mussen. Letztendlich bin ich von den Terrestriern gelockt und von meinen Vorgesetzten zu diesem Schritt gedrangt worden — und deshalb bin ich jetzt hier.

Und da ich schon einmal hier bin“, schlo? Cha Thrat, „werde ich meine begrenzten Fahigkeiten so gut nutzen, wie es in meinen Kraften steht. naturlich nur unter entsprechender Anleitung.“

O'Mara blickte jetzt den Herrscher des Schiffs an. Chiang hatte die Hand von den Augen genommen, aber sein rosa Gesicht wies nun eine sehr viel dunklere Farbe als zuvor auf.

„Der Kontakt mit den Sommaradvanern weitete sich zwar immer weiter aus, befand sich aber gerade in einer au?erst heiklen Phase“, rechtfertigte sich Chiang. „Deshalb wollten wir nicht das Risiko eingehen, ihnen etwas abzuschlagen, das ihnen lediglich wie eine kleine Gefalligkeit vorkommen konnte. Au?erdem waren wir uns ziemlich sicher, da? man Cha Thrat das Leben schwermachen wurde, und deshalb haben wir uns. habe ich mir gedacht, hier im Hospital ware sie besser dran.“

„Also haben wir es hier nicht nur mit einem Terrestrier zu tun, der sich zum Politiker berufen fuhlt, sondern auch noch mit einer Sommaradvanerin, die sich notgedrungen freiwillig gemeldet hat und sich wahrscheinlich niemals einfugen wird“, zischte O'Mara, die Augen immer noch auf den Herrscher des Schiffs gerichtet, dessen Gesicht mittlerweile einen noch dunkleren Rosaton angenommen hatte. „Und aus falsch verstandener Dankbarkeit haben Sie versucht, den wahren Sachverhalt vor mir zu verbergen. Wirklich, einfach prima!“

Er sah wieder Cha Thrat an und fuhr fort: „Ich wei? Ihre Aufrichtigkeit zu schatzen. Ganz gleich, was Ihr Freund glauben mag, wird dieses Material zur Erstellung Ihres Personlichkeitsprofils sicherlich nutzlich sein, schlie?t aber keineswegs Ihre Einstellung im Hospital aus, vorausgesetzt, Sie entsprechen den ubrigen Anforderungen. Was das hei?t, werden Sie im Laufe des Unterrichts erfahren, der nach unserer Zeitrechnung gleich morgen fruh beginnt.

Im Vorzimmer erhalten Sie ein Informationspaket, Mappen, Unterrichtsplane, allgemeine Regeln und Ratgeber“, fuhr O'Mara jetzt sehr viel schneller als vorher fort, ganz so, als ware seine Redezeit begrenzt, „die allesamt in der auf Sommaradva am weitesten verbreiteten Sprache gedruckt sind. Von einigen Ihrer Ausbilder werden Sie zu horen bekommen, da? die erste und schwierigste Prufung bereits darin bestanden habe, Ihre Unterkunft zu finden. Viel Gluck, Cha Thrat!“

Wahrend sie sich zwischen den Sitzmobeln fur Aliens hindurch einen Weg zur Tur bahnte, sagte O'Mara gerade zu dem Herrscher des Schiffs: „Vor allem bin ich an Ihrer seelischen Verfassung nach der Operation interessiert, Major Chiang. Haben Sie in Verbindung mit der Operation irgendwelche Angste im Wachzustand, sich wiederholende Alptraume oder Momente unerklarlicher innerer Anspannung mit oder ohne Schwei?ausbruch gehabt? Hatten Sie das Gefuhl, zu ertrinken oder zu ersticken, oder ist bei Ihnen eine zunehmende, unsinnige Angst vor Dunkelheit aufgetreten.?“

O'Mara ist wirklich ein gro?er Zauberer, dachte Cha Thrat.

Im Vorzimmer gab ihr der Terrestrier Braithwaite sowohl mundliche als auch schriftliche Ratschlage sowie eine wei?e Binde, die sie an einem ihrer vier Oberarme tragen sollte. Wie er ihr lachend erklarte, signalisiere diese Armbinde allen, da? sie noch lerne und wahrscheinlich die Orientierung verlieren und sich verirren werde. Falls das passieren sollte, konne sie jedes Mitglied des Hospitalpersonals um Auskunft bitten. Auch Braithwaite wunschte ihr zum Schlu? viel Gluck.

Den Weg zu ihrem Quartier zu finden war ein schlimmerer Alptraum als jeder, den Chiang vielleicht gerade O'Mara erzahlte, dessen war sie sich sicher. Zweimal mu?te sie sich nach dem Weg erkundigen, und jedesmal fragte sie lieber eine Gruppe Kelgianer mit silbernem Fell, die anscheinend uberall im Hospital anzutreffen waren, als eins der gro?en, sich schwerfallig fortbewegenden Ungeheuer oder einen der an ihr vorbeistromenden, schwammigen Aliens, die in Chloranzugen steckten. Doch trotz der hoflichen Art, in der sie ihre Bitten vortrug, wurde ihr die erwunschte Auskunft beide Male nur in ausgesprochen abweisender und kurz angebundener Weise erteilt.

Zuerst fuhlte sie sich personlich schwer beleidigt. Aber dann fiel ihr auf, da? sich die Kelgianer sogar den Angehorigen ihrer eigenen Spezies gegenuber unfreundlich und leicht aufbrausend verhielten, und schlo? daraus, da? es vermutlich unangebracht war, ihnen Vorwurfe wegen ihres extremen Mangels an Hoflichkeit gegenuber Fremden zu machen.

