sich dann ab, um in die einzige Richtung zu gehen, die die beiden nicht erwahnt hatten.
„Ich glaube, die hat mit dem mittleren Vorderglied irgendeine unanstandige Geste gemacht“, bemerkte der Kelgianer.
„An ihrer Stelle hatte ich das auch getan“, antwortete der Terrestrier.
Den restlichen Teil der endlosen Strecke uberprufte Cha Thrat jeden Richtungswechsel zweimal und hielt auf dem Weg zur Ebene einhundertzwanzig unentwegt nach unerwarteten Veranderungen der Farbmarkierungen Ausschau. Sie legte nur noch eine kurze Pause ein, um ein weiteres gro?es Loch in ihre Lebensmittelvorrate zu rei?en. Als sie schlie?lich die Einstiegsluke zwolf offnete und in den Korridor sieben stieg, wurde sie dort von Timmins bereits erwartet.
„Gut gemacht, Cha Thrat, Sie haben es geschafft!“ lobte der Terrestrier sie mit entblo?ten Zahnen. „Nachstes Mal sollte ich die Strecke ein Stuckchen langer und komplizierter gestalten. Danach werde ich Sie schon mal bei ein paar einfacheren Arbeiten aushelfen lassen. Allmahlich konnen Sie ruhig damit anfangen, sich hier Ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“
Erfreut und ein bi?chen verwirrt antwortete Cha Thrat: „Ich dachte, ich ware zu fruh am Ziel angekommen. Habe ich Sie lange warten lassen?“
Timmins schuttelte den Kopf „Der Notsignalgeber war nur zu Ihrer personlichen Beruhigung da, falls Sie sich verirrt geglaubt oder Angst bekommen hatten. Das war Teil des Tests. Doch wir verfolgen unsere Leute standig uber Sensoren, deshalb wu?te ich uber jede Ihrer Bewegungen Bescheid. Ganz schon hinterhaltig von mir, nicht wahr? Aber einmal sind Sie sehr nah an einem Wartungsteam vorbeigekommen. Ich hoffe, Sie haben sich bei denen nicht nach dem Weg erkundigt. Sie kennen ja die Regel.“
Cha Thrat fragte sich, ob es uberhaupt eine Regel im Orbit Hospital gab, die so starr war, da? man sie nicht fur sich zurechtbiegen konnte, und hoffte, die au?eren Anzeichen fur ihre Verlegenheit konnten nicht von einem Mitglied einer fremden Spezies in ihrem Gesicht gelesen werden.
„Nein“, antwortete sie wahrheitsgema?. „Wir haben kein Wort miteinander gewechselt.“
10. Kapitel
Cha Thrat sollte letztendlich erst dann eine Aufgabe zugeteilt bekommen, wenn Timmins ihr den vollen Umfang und die ganze Vielschichtigkeit der Arbeit gezeigt hatte, die sie eines Tages moglicherweise wurde leisten mussen. Es war deutlich zu erkennen, da? der Terrestrier insgeheim auf seinen Wartungsdienst au?erst stolz war und mit gutem Grund ein wenig angab, wahrend er gleichzeitig versuchte, etwas von seinem eigenen Stolz auch Cha Thrat einzuflo?en. Zugegeben, bei einem Gro?teil der Aufgaben handelte es sich um Sklavenarbeit, aber diese hatte auch Seiten, die die Eigenschaften eines Kriegers oder sogar eines niedrigeren Herrschers erforderten. Au?erdem wurde man beim Wartungsdienst, anders als auf Sommaradva, wo die Betatigungsfelder streng voneinander abgegrenzt waren, zum Aufstieg in hohere Positionen geradezu ermuntert.
Timmins legte sich machtig ins Zeug, Cha Thrat zu begeistern, und verbrachte anscheinend einen ungewohnlich gro?en Teil seiner Zeit mit nichts anderem, als sie uberall herumzufuhren.
„Bei allem Respekt“, sagte Cha Thrat nach einem besonders interessanten Rundgang durch die extrem kalten Methanebenen, „nach Ihrem Rang und Ihren offensichtlichen Fahigkeiten zu urteilen, konnten Sie mit Ihrer Zeit etwas Wichtigeres anfangen, als Sie ausgerechnet mit mir zu verbringen — ihrem neuesten und, wie ich befurchte, technisch am wenigsten bewanderten Wartungslehrling. Warum wird mir diese Sonderbehandlung gewahrt?“
Timmins lachte leise und antwortete: „Sie durfen nicht glauben, da? ich gerade wichtigere Arbeiten vernachlassige, um mit Ihnen zusammenzusein, Cha Thrat. Falls ich gebraucht werde, kann man mich jederzeit erreichen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, da? das passiert, weil sich meine Untergebenen mit aller Gewalt darum bemuhen, mir standig das Gefuhl zu geben, hier vollkommen uberflussig zu sein.
