allerdings auch den von ihnen aufgewirbelten Sand lange in der Luft schweben, bevor er sich wieder auf dem Strand ablagerte. Einige Korner hatten den Boden noch lange nicht erreicht, und Cha Thrat versuchte immer noch, sie durch Blinzeln aus den Augen zu bekommen.

„La? uns lieber nach dahinten rubergehen“, schlug Tarsedth vor. „Wir konnen zwischen dem FROB und den beiden ELNTs Schutz suchen. Die sehen nicht gerade danach aus, als hatten sie es auf einen Aktivurlaub abgesehen.“

Doch Cha Thrat hatte keine Lust, einfach still dazuliegen und nichts anderes zu tun, als das kunstliche Sonnenlicht aufzusaugen. Ihr ging viel zuviel im Kopf herum, zu viele Fragen, die man nicht stellen konnte, ohne ernsten Unwillen hervorzurufen. Zudem hatte sie in der Vergangenheit festgestellt, da? sich bei anstrengender korperlicher Betatigung der Geist entspannte — wenigstens hin und wieder.

Sie beobachtete, wie sich ihr eine steile Welle im Zeitlupentempo naherte und sich am Strand brach. Die Wellenaktivitat in der Bucht wurde nicht etwa kunstlich erzeugt, sondern hing in ihrem Ausma? von der korperlichen Gro?e, der Anzahl und der Begeisterung der Badenden ab. Der besonders bei den schwersten und unformigsten Lebensformen beliebteste Sport bestand offensichtlich darin, von einem der an den Felswanden angebrachten Sprungbrettern in die Bucht zu springen. Zu den Brettern, die Cha Thrat zunachst gefahrlich hoch vorkamen, bis sie sich an die verringerte Schwerkraft erinnerte, gelangte man durch im Felsen verborgene Tunnelgange. Ein Brett, das hochste von allen, war stark versteift und bog sich fast uberhaupt nicht, um wahrscheinlich so die Gefahr zu verringern, da? sich ein ubereifriger Springer an dem kunstlichen Himmel einen Schadelbruch zuzog.

„Hast du Lust zu schwimmen?“ fragte Cha Thrat plotzlich. „Ich meine, das hei?t naturlich nur, wenn DBLFs das uberhaupt konnen.“

„Und ob wir das konnen, aber ich mochte nicht“, antwortete die Kelgianerin, wobei sie die Furche im Sand, die sie sich bereits gegraben hatte, noch tiefer machte. „Nach dem Schwimmen klebt mein Fell immer flach am Korper, und ich kann es den ganzen Tag nicht mehr bewegen. Und falls irgendein fescher Nidianer kommt, konnte ich mich mit ihm nicht richtig unterhalten. Leg dich hin und entspann dich.“

Cha Thrat kreuzte ihre beiden Hinterbeine und lie? sich sanft in die Horizontale fallen. Doch selbst ihre Freundin, die einer vollig anderen Spezies angehorte, konnte ihr sofort ansehen, da? sie alles andere als entspannt war.

„Machst du dir uber irgendwas Sorgen?“ fragte Tarsedth, wobei sich ihr Fell besorgt zu Buscheln krauselte. „Wegen Cresk-Sar vielleicht? Oder ist es wegen Hredlichli oder deiner Station?“

Cha Thrat schwieg eine Weile und uberlegte, wie eine sommaradvanische Chirurgin fur Krieger einem Wesen, das einer Spezies angehorte, die einen vollkommen anderen kulturellen Hintergrund hatte, und das obendrein vielleicht eine Sklavin war, das Problem erklaren konnte. Aber solange sie uber Tarsedths genauen Rang keine Gewi?heit hatte, wollte sie die Kelgianerin als fachlich ebenburtig betrachten.

„Ich will wirklich niemanden beleidigen“, begann sie vorsichtig, „aber schlie?lich erwartet man von uns, da? wir uns,hier weitreichende Kenntnisse aneignen. Und trotz der seltsamen und verschiedenartigen Aliens, die wir versorgen, und all der gro?artigen Gerate, die wir dazu einsetzen, scheint mir unsere Tatigkeit eher monoton, unwurdig, ohne jede personliche Verantwortung, nie selbstandig und. nun ja, so etwas wie Sklavenarbeit zu sein. Wir sollten mit unserer Zeit, oder zumindest mit einem Gro?teil davon, etwas Wichtigeres anfangen konnen, als Exkremente von den Patienten zur Beseitigungsanlage zu befordern.“

„Ach, das ist es also, was dich bedruckt“, sagte Tarsedth, wobei sie sich mit ihrem kegelformigen Kopf zu Cha Thrat umdrehte. „Man hat dich in deinem Stolz gekrankt, stimmt's?“

Cha Thrat antwortete nicht, und die Kelgianerin fuhr fort: „Bevor ich Kelgia verlassen habe, bin ich Schwesternvorsteherin gewesen und war als solche fur die Krankenpflege auf acht Stationen verantwortlich. Naturlich hatte ich nur mit Patienten meiner eigenen Spezies zu tun, aber immerhin bin ich damals uber den Pflegedienst bis zu dieser Position aufgestiegen. Einige der anderen Auszubildenden sind, wie du ja auch, fruher allerdings Arzte gewesen, deshalb kann ich mir vorstellen, wie die — und du — sich fuhlen mussen. Aber unsere Sklavenarbeit hier ist nur vorubergehend. Sie wird bestimmt abwechslungsreicher werden, sobald oder falls wir unsere Ausbildung zu Cresk-Sars Zufriedenheit abgeschlossen haben. Versuch am besten, dir daruber keine Sorgen zu machen. Du lernst eben die Alienmedizin von der Pike auf, wenn du den Ausdruck entschuldigst.

