Empfindungen verrat und es pure Dummheit ware, sich anders zu verhalten. Aber die Kelgianer haben es auch mit vielen von uns Aliens nicht leicht, denn durch die Hoflichkeit und die sprachlichen Umschreibungen, der wir uns bedienen, lassen sie sich wiederum leicht verwirren und irritieren.
Ihnen wird hier im Hospital die eine oder andere Mentalitat genauso fremdartig vorkommen wie die Lebensformen selbst“, fuhr er fort. „Wenn ich mir uberlege, da? Sie vor Ihrer Ankunft erst einem einzigen Alien, namlich einem Terrestrier begegnet sind, bin ich mir aufgrund Ihres heutigen Verhaltens sicher, da? Sie keinerlei Anpassungsschwierigkeiten haben werden und.“
„Streberin!“ zischte die DBLF, wobei sich ihr Fell zu Stacheln bundelte. „Schlie?lich war ich diejenige, die die Frage gestellt hat. Erinnern Sie sich, Cresk-Sar?“
„Allerdings waren Sie das“, antwortete Cresk-Sar und blickte auf die Wanduhr. „Irgendwann im Laufe des heutigen Tages wird man Ihnen Videobander, auf denen das physiologische Klassifikationssystem der verschiedenen Lebensformen behandelt wird, in Ihre Unterkunfte schicken. Sehen Sie sich das Bildmaterial mehrmals aufmerksam an, und verwenden Sie fur den gesprochenen Begleittext Ihre Translatoren. Im Augenblick bleibt mir nur noch soviel Zeit, um Ihnen einen Uberblick uber die Grundlagen des Systems zu geben.“
Cresk-Sar wandte sich abrupt ab und nahm wieder seinen Platz vor den Auszubildenden ein. Ganz offensichtlich war der kommende Vortrag an alle gerichtet.
„Falls Sie nicht bereits in einem der kleineren Hospitaler mit vielfaltigen Umweltbedingungen gearbeitet haben, werden Sie normalerweise immer nur au?erplanetarischen Patienten einer einzigen Spezies zur gleichen Zeit begegnen, wahrscheinlich kurzfristig aufgrund eines Schiffsunfalls, und diese Aliens wurden Sie nach deren Heimatplaneten bezeichnen“, fuhr Cresk-Sar fort. „Aber ich mu? noch einmal betonen, da? die schnelle und genaue Identifizierung eintreffender Patienten fur diese lebenswichtig ist, weil sich die Verletzten allzu oft nicht in dem Zustand befinden, die benotigten physiologischen Informationen uber sich selbst geben zu konnen. Deshalb haben wir ein aus vier Buchstaben bestehendes, grundlegendes Klassifikationssystem entwickelt, das uns in die Lage versetzt, das notwendige Lebenserhaltungssystem bereitzustellen und eine Vorbehandlung durchzufuhren, bis von der Pathologie, falls dies erforderlich ist, eine genauere Untersuchung vorgenommen werden kann. Das System funktioniert folgenderma?en.
Der erste Buchstabe zeigt den Stand der physikalischen Evolution an, den die Spezies zum Zeitpunkt der Entwicklung von Intelligenz erreicht hatte. Der zweite weist auf die Art und Verteilung der Gliedma?en, Sinnesorgane und Korperoffnungen hin, und die restlichen beiden Buchstaben stellen eine Kombination aus dem Metabolismus und der erforderlichen Nahrung und Atmosphare in Verbindung mit den Schwerkraft- und Druckverhaltnissen des Heimatplaneten dar, was zugleich ein Hinweis auf die physische Masse und auf die Beschaffenheit der schutzenden Epidermis des Wesens ist.“
Cresk-Sar hielt kurz inne und bellte leise, bevor er seine Erlauterungen fortsetzte. „An diesem Punkt des Vertrags mu? ich unsere Auszubildenden normalerweise darauf hinweisen, da? sie wegen des ersten Buchstabens der fur sie zutreffenden Klassifikation keine Minderwertigkeitskomplexe bekommen mussen, da der Stand der physikalischen Evolution von Umweltfaktoren gesteuert wird und kaum Schlusse auf den wirklichen Intelligenzgrad zula?t.“
Wie er weiterhin erklarte, seien Spezies mit A, B oder C als erstem Buchstaben Wasseratmer. Auf den meisten Planeten war das Leben namlich im Wasser entstanden, und diese Wesen hatten Intelligenz entwickelt, ohne das nasse Element verlassen zu mussen. Die Buchstaben D bis F bezeichneten warmblutige Sauerstoffarmer — unter diese Klassifikation fielen die meisten intelligenten Wesen der Foderation. G bis K waren zwar auch Sauerstoffatmer, hierbei handelte es sich aber um insektenartige Wesen. Die Lebensformen der Kategorie L und M besa?en Flugel und lebten unter geringen Schwerkraftbedingungen.
Die Chloratmer waren in die Gruppen O und P unterteilt, darauf folgten die eher exotischen, physikalisch hoher entwickelten und vollig absonderlich anmutenden Spezies. In diese Kategorien fielen die Strahlungsverwerter, die starrblutigen oder kristallinen Wesen sowie Lebensformen, die ihre korperliche Gestalt beliebig verandern konnten. Diejenigen, die so hochentwickelte ubersinnliche Krafte beziehungsweise telekinetische oder teleportative Fahigkeiten besa?en, da? sie nicht einmal mehr Fortbewegungs- oder Greiforgane benotigten, hatten unabhangig von Form, Gro?e oder den Umweltbedingungen, unter denen sie lebten, als ersten Buchstaben das V.
