Mitarbeitern und Patienten mit Rollbandern ausgestattet war, da die PVSJs aus physiologischen Grunden keine Treppen steigen konnten. Um die komplexe Lage und Anordnung dieser Hindernisse zu umgehen, waren die Biegungen und Krummungen des Wartungsschachts notwendig. Sobald sie erst einmal wohlbehalten durch diese komplizierte gegenseitige Durchdringung der Wasser- und Chloratmerabteilungen hindurchgekommen sein wurde, mu?te die Strecke sehr viel einfacher werden.

An Gesellschaft durch Stimmen herrschte kein Mangel. Akustische Warnschilder, die sprachen, egal, ob Cha Thrat auf die Bedienknopfe druckte oder nicht, wiesen sie an, die Luft standig auf eine etwaige Verseuchung durch eine andere Atmosphare zu uberprufen.

Es waren zwar Vorkehrungen getroffen worden, Essen zu sich nehmen zu konnen, ohne den Schutzanzug offnen zu mussen, aber nach Cha Thrats Sensoren war die Gegend frei von giftigen Substanzen in gefahrlichen Mengen, und deshalb offnete sie das Visier. Der Geruch, der ihr entgegenschlug, war eine unbeschreibliche Mischung aus samtlichen scharfen, bei?enden, betaubenden, unangenehmen und sogar angenehmen Duften, die sie jemals gerochen hatte, war aber zum Gluck nur sehr schwach. Sie nahm schnell einen kleinen Imbi? zu sich, schlo? sofort wieder das Visier und ging mit gewachsener Zuversicht weiter.

Drei lange, schnurgerade Tunnelabschnitte spater wurde ihr klar, da?

ihre Zuversicht unangebracht war.

Nach ihrer Schatzung der Richtungen und der Entfernung, die sie eingeschlagen, beziehungsweise zuruckgelegt hatte, hatte sie sich irgendwo zwischen den Ebenen der Hudlarer und Tralthaner befinden mussen. An den Tunnelwanden hatten die dicken, stark isolierten Stromkabel fur die kunstlichen Schwerkraftgitter der FROBs und wenigstens eine deutlich gekennzeichnete Rohrleitung fur die Versorgung der Spruhbehalter mit dem Nahrungspraparat entlanglaufen mussen, sowie die Leitungen mit der von den FGLIs benotigten Luft, dem Wasser und den zu entsorgenden organischen Ausscheidungen. Doch die vorhandenen Kabelstrange waren mit Farbkombinationen markiert, die dort nicht hingehorten, und die einzige sichtbare Atmosphareleitung war die Rohre mit dem geringen Durchmesser, die Sauerstoffversorgung des Tunnels. Verargert uber sich selbst druckte Cha Thrat auf den nachsten akustischen Selbsterklarungsknopf.

„Ich bin eine Steuereinheit fur den synthetischen Herstellungsproze? Eins-Zwolf-B, die sich selbst uberwacht“, erklarte das Gerat wichtigtuerisch. „Drucken Sie den blauen Knopf, dann wird sich die Zugangsklappe zur Seite schieben. Warnung: Nur das Gehause und die akustische Selbsterklarung sind wiederverwendbar. Wenn einzelne Teile schadhaft sind, sind sie nicht zu reparieren, sondern auszuwechseln. Die Zugangsklappe darf nur dann von Angehorigen der Spezies MSVK, LSVO oder anderen Lebensformen mit geringer Strahlentoleranz geoffnet werden, wenn besondere Schutzma?nahmen getroffen worden sind.“

Cha Thrat hatte kein Verlangen, das Gehause zu offnen, obwohl ihr Strahlenme?gerat anzeigte, da? die Gegend fur ihre Lebensform sicher war. In der nachsten Nische warf sie erneut einen Blick auf die Karte und die Tabelle mit den Farbmarkierungen.

Irgendwie war sie in einen der Abschnitte geraten, in denen es nur vollautomatische Maschinen gab. Die Karte wies funfzehn derartige Gebiete im Hauptkomplex des Hospitals aus, aber keins davon befand sich auch nur in der Nahe ihrer geplanten Route. Ganz offensichtlich hatte sie eine oder vielleicht sogar eine ganze Reihe von falschen Abzweigungen genommen, gleich nachdem sie den spiralformigen Tunnel verlassen hatte, der die PVSJ- Station mit dem neuen Operationssaal verband.

Sie machte sich wieder auf den Weg und sah sich dabei genau die Tunnelwande und die Decke an, weil sie hoffte, durch die nachste Veranderung der Farbmarkierungen einen Hinweis darauf zu erhalten, wo sie sich moglicherweise befand. Sie fluchte laut uber ihre eigene Dummheit und druckte jeden Selbsterklarungsknopf, an dem sie vorbeikam, gelangte aber bald zu dem Schlu?, da? ihr beides nicht viel weiterhalf. Die Entscheidung, keinen unnotigen Larm mehr zu veranstalten, erwies sich als klug, denn an der nachsten Tunnelkreuzung horte sie entfernte Stimmen.

Timmins hatte ihr zwar verboten, mit irgend jemandem zu sprechen oder einen der offentlichen Korridore zu betreten, aber wenn sie sowieso schon hoffnungslos vom Weg abgekommen war, dann sprach ihrer Meinung nichts dagegen, den Seitentunnel zu nehmen und auf die Stimmen zuzugehen. Vielleicht wurde es ihr gelingen, durch genaues Hinhorchen an einem der Beluftungsgitter zu den Korridoren ein Gesprach aufzuschnappen, um auf diese Weise einen Hinweis auf ihren momentanen Aufenthaltsort zu bekommen.

