organische Abfallstoffe befinden. Die Gefahr der Verseuchung von Stationen durch die Atmosphare einer artfremden Spezies ist immer gegenwartig, und man sollte es nicht zulassen, da? sich eine solche Umweltkatastrophe ereignet, nur weil irgendein Einfaltspinsel mit einem Sehfehler die falschen Rohre zusammengesteckt hat. Was sehen Sie jetzt?“

Und so ging es immer weiter: Yeppha lie? Muster mit feinen Farbabstufungen auf dem Bildschirm erscheinen, und Cha Thrat sagte ihm, was sie gerade sah oder nicht sah. Schlie?lich schaltete der DRVJ das Gerat aus und steckte das Band wieder in den Beutel zuruck.

„Sie haben zwar nicht so viele Augen wie ich“, sagte er, „aber sie funktionieren alle gut. Von daher spricht nichts dagegen, da? Sie Ihre Tatigkeit beim Wartungsdienst aufnehmen. Mein allerherzlichstes Beileid. Viel Gluck!“

Die ersten drei Tage bestanden ausschlie?lich aus Ubungen, sich ohne Anleitung uberall im Hospital zurechtzufinden. Timmins wies sie darauf hin, da? man bei den Wartungstechnikern voraussetze, da? sie schnellstmoglich am Unglucksort eintrafen, wann und wo immer sich ein Notfall ereignete, selbst wenn nur eine geringfugige Storung gemeldet wurde. Da sie normalerweise auf einem Rollwagen mit Elektroantrieb Werkzeuge oder Ersatzteile mit sich fuhrten, sei ihnen die Benutzung der Hospitalkorridore nur im au?ersten Notfall gestattet —, da diese von dem Patienten- und Mitarbeiterverkehr ohnehin schon verstopft genug seien, so da? man keinen unnotigen Stau durch Fahrzeuge riskieren wolle.

Aus diesem Grund sollte Cha Thrat die Verbindung von A nach B mit Umwegen uber die Punkte H, P und W finden, ohne die Versorgungsschachte und Tunnel zu verlassen oder irgendwen, dem sie begegnen konnte, nach dem Weg zu fragen. Nicht einmal zum Essen gehen durfte sie eine verbotene Bestimmung ihres Standorts durchfuhren, und es war ihr nicht einmal gestattet, kurz im Hauptkorridornetz aufzutauchen, um sich dort zu orientieren.

„Es wird sich wahrscheinlich als uberflussig herausstellen, den leichten Schutzanzug zu tragen“, sagte Timmins, wahrend er das Bodengitter direkt vor ihrem Zimmer anhob, „aber Wartungstechniker haben ihn immer an, falls sie durch ein Gebiet mussen, in dem es ein kleines Leck gibt, das noch nicht abgedichtet worden ist und aus dem fur die eigene Spezies giftiges Gas austritt. Sie haben Sensoren dabei, die Sie vor allen giftigen Stoffen in der Luft einschlie?lich radioaktiver Strahlung warnen; au?erdem eine Lampe, sofern in einem der Tunnel die Beleuchtung ausgefallen ist; eine Karte, auf der Ihr Weg deutlich eingezeichnet ist; einen Signalgeber, falls Sie sich hoffnungslos verirrt haben oder es zu irgendeinem anderen personlichen Notfall kommt, und, wenn ich das so sagen darf, mehr als genug Proviant, um nicht nur einen Tag, sondern eine ganze Woche lang zu uberleben!

Sie brauchen keine Angst zu haben und sollten versuchen, nicht zu hetzen, Cha Thrat“, fuhr er fort. „Betrachten Sie Ihre Aufgabe als einen ausgedehnten, gemutlichen Spaziergang durch unerforschtes Gebiet mit haufigen Essenspausen. Ich erwarte Sie dann auf der Ebene einhundertzwanzig vor der Einstiegsluke zwolf im Korridor sieben, und zwar in funfzehn Stunden oder fruher.“

Plotzlich lachte er und fugte hinzu: „Moglicherweise auch spater.“

Die Wartungstunnel waren zwar sehr gut beleuchtet, aber eng und niedrig — zumindest fur die sommaradvanische Spezies —, und wiesen uber die gesamte Lange in regelma?igen Abstanden Nischen auf. Diese Nischen waren Cha Thrat insofern ratselhaft, als sich in ihnen weder Kabelstrange noch Rohre oder irgendwelche mechanischen Vorrichtungen befanden. Aber als ein Kelgianer in einem Wagen den Tunnel entlang auf sie zugerast kam und ihr zurief „Zur Seite, Dummkopf!“, wu?te sie, wozu sie da waren.

Von dieser Begegnung abgesehen, schien Cha Thrat den Tunnel fur sich allein zu haben, und sie vermochte sich viel leichter fortzubewegen, als sie es je im Hauptkorridor gekonnt hatte, der sich jetzt direkt uber ihrem Kopf befand. Durch die Beluftungsgitter hindurch konnte sie deutlich das Bumsen, Pochen und Schlurfen der zur Fortbewegung dienenden Gliedma?en der Aliens uber sich horen und das unbeschreibliche Gewirr von knurrenden, zischenden, krachzenden und piepsenden Stimmen, von denen diese Gehgerausche begleitet wurden.

Sie bewegte sich stetig vorwarts, achtete darauf, nicht von einem weiteren Fahrzeug uberrascht zu werden, als sie die Karte zu Rate zog, und blieb hin und wieder stehen, um sich Beschreibungen der Gro?e, des Durchmessers und der Farbmarkierungen auf den Schutzummantelungen der Apparaturen, Rohrleitungen und Kabelstrange, die sich uberall an den Wanden und an der Decke des Tunnels befanden, auf Band zu sprechen. Durch diese Aufzeichnungen, hatte ihr Timmins erklart, konne sie ihre Fortschritte wahrend dieses Ubungseinsatzes selbst uberprufen und zudem wertvolle Hinweise zur Bestimmung ihres jeweiligen Standorts erhalten.