„Zwar wissen wir heute, da? dieses System nicht ganz fehlerfrei ist“, raumte der Chefarzt ein, „aber schuld daran ist einfach die mangelnde Vorstellungskraft der Urheber gewesen. AACPs sind zum Beispiel eine Spezies mit vegetarischem Metabolismus. Normalerweise weist das A als deren erster Buchstabe auf Wasseratmer hin. Da das System mit seiner Klassifikation jedoch erst bei den fischahnlichen Lebensformen beginnt und die AACPs als pflanzliche Wesen noch vor den Fischen eingestuft werden mu?ten, hat man sie einfach dieser Gruppe zugeordnet.
Und jetzt werden Sie einigen dieser eigentumlichen und prachtvollen, vielleicht auch furchterregenden Aliens begegnen“, sagte er und warf einen erneuten Blick auf die Uhr. „Es ist der Grundsatz des Hospitals, Ihnen so fruh wie moglich Gelegenheit zu geben, die Patienten und Mitarbeiter kennenzulernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Unabhangig von Ihrer Position oder der Dauer Ihrer Betriebszugehorigkeit in den Krankenhausern auf Ihren Heimatplaneten ist Ihr Dienstgrad hier im Orbit Hospital zunachst der einer Schwesternschulerin oder der eines Krankenpflegeschulers — das hei?t, bis Sie mich davon uberzeugen konnen,
da? Ihre Fachkompetenz eine hohere Stellung rechtfertigt.
Aber ich bin nicht leicht zu uberzeugen“, fugte Cresk-Sar hinzu, wahrend er auf den Ausgang zuging. „Bitte folgen Sie mir.“
Dem Chefarzt zu folgen war nicht einfach, da er trotz seiner geringen Korpergro?e einen erstaunlich schnellen Schritt anschlug. Zudem hatte Cha Thrat das Gefuhl, da? die anderen mehr Routine als sie darin besa?en, sich in den Hospitalfluren zurechtzufinden. Doch dann bemerkte sie, da? der Hudlarer — der PROB — ebenfalls zuruckfiel.
„Aus naheliegenden Grunden macht man mir hier reichlich Platz“, sagte der PROB, als sie sich auf gleicher Hohe befanden. „Wenn Sie sich direkt hinter mir halten wurden, konnten wir gemeinsam das Tempo wesentlich erhohen.“
Cha Thrat hatte plotzlich dieses erschutternde Gefuhl der Unwirklichkeit, als ware sie in eine sowohl entsetzliche als auch gro?artige Alptraumwelt eingetaucht, eine Welt, in der solch ein abscheuliches Ungeheuer wie dieser PROB, der sie zermalmen konnte, ohne dazu auch nur einen einzigen Muskel seiner sechs Tentakel bemuhen zu mussen, Liebenswurdigkeit bewies. Aber selbst wenn das ein Traum war, mu?te sie eine angemessene Antwort geben.
„Sie sind wirklich sehr aufmerksam“, entgegnete sie. „Danke schon.“
Die Membran des Hudlarers vibrierte zwar, aber der erzeugte Laut wurde vom Translator nicht ubersetzt. Dann sagte er: „Um Ihre Kenntnisse uber das Nahrungspraparat, das Sie vorhin bemerkt haben, zu vervollstandigen, und um Ihnen zu zeigen, wie nah Sie mit Ihren Schlu?folgerungen an der Wirklichkeit lagen, wollte ich Ihnen noch sagen, da? das Praparat bei mir zu Hause nicht erforderlich ist. Dort ist die gesamte Atmosphare voll von e?baren, schwebenden Organismen, so da? sie einer dickflussigen Suppe ahnelt und uns mit Nahrung versorgt, die wir aufgrund unserer hohen Stofffwechselgeschwindigkeit ununterbrochen aufnehmen mussen. Wie Sie sehen, ist die zuletzt aufgetragene Nahrungsschicht schon wieder beinahe verschwunden und mu? demnachst erneuert werden.“
Bevor Cha Thrat etwas entgegnen konnte, lie? sich eine der Kelgianerinnen zuruckfallen und berichtete aufgebracht: „Also so was! Ich ware eben fast von einem Tralthaner umgerannt worden. Der Vorschlag des PROB scheint mir eine gute Idee zu sein. Der Platz reicht ja fur zwei.“
Sie kam naher an Cha Thrat heran, so da? beide durch den gewaltigen Korper des Hudlarers geschutzt wurden. „Ich mochte Sie ja nicht beleidigen“, sagte Cha Thrat, wobei sie sich die Worte sorgfaltig uberlegte, „aber ich kann zwischen Ihnen und den anderen DBLFs einfach keinen Unterschied erkennen. Sind Sie die Kelgianerin, deren Fell ich im Unterricht bewundert habe?“
„Bewundert, das kann man wohl sagen!“ entgegnete die Kelgianerin, deren Fell dabei kreisformige Wellen schlug, die vom Kopf bis zum Schwanz verliefen. „Daruber machen Sie sich mal keine Gedanken. Wenn au?er Ihnen noch eine andere Sommaradvanerin hier ware, konnte ich den Unterschied auch nicht erkennen.“
Plotzlich blieb der Hudlarer wie angewurzelt stehen, und als Cha Thrat an ihm vorbeiblickte, sah sie auch, warum. Die ganze Gruppe hatte haltgemacht, und Cresk-Sar winkte einen Melfaner und die beiden anderen
