Zudem besteht die gro?e Gefahr eines bleibenden Gehirnschadens. Bevor ein Auszubildender nicht gelernt hat, die au?eren Wesenszuge der Aliens in seiner Umgebung zu verstehen, bekommt er auch keins der Schulungsbander eingespielt.

In Ihrem Fall spricht noch ein weiterer Grund dagegen“, merkte O'Mara noch an. „Sie sind eine Frau.“

Sogar im Orbit Hospital gab es also sommaradvanische Vorurteile, dachte Cha Thrat wutend und stie? einen Laut aus, der bei ihr zu Hause zu einem sofortigen und wahrscheinlich gewaltsamen Abbruch des Gesprachs gefuhrt hatte. Zum Gluck wurde der Laut nicht vom Translator ubersetzt.

„Die Schlu?folgerung, die Sie eben offenbar gezogen haben, ist falsch“, fuhr O'Mara fort. „Es ist einfach so, da? samtliche weiblichen Angehorigen der bislang entdeckten Spezies mit zwei Geschlechtern gewisse Eigenheiten — aber beileibe nicht Abnormitaten — in den Denkstrukturen entwickelt haben. Eine davon ist eine tiefverwurzelte, auf dem Geschlecht beruhende Feindseligkeit und Abneigung gegen alles und jeden, der in ihre Gedanken eindringt oder sich ihrer zu bemachtigen versucht. Die einzige Ausnahme von dieser Regel findet man nach der Verbindung mit einem Lebensgefahrten, in der sich die beiden Partner bei vielen Spezies durch den korperlichen und geistigen Austausch und das Gefuhl des gegenseitigen Besitzes erganzen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, da? Sie sich in die Sinneseindrucke eines Aliens verlieben.“

„Erhalten denn mannliche Lebewesen Aufzeichnungen der Gehirnstrome von weiblichen Aliens?“ fragte Cha Thrat, von O'Maras Erklarung zugleich zufriedengestellt und fasziniert. „Konnte ich nicht ein Band von einer Frau bekommen?“

„Dafur gibt es bei den Aufzeichnungen nur ein einziges Beispiel.“, setzte O'Mara an.

„Wir sollten uns jetzt wirklich nicht damit befassen!“ unterbrach ihn Conway, dessen Gesicht einen dunkleren Rotton annahm. „Tut mir leid, Cha Thrat, aber Sie werden weder jetzt noch irgendwann spater ein Schulungsband bekommen. O'Mara hat Ihnen erklart, weshalb. Genauso hat er Ihnen bereits die politischen Hintergrunde Ihrer Anstellung am Hospital und den heiklen Stand des Kulturkontakts mit Sommaradva erlautert, der gefahrdet ware, wenn wir Sie kurzerhand aus dem Hospital rauswerfen wurden. Ware es nicht fur alle Beteiligten besser, wenn Sie uns aus freiem Entschlu? heraus verlassen?“

Cha Thrat schwieg fur einen Moment, wobei sie die Augen auf die Gliedma?e richtete, die sie schon als fur alle Zeiten verloren geglaubt hatte, und versuchte die richtigen Worte zu finden. „Fur die Behandlung des Herrschers uber das Schiff Chiang schulden Sie mir nichts“, sagte sie schlie?lich. „Schon bei meinem ersten Gesprach mit dem Chefpsychologen habe ich erklart, da? die Verzogerung bei der Behandlung der Wunden eingetreten ist, weil ich selbst keine Gliedma?e verlieren wollte. Hatte Chiang namlich infolge meiner Entscheidung, die Operation durchzufuhren, eine Gliedma?e eingebu?t, hatte ich auch eine opfern mussen. Als Chirurgin fur Krieger kann ich mich nicht einer Verantwortung entziehen, die ich bereitwillig ubernommen habe.

Aber wenn ich jetzt das Hospital verlassen mu?te, wie Sie es mir nahelegen“, fuhr sie fort, „dann ware das nicht mein eigener, freier Entschlu?. Ich kann nicht etwas tun oder unterlassen, wenn ich wei?, da? es falsch ware.“

Der Diagnostiker blickte ebenfalls auf die wiederangenahte Gliedma?e. „Ich vertraue Ihnen da ganz“, bemerkte er knapp.

O'Mara, schon halb zum Gehen gewandt, atmete langsam aus. „Ich bedaure sehr, da? ich die Bemerkung uber das Opfern eines Glieds, die sie bei unserem ersten Gesprach gemacht haben, nicht mitbekommen habe; das hatte uns allen eine Menge Arger erspart. Ich habe mich schon nach der Sache mit AUGL-Eins-Sechzehn wider besseres Wissen erweichen lassen, aber das blutige Schauspiel bei der FROB-Demonstration war einfach zu viel. Der Rest Ihres Aufenthalts im Hospital wird nicht besonders angenehm werden, weil Sie trotz der fruheren Empfehlungen von Diagnostiker Conway und mir niemand mehr in der Nahe seiner Patienten haben will.

Seien wir ehrlich, Cha Thrat“, schlo? O'Mara, wahrend er mit Conway zur Tur ging, „Sie sind bei den meisten in Ungnade gefallen.“

Cha Thrat horte die beiden mit einem Dritten auf dem Korridor sprechen, aber die Stimmen waren fur den Translator zu gedampft. Dann offnete sich die Tur, und ein anderer Terrestrier betrat das Zimmer. Er trug die dunkelgrune Uniform des Monitorkorps und kam ihr irgendwie bekannt vor.

