Die beiden Freundinnen hatten sich gemutlich zuruckgelehnt, um sich den Rest des Videos uber die Geschichte des Monitorkorps anzusehen, als Tarsedths Fell auf einmal wieder in Bewegung geriet.

„Ich mache mir um dich und die Leute vom Korps wirklich etwas Sorgen, Cha Thrat“, sagte die Kelgianerin. „Einige Dinge werden dort ziemlich kleinlich und andere wiederum ganz schon schlampig gehandhabt. Du mu?t einfach viel lernen und hart arbeiten. Und uberleg dir blo? alles zweimal, bevor du irgend etwas anstellst, das deinen Rausschmi? zur Folge hat.“

11. Kapitel

Die Zeit strich dahin, und Cha Thrat hatte das Gefuhl, keinerlei Fortschritte zu machen, bis ihr eines Tages auffiel, da? sie mittlerweile selbst die schwierigen Aufgaben routiniert erledigte, die sie bis vor kurzem niemals bewaltigt hatte. Zwar bestand ein Gro?teil ihrer Tatigkeit aus reinster Sklavenarbeit, aber seltsamerweise wuchs ihr Interesse daran immer mehr, und sie war stolz, wenn sie dabei gute Ergebnisse erzielte. Hin und wieder sorgte die morgendliche Arbeitsverteilung allerdings fur eine unangenehme Uberraschung.

„Heute werden Sie damit anfangen, Energiezellen und andere Gebrauchsguter auf das Ambulanzschiff Rhabwar zu schaffen“, trug ihr Timmins auf, wobei er auf seinen Arbeitsplan schaute. „Aber ich mochte, da? Sie vorher noch eine Kleinigkeit erledigen, und zwar sollen Sie auf der AUGL-Station die neuen Dekorationspflanzen anbringen. Lesen Sie aber die Befestigungsanleitung durch, bevor Sie gehen, damit die Arzte glauben, Sie verstunden was von Ihrer Arbeit. Gibt es ein Problem, Cha Thrat?“

In ihrer Gruppe waren noch andere und ranghohere Techniker — drei Kelgianer, ein Ianer und ein Orligianer —, die auf die Arbeitsverteilung fur den heutigen Tag warteten. Cha Thrat bezweifelte zwar, ob sie die Befahigung besa?, eine der Aufgaben ihrer Kollegen zu ubernehmen, aber versuchen mu?te sie es trotzdem, auch wenn ihr eigener Auftrag wahrscheinlich viel zu leicht war, als da? der Lieutenant einem Tausch zustimmen wurde.

Vielleicht konnte sie den Terrestrier dazu bringen, ihr wie fruher eine Art Sonderbehandlung zuteil werden zu lassen, in deren Genu? sie, seit sie im Wartungsdienst beschaftigt war, aus irgendeinem Grund nie wieder gekommen war.

„Ja, es gibt ein Problem“, antwortete Cha Thrat leise, wobei sie hoffte, da? der flehende Unterton in ihrer Stimme bei der Ubersetzung verlorenging. „Wie Sie wissen, bin ich bei Oberschwester Hredlichli nicht besonders gut angesehen“, fuhr sie fort, „und wahrscheinlich wird meine Anwesenheit auf der AUGL-Station zumindest verbale Unfreundlichkeiten hervorrufen. Vielleicht legt sich mit der Zeit die Verstimmung, an der zum gro?en Teil ich schuld bin, aber im Moment halte ich es fur besser, jemand anders dorthin zu schicken.“

Timmins betrachtete sie einen Augenblick lang schweigend, lachelte dann und erwiderte: „Gerade im Moment will ich niemand anders als Sie auf die AUGL-Station schicken. Machen Sie sich mal keine Sorgen.

Krachlan“, fuhr er forsch fort, „Sie begeben sich auf Ebene dreiundachtzig. Von dort ist uns schon wieder eine Storung im Stromgleichrichter auf Station vierzehn B gemeldet worden. Vielleicht mussen wir mal das Gerat komplett austauschen.“

Auf dem ganzen Weg zur Ebene der Chalder schaumte Cha Thrat vor Wut, wahrend sie sich fragte, wie ein derart dummer und gefuhlloser Mischling aus verschiedenen Spezies wie Timmins zu einem so hohen Rang mit einer solch gro?en Verantwortung aufgestiegen war, ohne von den Handen, Scheren oder Tentakeln eines Untergebenen todliche Wunden davongetragen zu haben. Nachdem sie bei der AUGL-Station eingetroffen und unauffallig durch die Wartungstunnelschleuse hineingelangt war, hatte sie sich genugend beruhigt, um sich an einige wenige — sehr wenige — gute Eigenschaften von Timmins zu erinnern.

Als sie sich an die Arbeit machte und sich ihr niemand naherte, war sie erleichtert. Samtliche Patienten und Schwestern schienen sich am anderen Ende der Station versammelt zu haben, und durch das trube grune Wasser hindurch konnte sie verschwommen den charakteristischen Overall eines Mitglieds des Transportteams erkennen. Ganz offensichtlich ging dort hinten etwas sehr Wichtiges vor, was bedeutete, da? sie mit etwas Gluck ihre Arbeit ungestort und vor allem unbemerkt zu Ende bringen konnte.

Aber anscheinend sollte es doch nicht ihr Gluckstag werden.

