Welche unverantwortliche und verbotene Wunderoperation konnte Elf-Zweiunddrei?ig wohl wieder gesund machen? fragte sich Cha Thrat angewidert.

Doch wurde ihre Neugier von wachsender Furcht verdrangt; sie wu?te nicht, ob sie die Antworten, die dieser furchtbare Terrestrier geben wurde, ertragen konnte, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

„Genau wie bei den meisten anderen uns bekannten Lebensformen ist die Hauptursache fur den als Altern sichtbar werdenden Degenerationsproze? ein immer starkeres Nachlassen der Leistungsfahigkeit der lebenswichtigen Organe und das damit zusammenhangende Versagen des Kreislaufs“, setzte der Diagnostiker seine Ausfuhrungen fort.

„Bei den FROBs wird der endgultige Verlust der Funktionsfahigkeit der Gliedma?en und das abnorme Ausma? der Verkalkung und die Fissurbildung an den Extremitaten noch durch den Bedarf an Nahrstoffen verschlimmert, die der Korper nicht mehr verarbeiten kann.

Aus Ihren Vorlesungen uber die Physiologie der FROBs wissen Sie, da?

ein gesunder Erwachsener dieser Spezies einen extrem raschen Stoffwechsel hat, der eine praktisch ununterbrochene Zufuhr von Nahrstoffen benotigt, die uber den Absorptionsmechanismus umgewandelt werden, um lebenswichtige Organe wie die beiden Herzen, die Absorptionsorgane selbst und naturlich die Gliedma?en zu versorgen sowie die Gebarmutter, wenn es sich bei dem Individuum um ein weibliches Wesen handelt, das gerade schwanger ist. Diese sechs ungeheuer kraftigen Glieder hier bilden das System des Korpers, das die meiste Energie verbraucht und annahernd achtzig Prozent der insgesamt umgewandelten Nahrstoffe benotigt.

Wenn man die Zufuhr dieses unangemessen hohen Bedarfs von der Energieversorgung abtrennt“, erklarte der Diagnostiker langsam und nachdrucklich, „wird die Nahrstoffzufuhr zu den Organen mit geringerem Bedarf automatisch bis zum Optimum erhoht.“

Jetzt hatte Cha Thrat uber die chirurgischen Absichten des Terrestriers keine Zweifel mehr, doch nach wie vor versuchte sie sich einzureden, da? die Situation nicht ganz so furchtbar sei, wie es den Anschein hatte. „Wachsen die Gliedma?en dieser Lebensform denn nach?“ erkundigte sie sich bei ihrem Nachbarn mit sanftem Nachdruck.

„Dumme Frage“, erwiderte der Hudlarer. „Naturlich nicht. Wenn das der Fall ware, hatten die Degenerationserscheinungen der Muskulatur und der Blutzirkulation in den Extremitaten gar nicht erst das derzeitige Ausma? erreicht. Und jetzt halten Sie endlich den Mund, Schwester, und horen Sie gefalligst zu!“

„Ich habe naturlich die Gliedma?en des Terrestriers gemeint, nicht die des Patienten“, entgegnete Cha Thrat hartnackig.

„Nein, die naturlich auch nicht“, erwiderte der Hudlarer ungeduldig, und als Cha Thrat versuchte, eine weitere Frage zu stellen, beachtete er die Sommaradvanerin einfach nicht mehr.

„Das Hauptproblem, das bei einem tiefen chirurgischen Eingriff an jeder unter gro?er Schwerkraft und hohem atmospharischen Druck entwickelten Lebensform auftritt, ist naturlich die Verschiebung der inneren Organe und die mogliche Schadigung durch Druckverminderung“, sagte Conway gerade. „Aber bei der Art Operation, die wir heute durchfuhren werden, gibt es kein echtes Problem. Die Blutung wird mit Klammern unter Kontrolle gehalten, und das Verfahren ist so einfach, da? Sie es als fortgeschrittene Auszubildende alle unter Anleitung durchfuhren konnen.

Ich selbst“, fugte der Diagnostiker hinzu und entblo?te auf einmal die Zahne, „werde den Patienten ubrigens mit keinem Messer beruhren. Die Verantwortung fur die Operation tragen Sie alle gemeinsam.“

Die letzten Worte des Terrestriers wurden mit ruhiger und hoflich zuruckhaltender Begeisterung aufgenommen. Die Auszubildenden drangten naher an die Absperrung heran und keilten Cha Thrat zwischen Mauern aus eisenharten Hudlarerkorpern und — tentakeln ein. Es wurden so viele Gesprache gleichzeitig gefuhrt, da? ihr Translator mehrmals uberlastet war, doch nach dem, was sie verstehen konnte, schien es, als ob alle Studenten mit diesem hochst schandlichen Akt beruflicher Feigheit nicht nur einverstanden waren, sondern zudem noch so dumm, sich um die Verantwortung fur die Operation zu rei?en, anstatt davor zuruckzuschrecken.

Nicht einmal in ihren wildesten und schrecklichsten Vorstellungen hatte Cha Thrat mit etwas Derartigem gerechnet, noch war ihr jemals in den Sinn gekommen, mit einer solch heimtuckischen und entmutigenden Attacke auf ihre Moralvorstellung konfrontiert zu werden. Auf einmal wollte sie nur noch aus diesem Alptraum, in dem diese wahnsinnigen und sittenlosen Hudlarer die Hauptrolle spielten, fliehen. Doch unglucklicherweise waren sie alle viel zu beschaftigt, mit ihren flatternden Sprechmembranen aufeinander einzureden, als da? sie Cha Thrat hatten horen konnen.