„Ich habe drau?en gewartet, fur den Fall, da? es den beiden nicht gelingen sollte, Sie zu einem vorzeitigen Abschied zu uberreden. O'Mara war sich von vornherein ziemlich sicher, da? er und Conway das nicht schaffen wurden. Ich bin Timmins, falls Sie sich nicht an mich erinnern. Wir werden ein langes Gesprach miteinander fuhren mussen.

Und bevor Sie etwas fragen“, fuhr er fort, „die Ungnade, in die Sie laut O'Mara bei den meisten gefallen sind, bedeutet fur Sie Wartungsdienst.“

9. Kapitel

Von Anfang an war klar, da? Lieutenant Timmins seine Arbeit weder als sklavisch noch als erniedrigend empfand, und es dauerte nicht lange, bis er auch Cha Thrat soweit gebracht hatte, allmahlich denselben Eindruck zu gewinnen. Das lag nicht nur an der stillen Begeisterung des Terrestriers fur seine Tatigkeit, sondern auch an dem tragbaren Videogerat und dem Stapel Videobandern mit Ausbildungsmaterial, die er neben ihrem Bett zuruckgelassen hatte und die sie letztendlich davon uberzeugten, da? der Wartungsdienst eine Arbeit fur Krieger war — wenn auch nicht unbedingt eine fur Krieger-Chirurginnen. Ihre vorhergehenden medizinischen und physiologischen Studien schienen geradezu lacherlich einfach, als sie diese mit den umfassenden und komplizierten Problemen verglich, die sich ergaben, wenn fur mehr als sechzig verschiedene Lebensformen die technischen Voraussetzungen und die erforderlichen Umweltbedingungen bereitgestellt werden mu?ten. Denn aus so vielen unterschiedlichen Spezies setzten sich die Patienten und die Belegschaft des Hospitals zusammen — und einige unterschieden sich wirklich sehr voneinander. Cha Thrats letzter offizieller Kontakt mit dem medizinischen Ausbildungsprogramm fand statt, als Cresk-Sar eintraf. Er fuhrte eine kurze, aber grundliche Untersuchung bei ihr durch und bescheinigte ihr fur die neue Aufgabe eine korperlich einwandfreie Verfassung — vorbehaltlich der Befunde des Augenspezialisten Dr. Yeppha, der sie in Kurze aufsuchen wurde. Cha Thrat erkundigte sich, ob man irgendwelche Bedenken habe, da? sie sich in der Freizeit weiterhin die medizinischen Schulungskanale ansah, und der Chefarzt erklarte ihr, sie konne sich in ihrer Freizeit anschauen, wozu sie Lust habe, aber es sei unwahrscheinlich, da? sie jemals wieder die Gelegenheit erhalte, etwas von dem dabei erlangten medizinischen Wissen in die Praxis umzusetzen.

Cresk-Sar schlo? mit den Worten, er sei zwar erleichtert, da? die Schulungsabteilung nicht mehr fur sie verantwortlich sei, bedaure es aber auch, sie zu verlieren. Er schlie?e sich ihren ehemaligen Klassenkameraden an, die ihr bei der neuen Arbeit, fur die sie sich entschieden habe, Erfolg und personliche Befriedigung wunschten.

Dr. Yeppha war fur sie eine neue Lebensform, ein kleines, dreifu?iges, sehr zerbrechlich wirkendes Wesen, das sie als DRVJ klassifizierte. Aus seinem pelzigen, kuppelformigen Kopf ragten — einzeln oder in kleinen Gruppen — wenigstens zwanzig Augen hervor. Cha Thrat fragte sich, ob die uberreichlich vorhandenen Sehorgane irgendeinen Einflu? auf die Wahl seines Fachgebiets gehabt hatten, hielt es jedoch fur angebrachter, sich lieber nicht danach zu erkundigen.

„Guten Morgen, Cha Thrat“, begru?te er sie, holte ein Band aus einem Huftbeutel hervor und schob es in den Videorecorder. „Das hier ist ein Sehtest, mit dem man in erster Linie Farbenblindheit auf die Spur kommen will. Uns ist es egal, ob sie Muskeln wie ein Hudlarer oder eher wie ein Cinrussker haben, fur die wirkliche Knochenarbeit gibt es Maschinen. Sehen mussen Sie allerdings konnen, und nicht nur das: Sie mussen auch in der Lage sein, deutlich Farben und die feinen Farbschattierungen und — abstufungen zu erkennen, die durch unterschiedlich helle Raumbeleuchtungen hervorgerufen werden. Was sehen Sie dort?“

„Einen Kreis aus roten Punkten, in dem sich ein Stern aus grunen und blauen Punkten befindet“, antwortete Cha Thrat.

„Gut“, sagte Yeppha. „Was ich Ihnen jetzt sagen werde, ist stark vereinfacht, aber wie kompliziert es in Wirklichkeit ist, lernen Sie noch fruh genug. Die Wartungsschachte und die Verbindungstunnel sind voller Kabelbaume und Rohrleitungen, die allesamt farblich unterschiedlich gekennzeichnet sind. Dadurch sind die Wartungstechniker in der Lage, auf einen Blick zu sagen, welche Kabel Starkstrom fuhren und welche die weniger gefahrlichen Kommunikationsleitungen beherbergen, oder in welchen Rohren sich Sauerstoff, Chlor, Methan oder

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