Schutzanzug uberziehen?“

Cha Thrat ruhrte sich nicht, und der Terrestrier blickte sie schweigend an.

Schlie?lich sagte sie: „Ich erhalte eine Sonderbehandlung, werde durch Abteilungen gefuhrt, in denen zu arbeiten ich nicht qualifiziert bin, und bekomme Gerate zu sehen, auf deren Bedienung ich mir erst in sehr ferner Zukunft Hoffnungen machen kann. Zweifellos soll das ein Anreiz sein, um mir zu zeigen, was ich zukunftig alles erreichen kann. Ich verstehe die Uberlegung, die dahintersteckt, und wei? sie auch zu schatzen, aber es ware mir viel lieber, mit der Besichtigung aufzuhoren und mich an irgendeine einfache und nutzliche Arbeit zu machen.“

„Na gut“, lenkte Timmins ein und entblo?te beifallig die Zahne. „Die Telfi konnen wir uns sowieso nicht direkt ansehen, deshalb verpassen wir nicht viel. Ich schlage vor, Sie lernen als erstes, wie man einen G-Schlitten fahrt. Zunachst nur einen kleinen, damit Sie bei einem etwaigen Unfall sich selbst mehr Schaden zufugen als dem Hospitalgebaude. Dazu mussen Sie Ihre Kenntnisse von der inneren Anlage des Baus wirklich beherrschen und imstande sein, mit gro?er Genauigkeit und Geschwindigkeit durch das Wartungstunnelnetz zu steuern. Es scheint namlich ein Naturgesetz zu sein, da?, sobald eine Station oder die Diatkuche Nachschub braucht, die Bestellung immer eilt und gewohnlich zu spat geliefert wird.

Wir werden jetzt zur betriebsinternen Transporthalle gehen“, schlo? er. „Es sei denn, Sie haben noch eine weitere Frage.“

Cha Thrat hatte noch eine, hielt es aber fur besser, damit zu warten, bis sie sich wieder in Bewegung gesetzt hatten.

„Was ist mit den Schaden auf der AUGL-Station, an denen ich indirekt schuld gewesen bin?“ fragte sie schlie?lich. „Werden mir die Kosten von meinem Lohn abgezogen?“

Timmins entblo?te erneut die Zahne und antwortete: „Ich schatze, es wurde etwa drei Jahre dauern, die von Ihrem AUGL-Freund verursachten Schaden zu bezahlen. Aber als das passiert ist, waren Sie noch eine von diesen verruckten Schwesternschulerinnen und keine ernstzunehmende und verantwortungsbewu?te Mitarbeiterin des Wartungsdienstes, deshalb machen Sie sich mal daruber keine Gedanken.“

Cha Thrat machte sich daruber auch gar keine Gedanken mehr, weil es den restlichen Tag viel wichtigere Dinge gab, die ihr Sorgen bereiteten — in erster Linie die Bedienung und Steuerung der nicht zu bandigenden, mi?ratenen und schon oft verfluchten Klapperkiste, die man G-Schlitten nannte.

In Betrieb glitt dieses Fahrzeug ohne Bodenberuhrung auf einem Repulsionskissen dahin. Die Fahrtrichtung konnte man andern, indem man wechselseitig absenkbare Reibungskissen zum Bremsen einsetzte, die Triebwerke drehte oder, wenn man nur eine feine Richtungskorrektur vornehmen wollte, sich zur Seite lehnte. War eine Vollbremsung erforderlich, schaltete man einfach die Energiezufuhr ab. Dadurch sackte das Fahrzeug zu Boden und kam laut knirschend zum Stehen. Doch wurde von diesem Manover abgeraten, weil es den Lenker des G- Schlittens bei dem Inspektionsteam, das die Repulsionsgitter neu justieren mu?te, sehr unbeliebt machte.

Am Ende des Tages war Cha Thrat mit dem Schlitten uber den ganzen Boden der Transporthalle gerutscht und geschleudert, hatte jede umklappbare Markierung, um die sie eigentlich hatte herumfahren mussen, gerammt und sich ganz allgemein an diesem Tag au?erst unkooperativ gezeigt. Timmins gab ihr zum Abschlu? einen Stapel Studienbander, die sie sich bis zum nachsten Morgen ansehen sollte, und sagte ihr, da? sie fur eine Anfangerin sehr gut gefahren sei.

Drei Tage spater glaubte sie das allmahlich auch. „Ich bin in einem Schlitten mit Anhanger, beide voll beladen, von der achtzehnten bis zur dreiunddrei?igsten Ebene gefahren“, berichtete sie Tarsedth, als ihre ehemalige Klassenkameradin sie zum ublichen Abendplausch besuchte. „Dabei habe ich ausschlie?lich die Wartungstunnel benutzt und nichts und niemanden gerammt.“

„Sollte ich jetzt beeindruckt sein?“ fragte die Kelgianerin.

