Das galt jedenfalls bis zu jenem Zeitpunkt“, fugte er hinzu und schlug einen unbeschwerteren Ton an, wahrend sie zum nachsten Patienten weitergingen, „an dem Sie angefangen haben, AUGL-Eins-Sechzehn zu analysieren.“
„Erinnern Sie mich jetzt blo? nicht daran“, seufzte Cha Thrat.
Auch auf der Sprechmembran des nachsten Patienten sa? ein dicker, zylindrischer Schalldampfer, aber entweder waren die Laute, die der Hudlarer ausstie?, fur das Gerat zu kraftig oder es funktionierte nicht richtig. Vieles von dem, was der Hudlarer von sich gab, war offenbar das Produkt fortgeschrittenen Schwachsinns und starker Schmerzen und wurde von Cha Thrats Translator aufgefangen und ubersetzt.
„Ich hatte ein paar Fragen“, sagte Cha Thrat plotzlich. „Aber die konnten Sie kranken oder womoglich die philosophischen Werte oder das Berufsethos der Hudlarer angreifen. Auf Sommaradva ist die Situation innerhalb der Arzteschaft vielleicht anders gelagert. Ich mochte keinesfalls das Risiko eingehen, Sie zu beleidigen.“
„Fragen Sie nur“, entgegnete der Klassenkamerad. „Ihre Entschuldigung nehme ich, falls uberhaupt erforderlich, schon mal im voraus an.“
„Vorhin habe ich gefragt, ob diese Patienten geheilt werden konnen“, begann Cha Thrat vorsichtig, „und bisher haben Sie mir darauf keine Antwort gegeben. Sind die Patienten unheilbar krank? Und wenn ja, warum rat man ihnen dann nicht, ihr Leben selbst zu beenden, bevor sie dieses Stadium erreichen?“
Mehrere Minuten lang wischte der Hudlarer weiter wortlos eingetrocknetes Nahrungspraparat mit dem Schwamm vom Rucken des zweiten Patienten und antwortete dann: „Sie beleidigen mich nicht, aber Sie uberraschen mich, Schwester. Ich selbst kann die medizinische Praxis auf Sommaradva nicht kritisieren, weil die heilende Medizin und die Chirurgie auf meinem Heimatplaneten bis zu unserem Beitritt zur Foderation vor ein paar Generationen unbekannt war. Aber habe ich Sie richtig verstanden, da? Sie unheilbar kranke Patienten auffordern wollen, sich selbst das Leben zu nehmen?“
„Nicht ganz“, erwiderte Cha Thrat. „Wenn ein Heiler fur Sklaven, ein Chirurg fur Krieger oder ein Zauberer fur Herrscher nicht die personliche Verantwortung fur die Heilung eines Patienten ubernehmen will, wird dieser Patient nicht behandelt. Ihm wird der gesamte Sachverhalt der Situation erlautert, und zwar knapp und prazise und ohne die gutgemeinten, aber unangebrachten Lugen und trugerischen Aufmunterungsversuche, die unter dem hiesigen Personal so verbreitet sind. Auf Sommaradva versucht man erst gar nicht, in irgendeine Richtung Einflu? auszuuben; die Entscheidung wird voll und ganz dem Patienten uberlassen.“
Wahrend Cha Thrats Ausfuhrungen hatte der Hudlarer aufgehort zu arbeiten. „Schwester, Sie durfen, trotz Ihrer Einstellung zu unseren medizinischen Notlugen, niemals mit einem Patienten in dieser Weise uber seinen Fall sprechen“, warnte er sie. „Wenn Sie das tun, halsen Sie sich eine Menge Probleme auf.“
„Das habe ich auch gar nicht vor“, entgegnete Cha Thrat. „Jedenfalls vorlaufig nicht. Es sei denn, man gibt mir an diesem Hospital die Chance, wie auf Sommaradva wieder als Chirurgin zu praktizieren.“
„Nicht einmal dann“, widersprach ihr der Hudlarer besorgt.
„Das verstehe ich nicht“, sagte Cha Thrat. „Wenn ich die volle Verantwortung fur die Heilung eines Patienten ubernehme, dann.“
„Dann sind Sie also zu Hause eine Chirurgin gewesen?“ unterbrach sie ihr Klassenkamerad, der offensichtlich Streit vermeiden wollte. „Ich hoffe ebenfalls, mit der Eignung als Chirurg nach Hause zuruckkehren zu konnen.“
Cha Thrat wollte auch keinen Streit. „Wie viele Jahre wird das dauern?“
„Wenn ich Gluck habe, zwei“, antwortete der Hudlarer. „Ich habe nicht vor, die volle chirurgische Qualifikation fur fremde Spezies zu erwerben, sondern mache gleichzeitig elementare Krankenpflege und den FROB-Chirurgiekurs. Jedenfalls habe ich mich deshalb Conways Projekt angeschlossen und werde, sobald ich den Abschlu? geschafft habe, zu Hause gebraucht.
Und um Ihre Frage von vorhin zu beantworten“, fugte er hinzu. „Ob Sie es glauben oder nicht, Schwester, die Beschwerden der meisten dieser Patienten werden gelindert, wenn nicht sogar geheilt. Die Patienten werden in der Lage sein, ein langes und sinnvolles Leben ohne Schmerzen zu fuhren, das ihnen gestattet, sich innerhalb gewisser Grenzen geistig und korperlich zu betatigen.“
„Ich bin wirklich beeindruckt“, sagte Cha Thrat, wobei sie versuchte, die Skepsis, die sie empfand, nicht durchklingen zu lassen. „Aber worum geht es bei Conways Projekt eigentlich?“
„Da ich Ihnen das Projekt nur unvollstandig und ungenau beschreiben kann, ware es besser, sich von Conway selbst daruber aufklaren zu lassen“, antwortete der Hudlarer. „Conway ist im Hospital der leitende Diagnostiker der Chirurgie und wird noch heute nachmittag die wichtigsten seiner neuen FROB- Operationstechniken erlautern und demonstrieren.
