geschlechtslosen Hudlarer zum weiblichen Geschlecht drangen oder umgekehrt. Falls fur die Laufbahn, die man einzuschlagen beabsichtigt, ein bestimmtes Geschlecht bevorzugt wird, kann man sich auch bewu?t entscheiden. Hat man keinen Lebensgefahrten, ist das nach der Pubertat gewahlte Geschlecht fur den Rest des Lebens festgelegt.
Werden aber zwei erwachsene Hudlarer ein Paar, das hei?t, verbinden sie sich, um eine Familie zu grunden und nicht nur zum vorubergehenden Vergnugen, dann setzt die Geschlechtsumwandlung kurz nach der Empfangnis ein. Bei der Geburt des Kindes ist das mannliche Elternteil schon viel weniger aggressiv und seiner Gefahrtin gegenuber aufmerksamer und gefuhlvoller geworden, wohingegen diese allmahlich die weiblichen Wesenszuge verliert. Nach der Geburt setzt sich der Vorgang fort. Der ehemalige Vater ubernimmt nun die Verantwortung fur das Kind, wahrend er sich vollkommen in ein weibliches Wesen verwandelt, und die Mutter bildet samtliche mannlichen Eigenschaften aus, die sie dazu befahigen, ein zukunftiger Vater zu werden.
Naturlich gibt es einen Zeitpunkt, zu dem sich beide Lebensgefahrten vom Gefuhl her als geschlechtslos betrachten“, fugte der Hudlarer hinzu, „aber das ist stets die Phase der Schwangerschaft, in der die korperliche Vereinigung sowieso schadlich erscheint.“
„Ich danke Ihnen“, sagte Cresk-Sar, hob aber eine der kleinen, behaarten Hande, um dem Hudlarer zu signalisieren, er solle es dabei belassen. „Irgendwelche weiteren Anmerkungen oder Fragen?“
Der Chefarzt blickte jetzt zwar die Kelgianerin an, die vorhin die Frage zu diesem Thema gestellt hatte, trotzdem meldete sich die neben ihr stehende Cha Thrat spontan zu Wort.
„Mir scheinen die Hudlarer insofern Gluck zu haben, als sie sich nicht daruber argern mussen, da? sich die Angehorigen des einen Geschlechts denen des anderen von Natur aus uberlegen fuhlen, wie es auf Sommaradva der Fall ist.“
„Und auf allzu vielen anderen Planeten der Foderation auch“, warf die Kelgianerin ein, deren Fell sich dabei hinter dem Kopf gleich buschelweise straubte.
„.jedenfalls danke ich dem Hudlarer fur seine Erlauterungen, aber mich hat die Feststellung uberrascht, da? er momentan mannlich ist“, fuhr Cha Thrat fort. „Wegen der Farbe auf seinem Korper, die ich falschlicherweise fur ein kosmetisches Mittel gehalten habe, dachte ich zuerst, er sei ein weibliches Wesen.“
Die Sprechmembran des Hudlarers begann zu vibrieren, aber Cresk-Sar bat mit einem Handzeichen um Ruhe und fragte: „Und was haben Sie danach gedacht?“
Verdutzt starrte sie den kleinen, behaarten Alien an und fragte sich, was sie sagen sollte.
„Kommen Sie schon“, bellte Cresk-Sar. „Erzahlen Sie uns, was Ihnen zu dieser Lebensform sonst noch fur Gedanken, Beobachtungen und Vermutungen, ob nun richtig oder falsch, durch Ihren sommaradvanischen Kopf gegangen sind. Denken und sprechen Sie klar und deutlich.“
Cha Thrat richtete all ihre Augen auf den Chefarzt, und das auf eine Art, die auf Sommaradva eine sofortige verbale und korperliche Reaktion ausgelost hatte. „Meinen ersten Gedanken habe ich Ihnen gerade genannt. Mein zweiter war, da? bei den Hudlarern moglicherweise eher die mannlichen als die weiblichen Wesen, vielleicht auch beide Geschlechter, Kosmetika benutzen. Dann habe ich beobachtet, da? sich der Alien sehr vorsichtig bewegt hat, als hatte er Angst, andere Lebewesen oder Gerate in seiner Nahe zu beschadigen oder zu verletzen. Das sind die Bewegungen eines Wesens von ungeheurer Korperkraft. Zusammen mit der gedrungenen, untersetzten Gestalt und der Tatsache, da? er nicht zwei oder vier, sondern sechs Beine hat, deutet das auf den Bewohner eines Planeten mit einer sehr dichten Atmosphare, hoher Schwerkraft und entsprechendem atmospharischen Druck hin, wo ein versehentlicher Sturz Verletzungen zur Folge hatte. Die sehr harte, aber biegsame Haut, die nirgends irgendwelche standigen Korperoffnungen zur Aufnahme oder Ausscheidung von Nahrung aufweist, la?t darauf schlie?en, da? es sich bei der Farbe, mit der sich der Hudlarer nach meiner Beobachtung bespruht hatte, um so etwas wie ein Nahrungspraparat handelt.“
Die ganze Zeit uber waren Cresk-Sars Augen und die mannigfaltigen Sehorgane der anderen auf sie geheftet. Niemand sagte ein Wort.
Zogernd fugte Cha Thrat hinzu: „Ein weiterer interessanter und faszinierender Gedanke, der aber wohl eher auf blo?er Vermutung beruht, ist, da? der Korper dieses unter extremen Schwerkraft- und Druckverhaltnissen lebenden Aliens uber einen eigenen hohen Innendruck verfugen mu?, da er den Umweltbedingungen des Hospitals ohne Schutz standhalten kann und ihm wahrscheinlich sogar noch geringere Druckverhaltnisse als hier nicht einmal zu schaffen machen wurden.