Du mu?t dich einfach bemuhen, dich mehr fur die andere Seite der Patienten zu interessieren, anstatt dir andauernd den Kopf uber deren Exkremente zu zerbrechen“, fugte Tarsedth hinzu. „Unterhalt dich mit den Patienten, und versuch ihre Denkweise zu verstehen.“

Cha Thrat fragte sich, wie sie der Kelgianerin, die einer offenbar hochentwickelten, aber vollig wirren und klassenlosen Gesellschaft angehorte, erklaren konnte, da? es Dinge gab, die eine Chirurgin fur Krieger tun sollte, und andere, die sie lieber nicht tun sollte. Obwohl es der Arzteschaft auf Sommaradva vollkommen gleichgultig sein durfte, was hier mit ihr passierte, so war sie doch durch die Umstande im Orbit Hospital zu einem sowohl im positiven als auch negativen Sinne falschen Verhalten gezwungen worden. Ihre Fahigkeiten wurden durch ihre gegenwartige Arbeit teils uber—, teils unterfordert, und das argerte sie.

„Ich habe mich ja mit den Patienten unterhalten“, rechtfertigte sie sich. „Besonders mit einem, und der hat gesagt, er plaudere gerne mit mir. Ich bemuhe mich zwar, keinen bestimmten Patienten zu bevorzugen, aber dieser Patient ist noch elender dran als all die anderen. Eigentlich sollte ich nicht mit ihm sprechen, da ich fur seine Behandlung nicht qualifiziert genug bin, aber au?er mir will oder kann keiner etwas fur ihn tun.“

Tarsedths Fell krauselte sich besorgt. „Ist er etwa unheilbar krank?“

„Keine Ahnung. Ich glaube nicht“, antwortete Cha Thrat. „Er liegt schon sehr lange auf der Station. Manchmal wird er von Chefarzten im Beisein von fortgeschrittenen Auszubildenden untersucht, und als neulich einer der Diagnostiker wegen eines anderen Patienten auf der Station war, hat Thornnastor mit ihm gesprochen, aber nicht, um sich nach seinem Zustand zu erkundigen. Ich habe zwar keinen Zugang zu seiner Krankengeschichte, aber ich bin mir ziemlich sicher, da? die Medikamente, die man ihm verabreicht, eher lindernde als heilende Wirkung haben. Naturlich wird er nicht vernachlassigt oder gar schlecht behandelt, sondern einfach hoflich ubersehen. Ich bin die einzige, die fur die Schilderungen seiner Symptome ein Ohr hat, und deshalb spricht er bei jeder Gelegenheit mit mir. Eigentlich sollte ich mich nicht mit ihm unterhalten, jedenfalls solange ich nicht wei?, was ihm wirklich fehlt. Schlie?lich bin ich nicht dazu qualifiziert.“

Die Bewegungen von Tarsedths Fell wurden ruhiger und gleichma?iger. „Das ist doch Unsinn“, widersprach sie. „Gesprache kann schlie?lich jeder fuhren, und ein kleines bi?chen verbale Zuneigung und Aufmunterung wird deinem Patienten schon nicht schaden. Aber wenn seine Krankheit tatsachlich unheilbar ware, dann wurde es in dem Wasser auf deiner Station von Diagnostikern und Chefarzten nur so wimmeln, da alle ganz versessen darauf waren, das Gegenteil zu beweisen. Hier lauft das namlich so, da? ein Patient niemals von jemandem aufgegeben wird. Au?erdem hast du doch durch das Problem deines Patienten wenigstens etwas, uber das du dir bei der Verrichtung der weniger ansprechenden Tatigkeiten Gedanken machen kannst. Oder willst du dich gar nicht mit ihm unterhalten?“

„Doch, naturlich. Mir tut dieser riesige, kranke Alien nur leid, und ich mochte ihm gerne helfen. Aber ich frage mich allmahlich, ob er nicht ein Herrscher ist, denn in dem Fall sollte ich mich mit ihm lieber nicht mehr unterhalten.“

„Was immer er auf Chalderescol ist oder war, hat fur seine Behandlung als Patient hier im Orbit Hospital keinerlei Bedeutung, oder sollte es zumindest nicht haben“, belehrte Tarsedth sie. „Was kann euch beiden ein wenig Zuneigung und Aufmunterung uber den medizinischen Aspekt hinaus schon schaden? Ehrlich gesagt, sehe ich nicht, wo das Problem liegt.“

„Ich bin dazu nicht qualifiziert“, wiederholte Cha Thrat geduldig.

Tarsedths Fell bewegte sich in einer Weise, die Unruhe verriet. „Ich verstehe dich trotzdem nicht. Sprich oder sprich nicht mit ihm. Mach, was du willst.“

„Ich habe mich doch schon mit ihm unterhalten“, sagte Cha Thrat. „Das ist es ja gerade, was mir Sorgen bereitet. Hast du irgendwas?“

„Kann der mich nicht endlich in Ruhe lassen?“ schimpfte Tarsedth mit zu wutenden Stacheln aufgerichtetem Fell. „Ich bin sicher, dieser Cresk-Sar hat unsere Armbinden gesehen und kommt jetzt bestimmt zu uns ruber. Die erste Frage, die er uns stellen wird, ist, warum wir nicht lernen. Ob wir wohl jemals seinem ewigen „Ich hatte da ein paar Fragen an Sie“ entkommen konnen? Das macht mich noch rasend!“

Der Chefarzt trennte sich gerade von einer Gruppe, die aus zwei weiteren Nidianern und einem Melfaner bestand und dem Wasser zustrebte. Er blieb stehen und blickte auf die beiden Schwesternschulerinnen

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