„Sie schon wieder“, begru?te sie die vertraute, spottische Stimme von Hredlichli, die sich Cha Thrat leise von hinten genahert hatte. „Wie lange werden Sie brauchen, um dieses scheu?liche Zeug anzubringen?“ „Fast den ganzen Morgen, Oberschwester“, antwortete Cha Thrat hoflich.

Sie wollte mit der Chloratmerin keinen Streit, allerdings hatte es ganz den Anschein, da? eine von ihnen beiden kurz davor war, damit anzufangen. Sie fragte sich, ob es moglich ware, einer Auseinandersetzung vorzubeugen, indem sie einen Monolog uber ein Thema hielt, in dem ihr Hredlichli nicht widersprechen konnte — namlich uber das gesteigerte Wohlbefinden der Patienten.

„Es dauert deshalb so lange, die Pflanzen anzubringen, Oberschwester“, sagte sie schnell, „weil das hier nicht die ublichen Plastiknachahmungen sind. Wie ich gehort habe, sind sie frisch aus Chalderescol eingetroffen. Es handelt sich um eine einheimische Unterwasserpflanze, die sehr robust ist und nur minimalste Pflege benotigt. Sie setzt einen angenehmen Duft frei, der sich im Wasser ausbreitet und auf Patienten, die sich auf dem Weg der Genesung befinden, eine wohltuende psychologische Wirkung haben soll.

Der Wartungsdienst wird den Wuchs und den allgemeinen Zustand der Pflanzen in regelma?igen Abstanden uberprufen und die Nahrstoffe bereitstellen“, fuhr sie rasch fort, bevor die Chloratmerin etwas sagen konnte. „Aber mit der Pflege der Pflanzen konnte man ja die Patienten betrauen, um ihrer Langeweile abzuhelfen und ihnen eine interessante Abwechslung zu verschaffen und den Schwestern freie Hand zur Pflege.“

„Cha Thrat“, fiel ihr Hredlichli in scharfem Ton ins Wort, „wollen Sie mir etwa vorschreiben, wie ich meine Station zu fuhren habe?“

„Nein“, antwortete Cha Thrat und wunschte sich nicht zum ersten Mal in ihrem Leben, da? ihr Mundwerk nicht immer so viel schneller als ihre Gedanken ware. „Entschuldigung, Oberschwester. Naturlich habe ich mit der Patientenpflege uberhaupt nichts mehr zu tun und wollte keineswegs das Gegenteil andeuten. Solange ich mich hier aufhalte, werde ich kein einziges Wort mit einem Patienten wechseln.“

Hredlichli stie? einen unubersetzbaren Laut aus und erwiderte: „Zumindest mit einem Patienten werden Sie heute doch noch sprechen.

Schlie?lich habe ich Timmins deshalb gebeten, Sie heute hierherzuschicken. Ihr Freund, AUGL-Eins- Sechzehn, fliegt nach Hause, und ich dachte, Sie mochten ihm vielleicht alles Gute wunschen — wie es offenbar gerade alle anderen auf der Station schon machen. Lassen Sie dieses ekelhafte Zeug, mit dem Sie uns beglucken wollen, doch einfach liegen, und erledigen Sie den Kram spater.“

Einen Moment lang bekam Cha Thrat kein Wort heraus. Seit dem Wechsel zum Wartungsdienst hatte sie den Kontakt zu ihrem Freund von Chalderescol II verloren und wu?te nur, da? er immer noch auf der Liste der im Hospital behandelten Patienten stand. Das hochste, was sie fur heute zu hoffen gewagt hatte — und dabei hatte es sich nur um eine reichlich schwache Hoffnung gehandelt —, war, da? ihr Hredlichli gestatten wurde, wahrend der Arbeit ein paar Worte mit dem Chalder zu wechseln. Aber diese neue Entwicklung der Dinge kam fur sie vollkommen uberraschend.

„Danke schon, Oberschwester, das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

Die Chloratmerin gab erneut einen unubersetzbaren Laut von sich. „Seit meiner Ernennung zur Oberschwester habe ich mich dafur stark gemacht, dieses antiquierte Unterwasserverlies renovieren, neu ausstatten und zu etwas umbauen zu lassen, das Ahnlichkeit mit einer richtigen Station hat. Dank Ihnen wird das jetzt endlich durchgefuhrt, und als ich mich erst einmal von dem anfanglichen Schock uber die Zerstorung meiner Station erholt hatte, bin ich zu dem Schlu? gekommen, da? ich Ihnen einen Gefallen schulde.

Trotzdem“, fugte sie hinzu, „wurde ich keine endlosen Seelenqualen erleiden, falls ich Sie heute zum letztenmal sehen sollte.“

AUGL-Eins-Sechzehn war bereits in den Transportbehalter geschoben worden. Nur noch die Luke uber seinem Kopf war zu schlie?en, und danach sollte er durch die Schleuse in der Au?enwand hindurch bis zum wartenden Chalderschiff gebracht werden. Eine Gruppe, die sich aus alles Gute wunschenden Schwestern, sichtlich ungeduldigen Mitgliedern des Transportteams und dem Terrestrier O'Mara zusammensetzte, hing wie ein Schwarm unbeholfener Fische rings um die Offnung, aber durch das laute Sprudeln der Wasserfilterungsanlage im Behalter war es schwierig, das Gesprach zu verstehen. Als sich Cha Thrat naherte, winkte der Chefpsychologe die anderen zuruck.

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