bereits sehr viel Erfahrung gesammelt. Ich hatte ihn auch sofort auf Ihren Fall angesprochen, aber da ich mich noch in der Ausbildung befinde und mir unsicher war, wie ich vorgehen sollte, hatte ich vorgehabt, ihn aus irgendeinem vorgeschobenen Grund um ein Gesprach zu bitten, um ihm dann ausfuhrlich von Ihnen zu berichten.“

Der AUGL hatte das Maul wieder geschlossen, bewegte die Kiefer aber auf eine Weise, die sowohl Wut als auch Ungeduld bedeuten konnte, und Cha Thrat beeilte sich zu sagen: „Ich habe hier im Hospital immer wieder von allen Seiten gehort, da? O'Mara gro?e Zauberkrafte besitzt.“

„Verdammt, ich bin hier der Chefpsychologe und kein Zauberer!“ fuhr O'Mara dazwischen. „Wir sollten lieber versuchen, bei den Tatsachen zu bleiben, und nicht mehr Versprechungen machen, als wir auch halten konnen!“

„In meinen Augen sind Sie kein Psychologe, sondern ein Zauberer!“ widersprach Cha Thrat heftig. Sie war auf diesen Terrestrier, der das Nachstliegende nicht sehen wollte, so zornig, da? sie fur einen Augenblick fast die durch Eins-Sechzehn drohende Gefahr verga?. Nicht zum erstenmal fragte sie sich, was fur eine obskure und unbekannte Herrscherkrankheit dafur verantwortlich war, da? sich Lebewesen von hoher Intelligenz und gro?er Macht zuweilen so dumm verhielten. Weniger heftig fuhr sie fort: „Nach sommaradvanischer Auffassung ist ein Psychologe weder ein Heiler fur Sklaven noch ein Chirurg fur Krieger, sondern ein Wesen, das sich um wissenschaftliche Erkenntnisse bemuht, indem es durch korperliche und seelische Anspannung hervorgerufene Gehirnstrome oder Veranderungen im Korper mi?t oder eingehende Beobachtungen bezuglich des Verhaltens anstellt. Ein Psychologe versucht, auf dem Gebiet der Zauberspruche, Alptraume und wechselnden Realitaten unumsto?liche Gesetze aufzustellen und aus dem eine Wissenschaft zu machen, was schon immer eine Kunst gewesen ist, und zwar eine ausschlie?lich von Zauberern ausgeubte Kunst.“

Beide, der AUGL und O'Mara, glotzten Cha Thrat mit starren, unbeweglichen Augen an. Die Miene des Patienten hatte sich zwar nicht verandert, aber das rosa Gesicht des Terrestriers war viel dunkler geworden.

„Ein Zauberer hingegen kann sich fur seine Beschworungen die Hilfsmittel und tabellarischen Aufstellungen des Psychologen zunutze machen, um die komplizierten, unstofflichen Strukturen des Bewu?tseins zu beeinflussen, mu? es aber nicht unbedingt“, fuhr Cha Thrat unbeirrt fort. „Ein Zauberer wendet Worte, Schweigen, sehr genaue Beobachtungen und die eigene Intuition an, um die anormale subjektive Wirklichkeit des Patienten mit der objektiven Wirklichkeit zu vergleichen und sie ihr schrittweise anzupassen. Das ist der Unterschied zwischen einem Zauberer und einem Psychologen.“

Das Gesicht des Terrestriers war immer noch unnaturlich dunkel. Mit einer Stimme, die zugleich ruhig und barsch war, entgegnete er: „Danke,

da? Sie mich daran erinnert haben.“

„Fur das, was getan werden mu?, ist kein Dank notig“, erwiderte Cha Thrat formlich. „Darf ich bitte hierbleiben und Ihnen zugucken? Bisher hatte ich noch nie Gelegenheit, einem Zauberer bei der Arbeit zuzusehen.“

„Was hat der Zauberer denn mit mir vor?“ wollte der AUGL plotzlich wissen.

Er klang eher neugierig und gespannt als verargert, und zum erstenmal seit Betreten der Station fuhlte sich Cha Thrat allmahlich wieder etwas wohler in ihrer Haut.

„Nichts“, antwortete O'Mara uberraschend. „Ich werde uberhaupt nichts tun.“

Selbst auf Sommaradva steckten die Zauberer voller Uberraschungen. Ihr Verhalten war unberechenbar und oft gaben sie Au?erungen von sich, die zunachst belanglos, merkwurdig formuliert oder gar dumm klangen. Die geringe Auswahl an Fachliteratur, die jemandem, der zur Klasse der Chirurgen fur Krieger gehorte, zur Verfugung stand, hatte Cha Thrat immer wieder genauestens studiert. Deshalb mischte sie sich jetzt nicht mehr ein und sah und horte mit gro?er Erwartung zu, wahrend der Terrestrier zunachst tatsachlich keinerlei Anstalten machte, etwas zu unternehmen.

Sehr zuruckhaltend begann O'Mara schlie?lich mit der Beschworung, wobei die von ihm gewahlten Worte allerdings alles andere als zuruckhaltend waren, und er schilderte, wie AUGL-Eins-Sechzehn als befehlshabender Offizier und einziger Uberlebender seines Schiffs im Hospital eingeliefert worden war. Die Raumfahrzeuge der Wasserarmer, insbesondere die der riesigen Bewohner von Chalderescol II, waren fur ihre Schwerfalligkeit und Unsicherheit beruchtigt, und Eins-Sechzehn war zwar sowohl von den Ermittlern des Monitorkorps als auch von den Behorden auf Chalderescol II von jeglicher Verantwortung fur den Unfall freigesprochen worden, er selbst hatte die Folgen dieses tragischen Ereignisses aber nie richtig uberwunden. Das stellte sich damals heraus, als die korperlichen Wunden des Patienten zwar verheilt waren, er aber nicht aufhoren wollte, uber ernsthafte, psychosomatisch bedingte Beschwerden zu klagen, wann immer das Thema seiner Heimkehr angeschnitten wurde.

