Chaldern hin- und hergeflitzt war, hatte man ihr zwei ganze Tage gewahrt, in denen sie tun durfte, was sie wollte — vorausgesetzt, sie verbrachte einen Teil der Freizeit mit Lernen.

Dabei sollte laut ihres unnachgiebigen nidianischen Ausbilders Cresk-Sar der Anteil fur das Lernen am besten gleich neunundneunzig Prozent an der Freizeit betragen.

Inzwischen wirkten die Korridore des Orbit Hospitals nicht mehr ganz so furchterregend auf Cha Thrat wie noch vor ein paar Tagen, und sie versuchte gerade, sich zu entscheiden, ob sie auf Erkundung gehen oder lieber weiterlernen sollte, als es an der Tur klingelte.

„Tarsedth? Komm rein!“ rief sie erfreut.

„Ich hoffe, der fragende Ausruf meines Namens bezieht sich auf den Zweck meines Besuchs und ist nicht wieder mal ein Ausdruck des Zweifels an meiner Identitat“, murrte die kelgianische Schwesternschulerin, als sie sich in wellenformigen Bewegungen ins Zimmer hereinschlangelte. „Allmahlich mu?test du mich wirklich von den anderen unterscheiden konnen!“

Wie Cha Thrat wu?te, war keine Antwort oft die beste Antwort.

Die DBLF blieb vor dem Bildschirm stehen und fragte dann: „Was ist das denn? Der Unterkieferknochen eines ELNT? Du bist gut dran, Cha Thrat. Diese Sache mit der physiologischen Klassifikation hast du viel schneller kapiert als der Rest von uns. Ist das nur Gluck, oder liegt das etwa daran, da? du in jeder freien Minute lernst? Als uns Cresk-Sar diese Abbildung ganze drei Sekunden lang vorgesetzt hat und du sie als Vergro?erung des gro?en Mittelfu?knochens und der Fu?wurzel eines FGLIs erkannt hast, noch bevor das Bild vom Schirm verschwunden war, da.“

„Du hast recht, ich habe nur Gluck gehabt“, unterbrach Cha Thrat sie. „Zwei Tage vorher war der Diagnostiker Thornnastor bei uns auf der Station gewesen. Als wir damals den Patienten zur Untersuchung vorgefuhrt haben, hat es ein unbedeutendes Mi?verstandnis gegeben, ein kleines Mi?geschick meinerseits. Jedenfalls bin ich gestolpert und habe ein paar Augenblicke lang einen tralthanischen Riesenzeh von ganz nahem gesehen, wahrend der Fu? versucht hat, nicht auf mich draufzutreten.“

„Und Hredlichli ist wahrscheinlich mit diesen funf schwabbeligen Dingern, die sie als Fu?e bezeichnet und sogar als solche benutzt, direkt auf dich zugesprungen, oder?“

„Sie hat mir gesagt, da? ich.“, begann Cha Thrat, aber Tarsedths Mund und Fell hatten nicht aufgehort, sich zu bewegen.

„Das tut mir leid fur dich“, fuhr die Kelgianerin fort.

„Hredlichli ist eine knallharte Chloratmerin. Bevor sie sich um die Arbeit mit anderen Spezies bei den Chaldern beworben hat, war sie Oberschwester auf der PVSJ-Station, auf der ich jetzt bin. Ich habe alles uber sie erfahren, auch eine Episode, die sich zwischen ihr und einem PVSJ-Chefarzt auf Ebene dreiundfunfzig abgespielt haben soll. Ich wu?te zu gern, was da wohl passiert ist. Man hat mir das zwar zu erklaren versucht, aber wer wei? schon, was bei Chloratmern so etwas wie richtiges, falsches, normales oder vollig emporendes Verhalten ist? Einige der Aliens in diesem Hospital sind mir wirklich au?erst fremd.“

Einen Moment lang starrte Cha Thrat den silbrigen Korper mit den drei?ig Gliedma?en, der wie ein pelziges Fragezeichen vor dem Bildschirm hockte, erstaunt an. „Das ist allerdings wahr“, stimmte sie ihrer Freundin schlie?lich zu.

„Hast du mit Hredlichli denn Arger gehabt?“ erkundigte sich Tarsedth neugierig und kam damit auf ihre ursprungliche Frage zuruck. „Ich meine, wegen deines Mi?geschicks, als dieser Diagnostiker auf der Station war. Hat er vor, dich bei Cresk-Sar zu melden?“

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Cha Thrat. „Nachdem wir die abendliche Visite bei den frisch operierten Patienten beendet hatten, sagte sie, da? ich ihr die nachsten zwei Tage lieber aus den Augen gehen solle und diese Ma?nahme zweifellos genauso genie?en wurde wie sie. Habe ich dir schon erzahlt, da? sie mir kurz darauf erlaubt hat, bei einigen Operationswunden den Verband zu wechseln? Naturlich unter ihrer Aufsicht und nur bei fast verheilten Wunden.“

„Also, wenn du ihr doch wieder unter die Augen kommen darfst, konnen die Probleme mit ihr ja nicht allzu gro? sein. Was hast du eigentlich mit den beiden freien Tagen vor, Cha Thrat? Willst du lernen?“

„Ja, aber nicht nur. Ich mochte das Hospital erkunden, das hei?t die Bereiche, in die ich mit meinem Schutzanzug hineinkomme. Cresk-Sars Hochgeschwindigkeitsfuhrungen und Unterrichtsstunden lassen mir einfach nicht genugend Zeit, um ihm mal in Ruhe ein paar Fragen stellen zu konnen.“

Die Kelgianerin lie? weitere drei oder vier Beinpaare auf den Boden fallen, ein deutliches Zeichen, da? sie im Begriff war, sich zu verabschieden.