Vielleicht ist er sogar in der Lage, ohne Schutzanzug im All zu arbeiten“, fuhr sie fort, wobei sie insgeheim schon damit rechnete, von dem nidianischen Chefarzt mit Hohn und Spott uberschuttet zu werden. „Und das wurde bedeuten, da? er.“
„Demnachst nennen Sie mir auch noch seine physiologische Klassifikation“, unterbrach Cresk-Sar sie mit erhobener Hand, „obwohl wir uber das hier gehandhabte System noch kein Wort verloren haben. Ist es eigentlich das erstemal, da? Sie einen Hudlarer gesehen haben?“
„Nein, zwei habe ich schon zuvor in der Kantine gesehen“, antwortete Cha Thrat. „Aber zu der Zeit bin ich noch viel zu verwirrt gewesen, als da? ich meine optischen Eindrucke hatte verarbeiten konnen.“
„Moge sich Ihre Verwirrung weiterhin verringern, Cha Thrat“, sagte Cresk-Sar geheimnisvoll. Dann fuhr er an alle gewandt fort: „Diese Schulerin hat Ihnen soeben demonstriert, was es hei?t, zu beobachten und die richtigen Folgerungen daraus zu ziehen. Wenn Sie diese Fahigkeit erst einmal gelernt und entwickelt haben, werden Sie imstande sein, mit Ihren Kollegen und Patienten von anderen Spezies zusammenzuleben, sie zu verstehen und auch zu behandeln. Jedenfalls wurde ich Ihnen den Rat geben, eine bestimmte Lebensform in Gedanken nicht als Nidianer, Hudlarer, Kelgianer, Melfaner oder Sommaradvaner zu bezeichnen, sondern als DBDG, FROB, DBLF, ELNT beziehungsweise DCNF. Auf diese Weise werden Sie immer an die jeweils benotigten Druck—, Schwerkraft- und Atmosphareverhaltnisse sowie an den grundlegenden Stoffwechsel und andere physiologische Bedurfnisse erinnert und wissen sofort, wann und ob eine Umweltbedingung fur Sie oder andere Wesen eine potentielle Gefahr darstellt.
Sollte beispielsweise ein PVSJ, der chloratmende Bewohner von Illensa, versehentlich seinen Druckanzug zerrei?en, dann bestunde fur den Alien selbst sowie fur jeden Sauerstoffatmer mit dem ersten Buchstaben D, E und F in dessen naheren Umgebung au?erste Gefahr. Und falls Sie jemals zu einer Rettungsaktion im All gerufen werden, konnte es vorkommen, da? eine dringende und genaue Bestimmung der physiologischen Klassifikation eines Unfallopfers — und damit seiner Lebenserhaltungsbedurfnisse — von einer einzigen Gliedma?e oder einem kleinen Stuck der Korperoberflache abhangt, weil unter den sich verschiebenden Wrackteilen nur hin und wieder eine kleine Stelle von ihm zu sehen ist.
Sie mussen uben, all die unterschiedlichen Merkmale der Lebewesen in Ihrer naheren Umgebung instinktiv wahrzunehmen“, fuhr Cresk-Sar fort und gab dabei leise ein bellendlachendes Gerausch von sich, „und sei es nur, um zu wissen, wen man ohne Gefahr auf den Gangen und Korridoren anrempeln darf Und jetzt werde ich Sie auf Ihre jeweiligen Stationen bringen, damit Sie Ihre ersten Erfahrungen mit Patienten sammeln konnen, bevor ich meine nachste Klasse in.“
„Was ist mit dem Klassifikationssystem?“ fragte die Kelgianerin — die DBLF, korrigierte sich Cha Thrat — mit dem silbernen Fell neben ihr. „Wenn es wirklich so wichtig ist, wie Sie gesagt haben, dann taugen Sie offenbar nicht zum Ausbilder, schlie?lich hatten Sie es uns sonst erklart.“
Cresk-Sar ging langsam auf die Sprecherin zu, und Cha Thrat fragte sich, ob sie vielleicht die zu erwartende verbale Gewalt durch eine zweite, hoflicher formulierte Frage an den Chefarzt abschwachen konnte.
Doch aus irgendeinem Grund ubersah der Nidianer die DBLF vollig und wandte sich statt dessen an Cha Thrat.
„Wie Sie bereits bemerkt haben durften“, begann er gemachlich, „nimmt diese kelgianische Lebensform der Klassifikation DBLF kein Blatt vor den Mund, hat schlechte Umgangsformen, ist unverschamt und besitzt uberhaupt kein Taktgefuhl.“
Sie haben gut reden, dachte Cha Thrat.
„. aber dafur gibt es einleuchtende psycho-physiologische Grunde“, fuhr er fort. „Aufgrund der unzulanglichen Anatomie der kelgianischen Sprechorgane weist die gesprochene Sprache dieser DBLFs keine Intonation und Akzentuierung und damit keinerlei emotionale Ausdrucksfahigkeit auf. Doch das wird durch das au?erst bewegliche Fell
ausgeglichen, das die Empfindungen des Sprechers, zumindest fur einen Kelgianer, vollstandig, aber auch unwillkurlich widerspiegelt. Deshalb sind diesen Wesen Begriffe wie Luge, Diplomatie, Taktgefuhl oder gar Hoflichkeit vollkommen fremd. Ein DBLF sagt genau das, was er meint oder fuhlt, da das Fell standig seine
