - kuhl, lieblich, ein wenig verwirrt:

»Ich verstehe nicht ganz, was Sie da sagen ...«

Poirot seufzte und sagte in nuchternem Ton:

»Heute abend statte ich Ihnen einen Besuch ab.«

Inspektor Miller war nicht leicht zu uberreden. Aber Hercule Poirot war auch nicht leicht abzuschutteln. Knurrend streckte Inspektor Miller schlie?lich seine Waffen.

». obgleich ich nicht einsehe, was Lady Chatterton damit zu tun hat.«

»Eigentlich nichts. Sie hat einer Freundin einen Unterschlupf geboten, das ist alles.«

»Und die Sache mit den Spences - woher wu?ten Sie das eigentlich?«

»Da? das Stilett von dort kam? Nur eine Vermutung. Eine Bemerkung, die Teremy Spence machte, gab mir die Idee. Ich deutete an, da? das Stilett wohl Margharita Clayton gehorte, und er zeigte mir, da? er mit Sicherheit wu?te, da? dies nicht zutraf.« Nach einer kleinen Pause fragte er: »Was haben Sie gesagt?«

»Gaben zu, da? es sehr einem Zierdolch glich, den sie einstmals besa?en. Aber er war vor einigen Wochen abhanden gekommen, und sie hatten ihn ganz vergessen. Rich hat ihn ihnen wohl entwendet.«

»Ein Mann, der gern sichergeht, dieser Mr. Jeremy Spence«, bemerkte Poirot. Dann murmelte er vor sich hin: »Vor einigen Wochen . Ja, ja, das Planen begann vor langer Zeit.«

»Hm? Wie meinten Sie?«

»Wir sind da«, sagte Poirot, als das Taxi vor Lady Chattertons Haus in Cheriton Street hielt, und entlohnte den Chauffeur.

Margharita Clayton wartete oben in ihrem Zimmer auf sie. Ihre Zuge verharteten sich, als sie Miller sah.

»Ich wu?te nicht -«

»Sie wu?ten nicht, wer der Freund war, den ich mitzubringen beabsichtigte?«

»Inspektor Miller zahlt nicht zu meinen Freunden.«

»Das hangt ganz davon ab, ob Sie Gerechtigkeit ausgeubt sehen wollen oder nicht, Mrs. Clayton. Ihr Gatte ist ermordet worden -«

»Und nun mussen wir vom Tater reden«, warf Poirot rasch ein. »Durfen wir Platz nehmen, Madame?«

»Ich bitte Sie«, wandte sich Poirot an seine beiden Zuhorer, »mir geduldig zuzuhoren. Ich glaube jetzt zu wissen, was an jenem verhangnisvollen Abend in Major Richs Wohnung geschah. Wir sind alle miteinander von einer falschen Annahme ausgegangen - von der Annahme, da? nur zwei Personen die Gelegenheit hatten, Mr. Clayton in der Truhe zu verstecken, namlich Major Rich und William Burgess. Aber wir haben uns geirrt - es war eine dritte Person in der Wohnung, die eine ebenso gute Moglichkeit hatte.«

»Und wer war das?« fragte Miller skeptisch. »Der Liftboy?«

»Nein. Arnold Clayton.«

»Was sagen Sie da? Er hat seine eigene Leiche versteckt?«

»Naturlich nicht seinen toten, sondern seinen lebendigen Korper. Mit anderen Worten: er hat sich in der Truhe versteckt. Ein Vorkommnis, das sich im Laufe der Geschichte oft wiederholt hat. Mir kam dieser Gedanke, sobald ich sah, da? man ganz kurzlich Locher in die Truhe gebohrt hatte. Warum war das geschehen? Nun, damit genugend Luft in der Truhe vorhanden war. Und warum war der Wandschirm an jenem Abend aus seiner ublichen Stellung verschoben? Um die Truhe vor den Personen im Raum zu verbergen, damit der versteckte Mann von Zeit zu Zeit den Deckel heben, seine verkrampften Glieder lockern und besser horen konnte, was gesagt wurde.«

»Aber warum?« fragte Margharita mit vor Staunen geweiteten Augen. »Was sollte Arnold veranla?t haben, sich in der Truhe zu verstecken?«

