herab.

„Ich hatte da ein paar Fragen an Sie beide“, sagte er fast zwangslaufig und fuhr dann aber unerwarteterweise fort: „Gelingt es Ihnen, sich hier am Strand auszuruhen? Sind Sie dadurch imstande, Ihre Arbeit vollig zu vergessen? Ihre Oberschwestern? Mich?“

„Wie sollten wir Sie vergessen konnen, wenn Sie sich hier herumtreiben und uns prompt fragen, warum wir hier sind?“ fragte Tarsedth unwirsch zuruck.

Wie Cha Thrat wu?te, war die scheinbare Unverschamtheit der Kelgianerin unvermeidlich, aber sie selbst entschlo? sich zu einer diplomatischeren Antwort.

„Die Antwort auf alle vier Fragen lautet: Nicht ganz“, sagte sie. „Wir haben uns zwar ausgeruht, dabei aber die ganze Zeit Probleme erortert, die direkt mit unserer Arbeit zu tun haben.“

„Gut“, sagte Cresk-Sar. „Ich sehe es namlich nicht gerne, wenn Sie Ihre Arbeit — oder mich — vollig vergessen. Haben Sie ein bestimmtes Problem oder eine spezielle Frage, die ich Ihnen vielleicht beantworten kann, bevor ich wieder zu meinen Freunden gehe?“

Wahrend sich Tarsedth immer tiefer in den kunstlichen Sand eingrub und ihren Ausbilder demonstrativ ubersah, kam Cha Thrat der Nidianer jetzt, wo er nicht im Dienst war, sehr viel weniger absto?end vor als sonst. Cresk-Sar verdiente eine freundliche Antwort, obwohl das letzte Gesprachsthema, das sich um die mit der Beseitigung von Exkrementen fremder Lebensformen verbundenen psychologischen und emotionalen Probleme drehte, sicherlich kein Gebiet war, auf dem ein Chefarzt unmittelbare Erfahrung besa?. Vielleicht konnte sie eine allgemeinere Frage stellen, die sowohl den sozialen Erfordernissen der Situation als auch ihrer eigenen Neugier gerecht wurde.

„Als Schwesternschulerinnen werden wir auf den Stationen meistens nur mit den am wenigsten angenehmen nichtmedizinischen Aufgaben betraut, insbesondere mit der Entsorgung der anfallenden Korperausscheidungen“, begann Cha Thrat. „Diese Abfallstoffe sind ein unerfreuliches, aber zwangslaufiges Nebenprodukt aller Spezies, die Nahrung aufnehmen, verdauen und die Reste ausscheiden. Dennoch mu? es erhebliche Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung der verschiedenen Stoffe geben. Da das Hospital weitestgehend so konzipiert worden ist, ein geschlossenes Okosystem zu bilden, wurde es mich interessieren, was mit diesen Stoffen geschieht.“

Cresk-Sar schien einen Moment lang Schwierigkeiten mit dem Atmen zu haben und antwortete dann: „Der Kreislauf ist nicht ganz geschlossen. Wir stellen nicht alle unsere Nahrungsmittel oder Medikamente selbst her, und zudem kann ich Ihnen mit Freuden versichern, da? es keine uns bekannte intelligente Lebensform gibt, die sich von den eigenen Korperausscheidungen oder denen anderer Spezies ernahren kann. Aber was Ihre eigentliche Frage angeht, wei? ich leider keine Antwort, Cha Thrat. Bisher ist uber diesen Punkt in meiner Gegenwart noch nie geredet worden.“

Er wandte sich rasch ab und ging zu seinen nidianischen und melfanischen Freunden zuruck. Kurz darauf fing der ELNT an, mit seinen Kiefern zu klackern, wahrend die pelzigen DBDGs laut bellten oder moglicherweise lachten. Cha Thrat konnte an ihrer Frage nichts Belustigendes entdecken. Im Gegenteil, denn sie empfand dieses Thema wirklich als ausgesprochen unerfreulich. Aber die lauten, unubersetzbaren Gerausche, die von der Gruppe heruberdrangen, schienen uberhaupt nicht aufhoren zu wollen — bis sie von der grellen, durchdringenden und noch lauteren Stimme aus der Ubertragungsanlage ubertont wurden.

„Notfall“, brullte die Stimme in den Freizeitbereich und drohnte gleichzeitig aus Cha Thrats Translator heraus. „Notfall Code Blau, A UGL-Station. Alle genannten Mitarbeiter bestatigen ihren Aufruf am nachsten Kommunikator und begeben sich unverzuglich auf die AUGL-Station. Chefpsychologe O'Mara, Oberschwester Hredlichli, Schwesternschulerin Cha Thrat. Notfall Code Blau. Bestatigen Sie Ihren Aufruf, und begeben Sie sich unverzuglich auf…“

Den Rest horte Cha Thrat nicht mehr, weil Cresk-Sar zuruckgekommen war und zornig auf sie herabstarrte. Der Chefarzt bellte oder lachte jetzt nicht mehr.

