ausgesprochenes Lieblings-Internetcafe. Es ist ein Teil der Electronic-Village-Kette, aber ich mag es, weil es rund um die Uhr geoffnet hat, was Nachtschwarmern wie mir entgegenkommt. Das einzige Fenster in der Ladenfront ist ubertuncht, und die Leuchtreklame uber der Tur funktioniert schon seit Jahren nicht mehr. Die Leute, die hierherkommen, schatzen die Abgeschiedenheit, wahrend sie merkwurdige, illegale und moglicherweise unnaturliche Sachen mit ihren Computern machen. Ich betrat das Cafe und blieb im Eingang stehen, damit meine Augen sich an die Dusterkeit gewohnen konnten. Es gab Stuhle und Tische und Computer und sonst rein gar nichts. Den uberraschend gro?en Raum umgab ein Flair stiller Ehrfurcht, nicht unahnlich dem einer Kirche. Die Gaste sa?en zusammengekauert uber ihren leuchtenden Bildschirmen und hatten fur diejenigen um sie herum weder Augen noch Ohren. Die einzigen Gerausche im Raum stammten vom schnellen Tippen auf Tasten und dem leisen Piepsen der Gerate.
Der Geschaftsfuhrer des Cafes kam auf mich zu, um mich zu begru?en. Willy Fleagal war von der hoch aufgeschossenen, schlaksigen Sorte, mit Bifokalbrille, hoher Stirn und Pferdeschwanz; er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift
»Ja da schau her, aber hallochen, Mr. Bond!«, sagte er, wobei er sich schwer um Frohlichkeit bemuhte, jedoch knapp scheiterte. Willy war ein alter Verschworungstheorienfreak und neigte daher zu Depressionen, Schwermut und Trubsalblasen als naturlichen Standardeinstellungen. »Ist mir immer eine Freude, Sie hier drin zu sehen, Mann. Sind Sie sicher, dass Ihnen niemand gefolgt ist? Aber klar doch sind Sie sicher, aber klar doch!« Er zog einen tragbaren Scanner heraus und untersuchte meine Kleidung auf angebrachte Wanzen. Gehorte bei Willy alles zum Service.
»Sie scheinen ganz gut zu tun zu haben, Willy«, meinte ich. »Irgendwas Pikantes zutage gefordert kurzlich?«
Er nickte schnell und senkte die Stimme, wahrend er mich uber den neuesten Verschworungstratsch ins Bild setzte. Von dem ich das meiste bereits kannte, aber ich brachte es nicht ubers Herz, ihm das zu sagen. Seine tranenden Augen leuchteten hinter den Bifokalglasern, als er mir feierlich versicherte, dass die britische Konigsfamilie in Wirklichkeit von uralten Eidechsengottern abstammt, die ihren schrecklichen Ursprung im deutschen Schwarzwald hatten; dass das Pentagon der Vereinigten Staaten in Wirklichkeit eine geheime sechste Seite hat, unsichtbar fur alle bis auf die Auserwahlten, wo alle wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen werden; und dass eine gewisse Hollywood-Schauspielerin in Wirklichkeit ein gestaltwandlerisches Alien ist, weshalb sie auch so leicht ab- und zunehmen kann und gleichzeitig niemals zu altern scheint. Diese letzte Geschichte war mir neu, und ich nahm mir vor, sie spater zu uberprufen. Die Familie wei? von vier gestaltwandlerischen Alienspezies, die gegenwartig auf unserer Welt zu tun haben, und ein Teil der Ubereinkunft lautet, dass sie sich aus dem Blickpunkt der Offentlichkeit fernhalten sollen.
Schlie?lich war Willy leergelaufen und fuhrte mich an seinen Gasten, die blind fur die Welt um sich herum an ihren Rechnern sa?en, vorbei zu dem Hinterzimmer, das fur meinen Gebrauch reserviert war. Er schloss die Tur auf, geleitete mich mit einem letzen dusteren Schniefen hinein und lie? mich dann allein. Ich blieb stehen, bis ich ihn die Tur wieder abschlie?en horte, und setzte mich dann vor den wartenden Computer. Ich brauchte nicht nachzusehen, ob Willy oder sonst wer sich daran zu schaffen gemacht hatte; falls irgendjemand au?er mir sich ihm auch nur naherte, wurde sich das ganze Ding auf ziemlich beeindruckend unangenehme Art und Weise selbst zerstoren. Das wusste Willy naturlich nicht. Er brauchte es nicht zu wissen. Er brauchte auch nicht zu wissen, dass sich im Inneren des Standardcomputergehauses nichts als eine zweckma?ig praparierte Kristallkugel befand. Viel leistungsstarker als jeder Rechner und verdammt viel schwerer zu hacken.
Ich sagte laut meinen richtigen Namen, und der Monitor schaltete sich ein und zeigte mir das Bild meiner ublichen Kontaktperson, Penny Drood. Eine kuhle Blonde in einem engen Pullover, hinlanglich su? und gescheit und sexy, auf eine distanzierte Art. Ich mag Penny. Sie lasst sich nichts von mir gefallen.