»Das fragen Sie, Madame? Ihr Gatte war ein eifersuchtiger Mann. Auch war er sehr verschlossen. >Zugeknopft<, wie Ihre Freundin, Mrs. Spence, sich ausdruckte. Seine Eifersucht wuchs und qualte ihn. Waren Sie Richs Matresse oder nicht? Er wu?te es nicht. Aber er mu?te es wissen! Also - ein >Telegramm aus Schottland< das Telegramm, das nie geschickt wurde, das niemand sah. Der Koffer fur eine Nacht wird gepackt und zweckdienlich im Klub vergessen. Ihr Gatte hat wahrscheinlich ausfindig gemacht, wann Rich nicht zu Hause ist, und geht um diese Zeit in die Wohnung. Dem Diener sagt er, er mochte ein paar Zeilen schreiben. Sobald er allein ist, bohrt er die Locher in die Truhe, ruckt den Wandschirm zurecht und klettert in die Truhe. An diesem Abend will er die Wahrheit erfahren. Vielleicht bleibt seine Frau zuruck, wenn die anderen Gaste aufbrechen; vielleicht geht sie und kommt spater wieder zuruck. An diesem Abend will der verzweifelte, von Eifersucht geplagte Mann Gewi?heit haben .«

»Sie wollen doch wohl nicht behaupten, da? er sich selbst erstochen hat?« Millers Stimme klang unglaubig.

»Oh, nein, jemand anders hat ihn erstochen. Jemand, der wu?te, da? er sich in der Truhe versteckt hielt. Es war schon ein regelrechter Mord. Ein sorgfaltig geplanter, lange erwogener Mord. Denken Sie an die anderen Charaktere in Othello. An Jago hatten wir uns erinnern sollen. Ein listiges Vergiften von Arnold Claytons Gedanken durch versteckte Andeutungen und Winke. Der ehrliche Jago, der treue Freund, der Mann, dem man immer Glauben schenkt! Arnold Clayton glaubte ihm. Arnold Clayton gestattete ihm, auf seiner Eifersucht herumzureiten und sie bis ins Ma?lose zu steigern. Ist Arnold Clayton wohl selbst auf die Idee gekommen, sich in der Truhe zu verstecken? Er hat es sich vielleicht eingebildet und wahrscheinlich auch geglaubt. Und so wird die Sache in Szene gesetzt. Das vor einigen Wochen unauffallig entwendete Stilett ist griffbereit. Der Abend kommt heran. Die Lichter sind gedampft, das Grammophon spielt, zwei Paare tanzen, der uberzahlige Mann macht sich am Plattenschrank zu schaffen, der dicht neben der spanischen Truhe und ihrem verhullenden Schirm steht. Hinter den Schirm schlupfen, den Deckel heben und zustechen - verwegen, aber ganz leicht!«

»Clayton hatte aber aufgeschrien!«

»Nicht, wenn er betaubt war«, entgegnete Poirot. »Nach Aussage des Dieners lag Clayton wie im Schlafe da. Und er war auch in einen Schlaf versetzt worden, und zwar durch den Mann, der einzig und allein in der Lage gewesen war, ihn zu betauben. Der Mann, mit dem er im Klub zusammen ein Glas getrunken hatte.«

»Jock?« ertonte Margharitas helle Stimme in kindlicher Uberraschung. »Jock? Nicht der gute alte Jock. Meine Gute, ich habe Jock mein ganzes Leben lang gekannt! Warum in aller Welt sollte Jock -«

Poirot fiel ihr heftig ins Wort.

»Warum haben zwei Italiener sich duelliert? Warum hat ein junger Mann sich erschossen? Jock McLaren ist ein verschlossener Mensch. Er hatte sich vielleicht damit abgefunden, Ihnen und Ihrem Gatten ein treuer Freund zu sein. Aber dann kommt Major Rich auch noch hinzu. Das ist zuviel! Blind vor Ha? und Begierde, plant er einen fast vollkommenen Mord - einen Doppelmord, denn Rich wurde mit ziemlicher Sicherheit fur schuldig befunden werden. Und wenn beide Nebenbuhler - Rich und Ihr Gatte - aus dem Wege sind, dann, so nimmt er an, werden Sie sich ihm zuwenden. Und das hatten Sie vielleicht auch getan Madame - wie?«

Mit vor Entsetzen geweiteten Augen starrte sie ihn an. Fast unbewu?t flusterte sie: »Vielleicht ... Ich wei? es nicht ...«

Inspektor Miller lie? sich mit plotzlicher Autoritat vernehmen. »Dies ist ja alles ganz schon und gut, Poirot. Aber doch nur eine Theorie, weiter nichts. Sie haben nicht den geringsten Beweis dafur. Wahrscheinlich ist kein wahres Wort an der Geschichte.«

»Sie stimmt von A bis Z.«

»Aber es ist kein Beweis vorhanden. Wir haben keine Veranlassung einzuschreiten.«

»Sie irren sich. Ich glaube, McLaren wird es zugeben, wenn Sie ihn vor die vollendete Tatsache stellen, das hei?t, wenn Sie ihm deutlich zu verstehen geben, da? Margharita Clayton im Bilde ist.«

Poirot brach ab und setzte dann hinzu:

»Denn sobald er das wei?, hat er verloren ... Der vollkommene Mord ist vergebens gewesen.«

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