„Na los, Bewegung, Cha Thrat!“ befahl er ihr barsch. „Ich bestatige die Nachricht fur uns beide und werde Sie begleiten. Schlie?lich bin ich als Ihr Ausbilder auch fur Ihre medizinischen Missetaten verantwortlich. Beeilung!“

Wahrend sie den Freizeitbereich verlie?en, fuhr er fort: „Code Blau steht fur einen Notfall hochster Alarmstufe, der au?erste Gefahr sowohl fur die Patienten als auch fur das medizinische Personal bedeutet, also treten dabei jene Arten von Problemen auf, bei denen das ungeschulte Personal generell angewiesen wird, sich rauszuhalten. Ich verstehe das nicht. Warum hat man Sie, eine Schwesternschulerin, blo? aufgerufen? Und dann noch unter allen moglichen Lebewesen im Hospital ausgerechnet diesen Chefpsychologen O'Mara!

Was haben Sie blo? angestellt?“

6. Kapitel

Cha Thrat und der Chefarzt trafen ein paar Minuten vor O'Mara und Oberschwester Hredlichli auf der AUGL-Station ein und begaben sich sofort zu den drei diensthabenden Schwestern — zwei kelgianischen DBLFs und einer melfanischen ELNT —, die ihre Patienten im Stich gelassen und im Personalraum Zuflucht gesucht hatten.

Nach Aussage des Ausbilders konnte dieses normalerweise tadelnswerte Verhalten aber nicht als schuldhaftes Versaumnis der medizinischen Pflicht betrachtet werden, da es in der weit zuruckreichenden Geschichte des Hospitals bezuglich des Verhaltnisses zwischen Patienten und dem medizinischen Personal noch nie vorgekommen war, da? ein Chalder in fremder Gesellschaft plotzlich gewalttatig geworden war.

Im grunen Halbdunkel am anderen Ende der Station trieb ein langer, dunkler Schatten langsam von einer Seitenwand zur anderen, wie es Cha Thrat wahrend ihrer Arbeitszeit schon bei vielen der wendigen, haufig apathischen und dennoch rastlosen Chaldern beobachtet hatte. Bis auf ein paar abgeloste und zwischen den Streben durcheinandertreibende Teile der Dekorationspflanzen wirkte die Station ganz friedlich und normal.

„Was ist mit den anderen Patienten, Oberschwester?“ erkundigte sich Cresk-Sar ohne Umschweife; als anwesender Chefarzt trug er die alleinige medizinische Verantwortung. „Ist jemand verletzt?“

Hredlichli schwamm die Reihe der Uberwachungsmonitore entlang und meldete: „Die Patienten sind zwar alle aufgeregt und verangstigt, haben aber keine Verletzungen davongetragen, und das Versorgungssystem fur die Nahrung und Medikamente ist ebenfalls nicht in Mitleidenschaft gezogen worden. Die haben gro?es Gluck gehabt.“

„Oder der Patient ist bei seinen Gewalttatigkeiten wahlerisch, weil…“, setzte O'Mara an, verstummte aber gleich wieder.

Der lange Schatten am anderen Ende der Station hatte sich perspektivisch verkurzt und wurde jetzt rasch gro?er, wahrend er auf sie zugeschossen kam. Cha Thrat konnte kurz die vom schnellen Schlagen verwischten Flossenumrisse erkennen sowie die nach hinten flatternden, streifenformigen Tentakel und die dicht geschlossenen, glanzenden Zahnreihen, die das riesige, gahnende Maul umsaumten, bevor der Chalder gegen die durchsichtige Wand des Personalraums krachte. Die Wand bog sich zwar beangstigend weit nach innen, hielt dem Druck aber stand.

Wie Cha Thrat erkennen konnte, war der Chalder fur den turlosen Eingang zu gro?, doch er wechselte die Stellung und streckte drei seiner Tentakel in den Raum. Zum Gluck waren sie nicht lang oder stark genug, als da? er damit jemanden nach drau?en ziehen und sich womoglich ins Maul stopfen konnte, trotzdem mu?te eine der kelgianischen Schwestern einige Angstmomente durchstehen. Schlie?lich wandte sich der Chalder enttauscht ab und schwamm davon. Im Sog hinter ihm wirbelten einige abgetrennte Dekorationspflanzen herum.

O'Mara stie? einen Laut aus, den der Translator nicht ubersetzte, und fragte dann: „Wer ist dieser Patient, und warum wurde Schwesternschulerin Cha Thrat herbeizitiert?“

„Das ist unser Dauerpatient AUGL-Eins-Sechzehn“, antwortete die melfanische Schwester. „Kurz bevor er gewalttatig geworden ist, hat er nach der neuen Schwesternschulerin Cha Thrat verlangt. Als ich dem Patienten mitgeteilt habe, da? die Sommaradvanerin einige Tage lang abwesend sei, schweigt er und hat seither kein Wort mehr mit uns gesprochen, obwohl sein Translator immer noch richtig sitzt und funktioniert. Deshalb habe ich auch Cha Thrats Namen ausrufen lassen, als ich Alarmstufe Blau gegeben habe.“

„Interessant“, entgegnete der Terrestrier und wandte sich Cha Thrat zu. „Wieso hat er gerade nach Ihnen

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