nur noch drei Patienten zu saubern und zu bespruhen, und hinter Cha Thrat und ihrem Klassenkameraden tauchte wie aus dem Nichts Segroth auf.
„Wenn Sie genauso gut arbeiten, wie Sie reden, Cha Thrat, werde ich mich uber Sie nicht beschweren konnen“, sagte die Oberschwester und fragte dann den Hudlarer: „Wie stellt Sie sich denn an?“
„Sie ist mir wirklich eine gro?e Hilfe, Oberschwester“, antwortete der FROB, „und beklagt sich auch nicht. Den Patienten gegenuber verhalt sie sich sehr freundlich und gelost.“
„Na, prima“, freute sich Segroth, wobei sich ihr Fell anerkennend krauselte. „Aber Cha Thrat gehort zu einer dieser Spezies, die wenigstens dreimal pro Tag Nahrung aufnehmen mussen, wenn sie bei Laune gehalten werden sollen. Ich will damit sagen, da? das Mittagessen langst uberfallig ist. Waren Sie bereit, die Arbeit bei den restlichen Patienten alleine zu beenden?“
„Selbstverstandlich“, antwortete der Hudlarer, als sich Segroth zum Gehen wandte.
„Oberschwester!“ rief Cha Thrat ihr schnell hinterher. „Ich wei?, ich habe gerade erst angefangen, aber wurden Sie mir vielleicht die Erlaubnis erteilen, heute nachmittag an.“
„.an Conways Vorlesung teilzunehmen?“ beendete Segroth die Frage fur sie. „Ihnen ist wohl jedes Mittel recht, um sich vor der anstrengenden Arbeit auf der Station zu drucken, wie? Aber vielleicht tue ich Ihnen unrecht. Nach den Gesprachen zu urteilen, die ich uber die Schallsensoren mitgehort habe, haben Sie bei der Unterhaltung mit den Patienten bewiesen, da? Sie Ihre Gefuhle sehr gut im Zaum halten konnen, und in Anbetracht Ihrer chirurgischen Vorbildung durfte Ihnen der praktische Teil der Vorlesung kaum zu schaffen machen. Falls Sie jedoch irgendeinen Teil der Demonstration nervlich nicht aushaken sollten, ziehen Sie sich von dort sofort und so unauffallig wie moglich zuruck.
Normalerweise wurde eine Schwesternschulerin wie Sie, die gerade erst auf der Station angefangen hat, nicht solch eine Erlaubnis erhalten“, schlo? die Oberschwester, „aber falls Sie es innerhalb der einen Stunde, die Ihnen noch verbleibt, bis zur Kantine und wieder zuruck schaffen konnen, durfen Sie daran teilnehmen.“
„Das ist sehr nett von Ihnen“, bedankte sich Cha Thrat bei der Kelgianerin, die schon fast au?er Horweite war, und loste dann rasch die Gurte des Behalters.
„Wurde es Ihnen etwas ausmachen, Schwester, mir, bevor Sie gehen, auch ein bi?chen von dem Praparat aufzuspruhen?“ fragte der Hudlarer. „Ich sterbe namlich vor Hunger!“
Cha Thrat war unter den ersten, die im FROB-Vorlesungssaal eintrafen. Sie stellte sich so dicht wie moglich an das Operationsgestell — Hudlarer benutzen keine Stuhle, und andere Sitzgelegenheiten waren dort auch nicht vorhanden — und beobachtete, wie sich der Raum allmahlich fullte. Unter den Anwesenden befanden sich zwar vereinzelte Haufchen melfanischer ELNTs, kelgianischer DBLFs und tralthanischer FGLIs, doch die meisten waren Hudlarer, die sich in den verschiedensten Ausbildungsstadien befanden. Cha Thrat war so eng von FROBs eingekesselt, da? sie das Gefuhl hatte, den Saal nicht verlassen zu konnen, selbst wenn sie es hatte wollen, und sie vermutete, da? es sich bei dem neben ihr stehenden Hudlarer — sie konnte die FROBs immer noch nicht auseinanderhalten — um ihren Kollegen handelte, mit dem sie am Vormittag zusammengearbeitet hatte.
Aus den Gesprachen, die rings um sie gefuhrt wurden, ging deutlich hervor, da? der Diagnostiker Conway von allen fur eine wirklich hochst bedeutende Personlichkeit gehalten wurde, wenn nicht gar fur einen medizinischen Halbgott, dessen Gehirn durch einen machtigen Zauberspruch des Chefpsychologen O'Mara und den Einsatz einiger technischer Hilfsmittel die Kenntnisse, Erinnerungen und Instinkte von Personlichkeiten der unterschiedlichsten Spezies beherbergte. Nachdem Cha Thrat den besorgniserregenden Zustand der noch nicht operierten Patienten auf der FROB-Station gesehen hatte, sah sie mit wachsender Spannung Conways Demonstration entgegen.
Von der au?eren Erscheinung her wirkte Conway auf sie alles andere als beeindruckend: Das Wesen war ein terrestrischer DBDG, lag mit seiner Gro?e etwas uber dem Durchschnitt und hatte einen Kopfpelz, der noch dunklere Grauschattierungen als der von Zauberer O'Mara aufwies.
Conway sprach mit der ruhigen Bestimmtheit eines gro?en Herrschers und begann die Vorlesung ohne gro?e Einleitung.