Man hatte viele Versuche unternommen, um dem Patienten klarzumachen, da? er sich durch die Trennung von seinem Zuhause und seinen Freunden selbst fur ein Verbrechen bestrafe, das er sich hochstwahrscheinlich nur einbilde, aber ohne Erfolg: Eins-Sechzehn wollte nicht bewu?t zugeben, ein Verbrechen begangen zu haben, und deshalb erreichte man durch die Beteuerung seiner Unschuld nichts bei ihm. Fur einen Chalder bestand das wertvollste Gut in seiner personlichen Unbescholtenheit, die moralisch niemals angefochten werden durfte. AUGL- Eins-Sechzehn war ein sensibles, intelligentes Wesen mit gro?en Fahigkeiten und au?erlich ein folgsamer und hilfsbereiter Patient. Doch wenn es um die eigene Selbsttauschung ging, reagierte er gegen Beeinflussungen von au?en genauso empfindlich wie die Umlaufbahn eines gro?en Planeten.

Da sich der Chalder letztendlich nur im Hospital relativ schmerzfrei und glucklich fuhlte, war das Orbit Hospital zu einem Dauerpatienten, einen kerngesunden AUGL, gekommen, und die psychologische Abteilung, die sich eigentlich ausschlie?lich um die Belange des Personals kummern sollte, hatte es seither mit einer standigen, strikt inoffiziellen Herausforderung zu tun.

Im stillen entschuldigte sich Cha Thrat bei dem Terrestrier dafur, da? sie ihm Gleichgultigkeit unterstellt hatte, und horte voller Bewunderung zu, wahrend die Beschworung konkretere Formen annahm.

„Und jetzt ist durch eine ungluckliche Verkettung von Umstanden eine wesentliche Veranderung eingetreten“, fuhr O'Mara fort. „Durch Ihre Gesprache mit anderen Patienten von Chalderescol II, die in der Regel nur fur kurze Zeit hier sind, haben Sie immer starkeres Heimweh bekommen. Ihr Zorn uber die Vernachlassigung durch das medizinische Personal ist standig gro?er geworden, weil Sie selbst — wenn auch nur unterbewu?t — daran zweifelten, ob Sie uberhaupt krank sind und die Aufmerksamkeit des Personals benotigen. Und dann kam es zu der ungerechtfertigten, fur Sie jedoch glucklichen Einmischung der Schwesternschulerin Cha Thrat, die Ihren Verdacht, nicht wie ein Patient behandelt zu werden, bestatigte.

Mit unserer offenherzigen Schulerin haben Sie viele Gemeinsamkeiten. Sie beide haben wirkliche oder eingebildete Grunde, nicht nach Hause zuruckkehren zu wollen. Auf Sommaradva wie auf Chalderescol II stehen personliche Unbescholtenheit und offentliches Ansehen sehr hoch im Kurs. Doch hat Ihre sommaradvanische Freundin von den Sitten und Brauchen fremder Spezies keinerlei Ahnung, und als Sie den beispiellosen Schritt unternommen haben, einem Nicht-Chalder Ihren Namen zu verraten, sind Sie von Cha Thrat in Ihren Augen enttauscht und schwer verletzt worden, weil sie sich Ihnen gegenuber im nachhinein wie die ubrigen Personalangehorigen verhalten hat. Dadurch waren Sie gezwungen, mit Gewalt zu reagieren, doch aufgrund Ihrer charakterlich bedingten Selbstbeherrschung richtete sich diese Gewalt nur gegen leblose Gegenstande.

Aber der simple Akt, dieser verstandnisvollen und am Anfang ihrer Ausbildung stehenden Sommaradvanerin Ihren Namen zu verraten, ist das allerdeutlichste Zeichen dafur, wie dringend Sie sich dabei helfen lassen wollen, aus dem Hospital herauszukommen. Sie wollen doch noch immer nach Hause, oder?“

AUGL-Eins-Sechzehn antwortete mit einem weiteren hohen, gurgelnden Laut, der vom Translator nicht ubersetzt wurde. Seine Augen beobachteten nur den Terrestrier, und die Muskeln um das geschlossene Maul herum waren nicht mehr hart wie Eisen angespannt.

„Das war naturlich eine dumme Frage“, raumte O'Mara selbstkritisch ein. „Naturlich wollen Sie nach Hause. Das Problem ist nur, da? Sie Angst davor haben und genauso gerne hierbleiben mochten. Also stecken Sie in einem Dilemma. Aber lassen Sie mich versuchen, es dadurch zu losen, indem ich Ihnen hiermit offiziell mitteile, da? Sie ab sofort wieder ein Patient wie jeder andere sind und sich an die Anweisungen des Hospitalpersonals zu halten haben. Deshalb werde ich Sie hochstpersonlich mit einer speziellen, langerfristigen Therapie behandeln und Sie nicht nach Hause zuruckkehren lassen, bevor ich Sie nicht fur geheilt erklart habe.“

Vordergrundig hatte sich die Situation nicht geandert, dachte Cha Thrat voll Bewunderung: Das Hospital behielt seinen Dauerpatienten AUGL-Eins-Sechzehn, uber die Dauer dieser Regelung bestanden nun allerdings keine Zweifel mehr. Der Chalder hatte seine Lage jetzt vollig begriffen und stand vor der Wahl, entweder zu

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