Fur mich ist es naturlich dringend erforderlich, daran teilzunehmen“, fuhr er fort. „Aber wir werden in naher Zukunft derart viele Chirurgen benotigen, da? Sie sich nicht einmal dem Projekt anschlie?en mu?ten, sondern blo? Ihr Interesse daran au?ern brauchten, um zu dieser Demonstration eingeladen zu werden. Au?erdem ware es fur mich ganz beruhigend, jemanden bei mir zu haben, der fast genausowenig Ahnung hat wie ich.“
„Alienchirurgie ist mein Hauptinteressengebiet“, sagte Cha Thrat. „Aber ich habe ja gerade erst auf dieser Station angefangen. Wurde mich denn die Oberschwester schon so fruh vom Dienst befreien?“
„Naturlich“, erwiderte der FROB, wahrend sie sich zum nachsten Patienten begaben. „Solange Sie sich die Oberschwester nicht zur Feindin machen.“
„Das werde ich bestimmt nicht“, versicherte sie und fugte rasch hinzu: „Jedenfalls nicht absichtlich.“ Auf der Sprechmembran des dritten Patienten, den sie aufsuchten, befand sich kein Schalldampfer, und er hatte noch wenige Minuten zuvor mit einem Patienten auf der anderen Seite der Station ein angeregtes Gesprach uber seine Enkel gefuhrt. Cha Thrat sprach ihn mit der traditionellen Begru?ung der Heiler auf Sommaradva an, der sich anscheinend auch jeder Arzt im Hospital bediente. „Wie geht es Ihnen heute?“
„Danke, recht gut, Schwester“, antwortete der Patient, wie sie es von vornherein gewu?t hatte.
Ganz offensichtlich ging es dem FROB alles andere als gut. Obwohl er geistig auf der Hohe war und der korperliche Degenerationsproze? noch nicht das Stadium erreicht hatte, in dem selbst die schmerzstillenden Medikamente nicht mehr wirkten, bekam Cha Thrat von dem blo?en Anblick der Oberflachenbeschaffenheit seiner Korperpanzerung und Tentakel einen Juckreiz. Doch wie so viele der anderen Patienten, die sie behandelt hatte, dachte auch dieser nicht im Traum daran, ihr durch die Antwort, ihm wurde es nicht gutgehen, mangelnde Fahigkeiten zu unterstellen.
„Wenn Sie ein bi?chen mehr Nahrung aufgenommen haben, werden Sie sich noch besser fuhlen“, ermunterte sie ihn, wahrend ihr Kollege mit dem Schwamm beschaftigt war.
Jedenfalls einen Hauch besser, fugte sie in Gedanken hinzu.
„Ich habe Sie hier noch nie gesehen, Schwester“ stellte der Patient fest. „Sie sind neu, oder? Ich finde, Sie haben hochst interessante und optisch au?erst ansprechende Korperformen.“
„Der letzte, der mir so was gesagt hat“, antwortete Cha Thrat, wahrend sie das Nahrungspraparat aufspruhte, „war ein etwas zu leidenschaftlicher junger Sommaradvaner.“
Aus der Sprechmembran des Patienten drangen unubersetzbare Laute, und der riesige, von der Krankheit geschwachte Korper begann in seinem Gestell zu zucken, als er sagte: „Ihre Unschuld ist vor mir vollkommen sicher, Schwester. Leider bin ich zu alt und gebrechlich, um Ihnen gefahrlich zu werden.“
Cha Thrat erinnerte sich wieder an Sommaradva, wo schwerverletzte und ruhiggestellte Krieger ihrer Spezies versucht hatten, wahrend der Visite mit ihr zu flirten, und sie wu?te nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Das ist aber nett von Ihnen“, bedankte sie sich scherzhaft. „Aber vielleicht mussen Sie mir das noch einmal versichern, sobald Sie sich wieder auf dem Wege der Besserung befinden.“
Mit den ubrigen Patienten war es genau das gleiche: Wahrend sich Cha Thrat angeregt mit ihnen unterhielt, sagte der hudlarische Klassenkamerad kaum ein Wort. Cha Thrat war neu auf der Station, gehorte einer Spezies von einem Planeten an, uber den die Patienten nichts wu?ten, und wurde deshalb zum Objekt ma?loser, aber dennoch hoflicher Neugier. Die Patienten hatte keine Lust, uber sich selbst oder ihre traurige korperliche Verfassung zu sprechen, sondern nur uber Sommaradva und Cha Thrat, der es ihrerseits Vergnugen bereitete, diese verstandliche Neugier zu stillen — zumindest was die erfreulicheren Seiten des Lebens auf ihrem Heimatplaneten anging.
Das standige Reden half ihr dabei, die zunehmende Erschopfung sowie die Tatsache zu vergessen, da? die Gurte, obwohl der G-Gurtel das Gewicht des schweren Behalters mit dem Nahrungspraparat auf Null reduzierte, in ihrem oberen Brustkorb schmerzhafte und womoglich bleibende Striemen hervorriefen. Dann waren auf einmal