Den nachsten Abschnitt werden Sie ubrigens besonders interessant finden“, fuhr er fort. „Dabei handelt es sich um die VTXM-Station, die, so seltsam es vielleicht klingt, einen Teil des Hauptreaktors ausmacht. Aus Ihren medizinischen Vorlesungen wissen Sie, da? die Telfi eine Lebensform sind, die eine geschlossene Einheit, eine sogenannte Gestalt bilden und von der direkten Umwandlung harter Strahlung leben. Deshalb mussen alle Untersuchungen und Behandlungen der Patienten mittels ferngesteuerter Sensoren und Greifarme durchgefuhrt werden. Um dem Wartungsdienst in diesem Bereich zugeteilt zu werden, brauchten Sie eine spezielle Ausbildung in.“
„Eine spezielle Ausbildung bedeutet eine Sonderbehandlung“, unterbrach ihn Cha Thrat, die allmahlich die Geduld verlor. „Ich habe Sie schon vorhin danach gefragt: Erhalte ich eine Sonderbehandlung?“
„Ja“, antwortete der Terrestrier in scharfem Ton. Er wartete, bis ein Kuhlfahrzeug vorbeigerollt war, in dem einer der kaltblutigen SNLU-Methanatmer sa?, und fuhr fort: „Selbstverstandlich bekommen Sie eine Sonderbehandlung.“
„Und wieso?“
Timmins schwieg.
„Warum beantworten Sie diese einfache Frage nicht?“ hakte Cha Thrat nach.
„Weil es auf Ihre Frage keine einfache Antwort gibt“, erwiderte der Terrestrier, dessen Gesicht eine dunklere Farbe annahm. „Zudem bin ich mir nicht sicher, ob ausgerechnet ich dafur der Richtige bin, weil ich sie gleichzeitig seelisch verletzen, kranken, beleidigen oder zornig machen konnte.“
Cha Thrat ging einen Augenblick schweigend weiter und sagte schlie?lich: „Ich glaube, allein durch die Rucksichtnahme auf meine Gefuhle sind Sie schon der Richtige. Ein Untergebener, der sich falsch verhalten hat, ist vielleicht wirklich seelisch leicht verletzbar oder leicht in Rage zu bringen, weil er sich womoglich selbst nicht mehr ausstehen kann, aber wenn ein Vorgesetzter ihm etwas zu Recht sagt, kann dieser ihn damit unmoglich kranken oder beleidigen.“
Der Terrestrier schuttelte den Kopf, was, wie Cha Thrat gelernt hatte, entweder eine Verneinung war oder Verwirrung ausdruckte. „Manchmal geben Sie mir das Gefuhl, selbst der Untergebene zu sein, Cha Thrat. Aber was soll's? Ich werde versuchen, Ihre Frage zu beantworten. Eine Sonderbehandlung erhalten Sie wegen des Unrechts, das Ihnen von uns angetan worden ist, und aufgrund des psychischen Unbehagens, das wir Ihnen bereitet haben. Es gibt mehrere bedeutende Personlichkeiten, die sich verpflichtet fuhlen, das wiedergutzumachen.“
„Aber diejenige, die sich falsch verhalten hat, bin doch ich“, wandte Cha Thrat verblufft ein.
„Das stimmt allerdings“, bestatigte Timmins, „aber letztendlich haben wir Ihnen zuerst Unrecht getan, und Ihr Verhalten war die direkte Folge davon. In erster Linie ist das Monitorkorps dafur verantwortlich, Ihnen erlaubt, nein, Sie geradewegs dazu ermuntert zu haben, hierherzukommen und auf die Einstellungsbedingungen zu verzichten. Ihr Vergehen, das sich an diese Mischung aus unangebrachter Dankbarkeit fur die Rettung von Chiangs Leben und reinem politischen Opportunismus angeschlossen hat, war nur die unvermeidliche Folge davon.“
„Aber ich wollte ins Orbit Hospital kommen und will auch immer noch hierbleiben“, protestierte Cha Thrat.
„Um sich selbst fur die jungsten Versto?e zu bestrafen?“ fragte Timmins mit ruhiger Stimme. „Ich habe gerade versucht, Sie davon zu uberzeugen, da? die wirklich Schuldigen wir sind.“
„Ich bin weder geistig noch moralisch abnorm“, entgegnete Cha Thrat und versuchte, ihren Zorn uber Timmins' Au?erung zu zugeln, die auf ihrem Heimatplaneten einer schweren Beleidigung gleichgekommen ware. „Eine gerechte Strafe nehme ich hin, aber ich trachte nicht danach, sie mir selbst aufzuerlegen. Das Leben hier im Hospital hat zwar einige sehr beunruhigende und unerfreuliche Seiten, doch auf Sommaradva konnte ich in keiner Gesellschaftsschicht derart vielfaltige und intensive Erfahrungen sammeln. Das ist der Grund, weshalb ich hier bleiben mochte.“ Der Terrestrier schwieg einen Moment lang und sagte dann: „Conway, O'Mara, Cresk-Sar und einige andere, darunter sogar Hredlichli, waren sich von vornherein sicher, da? Sie fur Ihren Wunsch hierzubleiben eher positive als negative Grunde hatten und meine Chancen, Sie zur Ruckkehr nach Hause zu bewegen, gering waren.“
Als Cha Thrat wie angewurzelt auf dem Korridor stehenblieb, brach Timmins im Satz ab.
„Haben Sie etwa mit all diesen Aliens meine Taten und Untaten, meine Fahigkeiten beziehungsweise meine Unfahigkeit, vielleicht sogar meine Zukunftsaussichten erortert, ohne mich zu dieser Besprechung einzuladen?“