Die Strom- und Kommunikationsleitungen sahen zwar uberall im Hospital gleich aus, aber an Cha Thrats gegenwartigen Aufenthaltsort trugen die meisten Rohre die Farbmarkierungen fur Wasser und die von den warmblutigen Sauerstoffatmern bevorzugten Atmospharegemische. Unter den Ebenen, auf denen man Chlor, Methan oder hei?en Dampf atmete, waren die Farben ganz anders gewesen und dort hatte sie auch einen anderen Schutzanzug tragen mussen.

Eine Apparatur, die nicht zu funktionieren schien, erregte ihre Aufmerksamkeit. Durch die transparente Abdeckung erkannte Cha Thrat einige Signalleuchten und so etwas wie eine Seriennummer, die wahrscheinlich nur fur die Wesen etwas bedeutete, die das Ding gebaut hatten, aber bestimmt nicht fur jemanden, der nicht mit ihrer Schrift vertraut war. Cha Thrat machte an dem Gerat den Knopf fur die akustische Selbsterklarung ausfindig, druckte ihn und schaltete den Translator ein.

„Ich bin eine Reservepumpe in der Trinkwasserversorgungsleitung zur Diatkuche der DBLF-Station dreiundachtzig“, verkundete eine Computerstimme. „Ich funktioniere im Bedarfsfall automatisch, bin aber momentan au?er Betrieb. Die aufklappbare Inspektionsluke wird geoffnet, indem Sie Ihren Generalschlussel in den mit einem roten Kreis markierten Schlitz stecken und ihn um neunzig Grad nach rechts drehen. Zur Reparatur oder dem Austausch von Einzelteilen ziehen Sie Wartungsanleitungsband drei, Abschnitt einhundertzwanzig zu Rate. Vergessen Sie nicht, die Luke wieder zu schlie?en, bevor Sie gehen.

Ich bin eine Reservepumpe.“, ging es wieder von vorne los, aber Cha Thrat nahm ihre Hand vom Knopf und brachte auf diese Weise die Pumpe zum Schweigen.

Anfangs war sie vor dem Gedanken, unaufhorlich den langen und relativ engen Wartungsschachten zu folgen, zuruckgeschreckt, obwohl O'Mara Timmins versichert hatte, da? ihr psychologisches Personlichkeitsbild frei von jeder Veranlagung zur Platzangst sei. Samtliche Tunnel waren hell erleuchtet, und wie man ihr gesagt hatte, andere sich das auch nicht, wenn sie lange Zeit nicht betreten wurden. Auf Sommaradva hatte man so etwas als kriminelle Energieverschwendung bezeichnet. Doch im Orbit Hospital fiel der zusatzliche Strombedarf der standig brennenden Beleuchtung, den der Hauptreaktor decken mu?te, nicht weiter ins Gewicht. Zudem wurde er durch die Vermeidung von Wartungsproblemen, die aufgetreten waren, wenn man an jeder Tunnelkreuzung Ein-und- aus-Schalter installiert hatte, mehr als aufgewogen.

Allmahlich fuhrte sie ihr Weg von den Korridoren und den fremdartigen, mi?tonenden Gerauschen der Wesen, die sie benutzten, fort, und sie kam sich so mutterseelenallein und einsam vor, wie sie es nie fur moglich gehalten hatte.

Das Fehlen jeglicher Gerausche von au?en lie? das gedampfte Summen und Klopfen der Strom- und Rohrleitungen um sie herum immer lauter und bedrohlicher erscheinen, und Cha Thrat ging dazu uber, wahllos auf irgendwelche akustischen Selbsterklarungsknopfe zu drucken, nur um eine andere Stimme zu horen — auch wenn diese blo? einer Maschine gehorte, die Auskunft uber sich selbst und ihren oftmals ratselhaften Zweck gab.

Hin und wieder ertappte sie sich sogar dabei, wie sie sich bei der Maschine fur die Auskunft bedankte.

Die Farbmarkierungen waren allmahlich von den Kennzeichnungen fur das Sauerstoff-Stickstoff-Gemisch und Wasser zu denen fur Chlor und jener atzenden Flussigkeit ubergegangen, den der Metabolismus der illensanischen PVSJs zur Erhaltung der Lebensfunktionen benotigte, und die Gange waren kurzer geworden und wiesen immer mehr Biegungen und Krummungen auf. Bevor sich ihre Besturzung in Panik verwandeln konnte, entschlo? sich Cha Thrat, es sich in einer Nische so gemutlich wie moglich zu machen, um dort die Proviantmenge, die sie bei sich trug, betrachtlich zu verringern und in Ruhe nachzudenken.

Ihrer Karte zufolge gelangte sie von der PVSJ-Abteilung aus nach unten durch eine der Produktionsanlagen, in denen die von den Chloratmern benotigte Nahrung synthetisch hergestellt wurde, und von dort aus in den Versorgungsabschnitt der wasseratmenden AUGLs. Das erklarte die scheinbar widerspruchlichen Markierungen und die quadratischen Leitungsrohre, die zischten und polterten, wenn die fertig verpackte PVSJ-Nahrung mittels Druck durch sie hindurchbefordert wurde. Ein gro?er Teil der AUGL-Abteilung war jedoch zu einem Operationssaal und einer postoperativen Beobachtungsstation fur PVSJs umgebaut worden, die mit der Hauptabteilung fur Chloratmer durch einen in Spiralen ansteigenden Gang verbunden waren, der zum schnellen Transport von

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