Unterhaltungs- und Schulungskanalen gab.

Dem entsprechenden Informationsblatt zufolge wurden auf zehn Kanalen ununterbrochen einige der in der Galaktischen Foderation beliebtesten Unterhaltungssendungen, die aktuellsten Tagesereignisse und Spielfilme gebracht, auf Wunsch in einer durch den Translator synchronisierten Fassung. Doch Cha Thrat stellte fest, da? sie zwar die Worte verstehen konnte, die die Aliens verschiedener physiologischer Klassen zu- und ubereinander sagten, die gleichzeitig ablaufenden Handlungen aber fur sommaradvanische Augen abwechselnd widerwartig, ratselhaft, albern oder geradezu obszon waren. Deshalb schaltete sie lieber auf die Schulungskanale um.

Dort hatte sie die Wahl, sich Diagramme mit momentan noch sinnlosen Zahlen und Tabellen uber die Korpertemperatur, den Blutdruck und den Puls von mehr als sechzig verschiedenen Lebensformen oder Direktubertragungen von Operationen anzuschauen, deren Bilder beunruhigend wirkten und nicht gerade dazu bestimmt waren, irgend jemanden gemutlich in den Schlaf zu wiegen.

Also probierte Cha Thrat verzweifelt die reinen Tonkanale aus. Aber die Musik, die ihr dabei zu Ohren kam, klang, selbst wenn sie die Lautstarke fast bis zur Horschwelle absenkte, als wurde sie von einer nicht richtig funktionierenden Maschine in einem Stahlwerk hervorgerufen. Deshalb war es fur sie eine um so gro?ere Uberraschung, als sie irgendwann vom Wecker im Zimmer mit einem monotonen Klang, aber sich standig steigernder Lautstarke daran erinnert wurde, da? es an der Zeit war aufzustehen, falls sie vor ihrer ersten Unterrichtsstunde noch fruhstucken wollte.

4. Kapitel

Der Ausbilder war ein Nidianer, der sich als Chefarzt Cresk-Sar vorgestellt hatte. Beim Sprechen schritt er vor der Reihe der Auszubildenden wie ein kleines, stark behaartes, fleischfressendes Tier auf und ab und kam deshalb andauernd so nahe an Cha Thrat vorbei, da? sie am liebsten abwehrend die Gliedma?en gekreuzt hatte oder weggelaufen ware.

„Um beim Zusammentreffen mit Lebewesen anderer Spezies sprachliche Mi?verstandnisse auf ein Minimum zu reduzieren und um zu vermeiden, unbeabsichtigt anzuecken, ist es unabdingbar, da? alle Mitglieder des Arzt- und Hilfspersonals, auch wenn sie nicht der eigenen Spezies angehoren, als Individuen mit eigenen Gefuhlen, Sehnsuchten und Angsten respektiert werden“, erklarte der Nidianer. „Ob Sie nun jemanden direkt ansprechen oder sich in seiner Abwesenheit uber ihn unterhalten, Sie werden Ihre Mitarbeiter immer siezen und den entsprechenden Namen gebrauchen. Diese Regel gilt naturlich nicht fur den Freundeskreis, private Beziehungen und dergleichen.

Ich bin ein mannlicher DBDG von Nidia, aber stellen Sie sich mich bitte niemals als „nidianischen Rotpelz“ oder als „kleines, behaartes Tier“ vor, sondern immer als Cresk-Sar.“

Als sich der absto?ende, stark behaarte Korper Cha Thrat erneut bis auf wenige Schritte naherte, bevor er wieder in die entgegengesetzte Richtung davonschritt, dachte sie, da? sie einige Schwierigkeiten haben wurde, den Chefarzt in Gedanken nicht als stark behaarten Fleischfresser zu bezeichnen.

Um jemanden zu finden, der auf sie einen etwas weniger absto?enden Eindruck machte, richtete sie die Augen auf die neben ihr stehende Schwesternschulerin, die zu den drei am Unterricht teilnehmenden Kelgianerinnen mit silbernem Fell gehorte. Sie empfand es als au?erst merkwurdig, wie ihr innerlich vor der Behaarung des Nidianers schauderte,

wahrend der gleicherma?en fremdartige Pelz der Kelgianerin so beruhigend und entspannend wie ein gro?es Kunstwerk auf sie wirkte. Das Fell befand sich in standiger Bewegung, breite Krauselungen, die gelegentlich von Strudeln und kleinen Wellen durchkreuzt wurden, verliefen langsam vom kegelformigen Kopf bis zum Schwanz hinab, als ob der unglaublich feine Pelz eine Flussigkeit ware, die von einem nicht spurbaren Wind aufgewuhlt wurde. Zuerst hielt Cha Thrat diese Bewegungsmuster fur zufallig, doch je genauer sie hinsah, desto deutlicher schien sich in den Krauselungen und Strudeln ein Schema herauszubilden.

„Was starren Sie mich denn so an?“ wollte die Kelgianerin plotzlich wissen, wobei die vom Translator ubersetzten Worte von den stohnenden, und zischenden Lauten ihrer Muttersprache untermalt wurden. „Habe ich irgendwo eine kahle Stelle, oder was?“

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen“, entschuldigte sich Cha Thrat. „Ihr Fell ist wirklich wunderschon, und die Art, wie es sich bewegt, fasziniert mich einfach.“

„He, Sie da! Passen Sie gefalligst auf!“ ermahnte Cresk-Sar die beiden in scharfem Ton. Er kam naher, sah sie beide abwechselnd an und schritt die Reihe dann wieder in der anderen Richtung ab.

