»Genau. Und wenn wir den Schlussel haben, gehen wir zur grunen Kapelle. Die wo liegt, Kate?«
Sie nahm den Stock und zeichnete ein Quadrat. »Wenn das La Roque ist, uber dem Steilhang, dann liegt da im Norden ein Wald. Die Stra?e ist ungefahr hier. Ich glaube, die Kapelle ist nicht weit weg - hier vielleicht.«
»Zwei Kilometer? Drei Kilometer?« »Sagen wir, drei Kilometer.« Marek nickte.
»Na, das ist ja alles nicht schwer«, sagte Chris, stand auf und wischte sich die Erde von den Handen. »Wir mussen lediglich an den bewaffneten Wachen vorbei und in die befestigte Muhle kommen und dann zu der Kapelle gehen — wir durfen uns dabei nur nicht umbringen lassen. Also dann los.«
Sie lie?en den Wald hinter sich und wanderten durch eine Landschaft der Zerstorung. Flammen loderten uber dem Kloster von Sainte-Mere, Rauchwolken verdunkelten die Sonne. Schwarze Asche bedeckte den Boden, legte sich ihnen auf Gesicht und Schul-tern und schwangerte die Atemluft. Sie schmeckten Ru? auf Lippen und Zunge. Am anderen Flu?ufer war gerade noch der dunkle Umri? von Castelgard zu erkennen, jetzt nur noch eine geschwarzte, rauchende Ruine auf der Hugelflanke.
Auf ihrem Marsch durch die Verwustungen sahen sie lange Zeit keinen Menschen. Westlich des Klosters kamen sie an einem Bau-ernhaus vorbei, wo ein alterer Mann mit zwei Pfeilen in der Brust auf dem Boden lag. Aus dem Haus drang das Schreien eines Babys. Als sie hineinschauten, sahen sie eine zerstuckelte Frau, die mit dem Gesicht nach unten vor dem Feuer lag; ein kleiner Junge starrte, den Bauch aufgeschlitzt, in den Himmel. Das Baby sahen sie nicht, aber die Schreie schienen von einer Decke in der Ecke zu kommen. Kate ging darauf zu, aber Marek hielt sie zuruck. »Nicht.« Sie gingen weiter.
Der Rauch zog uber eine leere Landschaft, verlassene Hutten, unbearbeitete Felder. Von dem Bauernhaus mit seinen hingemetzelten Bewohnern abgesehen, sahen sie keinen Menschen. »Wo sind die ganzen Leute?« fragte Chris.
»Sie sind alle in den Waldern«, sagte Marek. »Dort haben sie Hutten und unterirdische Verstecke. Sie wissen, was sie tun mussen.« »In den Waldern? Wie konnen sie da uberleben?« »Indem sie voruberziehende Soldaten angreifen. Das ist der Grund, warum die Ritter jeden toten, den sie im Wald entdecken. Sie nehmen an, da? es
Krieg zwischen England und Frankreich ruht, sehen sie nur zu deutlich, da? die Ritter die Urheber weiterer Zerstorungen sind. Sowohl Arnaut als auch Oliver haben bei Poitiers fur ihren jeweiligen Konig gekampft. Und jetzt plundern sie das Land aus, damit sie ihre Truppen bezahlen konnen. Den Leuten gefallt das nicht. Deshalb rotten sie sich zu Banden von
»Und dieses Bauernhaus?« fragte Kate. »Wie kommt es zu so was?« Marek zuckte die Achseln. »Vielleicht wurde dein Vater im Wald von
Marek verstummte und deutete nach vorne. Uber einer Baumreihe bewegte sich ein flatterndes grunschwarzes Banner schnell von rechts nach links. Es wurde von einem einzelnen, galoppierenden Reiter getragen.
Marek deutete nach rechts. Sie gingen leise flu?aufwarts. Und so kamen sie schlie?lich zu der Muhlenbrucke und dem Kontrollpunkt. Die Muhlenbrucke endete an ihrem Ufer in einer hohen Steinmauer mit einem Torbogen. Ein steinernes Zollhauschen stand rechts des Tors. Die einzige Stra?e nach La Roque fuhrte hier durch, was bedeutete, da? Olivers Manner, die die Brucke kontrollierten, auch die Stra?e kontrollierten.
Die Kalksteinfelsen rechts der Stra?e waren hoch und steil. Der einzige Weg fuhrte also durch den Torbogen. Und neben dem Tor stand, im Gesprach mit den Soldaten am Zollhaus, Robert de Kere. Marek schuttelte den Kopf.