„Ruhe, bitte!“ fuhr Diagnostiker Conway dazwischen, und sofort trat Stille ein. „Ich glaube zwar nicht an Wunder, ob sie nun erfreulich sind oder nicht, aber fruher oder spater werden die Hudlarer unter Ihnen auf ihrem Heimatplaneten Stunde fur Stunde und Tag fur Tag Mehrfachamputationen wie diese hier vornehmen, und ich finde, Sie sollten sich lieber zu fruh als zu spat mit dieser Vorstellung anfreunden.“

Er schwieg, um einen Blick auf eine wei?e Karte zu werfen, die er in der Hand hielt, und sagte dann: „FROB-Dreiundsiebzig, Sie fangen an.“

Cha Thrat verspurte einen fast uberwaltigenden Drang, aus vollem Hals zu schreien, sie wolle sofort hier raus und weit weg von diesem abscheulichen Geschehen sein. Doch Conway, ein Diagnostiker und einer der hohen Herrscher des Hospitals, hatte um Ruhe gebeten, und die ihr ein Leben lang anerzogene Disziplin konnte nicht einfach durchbrochen werden, auch wenn Cha Thrat weit von Sommaradva entfernt war. Sie druckte zwar behutsam gegen die Wande aus Hudlarerkorpern, die sie von drei Seiten einschlossen, aber ihre Versuche hindurchzukommen wurden ignoriert, falls man sie uberhaupt bemerkte. Alle Blicke konzentrierten sich ausschlie?lich auf das Operationsgestell und den Patienten FROB-Elf-Zweiunddrei?ig, und obwohl sich Cha Thrat bemuhte, woanders hinzusehen, schaute sie doch in dieselbe Richtung.

Von Anfang an war offensichtlich, da? die Probleme von FROB-Dreiundsiebzig eher psychologischer als chirurgischer Natur waren und durch die unmittelbare Nahe von einem der fuhrenden Diagnostiker des Hospitals hervorgerufen wurden, der jede seiner Bewegungen genau beobachtete. Aber Conways kommentierende Bemerkungen zur Operation fielen sowohl taktvoll als auch ermutigend aus. Wann immer der Auszubildende unschlussig schien, gelang es dem Terrestrier, indirekt die gebotenen Ratschlage und Anweisungen zu erteilen, ohne da? sich der Adressat dumm vorkam oder gar noch mehr verunsichert wurde.

Nach Cha Thrats Dafurhalten hatte dieser Diagnostiker etwas von einem Zauberer an sich, was allerdings keineswegs sein dem Berufsethos zuwiderlaufendes Verhalten entschuldigte.

„Das Messer Nummer drei wird fur den ersten Schnitt und zum Entfernen der unter der Haut liegenden Muskelschichten benutzt“, erlauterte Conway. „Aber fur die Arbeit an den Venen und Arterien ziehen einige die feinere Nummer funf vor, da die glatteren Rander des Schnitts das spatere Vernahen der Wunden viel einfacher gestalten und den Heilungsproze? beschleunigen.

Die Nervenstrange werden besonders lang gelassen, in Edelmetallhulsen gesteckt und direkt unter der Oberflache des Stumpfs befestigt. Auf diese Weise wird der Anschlu? von Nervenimpulsverstarkern ermoglicht, die spater die Prothesen steuern.“

„Was sind Prothesen?“ wollte Cha Thrat von ihrem Nachbarn wissen.

„Kunstliche Gliedma?en“, klarte sie der Hudlarer auf. „Horen und sehen Sie doch einfach zu. Fragen konnen Sie hinterher immer noch stellen.“

Zu sehen gab es eine ganze Menge, aber zu horen weniger, da FROB-Dreiundsiebzig jetzt viel schneller arbeitete und die diskreten Ratschlage des Diagnostikers nicht mehr zu benotigen schien. Cha Thrat hatte einen direkten Blick auf das Operationsfeld und konnte auch die sorgfaltigen und prazisen Bewegungen der Instrumente in der Gliedma?e verfolgen, da das Bild des Innenscanners auf einen gro?en Bildschirm ubertragen wurde, der schrag uber dem Patienten an der Decke hing.

Dann war die Gliedma?e plotzlich nicht mehr da — sie war starr wie ein kranker Ast von einem Baum in einen Behalter auf dem Boden gefallen —, und Cha Thrat sah zum erstenmal einen Amputationsstumpf. Verzweifelt kampfte sie gegen den Drang an, sich ubergeben zu mussen oder in Ohnmacht zu fallen.

„Der gro?e Hautlappen wird uber den Stumpf geklappt und mit Klammern befestigt, die sich auflosen, sobald der Heilungsproze? abgeschlossen ist“, erlauterte Conway. „Wegen des erhohten Innendrucks dieser Lebensform und der extremen Festigkeit der Haut, die man kaum mit einer Nadel durchstechen kann, hat das normale Vernahen keinen Sinn, und deshalb ist es ratsam, lieber gro?zugigen Gebrauch von den Klammern zu machen.“

Auf Sommaradva hatte es immer wieder unappetitliche Geruchte uber ahnliche Falle gegeben, bei denen es durch schwere Betriebs- oder Verkehrsunfalle zu gewaltsam herbeigefuhrten Amputationen gekommen war, die

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