„Cresk-Sars Fell sieht furchterlich aus“, flusterte die Kelgianerin. „Bei diesem Anblick habe ich immer das Gefuhl, da? andauernd irgendwelche unsichtbaren Parasiten, die ich mir naturlich nur einbilde, zu mir herubergesprungen kommen. Davon kriege ich ein furchtbares, psychosomatisch bedingtes Jucken.“

Diesmal warf ihnen Cresk-Sar einen zweiten langen Blick zu, stie? ein verargertes Schnaufen aus, das vom Translator nicht ubersetzt wurde, und fuhr mit seinen Ausfuhrungen fort.

„.ein zweiter Punkt ist die Geschlechtszugehorigkeit von Aliens, mit der jede Menge unlogischer Verhaltensweisen verbunden sind. Ich mochte betonen, da? man dieses Thema moglichst ignorieren oder sogar bewu?t vermeiden sollte, es sei denn, das Geschlecht eines bestimmten Patienten hat direkten Einflu? auf die Behandlungsmethode. Einige von Ihnen sind vielleicht der Meinung, da? ein solches Wissen uber Mitarbeiter einer anderen Spezies hilfreich oder nutzlich sein konnte, insbesondere fur Gesprache bei Treffen in der Freizeit oder wenn gerade ein besonders interessantes Gerucht kursiert, wie es hier oft vorkommt. Aber glauben Sie mir, auf diesem Gebiet ist Unwissenheit ausnahmsweise eine Tugend.“

In der unteren Halfte der Reihe meldete sich ein Melfaner zu Wort. „Es gibt doch bestimmt gesellschaftliche Ereignisse, gemeinsame Mahlzeiten oder Vortrage, an denen verschiedene Spezies teilnehmen und wo es eine grobe Verletzung guter Manieren ware, das Geschlecht eines intelligenten und gesellschaftspolitisch interessierten Lebewesens nicht zu beachten. Ich glaube, es.“

„Und ich glaube“, unterbrach ihn Cresk-Sar mit einem Bellen oder Lachen, „da? Sie das sind, was unsere terrestrischen Freunde einen Kavalier nennen. Sie haben mir nicht zugehort. Ubersehen Sie den geschlechtlichen Unterschied. Betrachten Sie jeden, der nicht zu Ihrer Spezies gehort, einfach als Neutrum. Einige unserer Aliens mu?ten Sie sowieso ganz genau betrachten, um den Unterschied uberhaupt festzustellen, und das allein konnte schon gro?e Verlegenheit hervorrufen. Im Fall der Hudlarer, bei denen die Lebensgefahrten die mannliche und weibliche Rolle wechseln, sind die Verhaltensmuster zum Beispiel au?erst kompliziert.“

„Und was passiert, wenn die zeitliche Abstimmung zwischen den hudlarischen Partnern nur noch teilweise oder gar nicht mehr funktioniert?“ fragte die Kelgianerin neben Cha Thrat.

Aus der Reihe der Auszubildenden kam eine Anzahl Laute, von denen Cha Thrats Translator keinen ubersetzte. Der Chefarzt musterte die Kelgianerin, deren Fell sich jetzt aus irgendeinem Grund in raschen und unregelma?igen Wellenbewegungen krauselte.

„Ich werde das als eine ernsthafte Frage behandeln“, erwiderte Cresk-Sar, „obwohl ich bezweifle, da? sie so gemeint war. Aber anstatt sie selbst zu beantworten, werde ich einen von Ihnen darum bitten. Wurde der hudlarische Schuler bitte so nett sein vorzutreten?“ Das ist also ein Hudlarer, staunte Cha Thrat.

Er war ein untersetztes, kraftiges Wesen mit einer fast konturlosen, dunkelgrauen Lederhaut, die mit Flecken ubersat war, die wiederum von der getrockneten Farbe stammten, mit der sich der Hudlarer vor dem Betreten des Unterrichtsraums bespruht hatte. Cha Thrat hatte ihn dabei beobachtet und war zu dem Schlu? gelangt, da? er beim Auftragen seiner kosmetischen Mittel ausgesprochen nachlassig war. Der Korper wurde von sechs starken Tentakeln getragen, an deren Spitze jeweils ein biegsames Fingerbuschel sa?. Die Tentakel waren nach innen gerollt, damit das Korpergewicht auf den kraftigen Ballen ruhte und die Finger nicht den Boden beruhrten.

Cha Thrat konnte keine Korperoffnungen entdecken, nicht einmal am Kopf. Dort befand sich aber neben den von harten, durchsichtigen Deckeln geschutzten Augen auch eine halbkreisformige Membran, die durch Vibrieren die Worte des Wesens horbar machte, als es sich jetzt an die anderen Auszubildenden wandte.

„Das ist ganz einfach, verehrte Kolleginnen und Kollegen“, sagte der Hudlarer. „Wahrend ich momentan mannlich bin, sind alle Hudlarer bis zur Pubertat geschlechtslos. Welche Richtung danach eingeschlagen wird, hangt von den Einflussen des sozialen Umfelds ab, die manchmal sehr subtil sind und bei denen Korperkontakt keine Rolle spielt. Beispielsweise kann das Bild eines attraktiven mannlichen Angehorigen unserer Spezies einen

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