„Das hier wird ein gefahrliches Leben fur uns, Cha Thrat“, sagte sie. „Mir reicht es vollig, wenn ich uber dieses medizinische Tollhaus nach und nach immer mehr erfahre und vor allem alles zu seiner Zeit. Au?erdem verringert sich auf dieses Weise die Wahrscheinlichkeit, da? ich hier eines Tages womoglich noch als eins der Unfallopfer ende. Aber wie ich gehort habe, soll der Freizeitbereich unbedingt einen Besuch wert sein. Zu deinen Erkundigungen konntest du ja von dort aus starten. Kommst du mit?“

„Klar!“ stimmte Cha Thrat begeistert zu. „Dort werden sich wohl selbst diese Schwergewichtler mal entspannen und ausruhen und nicht wie bewegliche Katastrophen, die nur darauf warten, uber einen hereinzubrechen, die Korridore entlangsturmen.“

Spater mu?te sich Cha Thrat wundern, wie sie sich derma?en hatte tauschen konnen.

Auf den Schildern uber dem Eingang stand in den verschiedensten Sprachen und Schriftzeichen:

FREIZEITBEREICH DER SPEZIES

DBDG, DBLF, DBPK, DCNF, EGCL, ELNT, FGLI & FROB.

SPEZIES GKMN & GLNO AUF EIGENE GEFAHR.

Fur Personalangehorige, deren Schriftsprache nicht vertreten war, wurde dieselbe Auskunft pausenlos uber den Translator wiederholt.

„DCNF“, stellte Tarsedth fest. „Die haben deine Klassifikation schon da oben draufstehen. Wahrscheinlich eine routinema?ige Aktualisierungsma?nahme vom Personal.“

„Wahrscheinlich“, stimmte Cha Thrat ihr beilaufig zu, doch insgeheim freute sie sich und fuhlte sich zum erstenmal wichtig.

Nach Tagen auf uberfullten Krankenhausfluren, in ihrem kleinen Zimmer und den noch beengteren Verhaltnissen des Anzugs, den sie in den lauwarmen, grunen Tiefen der AUGL-Station tragen mu?te, rief die blo?e raumliche Ausdehnung der Freizeitebene bei ihr ein Gefuhl der Verunsicherung und Bedrohung hervor. Doch waren die Weite, der offene Himmel und die gro?en Entfernungen mehr Schein als Sein, wie sie bald feststellen konnte, und der anfangliche Schock lie? schnell nach und wich angenehmer Uberraschung.

Die tauschend echt wirkende kunstliche Beleuchtung und die wirklich geniale Landschaftsgestaltung des Freizeitbereichs vermittelten einem die Illusion unendlicher Weite. Das Endprodukt war ein kleiner, von Felsen eingerahmter, tropischer Meeresstrand, der zur See hin offen war. Das Wasser erstreckte sich scheinbar bis zum Horizont, der unmerklich in ein Hitzeffimmern uberging. Der Himmel war blau und wolkenlos, und das Wasser in der Bucht schimmerte tiefblau mit einem leicht turkisfarbenen Stich und platscherte in sanften Wellen gegen den goldglanzenden Strand.

Lediglich die kunstliche Sonne, die nach Cha Thrats Geschmack ein wenig zu rotlich ausgefallen war, und die fremdartigen Grunpflanzen, die den Strand und die Felsen umsaumten, raubten einem die Illusion, man wurde sich in irgendeiner tropischen Bucht auf Sommaradva befinden.

Da? der Platz im Orbit Hospital relativ knapp war, hatte sie schon vor ihrem ersten Kantinenbesuch erfahren, und deshalb mu?ten die Wesen, die zusammen arbeiteten, auch moglichst miteinander essen. Nun hatte es den Anschein, da? sie sogar ihre Freizeit gemeinsam verbringen mu?ten.

„Realistische Wolkeneffekte sind nur schwer nachzuahmen“, erklarte Tarsedth unaufgefordert. „Deshalb hat man es lieber erst gar nicht auf einen Versuch ankommen lassen, als das Risiko einzugehen, da? die Wolken unnaturlich aussehen. Das hat mir der Wartungstechniker erzahlt, der mir vorgeschlagen hat, hierherzukommen. Er hat auch gesagt, das beste am Freizeitbereich sei, da? hier nur die halbe Schwerkraft des Planeten Erde herrsche, was ziemlich genau der halben Anziehungskraft von Kelgia und Sommaradva entspricht. Diejenigen, die sich lieber durch Bewegung entspannen, konnen aktiver sein, und fur die anderen, die sich nur sonnen wollen, ist der Sand viel weicher. Pa? auf!“

Drei Tralthaner mit insgesamt achtzehn gewaltigen Fu?en donnerten an ihnen vorbei und hechteten unter weit durch die Luft spritzenden Sand- und Gischtwolken ins seichte Wasser. Die Schwerkraft von einem halben Ge, die es den normalerweise langsamen und schwerfalligen FGLIs ermoglichte, wie Zweifu?er umherzuspringen, lie?

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