„Ein bi?chen schon“, antwortete Cha Thrat, wobei sie ihre Enttauschung kaum verbergen konnte. „Und? Was gibt es bei dir Neues?“

„Cresk-Sar hat mich in die LSVO-Chirurgie versetzt“, berichtete Tarsedth, deren Fell sich dabei zu einer undeutbaren Gefuhlsmischung krauselte. „Er meinte, ich ware soweit, meine Fachkenntnisse in der Pflege fremder Lebensformen zu erweitern, und die Arbeit mit einer unter geringer Schwerkraft lebenden Spezies wurde das Feingefuhl des Tastsinns verbessern. Au?erdem, hat er gesagt, ware Oberschwester Lentilatsar — diese hinterhaltige, schleimige, chloratmende Schlampe! — sowieso nicht ganz glucklich damit gewesen, wie ich meine Entschlu?kraft auf ihrer Station umgesetzt hatte. Was ist das eigentlich fur ein Video? Sieht enorm uninteressant aus.“

„Ganz im Gegenteil“, widersprach Cha Thrat und druckte auf die Pausentaste. Auf dem Bildschirm war eine Gruppe von Offizieren des Monitorkorps zu sehen, die sich mit dem namhaften Terrestrier MacEwan und dem nicht weniger beruhmten Oriigianer Grawlya-Ki trafen, den, wie es hie?, wahren Grundern des Orbit Hospitals. „Es geht um die Geschichte, die Organisation und die gegenwartigen Aktivitaten des Monitorkorps. Ich finde das zwar sehr interessant, aber vom moralischen Standpunkt aus gesehen, auch verwirrend. Warum mu? zum Beispiel eine friedenserhaltende Streitmacht so schwer bewaffnet sein?“

„Weil sie ohne schwere Bewaffnung nicht den Frieden sichern konnte, Dummerchen“, meinte Tarsedth. „Aber auf dem Gebiet des Monitorkorps bin ich absolute Expertin. Heutzutage treten viele Kelgianer ins Korps ein, und ich wollte mich schon um die Stelle einer Stabsarztin, das hei?t einer Schiffsarztin, bewerben und werde es vielleicht tun, wenn ich mich nicht furs Hospital qualifizieren kann.

Naturlich gibt es auch noch andere, nichtmilitarische Stellen.“, fuhr sie begeistert fort.

Das Monitorkorps verschaffte den Gesetzen der galaktischen Foderation Geltung und stellte eine Polizeitruppe von interstellarer Gro?enordnung dar, doch im Verlauf des ersten Jahrhunderts seines Bestehens waren ihm noch viel mehr Aufgaben ubertragen worden. Ursprunglich, als die Foderation nicht mehr als eine wackelige Allianz von lediglich vier bewohnten Planetensystemen — Nidia, Orligia, Traltha und der Erde — gewesen war, hatte sich das Korpspersonal ausschlie?lich aus Terrestriern zusammengesetzt. Und diese Terrestrier hatten weitere bewohnte Systeme und immer mehr intelligente Lebensformen entdeckt und freundschaftlichen Kontakt mit ihnen aufgenommen.

Das hatte zur Folge, da? sich die Foderation mittlerweile aus beinahe siebzig verschiedenen Spezies zusammensetzte — die Zahl mu?te standig nach oben hin korrigiert werden — und die friedenserhaltende Funktion des Monitorkorps hinter die Aufgaben der Erforschung und Vermessung neuentdeckter Planeten und der Kommunikation mit fremden Spezies zurucktrat. Das machte den schwerbewaffneten Monitoren nichts aus, weil sich eine Polizeitruppe im Gegensatz zu einer Armee nur dann am effektivsten vorkommt, wenn es fur sie nicht viel mehr zu tun gibt, als zum Beispiel durch die gelegentliche Sprengung eines mineralienreichen Asteroiden in Ubung zu bleiben oder durch das Roden und Einebnen ausgedehnter Flachen unberuhrten Lands auf einem neuentdeckten Planeten, um so die Landung von Kolonisten vorzubereiten.

Das letzte Mal, da? ein Polizeieinsatz des Monitorkorps nicht von einer kriegerischen Handlung zu unterscheiden gewesen war, lag beinahe zwei Jahrzehnte zuruck. Damals mu?te man das Orbit Hospital selbst gegen die arg fehlgeleiteten Etlaner verteidigen, die inzwischen zu gesetzestreuen Burgern der Foderation geworden waren. Mittlerweile dienten einige von ihnen sogar im Monitorkorps.

„Heutzutage steht jeder Spezies die Mitgliedschaft im Korps offen“, fuhr Tarsedth fort, „obwohl der Gro?teil des raumreisenden Personals aus physiologischen Grunden und wegen der Probleme mit der Lebenserhaltung und der Unterbringung an Bord der kleineren Schiffe aus warmblutigen Sauerstoffatmern besteht.

Wie ich schon gesagt habe“, fugte die Kelgianerin hinzu, wobei sie sich nach vorne schlangelte und wieder das Video startete, „beim Korps gibt es fur rastlose, abenteuerlustige und die Hauslichkeit verachtende Charaktere wie uns eine Menge interessanter offener Stellen. Du wurdest bestimmt keinen Fehler machen, wenn du beitrittst.“

„Ich bin schon beigetreten — worden“, klarte Cha Thrat ihre Freundin auf. „Aber einen G-Schlitten zu fahren ist nicht unbedingt ein Abenteuer.“

Tarsedths Fell richtete sich uberrascht zu Stacheln auf, legte sich aber wieder. „Na klar! Naturlich bist du schon Mitglied! Wie dumm von mir, ich hatte ganz vergessen, da? alle nichtmedizinischen Mitarbeiter automatisch ins Monitorkorps gesteckt werden. Und den bei euch ublichen Fahrstil habe ich auch schon kennengelernt — an Selbstmord grenzende Waghalsigkeit ist wohl die treffendste Beschreibung dafur. Aber du hast eine gute Entscheidung getroffen. Meinen Gluckwunsch.“

Die Entscheidung war zwar fur sie getroffen worden, dachte Cha Thrat verbittert, aber das hie? noch lange nicht, da? sie zwangslaufig falsch gewesen war.

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