Zustands zu werten. Aber fahren Sie fort. Was haben Sie ihm gesagt?“

„Wir haben in erster Linie uber ganz allgemeine Themen gesprochen“, antwortete Cha Thrat. „Uber unsere Planeten, unsere Arbeit, unsere Erlebnisse in der Vergangenheit, unsere Freunde und Familien, unsere Weltanschauungen.“

„Ja, ja“, unterbrach sie der Terrestrier ungeduldig mit Blick auf Eins-Sechzehn, der sich langsam immer naher heranschob. „Diese oberflachlichen Plaudereien interessieren mich nicht. Ich will nur wissen, ob Sie moglicherweise etwas gesagt haben, das bei ihm diese Reaktionen hervorgerufen haben konnte.“

Cha Thrat bemuhte sich redlich, die Sachlage in knappen, prazisen und unmi?verstandlichen Worten auszudrucken. „Er hat mir von dem Raumunfall und seinen Verletzungen berichtet, wegen denen er ursprunglich hier eingeliefert worden war, von den standigen, aber unregelma?igen Schmerzphasen, wegen denen er hierbleibt, und von seiner tiefen Unzufriedenheit mit seinem Leben im allgemeinen.

Ich war mir seiner genauen Stellung auf Chalderescol nicht sicher, aber so, wie er seine Arbeit beschrieben hat, habe ich ihn wenigstens fur einen Krieger der oberen Klasse gehalten, wenn nicht sogar fur einen Herrscher“, fuhr sie fort. „Zu der Zeit hatten wir uns schon unsere Namen gesagt, und deshalb entschied ich mich, ihm mitzuteilen, da? die vom Hospital durchgefuhrte Behandlung eher die Symptome als die Ursachen bekampfe und sich zudem gegen die falsche Krankheit richte. Weiter habe ich ihm erklart, da? mir sein Leiden nicht unbekannt sei, und obwohl ich nicht die Qualifikation zu seiner Behandlung besa?e, gabe es auf Sommaradva Zauberer, die dazu befahigt seien. Mehrmals habe ich ihn darauf hingewiesen, da? er hier im Hospital langsam zu einer Art Institution geworden sei und er vielleicht glucklicher ware, wenn er nach Hause zuruckkehren wurde.“

Mittlerweile trieb der Patient sehr nahe vor ihnen.

Sein gewaltiges Maul war zwar geschlossen, aber nicht reglos, denn es vollfuhrte eine gleichma?ige Kaubewegung, die darauf hindeutete, da? er mit den Zahnen knirschte. Untermalt wurde diese Kieferaktivitat von einem hohen, gurgelnden Stohnen, das gleicherma?en gra?lich und seltsam mitleiderregend klang.

„Fahren Sie fort, Cha Thrat“, bat O'Mara sie mit leiser Stimme. „Aber passen Sie blo? auf, was Sie sagen.“

„Viel gibt es eigentlich nicht mehr zu berichten“, kam Cha Thrat allmahlich zum Ende. „Bei unserer letzten Begegnung habe ich ihm mitgeteilt, da? ich zwei Tage frei hatte. Er wollte sich aber unbedingt mit mir uber die Zauberer auf Sommaradva unterhalten und fragte mich, ob sie nicht nur seine Schmerzen, sondern auch seine Angst heilen konnten. Er hat mich als mein Freund gebeten, ihn zu behandeln oder einen unserer sommaradvanischen Bruder zu rufen, der ihn heilen konnte. Ich habe ihm erklart, da? ich zwar einiges Wissen uber die Beschworungen der Zauberer besa?e, aber nicht genug, um eine Behandlung zu wagen. Au?erdem erlaube mir das nicht meine Position hier im Hospital, und ich hatte auch nicht die Befugnis, einen Zauberer kommen zu lassen.“

„Und was hat er ihnen darauf geantwortet?“ fragte O'Mara.

„Nichts“, entgegnete Cha Thrat. „Und danach wollte er auch nicht mehr mit mir sprechen.“

Plotzlich blickten sie in das weit aufgerissene Maul des AUGL, der aber immerhin seinen Abstand beibehalten hatte, auch wenn dieser noch immer unangenehm nah war. „Sie sind nicht so wie die anderen, die nichts fur mich getan und mir aber auch nie etwas versprochen haben, Cha Thrat“, beklagte er sich. „Mit Ihren Zauberern haben Sie bei mir die Hoffnung geweckt, eines Tages geheilt zu werden, und im selben Augenblick einen Ruckzieher gemacht. Die Schmerzen, die Sie mir zugefugt haben, sind sehr viel schlimmer als die, wegen denen ich hier im Hospital bleiben mu?. Und jetzt verschwinden Sie endlich, Cha Thrat! Zu Ihrer eigenen Sicherheit, gehen Sie mir aus den Augen!“

Das Maul klappte krachend zu. Der Chalder fegte um sie herum und steuerte auf das andere Ende der Station zu. Sie konnten zwar nichts Genaues sehen, aber den Stimmen nach zu urteilen, die aus dem Personalraum heruberdrangen, schien der AUGL vorzuhaben, dort Unheil anzurichten.

