technologischer Hinsicht fast auf dem neuesten Stand, und die synthetische Herstellung Ihrer Nahrung und die Fertigung eines Lebenserhaltungssystems fur Sie ware uberhaupt kein Problem.

Chalderescol II ist ein wunderschoner Planet“, fugte er hinzu, „viel, viel schoner als diese AUGL- Station.“

Als der Chalder schlie?lich die Verbindung abbrach, lehnte sich Cha Thrat mude, aber nicht niedergeschlagen oder unglucklich in die Kissen zuruck und dachte an die Wasserwelt von Chalderescol II. Vor ihrer Arbeit auf der AUGL-Station hatte sie das Video aus der Krankenhausbibliothek uber diesen Planeten sorgfaltig studiert, um sich mit den Patienten uber deren Heimat unterhalten zu konnen. Folglich war ihr diese Welt nicht mehr ganz unbekannt. Die Vorstellung, dort zu leben, war aufregend, und sie wu?te, da? sie als Au?erplanetarierin, die Muromeshomon mit seinem Namen ansprechen durfte, von seiner Familie und seinen Freunden herzlich empfangen werden wurde, egal, wie lang oder kurz ihr Aufenthalt dort ware. Doch waren solche Gedanken auch unangenehm, weil sie von der Grundvoraussetzung ausgingen, da? sie das Hospital verlassen mu?te.

Statt dessen fragte sie sich lieber, wie der normalerweise schuchterne und liebenswurdige Chalder die scharfzungige Hredlichli dazu gebracht hatte, den Kommunikator des Personalraums benutzen zu durfen. Hatte er sie womoglich durch die Drohung, die Station ein zweites Mal zu verwusten, zur Hilfe gezwungen? Oder war sein Anruf, was wahrscheinlicher war, von O'Mara befurwortet oder sogar vorgeschlagen worden?

Das war ebenfalls ein unangenehmer Gedanke, der sie aber nicht wachzuhalten vermochte. Die anhaltende Beschworung des terrestrischen Zauberers beziehungsweise die Arznei, die er ihr verschrieben hatte, oder beides zusammen hatte noch nichts von seiner tuckischen Wirkung verloren.

Im Laufe der folgenden Tage erhielt Cha Thrat Besuche von verschiedenen Klassenkameraden und, wenn es die physiologischen Umstande zulie?en, auch von kleinen Gruppen. Cresk-Sar kam gleich mehrere Male, wollte aber wie alle anderen Besucher keinesfalls uber medizinische Themen sprechen. Dann trafen eines Tages der Psychologe O'Mara und der Diagnostiker Conway gemeinsam ein, die sich wiederum uber nichts anderes unterhalten wollten.

„Guten Morgen, Cha Thrat, wie geht es Ihnen?“ fragte der Diagnostiker, wie sie es im voraus gewu?t hatte.

„Sehr gut, danke“, antwortete sie, wie Conway es im voraus gewu?t hatte. Danach wurde sie der wohl grundlichsten korperlichen Untersuchung unterzogen, die sie je erlebt hatte.

„Ihnen ist inzwischen wahrscheinlich klar, da? diese Untersuchung nicht unbedingt notwendig war“, sagte Conway, als er Cha Thrat wieder mit dem Betttuch zudeckte. „Aber fur mich war das die erste Gelegenheit, mir die physiologische Klassifikation DCNF einmal ganz genau von oben bis unten anzusehen — und nicht nur eine der Gliedma?en. Vielen Dank, das war sehr interessant und au?erst lehrreich.

Aber da Sie nun wieder vollkommen gesund sind“, fuhr er mit einem raschen Seitenblick auf O'Mara fort, „und nur noch ein bi?chen Heilgymnastik brauchen werden, bevor Sie wieder diensttauglich sind, was sollen wir da mit Ihnen machen?“

Cha Thrat hatte den Verdacht, da? die Frage rhetorisch gemeint war, aber sie wollte sie dennoch unbedingt beantworten. „Es. es hat Irrtumer und Mi?verstandnisse gegeben“, stammelte sie angstlich. „Das wird bestimmt nicht wieder vorkommen. Ich wurde gerne am Hospital bleiben und meine Ausbildung fortsetzen.“

„Ausgeschlossen!“ widersprach Conway in scharfem Ton. Mit ruhigerer Stimme fuhr er fort: „Sie sind eine ausgezeichnete Chirurgin, Cha Thrat — eventuell sogar eine ganz bedeutende Kapazitat auf Ihrem Gebiet. Sie zu verlieren ware eine geradezu schandliche Vergeudung von Talent. Aber bei Ihren eigenartigen Vorstellungen, wie man sich dem Berufsethos entsprechend verhalt, kommt es gar nicht in Frage, Sie weiterhin im medizinischen Stab zu beschaftigen. Im Hospital gibt es keine einzige Station, die Sie noch zur praktischen Ausbildung aufnehmen wurde. Selbst Segroth hat das nur getan, weil O'Mara und ich sie darum gebeten hatten.

Ich halte meine Vorlesungen ja gerne so interessant und aufregend wie moglich ab“, fugte Conway hinzu, „aber alles hat, verdammt noch mal, seine Grenzen!“

Bevor einer der beiden die schicksalhaften Worte aussprechen konnte, die Cha Thrats Laufbahn am Hospital beenden wurden, fragte sie schnell: „Und was ware, wenn es eine Moglichkeit gabe, die garantiert, da? ich mich in Zukunft vernunftig verhalte? In einer meiner ersten Unterrichtsstunden sind diese Schulungsbander behandelt worden, durch die man Alienphysiologie und — medizin lernt und die Dinge aus dem Blickwinkel einer anderen Spezies betrachtet. Wenn ich das Band einer Spezies im Kopf speichern konnte, die in Ihren Augen eine akzeptablere Vorstellung vom Berufsethos hat als wir Sommaradvaner, wurde ich bestimmt nicht mehr in Schwierigkeiten geraten.“

Gespannt wartete sie auf eine Antwort, aber die beiden Terrestrier blickten sich schweigend an und beachteten sie nicht.