Als sie schlie?lich ihr Quartier ausfindig gemacht hatte, stand die Tur sperrangelweit offen, und der Terrestrier Timmins lag bauchlings auf dem Boden und hielt ein kleines Metallkastchen mit blinkenden Lampen in der Hand, aus dem leise Gerausche kamen.

„Ich prufe nur kurz etwas“, sagte Timmins. „Ich bin in einer Sekunde fertig. Sehen Sie sich ruhig um. Die ganzen Bedienungsanleitungen liegen auf dem Tisch. Falls Sie irgend etwas davon nicht verstehen, dann rufen Sie am besten mit dem Kommunikator die Abteilung fur Personalschulung an, dort hilft man Ihnen gern weiter.“ Er drehte sich auf den Rucken, stand auf eine Weise auf, die fur einen Sommaradvaner vom Korperbau her unmoglich war, und fragte: „Na, was halten Sie von Ihrer Unterkunft?“

„Ich. ich bin wirklich uberrascht“, stammelte Cha Thrat, die uber Timmins Vertraulichkeit beinahe emport war, „und erfreut zugleich. Das ist ja wie mein Quartier zu Hause.“

„Bei uns ist der Kunde Konig“, bemerkte Timmins bellend. Dann hob er die rechte Hand — eine Geste, die Cha Thrat nicht verstand — und verschwand.

Eine ganze Weile ging sie in dem kleinen Raum hin und her, begutachtete das Mobiliar und die ubrige Ausstattung und konnte kaum glauben, was sie sah und fuhlte. Sie wu?te zwar, da? von ihrem Quartier auf dem Stockwerk der Chirurgen fur Krieger im Haus der Heilung in Calgren Aufnahmen gemacht worden waren, aber eine solch minuziose Beachtung der Details bei der Nachbildung ihrer Lieblingsbilder, der Wandbespannungen, der Beleuchtung und der personlichen Gebrauchsgegenstande hatte sie nie und nimmer erwartet. Dennoch gab es teils deutliche, teils eher feine Unterschiede, die sie standig daran erinnerten, da? sich dieser Raum trotz gegenteiligen Augenscheins nicht auf ihrem Heimatplaneten befand.

Der Raum selbst war gro?er und das Mobiliar bequemer, aber in den Strukturen waren keine Nahtstellen sichtbar. Es war, als ob jeder einzelne Gegenstand aus einem Stuck gefertigt worden ware. Alle Turen, Schubladen und Halterungen der Kopien funktionierten einwandfrei, was die Originale nie getan hatten, und auch die Luft roch anders — eigentlich roch sie nach gar nichts.

Allmahlich wurde ihre anfangliche Freude und Erleichterung von der Erkenntnis uberschattet, da? dies nichts weiter als eine kleine, vertraute Insel der Normalitat inmitten eines unerme?lich weiten, fremden und furchtbar unubersichtlichen Ozeans war. Die Angste und Sorgen, die allmahlich in ihr aufstiegen, waren gro?er, als sie sie jemals auf ihrem unvorstellbar weit entfernten Heimatplaneten erlebt hatte, und brachten zudem ein standig wachsendes und so uberwaltigendes Gefuhl der Einsamkeit mit sich, da? sie es wie einen unbandigen korperlichen Hunger empfand.

Aber auf dem fernen Sommaradva war sie weder beliebt noch erwunscht, und hier im Hospital hatte man wenigstens wirklich etwas getan, um sie willkommen zu hei?en, und zwar so viel, da? sie schon deshalb in diesem schrecklichen Gebaude bleiben mu?te, um den dadurch entstandenen Verpflichtungen nachzukommen. Au?erdem wollte sie alles daran setzen, soviel zu lernen, wie sie nur konnte, bevor die Herrscher des Hospitals sie fur ungeeignet halten und nach Hause schicken wurden.

Am besten sollte sie sofort mit dem Lernen anfangen.

Ist der Hunger womoglich gar nicht eingebildet, sondern wirklich? fragte sich Cha Thrat. Beim vorhergehenden Besuch der Kantine hatte sie sich nicht satt essen konnen, weil sie mit den Gedanken ganz woanders gewesen war. Sie machte sich daran, im voraus den Weg von ihrem gegenwartigen Standpunkt zur Kantine und zum Ort ihrer ersten Unterrichtsstunde am nachsten Morgen festzulegen. Aber im Moment hatte sie keine Lust auf einen erneuten Gang durch die von sonderbaren Wesen bevolkerten Korridore des Hospitals. Erstens war sie sehr mude, und zweitens befand sich fur Auszubildende, die das Lernen nicht durch einen Kantinenbesuch unterbrechen wollten, ein Essensspender mit eingeschranktem Menuangebot im Raum.

Sie sah in der Liste der fur ihren Metabolismus geeigneten Speisen nach und bestellte mittlere bis gro?e Portionen. Als sich schlie?lich bei ihr ein angenehmes Vollegefuhl einstellte, versuchte sie zu schlafen.

Ihr Zimmer und auch der Korridor davor waren voll von leisen, unbekannten Gerauschen, und ihr derzeitiges Wissen reichte nicht aus, um diese einfach zu uberhoren. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Allmahlich bekam sie wieder Angst und fragte sich, ob ihre Gedanken und Empfindungen von jener Art waren, die das Interesse des Zauberers O'Mara wecken konnte, und dadurch furchtete sie noch mehr um ihre Zukunft im Orbit Hospital. Wahrend sie dennoch ruhig dalag, wenn auch nicht in geistig-seelischer, sondern nur in korperlicher Hinsicht, schaltete sie den Kommunikator auf die mogliche Deckenprojektion ein, um zu sehen, was es auf den

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