Zwar schamte sich Cha Thrat bei diesem Gedanken, aber verglichen mit einigen der Uberlegungen, die sie noch vor kurzem hatte anstellen mussen, war dieser Plan nur eine geringe personliche Schande, mit der sie glaubte, leben zu konnen.

Die Unterhaltung der entfernten Stimmen wurde immer wieder von langen Pausen unterbrochen. Anfangs waren die Stimmen so leise und so weit entfernt, da? Cha Thrats Translator den Inhalt des Gesprachs nicht ubersetzen konnte, und als sie sich endlich der Quelle genahert hatte, verharrten sie gerade wieder in langem Schweigen. Die Folge war, da? Cha Thrat, als sie an die nachste Kreuzung kam, plotzlich vor ihnen stand, bevor sie uberhaupt eine Chance hatte, das Gesprach nur zu belauschen.

Es handelte sich um einen kelgianischen DBLF und einen terrestrischen DBDG in den Overalls des Wartungsdiensts, auf denen zusatzlich das Rangabzeichen des Monitorkorps prangte. Zwischen ihnen auf dem Boden lagen Werkzeuge und zerlegte Rohrstucke. Nachdem die beiden Techniker einen kurzen Blick nach oben auf Cha Thrat geworfen hatten, setzten sie ihre Unterhaltung ungeruhrt fort.

„Ich hatte mich schon die ganze Zeit gefragt, was da eigentlich durch den Tunnel auf uns zukommt und mehr Larm als ein betrunkener Tralthaner veranstaltet“, sagte der Kelgianer. „Das mu? die neue DCNF sein, von der man uns erzahlt hat, da? sie heute ihren ersten Tag unter den Korridoren verbringt. Mit der durfen wir nicht sprechen, obwohl ich dazu sowieso keine Lust hatte. Die sieht ganz schon komisch aus, findest du nicht?“

„Ich wurde nicht mal im Traum daran denken, die anzusprechen oder mich von der auch nur ansprechen zu lassen“, erwiderte der DBDG. „Gib mir mal den Elfer-Schlussel und halt dein Ende fest. Glaubst du, die hat eine Ahnung, wo der Gang hinfuhrt?“

Der Kelgianer drehte seinen kegelformigen Kopf kurz in die Richtung, in die Cha Thrat weitergehen wollte, und antwortete: „Das wei? sie erst dann, wenn sie das Gefuhl gehabt hat, die Tunnelwande kamen langsam auf sie zu, und der drohenden Klaustrophobie mit einem Schu? Agoraphobie durch einen Spaziergang auf der Au?enwand entgegenwirken will.“ Dann murmelte er vor sich hin: „Ach, das hier ist einfach keine Arbeit fur einen hoheren Unteroffizier wie mich, der, wenn es stimmt, was der Major neulich gesagt hat, kurz vor der Beforderung zum Lieutenant des Monitorkorps steht.“

„Das hier ist fur niemanden eine Arbeit, also mach dir daruber mal keine Gedanken“, meinte der Terrestrier, wobei er demonstrativ in den Gang zu seiner Linken blickte. „Andererseits konnte sie auch einen Abstecher zur VTXM-Abteilung im Auge haben. Das ist naturlich ganz schon blod und auch nicht gerade gesund, wenn man nur einen leichten Schutzanzug tragt. Aber Wartungslehrlinge mussen wohl blod sein, sonst wurden sie sich nach irgendeinem anderen Job umsehen.“

Der Kelgianer stie? einen verargerten Laut aus, der vom Translator nicht ubersetzt wurde, und sagte: „Warum haben wir eigentlich in der unendlichen Weite des bislang erforschten Universums noch nie eine Lebensform entdeckt, deren Korperausscheidungen gut riechen?“

„Mein pelziger Freund“, erwiderte der Terrestrier, „ich glaube, damit hast du eine der gro?en philosophischen Wahrheiten unserer Zeit angeschnitten. Und wo wir schon bei unerklarlichen Phanomenen sind: Wie konnte eine melfanische Dehnsonde der Gro?e drei in das Abwasserleitungsnetz geraten und durch vier Ebenen gespult werden, bevor sie hier unten alles verstopft hat?“

Cha Thrat sah, wie sich das Fell des Kelgianers unter dem Overall krauselte, als er entgegnete: „Glaubst du wirklich, da? die DCNF blod ist? Will die da etwa den ganzen Tag nur dumm rumstehen und uns beobachten? Oder hat sie vor, uns nach Hause zu begleiten?“

„Nach dem, was ich uber Sommaradvaner gehort habe“, antwortete der DBDG, wobei er Cha Thrat immer noch nicht direkt ansah, „wurde ich nicht sagen, da? sie direkt blod ist, sondern eher ein bi?chen schwer von Begriff.“

„Ausgesprochen schwer von Begriff“, pflichtete ihm der Kelgianer bei.

Doch Cha Thrat war bereits klargeworden, da? das mitgehorte Gesprach drei genaue Hinweise enthalten hatte, die, so sehr sie auch zwischen abwertenden und personlich beleidigenden Au?erungen versteckt waren, es ihr leicht ermoglichen wurden, ihren Standort zu bestimmen und auf die geplante Route zuruckzukehren. Einen Moment lang betrachtete sie die zwei Wartungstechniker und bedauerte, da? sie nicht mit ihnen sprechen durfte. Sie verabschiedete sich mit dem sommaradvanischen Zeichen des Danks zwischen Gleichgestellten und wandte

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