Ohne diese Schulungs- oder Physiologiebander, so hatte Cha Thrat gelernt, hatte ein Krankenhaus mit vielfaltigen Umweltbedingungen wie das Orbit Hospital nicht funktionieren konnen. Kein einzelnes Lebewesen, egal, welcher Spezies es angehorte, konnte die gewaltige Menge physiologischen Wissens im Kopf behalten, die fur die erfolgreiche Behandlung der vielen verschiedenen Patienten, die ins Hospital eingeliefert wurden, erforderlich war. Deshalb wurden die vollstandigen physiologischen Daten jeder beliebigen Spezies durch ein Schulungsband vermittelt, auf dem einfach die Gehirnstrome einer medizinischen Kapazitat aufgezeichnet worden waren, die derselben oder einer ahnlichen Spezies angehorte wie der zu behandelnde Patient.

Ein Wesen, das ein derartiges Band im Kopf speicherte, mu?te seinen Geist mit einer vollkommen fremdartigen Personlichkeit teilen, und genau diesen subjektiven Eindruck hatte der Betreffende dann auch. Mit einem Schulungsband wurden einem namlich nicht nur ausgewahlte medizinische Informationen ins Gehirn ubertragen, sondern auch samtliche Erinnerungen, Erlebnisse und personlichen Eigenschaften des Wesens, von dem das Band stammte. Ein Schulungsband konnte nicht geschnitten werden, und nicht einmal die Chefarzte und Diagnostiker, die darin Erfahrung besa?en, waren imstande, das Ausma? an Verwirrung, seelischer Desorientierung und personlicher Zerruttung zu beschreiben, das es bei einem auslosen konnte.

Die Diagnostiker waren die hochsten medizinischen Herrscher des Orbit Hospitals und Wesen, deren Psyche und Verstand sowohl fur anpassungsfahig als auch stabil genug erachtet wurden, permanent bis zu zehn Physiologiebander gleichzeitig im Kopf gespeichert zu haben. Ihren mit Daten vollgestopften Hirnen oblag in erster Linie die Aufgabe, Grundlagenforschung in Alienmedizin zu leisten und neue Krankheiten bislang unbekannter Lebensformen zu behandeln.

Aber Cha Thrat hatte nicht vor, sich wie die Diagnostiker freiwillig einer Vielfalt fremder Vorstellungen und Einflusse auszusetzen. Wie sie mitbekommen hatte, gab es unter den Mitarbeitern des Hospitals die Redensart, da? jeder geistig Zurechnungsfahige, der freiwillig Diagnostiker werden wollte, schon von vornherein verruckt sein musse, und das glaubte sie gern. Mit ihrem Plan verfolgte sie namlich eine viel weniger rigorose Losung des Problems.

„Wenn ich mein Gehirn mit einer terrestrischen, kelgianischen oder sogar nidianischen Personlichkeit teilen wurde, konnte ich verstehen, warum man die Dinge, die ich manchmal tue, fur falsch halt, und so eine Wiederholung vermeiden“, beteuerte Cha Thrat. „Die Informationen uber eine fremde Spezies wurde ich nur als Orientierungshilfe fur mein Verhalten anderen gegenuber benutzen. Als Auszubildende — und erst recht nicht als Schwesternschulerin — wurde ich auf keinen Fall versuchen, die medizinischen oder chirurgischen Kenntnisse ohne Erlaubnis auf meine Patienten anzuwenden.“

Den Diagnostiker uberkam plotzlich ein Hustenanfall. Als er sich wieder erholt hatte, sagte er: „Ich danke Ihnen, Cha Thrat, und ich bin mir sicher, Ihre Patienten waren Ihnen ebenfalls sehr verbunden. Aber es ist unmoglich. O'Mara, das ist Ihr Fachgebiet. Antworten Sie.“

Der Chefpsychologe ruckte nah an die Bettkante heran und sah Cha Thrat mitleidig an. „Die Vorschriften des Hospitals gestatten es mir nicht, Ihrem Wunsch nachzukommen, aber selbst wenn ich es konnte, wurde ich es nicht tun. Obwohl Sie eine ungewohnlich starke und unbeugsame Personlichkeit besitzen, wurden Sie gro?e Schwierigkeiten haben, Ihren Gehirnpartner unter Kontrolle zu halten. Naturlich ist er kein Alien, der um die geistige Vorherrschaft in Ihrem Gehirn kampft, aber da die Bander stets von einem fuhrenden medizinischen Spezialisten stammen, dessen Charakter sich haufig durch Willensstarke und Uberzeugungskraft auszeichnet und der es zudem gewohnt ist, seinen Willen durchzusetzen, wurde es Ihnen so vorkommen, als ob er die Macht uber sie gewinnt. Der sich daraus ergebende, lediglich eingebildete Konflikt konnte zu zeitweiligen Schmerzen, Hautausschlag und noch unangenehmeren organischen Storungen fuhren. Das alles hat naturlich psychosomatische Grunde, aber die werden Ihnen genauso viele Schmerzen bereiten wie korperliche Ursachen.

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