Ein Strom von Bauern, meistens Frauen und Kinder, einige mit ein paar Habseligkeiten auf dem Rucken, kam die Stra?e hoch. Sie suchten den Schutz der Festung von La Roque. De Kere sprach mit einem Posten und warf hin und wieder einen fluchtigen Blick auf die Bauern. Auch wenn er keinen sehr aufmerksamen Eindruck machte, wurden sie doch nie unbeobachtet an ihm vorbeikommen.
Schlie?lich verschwand de Kere im Inneren der befestigten Brucke. Marek stie? die andern an, sie setzten sich auf der Stra?e in Bewegung und gingen langsam auf den Kontrollpunkt zu. Marek spurte, wie er zu schwitzen anfing.
Die Wachen durchsuchten die Habseligkeiten der Leute, konfiszierten alles, was wertvoll aussah, und warfen es auf einen Haufen neben der Stra?e.
Marek erreichte den Torbogen und ging langsam weiter. Die Soldaten musterten ihn, aber er hielt den Blick gesenkt. Er schaffte es hindurch, dann Chris und schlie?lich Kate.
Sie folgten der Menge den Flu? entlang, doch als die Bauern nach einer Weile in Richtung La Roque abbogen, ging Marek in die entgegengesetzte Richtung, auf das Ufer zu.
Hier war uberhaupt niemand, und sie konnten, versteckt hinter Laubwerk, die Brucke ausspahen, die jetzt etwa vierhundert Meter flu?abwarts lag.
Was sie sahen, war nicht sehr ermutigend.
An jedem Ende der Brucke stand ein massiver, zweistockiger
Wachturm mit einem zinnenbewehrten Laufgang obenauf und Schie?scharten an allen Seiten. Auf dem diesseitigen Wachturm sahen sie zwei Dutzend Soldaten in Kastanienbraun und Grau, die kampfbereit uber die Brustwehr nach unten schauten. Die gleiche Anzahl Soldaten befand sich auf dem zweiten Turm, auf dem Sir Olivers Banner im Wind flatterte.
Zwischen den beiden Turmen bestand die Brucke aus zwei Gebauden unterschiedlicher Gro?e, die durch Rampen verbunden waren. Darunter drehten sich vier Wasserrader, angetrieben von der Stromung des Flusses, der durch eine Reihe von Dammen und Kanalen beschleunigt wurde.
»Was meinst du?« fragte Marek Chris. Diesem Bauwerk galt schlie?lich sein ganz spezielles Interesse. Er studierte es seit zwei Jahren. »Kommen wir da rein?«
Chris schuttelte den Kopf. »Keine Chance. Uberall Soldaten. Es gibt keinen Weg hinein.«
»Was ist das Gebaude auf unserer Seite?« fragte Marek und deutete auf einen zweistockigen Holzbau.
»Das durfte die Mehlmuhle sein«, sagte Chris. »Wahrscheinlich mit den Muhlsteinen im Obergescho?. Das Mehl rieselt uber eine Rinne in Behalter im Erdgescho?, wo man es leichter in Sacke fullen und hinaustragen kann.« »Wie viele Leute arbeiten dort?«
»Wahrscheinlich zwei oder drei. Aber im Augenblick« - er deutete auf die Soldaten — »vielleicht uberhaupt niemand.« »Okay. Und das andere?«
Marek deutete auf das andere Gebaude, das mit dem ersten durch eine kurze Rampe verbunden war. Es war langer, aber niedriger. »Bin mir nicht ganz sicher«, sagte Chris. »Es konnte zur Metallbearbeitung sein, eine Breimuhle zur Papierherstellung, ein Biermaischer oder vielleicht sogar eine Muhle zur Holzbearbeitung.« »Du meinst mit Sagen?«
»Ja. Zu dieser Zeit gibt es bereits wassergetriebene Sagen. Falls es das ist.«
»Du bist dir aber nicht sicher.«
»Nein, von hier aus la?t sich das nicht feststellen.«
Kate sagte: »Tut mir ja furchtbar leid, aber warum zerbrechen wir uns uberhaupt daruber den Kopf? Schaut euch die Brucke doch nur an: Wir kommen da nie rein.«
»Aber wir mussen rein«, sagte Marek. »Um uns Bruder Marcels Zelle anzusehen und um den Schlussel zu holen, der da drin ist.«
»Aber wie, Andre? Wie kommen wir da rein?«
Lange starrte Marek die Brucke schweigend an. Dann sagte er: »Wir schwimmen.«