„Allen, die noch nicht vollstandig uber das Hudlarerprojekt informiert sind und denen vielleicht der moralische Aspekt am Herzen liegt, mochte ich versichern, da? sowohl der Patient, den wir heute operieren werden, als auch seine Kollegen auf der FROB-Station und die ganzen anderen geriatrischen und prageriatrischen Falle, die in gro?er Not auf ihrem Heimatplaneten warten, allesamt dringend um eine Operation nachsuchen, bei der eine Vorauswahl getroffen werden mu?.
Die Zahl der Falle ist so gro? — tatsachlich handelt es sich um einen betrachtlichen Teil der Gesamtbevolkerung —, da? wir unmoglich alle Hudlarer im Orbit Hospital behandeln konnen.“
Im Verlauf der Ausfuhrungen des terrestrischen Diagnostikers wurde Cha Thrat durch das blo?e Ausma? des Problems immer mehr entmutigt. Ein Planet, auf dem sich standig viele Millionen Lebewesen in derselben entsetzlichen Verfassung wie jene Patienten befanden, mit denen sie es bereits zu tun gehabt hatte, war eine Vorstellung, der sie nicht ins Auge blicken wollte. Allerdings wurde schon bald deutlich, da? sich Conway diesem Problem seit langem gewidmet hatte und auf eine endgultige Losung hinarbeitete — und zwar bildete er, unterstutzt von Freiwilligen anderer Spezies, die medizinisch ungeschulten Hudlarer in gro?er Zahl aus, damit sich diese spater selbst helfen konnten.
Anfanglich sollte das Orbit Hospital fur den grundlegenden Unterricht in FROB-Physiologie und pra- und postoperativer Krankenpflege sowie fur die Ausbildung in nur einer einzigen und sehr einfachen Operationstechnik sorgen. Die erfolgreichen Absolventen sollten nach Hause zuruckkehren, um ihre eigenen Ausbildungsinstitute aufzubauen, es sei denn, sie legten eine solch ungewohnlich hohe Begabung an den Tag, da? es ratsamer ware, ihnen eine Stelle als Mitarbeiter am Hospital anzubieten. Innerhalb von drei Generationen wurde es auf diese Weise genugend auf die eigene Lebensform spezialisierte Chirurgen geben, da? diese furchtbare, aber bislang unausweichliche Gei?el der Hudlarer der Vergangenheit angehoren durfte.
Allein die blo?e Gro?enordnung und die anscheinend vollige, ja fast kriminelle Unverantwortlichkeit dieses Projekts besturzte Cha Thrat und schmeckte ihr uberhaupt nicht. Conway bildete keine Chirurgen aus, sondern produzierte gewaltige Mengen gewissenloser, organischer Maschinen! Schon als der Hudlarer die zur Qualifikation benotigte Zeit ihr gegenuber erwahnt hatte, war sie insgeheim aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, selbst wenn es den Ausbildern an diesem Hospital durchaus zuzutrauen war, in solch einem kurzen Zeitraum die erforderlichen praktischen Kenntnisse zu vermitteln. Aber was war mit der langfristigen Schulung, den geistigen und korperlichen Ubungskursen, durch die die Teilnehmer erst darauf vorbereitet werden, Verantwortung zu ubernehmen und das Leid zu ertragen, und was war mit der langen, dem Operieren vorausgehenden Lehrzeit? Als der Diagnostiker fortfuhr, erwahnte er all diese Dinge mit keinem Wort.
„Das ist ja unglaublich!“ platzte es plotzlich aus Cha Thrat heraus.
„Ja, allerdings“, flusterte der Hudlarer neben ihr. „Aber seien Sie jetzt lieber still, und horen Sie gefalligst zu, Schwester!“
„Der Grad und das Ausma? des Leids der alteren FROBs ist unvorstellbar und unmoglich zu beschreiben“, sagte der Terrestrier gerade. „Wenn die Mehrheit der ubrigen Spezies der Foderation vor dasselbe Problem gestellt ware, wurde es fur die Betroffenen nur eine einfache, wenn auch vollig unbefriedigende Losung geben. Aufgrund ihrer Weltanschauung sind die Hudlarer aber glucklicher- oder unglucklicherweise nicht dazu imstande, sich selbst das Leben zu nehmen.
Wurden Sie jetzt bitte den Patienten FROB-Elf-Zweiunddrei?ig hereinbringen?“
Ein fahrbares Operationsgestell, das von einer kelgianischen Schwester hereingeschoben wurde, kam vor dem Diagnostiker zum Stehen. Darin hing der bereits fur die Operation vorbereitete Patient, einer der Hudlarer, die Cha Thrat am Vormittag bespruht hatte.
„Das Leiden von Elf-Zweiunddrei?ig ist schon zu weit fortgeschritten, als da? ein chirurgischer Eingriff den Degenerationsproze? vollstandig ruckgangig machen konnte“, erlauterte der Terrestrier. „Die heutige Operation wird jedoch dafur sorgen, da? der Patient den Rest seines Lebens praktisch ohne Schmerzen verbringen kann, was wiederum bedeutet, da? er im Vollbesitz seiner geistigen Krafte sein wird und ein sinnvolles, wenn nicht sogar sehr aktives Leben fuhren kann. Bei Hudlarern, die sich vor Beginn des Leidens fur eine solche Operation entscheiden — und in den betreffenden Altersgruppen gibt es nur sehr wenige, die sich nicht dazu entschlie?en —, sind die Ergebnisse noch sehr viel besser.
Bevor wir beginnen“, fuhr er fort, wobei er den Tiefenscanner aus der Tasche zog, „mochte ich die physiologischen Ursachen erortern, die hinter dem erschutternden Krankheitsbild stecken, das wir hier vor uns sehen.“