»Du bist spat dran«, sagte sie. »Von Agenten im Au?endienst wird verlangt, dass sie ihren Bericht exakt zur vollen Stunde abgeben.«
»Ja, es ist mir gelungen, nicht getotet oder schwer verletzt zu werden, danke der Nachfrage, Penny. Durfte ich mich erkundigen, wieso die Missionsinstruktionen mich nicht uber den verflucht gro?en Damonenhund in Kenntnis setzten, der drau?en vor Dr. Dee Wache stand?«
Penny rumpfte die Nase. »Damonenhunde entwickeln sich dieser Tage zum Standard, Eddie. Was du wusstest, wenn du dir die Muhe gemacht hattest, die ganzen Aktualisierungen zu lesen, die ich dir geschickt habe.«
»Wenn ich alles lesen wollte, was die Familie mir schickt, wurde ich nie irgendwas erledigt kriegen. Und das hier war ein echt gro?er Schei?kerl.«
Penny lachelte kurz. »An dem Tag, an dem du nicht mehr mit einem Damonenhund fertig wirst, werden wir dich in Rente schicken. Und jetzt erstatte bitte deinen Bericht. Du bist namlich nicht der einzige Agent, um den ich mich kummern muss.«
»Ah, aber die andern vergottern nicht wie ich den Boden unter deinen Fu?en!«
»Gotzenanbetung fuhrt zu nichts. Erstatte deinen Bericht!«
Ich machte mich sofort an die Arbeit, flussig und prazise, mit der Muhelosigkeit langer Gewohnheit. Nur die relevanten Details; die Familie braucht nicht alles zu wissen, solange der Auftrag erfolgreich durchgefuhrt wird. Mein kurzes, ungluckliches Zusammentreffen mit dem Karma-Katecheten lie? ich unerwahnt. Als ich jedoch zum Ende meines Berichts kam und mich in meinem Stuhl zurucklehnte, war das Allererste, was Penny sagte: »Erzahl mir vom Karma-Katecheten!« Ich seufzte tief, aber wirklich uberrascht war ich nicht. Die Familie wei? alles, wissen Sie noch? So ist es eben. Also erzahlte ich Penny, was passiert war, wobei ich sorgfaltig darauf achtete zu betonen, dass nichts davon in irgendeiner Weise meine Schuld war, und zum Schluss nickte sie einfach und unterbrach die Verbindung. Der Bildschirm ging aus, und ich stand auf, streckte mich trage und fuhlte mich ziemlich erleichtert. Hatte ich in Schwierigkeiten gesteckt, hatte sie mich aufgefordert zu warten, wahrend sie es nach oben weitergab.
Daher, Bericht zu Ende, Mission abgeschlossen. Zeit, ein kultiviertes Wirtshaus aufzusuchen und sich die Kante zu geben.
Ich verlie? das Internet-Cafe und nickte Willy, der gerade damit beschaftigt war, Bill Gates anonyme Hass- E-Mails zu schicken, zum Abschied zu. Ich machte die Tur fest hinter mir zu und schaute dann beilaufig die Seitenstra?e hoch und runter, um mich zu vergewissern, dass niemand in der Nahe war. Der Nachmittag ging inzwischen in den Abend uber, die Schatten wurden langer und dunkler. Die Seitenstra?e endete an einer schmutzigen Backsteinmauer voll verblasster Graffiti. Ich stellte mich vor die Mauer, sprach gewisse
Der Club ist nicht wirklich in London; man kann ihn von jeder Stadt der Welt aus betreten, solange man ein angesehenes Mitglied ist und die augenblicklichen Passworter kennt. Ich bin nicht sicher, ob irgendjemand wei?, wo genau (oder in der Tat wann genau) sich der Wolfskopf tatsachlich befindet. Wodurch er zum besten aller moglichen Orte wird, wenn man mal eine Pause von der Welt und ihren Anforderungen braucht.
Ich trat durch die Tur in blendendes Licht, stampfende Musik und das Gebrull von Leuten, die entschlossen waren, sich zu amusieren, koste es, was es wolle. Der Wolfskopf ist sehr auf dem neuesten Stand, sehr Hightech. Ganz mit Neonstreifen ausgeleuchtet und die Einrichtung so modern, dass man die Halfte der Zeit uber nicht mal sagen kann, wofur sie eigentlich sein soll. Die Wande sind gigantische Plasmabildschirme, die standig wechselnde dramatische Aufnahmen aus der ganzen Welt zeigen. Hin und wieder flimmern Schlafzimmergeheimnisse beruhmter und wichtiger Leute daruber, heimlich aufgenommen von Spannern mit Zugang zu weit mehr Technologie, als gut fur sie ist. Die Musik hammerte und drohnte, wahrend Madchen in so gut wie keinen Kleidern auf angestrahlten Miniaturbuhnen herumstolzierten und aufstampften und sich die Seele aus dem Leib tanzten, bis