„Meine Patienten!“ schrie Oberschwester Hredlichli verzweifelt. „Meine neuen Regale und Arzneischranke.“

„Den Bildschirmen zufolge ist den Patienten nichts passiert“, fiel ihr Cresk-Sar ins Wort. „Das war allerdings nur Gluck. Ich schicke jetzt den Transporttrupp rein, um Eins-Sechzehn aus dem Verkehr zu ziehen. Aber das wird ein bi?chen kitzlig werden. Sie beide kommen jetzt schnell hierher zuruck.“

„Nein, warten Sie“, widersprach O'Mara. „Wir versuchen noch einmal, mit ihm zu sprechen. Schlie?lich ist er kein gewalttatiger Patient, und ich glaube nicht, da? wir uns wirklich in Gefahr befinden.“ Auf Cha Thrats Frequenz fugte er hinzu: „Aber irgendwann irrt man sich immer zum erstenmal.“

Aus irgendeinem Grund tauchte plotzlich vor Cha Thrats geistigem Auge ein Bild aus ihrer Kindheit auf. Sie erinnerte sich an ihr Lieblingstier, den kleinen, bunten Fisch, der immer im Kreis herumschwamm und hoffnungslos und verzweifelt gegen die durchsichtigen Wande seiner Glaskugel stie?. Hinter diesen Wanden, wie hinter denen des Hospitals, herrschten au?ere Bedingungen, unter denen er rasch erstickt und gestorben ware. Aber daran hatte dieser kleine Fisch genausowenig wie jetzt dieses riesengro?e Wesen auf der AUGL-Station gedacht.

„Als Eins-Sechzehn Ihnen seinen Namen verraten hat, hat er Ihnen und sich selbst die bindende Verpflichtung auferlegt, einander in jeder erdenklichen Weise zu helfen, so, wie Sie sich gegenuber einem Lebensgefahrten oder einem Mitglied Ihrer Familie verhalten wurden“, belehrte O'Mara sie im ruhigen, aber bestimmten Ton. „Nachdem Sie die Moglichkeit einer Heilung durch einen sommaradvanischen Zauberer erwahnt hatten, wobei die tatsachliche Wirksamkeit solch einer Behandlung jetzt uberhaupt keine Rolle spielt, hat der Chalder von Ihnen erwartet, da? Sie weder Kosten noch Muhen oder Gefahren scheuen, um den Zauberer herbeizuschaffen.“

Durch das grune Wasser breiteten sich jetzt die Gerausche berstenden Metalls und das Jammern der ubrigen AUGLs aus, und Hredlichlis Stimme klang sehr aufgeregt.

O'Mara uberhorte den Larm und fuhr eindringlich fort: „Sie mussen ihm gegenuber ihr Wort halten, Cha Thrat, auch wenn Ihre Zauberer Eins-Sechzehn moglicherweise nicht mehr helfen konnen als wir. Mir ist klar, da? Sie nicht die Befugnis haben, einen Ihrer Zauberer hierherzubestellen. Aber wenn das Orbit Hospital und das Monitorkorps ihren Einflu? geltend machen und gemeinsam Ihrem Wunsch Nachdruck verleihen.“

„Es wurde trotzdem niemand hierherkommen“, unterbrach ihn Cha Thrat. „Zauberer sind zwar fur ihre Beeinflu?barkeit bekannt, aber dumm sind deswegen noch lange nicht. Vorsicht! Er kommt zuruck!“

Diesmal naherte sich ihnen Eins-Sechzehn langsamer und bedachtiger, doch immer noch zu schnell, um sich schwimmend in Sicherheit bringen zu konnen. Auch der mit den Betaubungsgewehren ausgerustete Transporttrupp konnte sie nicht mehr rechtzeitig erreichen, um ihnen beizustehen. Die Patienten auf der Station und die angstlich zusehenden Wesen im Personalraum gaben keinen Laut von sich. Wahrend der AUGL bedrohlich anruckte, glaubte Cha Thrat, in seinen Augen den wilden, wahnsinnigen Blick eines verwundeten Raubtiers zu erkennen. Langsam offnete der Chalder das Maul.

„Sprechen Sie ihn mit seinem Namen an, verdammt noch mal!“ brullte O'Mara aufgeregt.

„Mu. Mu. Muromeshomon, mein. mein Freund“, stammelte Cha Thrat. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“

Das zornige Funkeln in den Augen des Chalders schien sich ein wenig zu legen, so da? sich in ihnen nunmehr das eigentliche Leiden des AUGL widerspiegelte. Das Maul offnete und schlo? sich langsam, aber nur zum Sprechen.

„Meine Freundin, Sie befinden sich in gro?er Gefahr“, warnte sie der AUGL. „Sie haben mich mit meinem Namen angesprochen und mir erzahlt,

da? mich das Hospital mit seinen Arzten und Geraten sowieso nicht heilen kann und mich langst aufgegeben hat. Und Sie selbst wollen mir auch nicht helfen, obwohl meine Heilung nach Ihren eigenen Worten moglich ist. Wenn unsere Rollen vertauscht waren, wurde ich mich nicht so verhalten wie Sie, mich sogar strikt weigern, so vorzugehen. Sie sind keine ebenburtige Freundin, Sie besitzen uberhaupt kein Ehrgefuhl. Ich bin von Ihnen schwer enttauscht und verachte Sie. Verschwinden Sie sofort! Retten Sie Ihr Leben! Mir ist nicht mehr zu helfen.“

„Nein!“ widersprach Cha Thrat heftig. Das Maul des Chalders offnete sich weiter, in die Augen trat erneut dieses wahnsinnige Funkeln, und Cha Thrat war klar, da? sie bei einem Angriff des AUGL dessen erstes Opfer sein wurde. Verzweifelt fuhr sie fort: „Es stimmt, ich kann Ihnen nicht helfen. Ihre Krankheit ist weder durch die Krauter eines Heilers noch durch das Messer eines Chirurgen zu heilen, weil es sich um das Leiden eines Herrschers handelt, das die Beschworungen eines Zauberers erfordert. Vielleicht konnte Sie ein sommaradvanischer Zauberer heilen, aber da Sie selbst kein Sommaradvaner sind, ist das keineswegs sicher. Allerdings ist dieser Terrestrier hier ein Zauberer. Er hat in der Heilung von Herrschern, die den verschiedensten Lebensformen angehorten,

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